Erhöhter Bedarf an Mikronährstoffen: Ursachen, Risikogruppen und klinische Bedeutung
Ein erhöhter Bedarf an Mikronährstoffen liegt vor, wenn der Organismus unter bestimmten physiologischen, metabolischen oder krankheitsbedingten Bedingungen mehr Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, essentielle Fettsäuren oder weitere ernährungsphysiologisch relevante Stoffe benötigt, um normale Körperfunktionen, Anpassungsprozesse, Regeneration und Gewebestabilität aufrechtzuerhalten. Der Bedarf ist dabei nicht als statische Größe zu verstehen, sondern als dynamisches Gleichgewicht zwischen Zufuhr, Resorption (Aufnahme im Darm), Speicherung, Verbrauch, Stoffwechselverwertung und Verlusten [1, 5].
Referenzwerte geben Orientierungsgrößen für die Nährstoffzufuhr gesunder Bevölkerungsgruppen an. Sie berücksichtigen Alter, Geschlecht und besondere Lebensphasen wie Schwangerschaft und Stillzeit, können aber den individuellen klinischen Bedarf eines einzelnen Patienten nicht vollständig abbilden [1]. Daher ist zwischen einem allgemeinen Referenzwert und einem individuellen Bedarf zu unterscheiden. Eine Person kann rechnerisch eine Zufuhr erreichen, die für gesunde Erwachsene ausreichend wäre, und dennoch in einer bestimmten Lebensphase, bei Erkrankung, chronischer Belastung, erhöhter Stoffwechselaktivität oder medikamentöser Therapie nicht bedarfsdeckend versorgt sein [1, 5].
Klinisch relevant wird ein erhöhter Bedarf vor allem dann, wenn die Zufuhr nicht entsprechend angepasst wird oder zusätzliche Risikofaktoren bestehen. Dies betrifft etwa Schwangere und Stillende, Kinder und Jugendliche im Wachstum, ältere Menschen mit reduzierter Nahrungsaufnahme, Leistungssportler, Patienten mit chronischen Entzündungen, Tumorerkrankungen, Wundheilungsstörungen, Verbrennungen, Dauermedikation oder Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente) [2, 4-10, 14].
Physiologische Lebensphasen mit erhöhtem Bedarf
Physiologische Bedarfserhöhungen entstehen in Lebensphasen, in denen Wachstum, Zellteilung, Gewebeaufbau, hormonelle Umstellung oder Reproduktion im Vordergrund stehen. Dazu zählen insbesondere Kindheit, Pubertät, Schwangerschaft und Stillzeit. In diesen Phasen verändern sich Energie-, Protein- und Mikronährstoffbedarf nicht gleichförmig. Einige Mikronährstoffe werden besonders relevant, weil sie direkt an Zellteilung, Blutbildung, Knochenmineralisation, Schilddrüsenfunktion, Immunentwicklung oder neurologischer Entwicklung beteiligt sind [1-4].
Im Wachstum und in der Pubertät steigen Anforderungen an Knochenstoffwechsel, Muskelentwicklung, Blutbildung und hormonelle Regulation. Klinisch bedeutsam sind unter anderem Calcium, Vitamin D, Eisen, Jod, Zink, Folsäure und weitere B-Vitamine. Der erhöhte Bedarf bedeutet nicht automatisch, dass eine Supplementation erforderlich ist. Er zeigt aber, dass eine nährstoffdichte Ernährung in Wachstumsphasen besonders wichtig ist und selektives Essverhalten, Reduktionsdiäten oder stark verarbeitete Ernährungsmuster rascher zu einer unzureichenden Versorgung führen können [1].
