Lebensmittelqualität und Mikronährstoffversorgung
Die Lebensmittelqualität und Mikronährstoffversorgung sind eng miteinander verbunden, dürfen jedoch nicht gleichgesetzt werden. Die qualitative und quantitative Zusammensetzung der verzehrten Lebensmittel ist eine wesentliche Determinante der Mikronährstoffzufuhr. Der individuelle Mikronährstoffstatus wird darüber hinaus durch die verzehrte Lebensmittelmenge, die Zusammensetzung der Gesamternährung, die Bioverfügbarkeit, die Resorption, den Stoffwechsel, den physiologischen Bedarf sowie durch Erkrankungen, Arzneimittel und Nährstoffverluste beeinflusst.
Der Begriff Lebensmittelqualität bezeichnet in diesem Zusammenhang insbesondere den Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren ernährungsphysiologisch relevanten Bestandteilen sowie deren Stabilität, Biozugänglichkeit und Bioverfügbarkeit. Ferner gehören Lebensmittelsicherheit, Frische, sensorische Eigenschaften und die Abwesenheit gesundheitlich relevanter Kontaminationen zu den Qualitätsmerkmalen eines Lebensmittels. Aus der Bezeichnung oder dem Verarbeitungsgrad eines einzelnen Lebensmittels lässt sich daher nicht unmittelbar auf dessen gesamten gesundheitlichen oder mikronährstoffbezogenen Wert schließen.
Erzeugung, Verarbeitung, Transport, Lagerung und küchentechnische Zubereitung können die Zusammensetzung und Verfügbarkeit von Mikronährstoffen verändern. Das Ausmaß und die Richtung dieser Veränderungen hängen vom jeweiligen Lebensmittel, der Lebensmittelmatrix, dem Mikronährstoff sowie von Temperatur, Zeit, Wasser-, Licht- und Sauerstoffexposition ab. Verarbeitungsschritte können empfindliche Mikronährstoffe vermindern oder durch Auslaugung entfernen. Andere Verfahren können die Biozugänglichkeit erhöhen, antinutritive Inhaltsstoffe reduzieren, die Lebensmittelsicherheit verbessern oder durch Anreicherung den Gehalt ausgewählter Mikronährstoffe steigern. Lebensmittelverarbeitung ist deshalb nicht pauschal als günstig oder ungünstig zu bewerten.
Eine bedarfsgerechte Mikronährstoffversorgung setzt voraus, dass Zufuhr und Versorgungsstatus voneinander unterschieden werden. Die über die Nahrung aufgenommene Menge entspricht nicht zwangsläufig der vom Organismus resorbierten und metabolisch verfügbaren Menge. Wechselwirkungen innerhalb der Lebensmittelmatrix, die chemische Bindungsform eines Mikronährstoffs, die Zusammensetzung der Mahlzeit, gastrointestinale Erkrankungen, operative Eingriffe, Arzneimittel sowie erhöhte Verluste können die Bioverfügbarkeit und den individuellen Versorgungsstatus beeinflussen.
Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr dienen der Planung und Beurteilung einer bedarfsgerechten Ernährung gesunder Bevölkerungsgruppen. Sie umfassen je nach Datenlage Empfehlungen, Schätzwerte oder Richtwerte und berücksichtigen unter anderem Alter, Geschlecht und definierte physiologische Lebensphasen. Referenzwerte sind keine individuellen diagnostischen Grenzwerte und keine universellen therapeutischen Zielwerte. Bei Erkrankungen, Malabsorption, erhöhten Verlusten, besonderen Ernährungsformen, Arzneimitteltherapie oder spezifischen physiologischen Anforderungen kann das Risiko einer unzureichenden Versorgung vom populationsbezogenen Referenzwert abweichen.
Die Beurteilung der Mikronährstoffversorgung erfordert daher eine abgestufte Betrachtung von Ernährungsanamnese, Lebensmittelzufuhr, klinischer Situation und – bei entsprechender Indikation – geeigneten labordiagnostischen Parametern. Eine rechnerisch unterhalb eines Referenzwertes liegende Zufuhr beweist bei einem einzelnen Patienten keinen Mikronährstoffmangel. Umgekehrt schließt eine rechnerisch ausreichende Zufuhr eine eingeschränkte Versorgung nicht sicher aus. Auch Biomarker müssen mikronährstoffspezifisch und unter Berücksichtigung von Entzündung, Organfunktion, Homöostase, zirkadianen Einflüssen und präanalytischen Bedingungen interpretiert werden.
Eine abwechslungsreiche und bedarfsdeckende Ernährung bildet grundsätzlich die Basis der Mikronährstoffzufuhr. Angereicherte Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Mikronährstoffe in Arzneimittelform können bei nachgewiesener Unterversorgung, erhöhtem Versorgungsrisiko, besonderem physiologischen Bedarf oder einer leitlinienbasierten prophylaktischen bzw. therapeutischen Indikation eingesetzt werden. Ein vorheriger laborchemischer Mangelnachweis ist nicht bei jeder anerkannten Präventionsmaßnahme erforderlich. Auswahl, Dosierung und Einnahmedauer müssen jedoch substanz- und indikationsbezogen erfolgen.
Neben einer unzureichenden Versorgung ist auch eine überhöhte Mikronährstoffzufuhr medizinisch relevant. Das Risiko steigt mikronährstoffabhängig insbesondere bei hochdosierter oder langfristiger Supplementierung sowie bei der gleichzeitigen Verwendung mehrerer Nahrungsergänzungsmittel und angereicherter Lebensmittel. Tolerierbare obere Zufuhrmengen kennzeichnen keine anzustrebende Zufuhr, sondern eine Risikogrenze für die langfristige Gesamtzufuhr. Nicht für jeden Mikronährstoff kann aufgrund der verfügbaren Daten eine solche Obergrenze festgelegt werden.
Die fachärztliche Bewertung von Lebensmittelqualität und Mikronährstoffversorgung verbindet somit die ernährungsphysiologische Zusammensetzung der Lebensmittel mit der individuellen Zufuhr, der Bioverfügbarkeit, dem physiologischen oder krankheitsbedingten Bedarf und dem klinischen Versorgungsstatus. Ziel ist es, eine unzureichende Zufuhr, biochemisch nachweisbare Unterversorgung und klinisch manifeste Mangelzustände differenziert zu erkennen sowie nicht indizierte oder potenziell schädliche Überdosierungen zu vermeiden.
Im Folgenden finden Sie eine strukturierte Übersicht über die zentralen Themen zu Lebensmittelqualität und Mikronährstoffversorgung, die direkt angesteuert werden können:
- Referenzwerte
- Schätzwerte
- Individueller Bedarf
- Zufuhr
- Vitalstoffversorgung
- Nationale Verzehrsstudie 2008
- Lebensmittelqualität
- Unterversorgung
- Überversorgung
- Höchstmengen und sichere Zufuhr