Mikronährstoffe in den einzelnen Lebensphasen: Bedarf und Besonderheiten

Die Mikronährstoffmedizin in den einzelnen Lebensphasen befasst sich mit der alters- und situationsgerechten Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen sowie ausgewählten ernährungsphysiologisch relevanten Fettsäuren. Im Mittelpunkt steht nicht die unkritische Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, sondern die fachlich begründete Bewertung von Mikronährstoffbedarf, Ernährungsstatus, Lebensstil, Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und individuellen Risikokonstellationen.

Der Bedarf an Mikronährstoffen ist über die gesamte Lebensspanne nicht konstant. Wachstum, Pubertät, Fertilität (Fruchtbarkeit), Schwangerschaft, Stillzeit und Alter sind mit veränderten physiologischen Anforderungen verbunden. Gleichzeitig können Ernährungsformen, Resorptionsstörungen, chronisch-entzündliche Erkrankungen, Adipositas, Untergewicht, erhöhte Verluste, eingeschränkte Sonnenexposition, Multimedikation oder einseitige Kostmuster die Versorgung zusätzlich beeinflussen. Daher müssen Lebensphasen und Risikogruppen gemeinsam betrachtet werden.

In Kindheit und Jugendalter stehen Wachstum, Knochenmineralisation, neurokognitive Entwicklung, Immunfunktion und Pubertätsentwicklung im Vordergrund. Relevante Mikronährstoffe sind unter anderem Vitamin D, Eisen, Jod, Calcium, Folsäure, Vitamin B12 und Zink. Eine besondere Aufmerksamkeit erfordern Säuglinge und Kleinkinder, Jugendliche mit restriktiven Ernährungsformen, menstruierende Jugendliche, Leistungssport, chronische Erkrankungen sowie vegetarische oder vegane Ernährung ohne strukturierte Substitution.

Bei Kinderwunsch verschiebt sich der Schwerpunkt auf die präkonzeptionelle Optimierung. Folsäure, Jod, Eisenstatus, Vitamin D, Vitamin B12, Omega-3-Fettsäuren und weitere Mikronährstoffe können je nach Ausgangslage relevant sein. Entscheidend ist, dass präventive Maßnahmen bereits vor der Konzeption beginnen, weil zentrale Entwicklungsprozesse des Embryos früh einsetzen und eine erst spät beginnende Intervention nicht alle Risiken ausgleichen kann.

In der Schwangerschaft und Stillzeit steigt der Bedarf an mehreren Mikronährstoffen deutlich an. Dies betrifft insbesondere Folsäure, Jod, Eisen, Vitamin D, Vitamin B12, Calcium und langkettige Omega-3-Fettsäuren. Die Supplementierung muss dabei differenziert erfolgen: Folsäure und Jod gehören zu den regelhaft relevanten Nährstoffen, während Eisen, Vitamin D, Vitamin B12, DHA (Docosahexaensäure/Omega-3-Fettsäure) und weitere Mikronährstoffe in Abhängigkeit von Ernährung, Laborbefund, Schwangerschaftsverlauf und Risikoprofil bewertet werden sollten.

Im höheren Lebensalter verändert sich die Mikronährstoffversorgung durch geringere Energiezufuhr, verminderte Hautsynthese von Vitamin D, abnehmende Magensäureproduktion, Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen im Darm), chronische Erkrankungen, Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente), Sarkopenie (altersassoziierter, fortschreitender Verlust von Muskelmasse, -kraft und/oder physischer Leistungsfähigkeit), Immobilität und Pflegebedürftigkeit. Besonders zu beachten sind Vitamin D, Vitamin B12, Folsäure, Eisen, Zink, Selen, Magnesium und Calcium. Ziel ist nicht allein die Vermeidung klassischer Mangelzustände, sondern die Erhaltung von Knochenstoffwechsel, Muskelgesundheit, Immunfunktion, Kognition, Wundheilung und funktioneller Selbstständigkeit.

Die folgenden Kapitel zu den einzelnen Lebensphasen stellen daher dar:

  • Mikronährstoffbedarf und Versorgungsbesonderheiten in Kindheit und Jugendalter
  • Präkonzeptionelle Mikronährstoffversorgung bei Kinderwunsch
  • Mikronährstoffbedarf und Supplementierung in der Schwangerschaft
  • Besonderheiten der Mikronährstoffversorgung in der Stillzeit
  • Altersspezifische Risiken und Versorgungsaspekte bei Senioren