Mikronährstofftherapie bei Anorexia nervosa (Magersucht)
Die Anorexia nervosa (Magersucht) ist infolge der ausgeprägten Energie- und Nahrungsrestriktion häufig mit einer unzureichenden Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren Vitalstoffen verbunden. Art und Ausmaß der Defizite sind jedoch individuell sehr unterschiedlich und lassen sich weder aus dem Körpergewicht noch aus dem Körpermassenindex (BMI) zuverlässig ableiten.
Die Mikronährstofftherapie ist Bestandteil eines multidisziplinären Behandlungskonzeptes. Sie ersetzt weder die strukturierte Ernährungstherapie noch die Gewichtsrestauration und die psychotherapeutische Behandlung. Im Vordergrund stehen drei Ziele: die Prävention und Behandlung mikronährstoffbezogener Komplikationen des Refeeding-Syndroms (potentiell lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung nach Wiederaufnahme der Ernährung bei schwerer Mangelernährung), die vorübergehende Sicherstellung einer bedarfsdeckenden Basisversorgung und die gezielte Behandlung nachgewiesener oder klinisch hochwahrscheinlicher Mikronährstoffdefizite [2-4, LL2-LL4].
Grundprinzipien der Mikronährstofftherapie
Aktuelle Übersichten weisen darauf hin, dass die Evidenz für eine spezifische Supplementation einzelner Mikronährstoffe zur Beschleunigung der Gewichtszunahme oder zur Behandlung der Anorexia nervosa selbst begrenzt ist. Die Versorgung sollte deshalb an Ernährungsanamnese, Erkrankungsschwere, Dauer der Restriktion, Gewichtsverlust, kompensatorische Verhaltensweisen wie Erbrechen oder Laxanzienabusus (Missbrauch von Abführmitteln), klinische Zeichen und Laborbefunde angepasst werden [3].
Davon abzugrenzen ist eine vorübergehende Basisversorgung. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) empfiehlt bei Anorexia nervosa ein altersgerechtes orales Multivitamin- und Mineralstoffpräparat, bis die Ernährung wieder ausreichend Mikronährstoffe entsprechend den Referenzwerten liefert [LL3]. Auch die MEED-Empfehlungen (Medical Emergencies in Eating Disorders; medizinische Notfälle bei Essstörungen) sehen bei schwerer Mangelernährung eine vollständige Multivitamin- und Mineralstoffversorgung als Bestandteil des Refeeding-Managements vor [LL4].
Mikronährstoffdiagnostik
Vor einer intensiveren Wiederernährung ist insbesondere die Beurteilung von Phosphat, Kalium und Magnesium erforderlich. Bei schwerer Anorexia nervosa gehören darüber hinaus unter anderem Blutbild, Natrium, Calcium, Glucose (Blutzucker) sowie Nieren- und Leberfunktionsparameter zur somatischen Ausgangsdiagnostik. Je nach klinischer Konstellation werden weitere Mikronährstoffe gezielt ergänzt [2, LL2, LL4].
Ein besonderer diagnostischer Grundsatz gilt während des Refeedings: Normale Ausgangskonzentrationen von Phosphat, Kalium oder Magnesium schließen relevante intrazelluläre bzw. Gesamtkörperdefizite nicht aus. Durch die nach Wiederaufnahme der Ernährung einsetzende Insulinwirkung können diese Elektrolyte rasch in die Zellen aufgenommen werden und ihre Serumkonzentrationen deutlich abfallen [LL4].
