Ernährungszustand und Essverhalten: Bedeutung für die Mikronährstoffversorgung

Der Ernährungszustand lässt sich nicht allein anhand des Körpergewichts beurteilen. Neben Gewicht und Körperzusammensetzung sind insbesondere Energie- und Nährstoffzufuhr, Resorption, krankheitsbedingte Stoffwechselveränderungen sowie mögliche Nährstoffverluste von Bedeutung. Ein normaler oder erhöhter BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index) schließt daher eine unzureichende Mikronährstoffversorgung nicht aus. Umgekehrt bedeutet Untergewicht nicht automatisch, dass ein bestimmter Mikronährstoffmangel vorliegt.

Eine Malnutrition (Mangelernährung) ist ein klinisch relevanter Ernährungszustand, der anhand phänotypischer (sicht- oder messbare Merkmale des Ernährungszustands) und ätiologischer Kriterien (zugrunde liegende Ursachen) beurteilt wird. Nach den Kriterien der Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM; internationale Konsensusinitiative zur Diagnostik der Mangelernährung) gehören Gewichtsverlust, niedriger BMI und reduzierte Muskelmasse zu den phänotypischen Kriterien. Ätiologische Kriterien sind eine verminderte Nahrungsaufnahme bzw. Nährstoffassimilation sowie eine relevante Krankheits- oder Inflammationslast (Belastung des Körpers durch eine Erkrankung oder Entzündung). Für die Diagnose einer Malnutrition muss mindestens ein phänotypisches und ein ätiologisches Kriterium erfüllt sein [1].

Untergewicht bezeichnet dagegen zunächst einen anthropometrischen Befund (durch Körpermaße festgestelltes Merkmal). Seine Ursache und klinische Bedeutung müssen individuell abgeklärt werden. Malnutrition, Untergewicht und Mikronährstoffmangel können gemeinsam auftreten, sind jedoch nicht gleichbedeutend. Auch aus einem Gewichtsverlust allein kann nicht abgeleitet werden, welche Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente tatsächlich fehlen.

Bei Essstörungen wird die Mikronährstoffversorgung zusätzlich durch das jeweilige Essverhalten bestimmt. Restriktive Nahrungsaufnahme, einseitige Lebensmittelauswahl, ausgeprägte Schwankungen der Nahrungszufuhr, wiederholtes Erbrechen sowie der Missbrauch von Laxanzien (Abführmitteln) oder Diuretika (entwässernden Arzneimitteln) können die Zufuhr, den Stoffwechsel und die Verluste von Mikronährstoffen und Elektrolyten beeinflussen [2, LL1]. Dabei ist zwischen einer unzureichenden Zufuhr, einem veränderten laborchemischen Mikronährstoffstatus und einem klinisch manifesten Mangel zu unterscheiden.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zeigt deutliche Unterschiede der Nährstoffzufuhr zwischen den verschiedenen Essstörungen. Patienten mit Anorexia nervosa wiesen im Mittel eine niedrige Energiezufuhr auf und nahmen wahrscheinlich mehrere relevante Mikronährstoffe in unzureichender Menge auf. Bei Bulimia nervosa bestand dagegen eine ausgeprägte Variabilität der Energiezufuhr, während bei der Binge-Eating-Disorder (Essanfallsstörung) eine erhöhte Makronährstoffzufuhr beschrieben wurde. Eine niedrige Vitamin-D-Zufuhr wurde über mehrere Essstörungen hinweg beobachtet [2]. Diese Daten zur Nahrungszufuhr dürfen jedoch nicht mit dem Nachweis eines Mikronährstoffmangels gleichgesetzt werden.

Bei der Anorexia nervosa (Magersucht) steht die ausgeprägte Restriktion der Energie- und Nahrungszufuhr im Vordergrund. Dadurch kann auch die Zufuhr verschiedener Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente vermindert sein [2]. Besondere Bedeutung besitzt die Wiederaufnahme der Ernährung bei schwerer oder länger anhaltender Unterernährung. Im Rahmen eines Refeeding-Syndroms (potentiell gefährliche Stoffwechselentgleisung bei Wiederernährung nach ausgeprägter Unterernährung) können insbesondere Abfälle von Phosphat, Kalium und Magnesium auftreten. Gleichzeitig besteht ein relevantes Risiko für eine unzureichende Thiaminversorgung, weshalb Thiamin Bestandteil des Refeeding-Managements ist [LL1].

