Mikronährstofftherapie bei Binge-Eating-Disorder

Die Binge-Eating-Störung (BED) ist durch wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust gekennzeichnet, ohne dass regelmäßig kompensatorische Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen oder Laxanzienabusus (Missbrauch von Abführmitteln) auftreten. Eine chronisch unzureichende Energiezufuhr ist nicht kennzeichnend für das Krankheitsbild.

Nach gegenwärtiger Datenlage besteht bei BED kein charakteristisches Muster von Mikronährstoffdefiziten. Eine hohe oder über dem Bedarf liegende Energiezufuhr schließt jedoch eine qualitativ ungünstige Ernährung mit geringer Mikronährstoffdichte nicht aus. Der derzeit deutlichste BED-spezifische Befund betrifft niedrigere Folsäurespiegel [1, 2].

Mikronährstoffversorgung bei Binge-Eating-Störung

Hinweise auf eine verminderte Mikronährstoffqualität der Ernährung liefert eine 2024 publizierte Querschnittsstudie an 180 Frauen mit Übergewicht oder Adipositas. Frauen mit ausgeprägter BED-Symptomatik wiesen eine geringere berechnete Mikronährstoffadäquanz (Übereinstimmung der Mikronährstoffzufuhr mit den Zufuhrempfehlungen) auf als Frauen ohne entsprechende Symptomatik [1]. Die Ernährung war insbesondere durch eine höhere Zufuhr von Zucker und gesättigten Fettsäuren sowie eine geringere Zufuhr zahlreicher Vitamine und Mineralstoffe gekennzeichnet.

Diese Ergebnisse belegen jedoch keine Mikronährstoffmängel: Erfasst wurde die geschätzte Nährstoffzufuhr anhand eines Ernährungsfragebogens und nicht der biochemische Mikronährstoffstatus. Zudem erfolgte die Zuordnung zur BED-Gruppe anhand der Binge Eating Scale (Fragebogen zur Erfassung von Essanfällen) und nicht durch eine strukturierte klinische Diagnostik [1]. Die Daten sprechen daher für eine möglicherweise geringere Nährstoffdichte bei BED-Symptomatik, erlauben aber keine Ableitung typischer Mikronährstoffdefizite.

Folsäure

Der bislang deutlichste Hinweis auf eine BED-spezifische Veränderung des Mikronährstoffstatus betrifft Folsäure. In einer 2026 publizierten Querschnittsstudie wurden die Blutkonzentrationen von Vitamin B1, Vitamin B6, Vitamin B12, Vitamin D, Folsäure und Magnesium bei Patienten mit verschiedenen Essstörungen und gesunden Kontrollpersonen untersucht. Die 28 Patienten mit BED wiesen signifikant niedrigere Folsäurespiegel auf als die Kontrollpersonen und die untersuchten Patienten mit anderen Essstörungen. Für die übrigen untersuchten Mikronährstoffe bestanden keine signifikanten Gruppenunterschiede [2].

Der Befund ist aufgrund der kleinen BED-Gruppe und des Beobachtungsdesigns zurückhaltend zu interpretieren. Er zeigt eine Assoziation zwischen BED und einem niedrigeren Folsäurestatus, belegt jedoch weder eine kausale Bedeutung des Folsäurestatus für die Entstehung oder Aufrechterhaltung der BED noch ein regelhaftes Auftreten eines Folsäuremangels [2]. Eine Bestätigung durch weitere unabhängige Untersuchungen steht aus.

Diagnostik und Therapie

Eine routinemäßige umfassende Mikronährstoffdiagnostik allein aufgrund einer Binge-Eating-Störung ist aufgrund der derzeitigen Evidenz nicht begründet. Der aktuelle BED-spezifische Befund rechtfertigt jedoch eine besondere Aufmerksamkeit für die Folsäureversorgung, insbesondere wenn die Ernährungsanamnese zusätzlich Hinweise auf eine geringe Zufuhr folatreicher Lebensmittel ergibt.

Bei nachgewiesenem ernährungsbedingtem Folsäuremangel kann entsprechend der ESPEN-Leitlinie eine orale Substitution mit 1-5 mg Folsäure täglich erfolgen. Die Behandlung wird üblicherweise über etwa vier Monate bzw. bis zur Behebung der zugrunde liegenden Ursache durchgeführt [LL1]. Der Vitamin-B12-Status sollte bei der Behandlung eines Folsäuremangels berücksichtigt werden.

Für eine routinemäßige Supplementation anderer Mikronährstoffe allein aufgrund der Diagnose BED besteht derzeit keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage. Weitere Mikronährstoffdefizite sollten nur entsprechend individueller Anamnese, klinischer Symptomatik oder zusätzlicher Risikofaktoren diagnostiziert und behandelt werden.

Fazit

Die Binge-Eating-Störung geht nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht typischerweise mit einem breiten oder charakteristischen Mikronährstoffmangelmuster einher. Hinweise bestehen auf eine geringere Mikronährstoffdichte der Ernährung bei BED-Symptomatik, ohne dass daraus zwangsläufig biochemisch nachweisbare Defizite resultieren [1].

Der derzeit relevanteste BED-spezifische Befund sind niedrigere Folsäurespiegel in einer aktuellen Untersuchung von Patienten mit klinisch diagnostizierter BED [2]. Aufgrund der bislang begrenzten Datenlage lässt sich daraus keine routinemäßige Supplementation ableiten. Bei nachgewiesenem Folsäuremangel erfolgt eine gezielte Substitution nach den allgemeinen ernährungsmedizinischen Empfehlungen [LL1].

Literatur

  1. Lotfi Yagin N, Aliasgharzadeh S, Mobasseri M et al.: Assessing nutritional adequacy ratios in women with and without binge eating disorder: a comprehensive evaluation. Nutr Metab (Lond). 2024;21:109. doi: 10.1186/s12986-024-00887-9.
  2. Lelieveld M, Dingemans AE, Slof-Op 't Landt MCT: Micronutrient status among patients diagnosed with eating disorders. Eat Behav. 2026;60:102065. doi: 10.1016/j.eatbeh.2025.102065.

Leitlinien

  1. ESPEN-Leitlinie: Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS, Amrein K, Augsburger M, Biesalski HK et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857 (Corrigendum 2025). doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030.