| Mikronährstoff (Vitalstoff) | Relevanz bei Anorexia nervosa | Therapeutische Einordnung |
| Vitamine | ||
| Vitamin A | Ein Vitamin-A-Mangel wurde insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexia nervosa beschrieben [1]. | Bei nachgewiesenem Mangel gezielt substituieren; keine routinemäßige Hochdosistherapie aufgrund der möglichen Toxizität. |
| Vitamin B1 (Thiamin) | Von zentraler Bedeutung bei schwerer Mangelernährung und erhöhtem Refeeding-Risiko; der Bedarf steigt mit Wiederaufnahme insbesondere der Kohlenhydratzufuhr [LL1, LL4]. | Bei relevantem Refeeding-Risiko prophylaktisch unmittelbar vor bzw. mit Beginn der Wiederernährung geben; Dosierung entsprechend klinischer Situation und Refeeding-Protokoll. |
| Vitamin D | Relevant im Zusammenhang mit der bei Anorexia nervosa häufig verminderten Knochenmineraldichte und dem erhöhten Frakturrisiko [5, LL3]. | Bei entsprechender Risikokonstellation 25-Hydroxyvitamin D bestimmen und einen nachgewiesenen Mangel behandeln. |
| Mineralstoffe | ||
| Calcium | Relevant für die Knochengesundheit bei Anorexia nervosa; eine ausreichende Versorgung ist insbesondere bei verminderter Knochenmineraldichte erforderlich [5, LL3]. | Bedarfsdeckende Zufuhr vorzugsweise über Lebensmittel sicherstellen; Supplementation bei unzureichender Zufuhr oder spezifischer Indikation. |
| Kalium | Defizite können durch Mangelernährung, Erbrechen, Laxanzien- oder Diuretikaabusus sowie während des Refeedings entstehen; schwere Hypokaliämie erhöht das Risiko von Herzrhythmusstörungen [LL4]. | Bei Refeeding-Risiko bzw. entsprechenden Risikofaktoren seriell kontrollieren und Defizite zeitnah korrigieren. |
| Magnesium | Kann bei schwerer Mangelernährung vermindert sein und während des Refeedings durch intrazelluläre Verschiebung weiter abfallen [LL4]. | Bei Refeeding-Risiko seriell kontrollieren und einen Mangel bedarfsgerecht substituieren. |
| Phosphat | Zentraler Mikronährstoff beim Refeeding-Syndrom; eine Refeeding-Hypophosphatämie kann zu Störungen von Herz, Atmung, Muskulatur und Nervensystem führen [LL4]. | Bei Refeeding-Risiko engmaschig kontrollieren und fallende bzw. erniedrigte Konzentrationen zeitnah substituieren; prophylaktische Gabe alters- und risikoabhängig beurteilen. |
| Spurenelemente | ||
| Kupfer | Kupfermangel wurde bei Patienten mit Anorexia nervosa beschrieben und kann bei ausgeprägter bzw. langdauernder Restriktion auftreten [1]. | Bei entsprechender Risikokonstellation bzw. klinischem Verdacht bestimmen und einen nachgewiesenen Mangel gezielt behandeln. |
| Selen | Selenmangel wurde bei Anorexia nervosa wiederholt beschrieben; niedrige Konzentrationen wurden mit einer höheren Krankheitsschwere assoziiert [1, 7]. | Nachgewiesenen Mangel behandeln; keine routinemäßige hochdosierte Supplementation ohne Indikation. |
| Zink | Bei schwerer Anorexia nervosa können erniedrigte Zinkkonzentrationen auftreten; die Evidenz für einen spezifischen therapeutischen Nutzen einer routinemäßigen Supplementation ist jedoch begrenzt [3, 6]. | Nachgewiesenen Mangel gezielt behandeln; keine routinemäßige Hochdosistherapie zur Behandlung der Anorexia nervosa. |
Refeeding-Syndrom: Mikronährstofftherapie und Elektrolytmanagement
Nach längerer oder ausgeprägter Nahrungseinschränkung kann eine rasche Wiederaufnahme der Ernährung zu einem Refeeding-Syndrom (potentiell lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung nach Wiederaufnahme der Ernährung) führen. Besonders gefährdet sind Menschen mit schwerer Mangelernährung, starkem Gewichtsverlust oder über längere Zeit sehr geringer Nahrungsaufnahme [LL4].
Bei erhöhtem Refeeding-Risiko sollte die Wiederernährung deshalb ärztlich begleitet werden. Besonders wichtig sind Thiamin (Vitamin B1) sowie die Elektrolyte Phosphat, Kalium und Magnesium [LL1, LL4].
- Thiamin: Bei erhöhtem Refeeding-Risiko sollte Vitamin B1 bereits unmittelbar vor bzw. mit Beginn der Wiederernährung gegeben werden. Die Dosierung legt der behandelnde Arzt entsprechend der individuellen Situation fest [LL1, LL4].
- Phosphat: Der Phosphatspiegel kann nach Beginn der Wiederernährung rasch abfallen. Deshalb sind insbesondere in den ersten Tagen regelmäßige Blutkontrollen erforderlich. Ein Mangel wird gezielt behandelt [LL4].