Bei der Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) besteht häufig kein ausgeprägtes Untergewicht. Für die klinische Beurteilung sind insbesondere kompensatorische Verhaltensweisen relevant [3]. Wiederholtes Erbrechen sowie der Missbrauch von Laxanzien oder Diuretika können Störungen des Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalts verursachen. Typische Befunde sind insbesondere Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut), bei Laxanzienmissbrauch auch Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) sowie je nach Mechanismus Veränderungen des Natrium- und Flüssigkeitshaushalts [LL1].

Auch bei der Binge-Eating-Disorder erlaubt das Körpergewicht allein keine Aussage über den Mikronährstoffstatus. Die Evidenz für krankheitsspezifische Mikronährstoffdefizite ist bislang begrenzt. In einer 2026 publizierten Querschnittsstudie wurden bei Patienten mit Binge-Eating-Disorder niedrigere Folsäurekonzentrationen als bei gesunden Kontrollpersonen sowie bei den untersuchten Patienten mit Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und anderen näher bezeichneten Essstörungen festgestellt.

Grundprinzipien der Mikronährstofftherapie

Die Beurteilung der Mikronährstoffversorgung sollte sich daher nicht allein an der Diagnose einer Essstörung oder am Körpergewicht orientieren. Entscheidend sind Ernährungsanamnese, Art und Dauer des veränderten Essverhaltens, mögliche Nährstoffverluste, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Arzneimitteltherapie, klinische Befunde und bei entsprechender Indikation eine gezielte Labordiagnostik.

Eine Mikronährstoffsubstitution sollte sich an nachgewiesenen Defiziten oder klar definierten klinischen Risikosituationen orientieren. Auswahl, Dosierung und Dauer der Substitution sind individuell festzulegen und bei höher dosierter oder längerfristiger Therapie gegebenenfalls laborchemisch zu überwachen [LL3]. Eine pauschale hochdosierte Supplementation ohne entsprechende Indikation ist nicht Bestandteil einer evidenzbasierten Mikronährstofftherapie.

Bei Essstörungen stellt die Mikronährstofftherapie nur einen Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzeptes dar. Sie ersetzt weder die Wiederherstellung einer bedarfsgerechten Ernährung noch die störungsspezifische psychotherapeutische und gegebenenfalls psychiatrische Behandlung. Die Therapie sollte multidisziplinär erfolgen [LL2]. Bei ausgeprägter Malnutrition oder erhöhtem Refeeding-Risiko sind eine strukturierte Ernährungstherapie sowie eine engmaschige klinische und laborchemische Überwachung erforderlich [LL1].

Die folgenden Artikel behandeln die jeweiligen Besonderheiten der Mikronährstoffversorgung und Mikronährstofftherapie:

Literatur

  1. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD, Gonzalez MC, Fukushima R, Pisprasert V et al.: GLIM consensus approach to diagnosis of malnutrition: A 5-year update. Clin Nutr. 2025;49:11-20. doi: 10.1016/j.clnu.2025.03.018.
  2. Jenkins PE, Proctor K, Snuggs S: Dietary intake of adults with eating disorders: A systematic review and meta-analysis. J Psychiatr Res. 2024;175:393-404. doi: 10.1016/j.jpsychires.2024.05.038.
  3. Hay P, Appolinario JC, Giel KE, Keshen A, Mitchison D, Schmidt U et al.: Bulimia nervosa. Nat Rev Dis Primers. 2026 Jul 30;12(1):49. doi: 10.1038/s41572-026-00726-6.
  4. Lelieveld M, Dingemans AE, Slof-Op 't Landt MCT: Micronutrient status among patients diagnosed with eating disorders. Eat Behav. 2026;60:102065. doi: 10.1016/j.eatbeh.2025.102065.

Leitlinien

  1. MEED-Leitlinie: Royal College of Psychiatrists: Medical Emergencies in Eating Disorders: Guidance on Recognition and Management. CR233. May 2022; Correction December 2025. Langfassung.
  2. NICENICE-Leitlinie NG69: National Guideline Alliance (UK): Eating Disorders: Recognition and Treatment. London: National Institute for Health and Care Excellence (NICE); May 2017. Langfassung.
  3. ESPEN-Leitlinie: Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS, Amrein K, Augsburger M, Biesalski HK et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857 (Corrigendum 2025). doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030.