In der Schwangerschaft steigt der Bedarf an mehreren Mikronährstoffen, weil mütterlicher Stoffwechsel, Plazentafunktion, Blutvolumen, fetales Wachstum und Organentwicklung unterstützt werden müssen. Besonders gut etabliert ist die Bedeutung von Folsäure zur Reduktion des Risikos für Neuralrohrdefekte. Frauen mit Kinderwunsch wird zusätzlich zu einer folsäurereichen Ernährung die Einnahme von 400 µg Folsäure täglich mindestens vier Wochen vor der Konzeption (Empfängnis) und während des ersten Schwangerschaftsdrittels empfohlen [2, 3]. Auch Jod ist in Schwangerschaft und Stillzeit besonders relevant, da es für die Schilddrüsenhormonbildung und damit für Wachstum und neurokognitive Entwicklung des Kindes benötigt wird [2].
In der Stillzeit werden Nährstoffe über die Muttermilch abgegeben. Dadurch kann der Bedarf an bestimmten Mikronährstoffen weiterhin erhöht sein. Dies betrifft insbesondere Jod, aber je nach Ernährungssituation auch Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Calcium, Vitamin B12 und weitere Nährstoffe [1, 2]. Bei restriktiven Ernährungsformen oder nicht ausreichender Energie- und Proteinzufuhr muss die Versorgung besonders sorgfältig bewertet werden.
Das höhere Lebensalter stellt eine besondere Situation dar. Nicht jeder Mikronährstoffbedarf ist absolut erhöht. Gleichzeitig nehmen Energiebedarf, Appetit, Muskelmasse und Nahrungsmenge häufig ab, während Vulnerabilität, Multimorbidität, Entzündungsneigung, Arzneimittelgebrauch und funktionelle Einschränkungen zunehmen. Dadurch steigt der Anspruch an die Nährstoffdichte der Ernährung. Besonders relevant sind Vitamin D, Calcium, Vitamin B12, Folsäure, Proteine (Eiweiß), Magnesium, Zink und weitere Nährstoffe, abhängig von Gesundheitszustand, Ernährung und Medikation [6, 7].
Erhöhter Bedarf durch körperliche Belastung und Regeneration
Intensive körperliche Aktivität und Leistungssport können den Bedarf an bestimmten Mikronährstoffen erhöhen. Ursachen sind ein gesteigerter Energieumsatz, eine höhere mitochondriale Aktivität, muskuläre Anpassungsprozesse, vermehrte Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen), oxidative Belastung, Reparaturprozesse und teilweise sportassoziierte Verluste über Schweiß, Urin oder den Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt) [4].
Für den Energiestoffwechsel sind insbesondere B-Vitamine wie Thiamin (Vitamin B1), Riboflavin (Vitamin B2), Niacin (Vitamin B3), Pyridoxin (Vitamin B6), Folsäure und Vitamin B12 relevant. Sie wirken als Cofaktoren in zentralen Stoffwechselwegen und sind für die Bereitstellung von Energie aus Kohlenhydraten, Fetten und Aminosäuren erforderlich. Bei höherem Energieumsatz kann der Bedarf an einzelnen B-Vitaminen steigen. Wird der Energiebedarf über eine ausgewogene Ernährung gedeckt, ist die Versorgung bei den meisten Sportlern jedoch in der Regel erreichbar [4].
Eisen ist bei Ausdauerbelastung, weiblichen Athleten, vegetarischer oder veganer Ernährung, Menstruation, niedrigem Energieangebot und wiederholten Trainingsbelastungen besonders zu beachten. Neben der Zufuhr spielen Blutverluste, Hämolyse (Abbau roter Blutkörperchen), Entzündungsregulation und trainingsassoziierte Anpassungen eine Rolle. Magnesium, Zink, Calcium, Natrium, Kalium und Vitamin D können je nach Sportart, Trainingsumfang, Schweißrate, Ernährungsmuster und Körperzusammensetzung ebenfalls relevant sein [4].
Schwitzen ist differenziert einzuordnen. Einerseits können Elektrolyte und einzelne Spurenelemente über Schweiß verloren gehen. Andererseits handelt es sich dabei primär um einen Verlustmechanismus, nicht um einen reinen Mehrbedarf. Besonders bei langen Ausdauerbelastungen, hoher Umgebungstemperatur, starkem Schwitzen oder inadäquatem Trinkverhalten kann der Elektrolythaushalt klinisch relevant werden [4].