- Kalium und Magnesium: Beide Mineralstoffe können bereits durch die Mangelernährung, Erbrechen oder den Missbrauch von Laxanzien (Abführmittel) bzw. Diuretika (entwässernde Arzneimittel) vermindert sein und während der Wiederernährung zusätzlich abfallen. Auch diese Werte sollten kontrolliert und bestehende Defizite behandelt werden [LL4].
Phosphat, Kalium und Magnesium sollten bei erhöhtem Refeeding-Risiko nicht eigenständig hochdosiert eingenommen werden. Die Substitution richtet sich nach den Blutwerten, der Nierenfunktion und der klinischen Situation.
Vitamin D und Calcium
Eine verminderte Knochenmineraldichte ist eine häufige somatische Langzeitkomplikation der Anorexia nervosa. Pathogenetisch sind insbesondere das Energiedefizit, das niedrige Körpergewicht, hormonelle Veränderungen und bei Jugendlichen die Beeinträchtigung des Knochenaufbaus relevant. Die Wiederherstellung eines angemessenen Körpergewichts ist deshalb die zentrale ernährungsmedizinische Maßnahme für die Knochengesundheit. Vitamin D und Calcium können eine anhaltende Mangelernährung nicht kompensieren [5, LL3].
Eine unzureichende Calciumzufuhr und ein Vitamin-D-Mangel sollten dennoch vermieden bzw. korrigiert werden. Die Bestimmung von 25-Hydroxyvitamin D ist insbesondere bei langdauernder Erkrankung, geringer Sonnenexposition, niedriger Knochenmineraldichte, Frakturen oder weiteren Risikofaktoren sinnvoll. Ein nachgewiesener Vitamin-D-Mangel wird nach den üblichen alters- und risikoadaptierten Standards behandelt. Calcium sollte vorzugsweise bedarfsdeckend über Lebensmittel aufgenommen und bei unzureichender Zufuhr ergänzt werden [5].
Differentialdiagnostische Einordnung von Eisen, Vitamin B12 und Folsäure
Eine Anämie (Blutarmut) bei Anorexia nervosa darf nicht automatisch als Eisenmangel interpretiert werden. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist sie typischerweise normozytär und normochrom und kann Ausdruck der durch Mangelernährung beeinträchtigten Hämatopoese (Blutbildung) sein. Eisenmangel ist bei Patientinnen mit bestehender Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation) vergleichsweise selten. Ferritin kann trotz Mangelernährung erhöht sein. Vitamin-B12- und Folsäurekonzentrationen sind in pädiatrischen Kohorten häufig unauffällig [2].
Eine Eisensubstitution sollte deshalb nicht allein aufgrund eines erniedrigten Hämoglobins begonnen werden. Bei Verdacht auf Eisenmangel sollten Blutbild, Ferritin und Transferrinsättigung im klinischen Kontext beurteilt werden. Bei entzündlichen Begleitzuständen ist die eingeschränkte Aussagekraft des Ferritins zu berücksichtigen.
Vitamin B12 und Folsäure sollten insbesondere bei Makrozytose (Vergrößerung der roten Blutkörperchen), neurologischen Symptomen, veganer bzw. sehr selektiver Ernährung oder anderen spezifischen Risikofaktoren untersucht und bei nachgewiesenem Mangel substituiert werden.
Vitamin A, Kupfer und Selen
Die aktuelle pädiatrische Kohorte unterstreicht, dass neben den klassischen Refeeding-Mikronährstoffen auch andere Defizite vorkommen können: Vitamin-A-Mangel wurde bei 29,1 %, Selenmangel bei 23,5 % und Kupfermangel bei 18,4 % der untersuchten Kinder und Jugendlichen festgestellt [1]. Diese Prävalenzen sind populationsabhängig und begründen keine pauschale Supplementation.
Vitamin A sollte aufgrund seiner Speicherfähigkeit und potentiellen Toxizität nicht empirisch hoch dosiert gegeben werden. Ein nachgewiesener Mangel wird gezielt behandelt.
Ein Kupfermangel sollte insbesondere bei ausgeprägter und langdauernder Restriktion, ungeklärter Anämie (Blutarmut), Neutropenie (Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen, die vor allem der Abwehr von Infektionen dienen) oder neurologischen Symptomen berücksichtigt werden. Auch eine längerfristige, höher dosierte Zinkgabe kann die intestinale Kupferaufnahme beeinträchtigen und einen Kupfermangel begünstigen.