Bei ausgewogener, energiebedarfsdeckender Ernährung können die Referenzwerte meist erreicht werden. Klinisch relevant wird die Diagnostik vor allem bei hoher Trainingsbelastung, Gewichtsmanagement, restriktiver Ernährung, wiederholten Infekten, Leistungsknick, Zyklusstörungen, Eisenmangel, Stressfrakturen, Verdacht auf Vitamin-D-Mangel oder anderen Risikokonstellationen [4].
Erhöhter Bedarf bei Krankheit, Entzündung und Gewebereparatur
Akute und chronische Erkrankungen können den Mikronährstoffbedarf erhöhen, weil Immunaktivierung, Entzündung, oxidativer Stress, Gewebereparatur, Wundheilung und katabole Stoffwechsellagen (Stoffwechselsituation mit vermehrtem Abbau körpereigener Substanz) zusätzliche metabolische Anforderungen erzeugen. Besonders relevant ist dies bei Infektionen, chronischen Entzündungen, postoperativer Regeneration, Wundheilungsstörungen, Verbrennungen, Traumata, Tumorerkrankungen und chronischen Erkrankungen mit Appetitverlust, Gewichtsverlust oder Muskelabbau [5, 8-10].
Mikronährstoffe wirken in diesen Situationen nicht isoliert. Wundheilung, Immunfunktion und Geweberegeneration benötigen eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr, essentielle Fettsäuren sowie Vitamine und Spurenelemente. Vitamin C, Zink und Kupfer sind beispielsweise für Kollagensynthese, Bindegewebsstabilität und Immunfunktion relevant. Selen, Zink, Kupfer, Mangan, Vitamin C und Vitamin E sind an antioxidativen Schutzsystemen beteiligt. Folsäure, Vitamin B12, Vitamin B6, Riboflavin und Niacin unterstützen Zellteilung, Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel und Energiestoffwechsel [5, 9, 10].
Bei größeren Operationen, Traumata und Verbrennungen kommt es häufig zu einer Kombination aus erhöhtem Bedarf, erhöhter Entzündungsaktivität, gesteigertem oxidativem Stress und erhöhten Verlusten. Bei schweren Verbrennungen wurden klinisch relevante Veränderungen von Spurenelementen wie Kupfer, Selen und Zink beschrieben. Studien zur Spurenelementgabe bei schweren Verbrennungen zeigten Verbesserungen von antioxidativem Status, Gewebespiegeln und einzelnen klinischen Verlaufsparametern, wobei solche Interventionen in den Bereich der spezialisierten klinischen Ernährung gehören [9, 10].
Bei Tumorerkrankungen und onkologischen Therapiesituationen ist die Bewertung besonders komplex. Der Mikronährstoffbedarf kann durch Entzündung, Katabolismus, reduzierte Nahrungsaufnahme, Nebenwirkungen der Therapie, Schleimhautschädigung, Übelkeit, Diarrhoe (Durchfall) oder Infektionen beeinflusst werden. Gleichzeitig sind pauschale hoch dosierte Supplementationen während onkologischer Therapien kritisch zu bewerten, insbesondere wenn sie potentiell mit Therapieeffekten oder Nebenwirkungen interagieren. Die ernährungsmedizinische Beurteilung sollte daher krankheits-, therapie- und statusbezogen erfolgen [5, 8].
Erhöhter Bedarf durch metabolische Belastung und oxidativen Stress
Metabolische Belastung beschreibt Situationen, in denen Energieumsatz, mitochondriale Aktivität (Energieproduktion in den Mitochondrien/"Zellkraftwerken"), Immunfunktion, Entgiftungsprozesse, Reparaturprozesse oder zelluläre Stressantworten gesteigert sind. Dabei können vermehrt reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies entstehen. Diese Moleküle sind nicht ausschließlich schädlich, sondern erfüllen auch physiologische Signal- und Regulationsfunktionen. Problematisch wird oxidativer Stress, wenn Bildung reaktiver Spezies und antioxidative Schutzkapazität aus dem Gleichgewicht geraten [5, 11-13].
Antioxidative Schutzsysteme sind auf mehrere Mikronährstoffe angewiesen. Selen ist Bestandteil selenabhängiger Enzyme wie Glutathionperoxidasen und Thioredoxinreduktasen. Zink, Kupfer und Mangan sind für verschiedene Superoxiddismutasen relevant. Riboflavin (Vitamin B2) und Niacin (Vitamin B3) unterstützen Redoxreaktionen über Flavin- und NAD/NADP-abhängige Systeme. Vitamin C und Vitamin E wirken als nichtenzymatische Antioxidantien in wässrigen beziehungsweise lipophilen Kompartimenten [5, 11-13].
Aus dieser mechanistischen Bedeutung folgt jedoch nicht automatisch ein pauschaler Bedarf an antioxidativen Hochdosen. Gerade im Sport und bei adaptiven Trainingsprozessen können reaktive Sauerstoffspezies als Signalgeber für mitochondriale Biogenese (Neubildung von Mitochondrien), endogene antioxidative Enzymaktivität (Aktivität körpereigener antioxidativer Enzyme) und metabolische Anpassung wirken. Studien zeigen, dass hoch dosierte antioxidative Supplementation diese Anpassungsprozesse unter bestimmten Bedingungen abschwächen kann [11-13].
Ein erhöhter oxidativer Stress kann die Bedeutung einer ausreichenden Versorgung mit antioxidativ relevanten Mikronährstoffen erhöhen [5, 11-13].
Erhöhter Bedarf durch Arzneimittel und medizinische Therapien
Arzneimittel können den Mikronährstoffhaushalt auf unterschiedlichen Ebenen beeinflussen: durch veränderte Aufnahme im Darm, veränderte Aktivierung, Interaktion mit Stoffwechselwegen, erhöhte Ausscheidung, funktionelle Antagonismen oder Effekte auf Appetit und Nahrungsaufnahme. Streng genommen handelt es sich dabei nicht immer um einen primär erhöhten Bedarf. Klinisch entsteht jedoch häufig eine Situation, in der die bisherige Zufuhr nicht mehr ausreicht, um eine stabile Versorgung sicherzustellen [14].
Metformin ist ein gut belegtes Beispiel. Langzeittherapie mit Metformin ist mit niedrigeren Vitamin-B12-Spiegeln und einem erhöhten Risiko für biochemische Vitamin-B12-Defizienz assoziiert. Randomisierte und langfristige Beobachtungsdaten sprechen dafür, bei längerfristiger Metformintherapie insbesondere bei Anämie (Blutarmut), Neuropathie (Nervenerkrankung), älteren Patienten oder weiteren Risikofaktoren an eine Kontrolle des Vitamin-B12-Status zu denken [15, 16].
Protonenpumpenhemmer können bei langfristiger Anwendung die Verfügbarkeit bestimmter Mikronährstoffe beeinflussen. Im Vordergrund stehen Vitamin B12, Magnesium, Calcium und Eisen, wobei Mechanismen und Evidenz je nach Nährstoff unterschiedlich sind. Für Hypomagnesiämie (zu niedriger Magnesiumspiegel im Blut) unter Protonenpumpenhemmern liegen systematische Auswertungen vor, die ein erhöhtes Risiko zeigen, allerdings mit relevanter Heterogenität der Daten [17, 18]. Klinisch wichtig ist die individuelle Risikobewertung, insbesondere bei älteren Patienten, Komedikation mit Diuretika (entwässernde Medikamente), Nierenfunktionsstörungen oder bereits bestehenden Elektrolytstörungen.