Selenmangel wurde sowohl in aktuellen Kohorten als auch in früheren Untersuchungen bei Anorexia nervosa beschrieben [1, 7]. Beobachtete Zusammenhänge zwischen niedrigem Selenstatus und Krankheitsschwere erlauben jedoch keinen Rückschluss auf einen therapeutischen Nutzen einer routinemäßigen Selensupplementation. Ein diagnostizierter Mangel sollte behandelt werden; eine hochdosierte Gabe ohne entsprechende Indikation ist nicht gerechtfertigt [7].
Zink
Die Daten zum Zinkstatus bei Anorexia nervosa sind heterogen. In der pädiatrischen Kohorte von 2026 war ein Zinkmangel deutlich seltener als ein Vitamin-A-, Selen- oder Kupfermangel [1]. Dagegen zeigte eine 2025 publizierte Untersuchung bei schwer mangelernährten Erwachsenen mit Anorexia nervosa bzw. anderen restriktiven Essstörungen niedrigere Zinkkonzentrationen als bei Kontrollen; bei einem Teil der Patienten sanken die Konzentrationen während der Wiederernährung zusätzlich [6]. Die Autoren betonen jedoch ausdrücklich, dass diese Beobachtungen nicht ausreichen, um die klinische Praxis hinsichtlich einer routinemäßigen Zinksupplementation zu ändern.
Ältere kleine Interventionsstudien lieferten Hinweise auf einen möglichen Einfluss einer Zinksupplementation auf die Gewichtszunahme. Die aktuelle Evidenz ist jedoch zu begrenzt, um Zink routinemäßig als spezifische Therapie der Anorexia nervosa einzusetzen [3]. Ein nachgewiesener Zinkmangel sollte dagegen entsprechend den allgemeinen mikronährstoffmedizinischen Grundsätzen behandelt werden. Bei längerfristiger, höher dosierter Therapie ist der Kupferstatus zu beachten.
Multivitamin- und Mineralstoffversorgung
Solange die Ernährung den Mikronährstoffbedarf nicht zuverlässig deckt, ist ein altersgerechtes, vollständiges Multivitamin- und Mineralstoffpräparat sinnvoll. Diese Basisversorgung soll keine pharmakologischen Hochdosen einzelner Mikronährstoffe liefern, sondern Versorgungslücken während der Ernährungsrehabilitation überbrücken [LL3, LL4].
Nachgewiesene Defizite können eine zusätzliche gezielte Therapie erforderlich machen. Umgekehrt sollten mehrere sich überschneidende Präparate vermieden werden, da dadurch insbesondere bei fettlöslichen Vitaminen und einigen Spurenelementen eine unbeabsichtigte Überversorgung entstehen kann.
Verlaufskontrolle und Beendigung der Supplementation
Die Mikronährstofftherapie sollte im Verlauf regelmäßig an die zunehmende Normalisierung der Ernährung angepasst werden. Ein Multivitamin- und Mineralstoffpräparat ist nach NICE nicht automatisch dauerhaft erforderlich, sondern kann beendet werden, sobald die Ernährung die Referenzwerte zuverlässig abdeckt [LL3].
Bei gezielt behandelten Defiziten richtet sich die Verlaufskontrolle nach Mikronährstoff, Ausgangsbefund, Substitutionsdosis, klinischem Verlauf sowie Nieren- und Leberfunktion. Hoch dosierte Präparate sollten nach Behebung des Mangels nicht ohne erneute Indikationsprüfung fortgeführt werden. Dies gilt insbesondere für Vitamin A, Vitamin D, Eisen, Zink und Selen.
Fazit
Die Mikronährstofftherapie bei Anorexia nervosa ist eine gezielte Begleittherapie der Ernährungsrehabilitation und keine eigenständige Behandlung der Essstörung. Bei schwerer Mangelernährung und Refeeding-Risiko besitzen Thiamin sowie die Überwachung und gegebenenfalls Substitution von Phosphat, Kalium und Magnesium höchste Priorität. Solange die Ernährung nicht bedarfsdeckend ist, ist eine altersgerechte vollständige Multivitamin- und Mineralstoffversorgung sinnvoll. Darüber hinaus sollten einzelne Mikronährstoffe nicht pauschal hoch dosiert, sondern anhand von Risikokonstellation, klinischen Befunden und Laborwerten gezielt diagnostiziert und substituiert werden. Die langfristige Normalisierung des Mikronährstoffstatus setzt vor allem die Wiederherstellung einer ausreichenden, vielfältigen Energie- und Nährstoffzufuhr voraus.
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