Diuretika können über renale Verluste (Verluste über die Nieren) den Elektrolyt- und Mineralstoffhaushalt beeinflussen. Besonders relevant sind Kalium und Magnesium, je nach Substanzklasse auch Natrium, Calcium oder Zink. Dieser Mechanismus gehört primär zu den erhöhten Verlusten, ist aber für die Bedarfsdeckung relevant, weil die Zufuhr an die veränderte Bilanz angepasst werden muss [14].
Antikonvulsiva (Arzneimittel zur Behandlung von Epilepsie und Krampfanfällen) können den Vitamin-D- und Folsäurestoffwechsel beeinflussen. Enzyminduzierende Antikonvulsiva können unter anderem den Vitamin-D-Metabolismus verändern und damit Knochenstoffwechsel und Calciumhomöostase (Gleichgewicht des Calciumspiegels im Körper) betreffen. Zudem werden Interaktionen (Wechselwirkungen) mit dem Folsäure- und Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel beschrieben [14, 19].
Methotrexat (Arzneimittel zur Behandlung bestimmter chronisch-entzündlicher Erkrankungen und einiger Krebserkrankungen) greift therapeutisch in den Folsäurestoffwechsel ein. Bei niedrig dosierter Anwendung, etwa in der Rheumatologie, wird Folsäure eingesetzt, um Nebenwirkungen zu reduzieren, ohne die therapeutische Wirkung relevant zu vermindern [20]. Dieses Beispiel zeigt, dass Arzneimittel nicht nur Resorption oder Ausscheidung beeinflussen können, sondern auch funktionelle Mikronährstoffwege therapeutisch adressieren.
Bei Dauermedikation und Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente) sollte der Mikronährstoffhaushalt daher nicht isoliert betrachtet werden. Relevant sind Arzneimittelklasse, Dosis, Therapiedauer, Komorbiditäten, Alter, Ernährung, Nierenfunktion, Leberfunktion und klinische Symptome. Eine pauschale Supplementation ist nicht angemessen; sinnvoll ist eine indikationsbezogene Prüfung des Risikos und gegebenenfalls eine gezielte Labordiagnostik [14].
Besonders relevante Mikronährstoffe bei erhöhtem Bedarf
Folsäure ist besonders relevant für die Zellteilung, DNA-Synthese, Blutbildung und Schwangerschaft. Der präkonzeptionelle und frühe schwangerschaftsbezogene Bedarf ist klinisch besonders bedeutsam, weil eine ausreichende Folsäureversorgung das Risiko für Neuralrohrdefekte senken kann [2, 3].
Jod ist in Schwangerschaft und Stillzeit zentral für die Schilddrüsenhormonbildung und die kindliche Entwicklung. Da die Jodversorgung in Deutschland nicht durchgehend optimal ist, wird für Schwangere und Stillende nach ärztlicher Rücksprache eine ergänzende Jodzufuhr empfohlen [2].
Eisen ist relevant für Hämoglobinsynthese (Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin), Myoglobin (Muskelprotein, das Sauerstoff in der Muskulatur bindet und speichert), mitochondriale Enzyme (Enzyme der "Zellkraftwerke") und Sauerstofftransport. Erhöhter Bedarf kann in Wachstum, Schwangerschaft, bei Menstruation, erhöhter Erythropoese, Blutverlusten und bestimmten sportlichen Belastungen entstehen. Die Diagnostik sollte neben Hämoglobin auch Ferritin (Eisenspeicherwert), Transferrinsättigung (Maß dafür, wie gut das Eisen im Blut transportiert wird) und Entzündungsstatus berücksichtigen.
Vitamin B12, Vitamin B6, Folsäure, Riboflavin und Niacin sind für Energiestoffwechsel, Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel, Methylierungsreaktionen, Blutbildung und neurologische Funktionen relevant. Der Bedarf beziehungsweise das Risiko einer Unterversorgung kann bei Schwangerschaft, höherem Alter, veganer Ernährung, Metformintherapie, gastrointestinalen Erkrankungen und bestimmten Arzneimitteln erhöht sein [1, 14-16].
Vitamin C, Zink und Kupfer sind für Kollagenbildung, Bindegewebsstabilität, antioxidative Systeme und Immunfunktion bedeutsam. Bei Wundheilung, Verbrennungen, Traumata und postoperativer Regeneration können diese Nährstoffe im Rahmen einer umfassenden Energie-, Protein- und Mikronährstoffversorgung klinisch relevant werden [5, 9, 10].
Vitamin D, Calcium, Magnesium und Vitamin K sind in Knochen- und Muskelstoffwechsel eingebunden. Im höheren Lebensalter, bei geringer Sonnenexposition, Frailty (Gebrechlichkeit), Sturzrisiko, Osteoporose, Malabsorption, antikonvulsiver Therapie oder eingeschränkter Ernährung ist eine individuelle Bewertung sinnvoll [1, 6, 7, 19].
Selen, Zink, Kupfer, Mangan, Vitamin C und Vitamin E unterstützen antioxidative Schutzsysteme. Ihre Bedeutung steigt bei entzündlicher, metabolischer oder traumatischer Belastung, wobei die Supplementation stets differenziert und nicht pauschal hoch dosiert erfolgen sollte [5, 9-13].
Omega-3-Fettsäuren sind Bestandteil von Zellmembranen und Vorstufen lipidbasierter Mediatoren (Ausgangsstoffe für fettähnliche Botenstoffe), die an Entzündungsregulation und Membranfunktion beteiligt sind. Ein erhöhter Bedarf im engeren Sinn ist nicht in jeder Situation klar quantifizierbar; bei Schwangerschaft, Stillzeit, geringer Fischzufuhr, entzündlichen Erkrankungen oder kardiometabolischen (die Herz-Kreislauf-Gesundheit und den Stoffwechsel betreffende) Fragestellungen kann die Versorgung jedoch klinisch relevant sein [1].
Klinische und diagnostische Einordnung
Ein erhöhter Mikronährstoffbedarf ist in der Regel keine isolierte Laborwertdiagnose, sondern eine klinische Plausibilitätsdiagnose. Sie ergibt sich aus Lebensphase, Erkrankungen, Belastung, Ernährungsstatus, Arzneimitteln, Symptomen und gegebenenfalls Laborparametern. Entscheidend ist die Frage, ob die aktuelle Zufuhr und Verfügbarkeit dem veränderten Bedarf entsprechen [5].
Die Anamnese sollte gezielt erfassen: Ernährungsform, Energie- und Proteinzufuhr (Eiweißaufnahme), Lebensmittelvielfalt, Gewichtsverlauf, Appetit, gastrointestinale Beschwerden, körperliche Belastung, Schwangerschaft oder Stillzeit, chronische Erkrankungen, Operationen, Wunden, Infekte, Tumorerkrankungen, Arzneimittel und Supplemente. Bei Sportlern sind zusätzlich Trainingsumfang, Zyklusstatus, Verletzungen, Gewichtsmanagement und Regeneration relevant [4, 5].
Laborparameter sollten indikationsbezogen ausgewählt werden. Je nach Fragestellung können Blutbild, Ferritin, Transferrinsättigung, C-reaktives Protein (CRP), Vitamin B12, Holotranscobalamin (aktiver Vitamin-B12-Wert im Blut), Methylmalonsäure (Stoffwechselmarker für Vitamin-B12-Mangel), Folsäure, 25-Hydroxyvitamin D, Calcium, Magnesium, Zink, Selen, Leber- und Nierenparameter oder Schilddrüsenparameter sinnvoll sein. Dabei ist zu beachten, dass Serumwerte nicht immer die funktionelle Versorgung abbilden. Entzündungen, Albumin, Transportproteine, Flüssigkeitshaushalt, Speicherverteilung und Messmethodik können die Interpretation beeinflussen [5].
Verlaufskontrollen sind besonders wichtig, wenn Risikofaktoren fortbestehen oder eine therapeutische Supplementation erfolgt.
Erhöhter Bedarf kann gleichzeitig mit unzureichender Zufuhr, verminderter Aufnahme im Darm oder erhöhten Verlusten bestehen. Die diagnostische Einordnung sollte deshalb nicht bei der Feststellung eines erhöhten Bedarfs stehenbleiben, sondern die gesamte Mikronährstoffbilanz betrachten.
Fazit
Ein erhöhter Mikronährstoffbedarf erfordert eine bedarfsangepasste, nährstoffdichte Ernährung mit ausreichender Energie- und Proteinzufuhr. Entscheidend ist nicht allein die Menge der aufgenommenen Kalorien, sondern deren ernährungsphysiologische Qualität. Besonders relevant sind Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, hochwertige Pflanzenöle, calciumreiche Lebensmittel oder geeignete Alternativen, hochwertige Proteinquellen sowie – abhängig von der Ernährungsform – Fisch, Eier oder Milchprodukte [1].
In Situationen mit erhöhtem Bedarf reicht eine reine Steigerung der Energiezufuhr häufig nicht aus. Die zusätzliche Energie sollte gezielt über mikronährstoffreiche Lebensmittel bereitgestellt werden. Dies ist besonders wichtig bei älteren Menschen mit geringer Nahrungsmenge, Schwangeren und Stillenden, Sportlern, Patienten in Regenerationsphasen, Tumorpatienten sowie Personen mit chronischen Erkrankungen [1, 4, 6-8].
Eine indikationsbezogene Supplementation ist sinnvoll, wenn der Bedarf über die Ernährung nicht zuverlässig gedeckt werden kann, ein erhöhtes Risiko für eine Unterversorgung besteht oder ein Mangel beziehungsweise eine Unterversorgung nachgewiesen wurde. Beispiele sind Folsäure bei Kinderwunsch und in der Frühschwangerschaft, Jod in Schwangerschaft und Stillzeit nach ärztlicher Rücksprache, Vitamin B12 bei Metformintherapie oder veganer Ernährung, Vitamin D bei unzureichender körpereigener Synthese sowie gezielte Spurenelementgaben in spezialisierten klinischen Situationen [2, 5, 10, 15, 16].
Pauschale Hochdosis-Supplementationen ohne medizinische Begründung sind dagegen zu vermeiden. Mikronährstoffe können in hohen Dosierungen unerwünschte Wirkungen haben, mit Arzneimitteln interagieren oder physiologische Anpassungsprozesse beeinflussen. Dies betrifft insbesondere fettlösliche Vitamine, Spurenelemente, antioxidative Hochdosen und Supplementationen während komplexer medizinischer Therapien [5, 11-14].
Bei Risikopatienten sollte jede Korrektur nachvollziehbar und überprüfbar erfolgen. Dazu gehören definierte Ausgangsbefunde, eine klare Indikation, eine angemessene Dosierung, eine zeitliche Begrenzung oder ein Verlaufskonzept sowie klinische und laborchemische Kontrollen.
Ziel ist eine bedarfsgerechte, sichere und medizinisch begründete Verbesserung der Mikronährstoffversorgung [5].
Literatur
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Bonn: Deutsche Gesellschaft für Ernährung; laufend aktualisierte Onlinefassung.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Iodine, folic acid and pregnancy – practical advice. BfR, 2022.
- Krawinkel MB, Strohm D, Weissenborn A et al.: Revised D-A-CH intake recommendations for folate: how much is needed? Eur J Clin Nutr. 2014 Jun;68(6):719-23. doi: 10.1038/ejcn.2014.45.
- Carlsohn A, Braun H, Großhauser M et al.: Minerals and vitamins in sports nutrition. Position of the working group sports nutrition of the German Nutrition Society (DGE). Ernährungs Umschau. 2019;66(12):250-257. doi: 10.4455/eu.2019.050.
- Berger MM, Shenkin A, Schweinlin A et al.: ESPEN micronutrient guideline. Clin Nutr. 2022 Jun;41(6):1357-1424. doi: 10.1016/j.clnu.2022.02.015.
- Volkert D, Beck AM, Cederholm T et al.: ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2022 Apr;41(4):958-989. doi: 10.1016/j.clnu.2022.01.024.
- Norman K, Haß U, Pirlich M: Malnutrition in older adults: Recent advances and remaining challenges. Nutrients. 2021 Aug 12;13(8):2764. doi: 10.3390/nu13082764.
- Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P, Baracos V: ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clinical Nutrition. 2021;40(5):2898-2913. doi: 10.1016/j.clnu.2021.02.005.
- Berger MM: Antioxidant micronutrients in major trauma and burns: Evidence and practice. Nutr Clin Pract. 2006 Oct;21(5):438-49. doi: 10.1177/0115426506021005438.
- Berger MM, Baines M, Raffoul W et al.: Trace element supplementation after major burns modulates antioxidant status and clinical course by way of increased tissue trace element concentrations. Am J Clin Nutr. 2007 May;85(5):1293-300. doi: 10.1093/ajcn/85.5.1293.
- Ristow M, Zarse K, Oberbach A et al.: Antioxidants prevent health-promoting effects of physical exercise in humans. Proc Natl Acad Sci U S A. 2009 May 26;106(21):8665-70. doi: 10.1073/pnas.0903485106.
- Peternelj TT, Coombes JS: Antioxidant supplementation during exercise training: Beneficial or detrimental? Sports Med. 2011 Dec 1;41(12):1043-69. doi: 10.2165/11594400-000000000-00000.
- Li S, Fasipe B, Laher I: Potential harms of supplementation with high doses of antioxidants in athletic performance and health. J Exerc Sci Fit. 2022 Jun 11;20(4):269-275. doi: 10.1016/j.jesf.2022.06.001.
- Mohn ES, Kern HJ, Saltzman E, Mitmesser SH, McKay DL: Evidence of drug-nutrient interactions with chronic use of commonly prescribed medications: An update. Pharmaceutics. 2018;10(1):36. doi: 10.3390/pharmaceutics10010036.
- de Jager J, Kooy A, Lehert P et al.: Long term treatment with metformin in patients with type 2 diabetes and risk of vitamin B-12 deficiency: Randomised placebo controlled trial. BMJ. 2010;340:c2181. doi: 10.1136/bmj.c2181.
- Aroda VR, Edelstein SL, Goldberg RB et al.: Long-term metformin use and vitamin B12 deficiency in the Diabetes Prevention Program Outcomes Study. J Clin Endocrinol Metab. 2016 Apr;101(4):1754-61. doi: 10.1210/jc.2015-3754.
- Heidelbaugh JJ: Proton pump inhibitors and risk of vitamin and mineral deficiency: Evidence and clinical implications. Ther Adv Drug Saf. 2013 Jun;4(3):125-33. doi: 10.1177/2042098613482484.
- Park CH, Kim EH, Roh YH, Kim HY, Lee SK: The association between the use of proton pump inhibitors and the risk of hypomagnesemia: A systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2014 Nov 13;9(11):e112558. doi: 10.1371/journal.pone.0112558.
- Reynolds EH: Antiepileptic drugs, folate one-carbon metabolism, genetics, and epigenetics: Congenital, developmental, and neuropsychological risks and antiepileptic action. Epilepsia. 2024 Dec;65(12):3469-3473. doi: 10.1111/epi.18120.
- Shea B, Swinden MV, Ghogomu ET et al.: Folic acid and folinic acid for reducing side effects in patients receiving methotrexate for rheumatoid arthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2013 May 31;2013(5):CD000951. doi: 10.1002/14651858.CD000951.pub2.