Süßungsmittel
Süßungsmittel sind nach dem Lebensmittelzusatzstoffrecht der Europäischen Union Stoffe, die Lebensmitteln einen süßen Geschmack verleihen oder in Tafelsüßen verwendet werden. Die Funktionsklasse umfasst chemisch, technologisch und metabolisch (den Stoffwechsel betreffend) unterschiedliche Substanzen. Ernährungsmedizinisch ist insbesondere zwischen hochintensiven Süßstoffen und volumenbildenden Zuckeraustauschstoffen zu unterscheiden [1].
Süßungsmittel sind weder essenzielle Nährstoffe noch Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente). Ihre gesundheitliche Bewertung darf nicht allein aus der Süßkraft, der Herkunft, dem Energiegehalt oder der lebensmittelrechtlichen Zulassung abgeleitet werden. Maßgeblich sind der konkrete Stoff, die Dosis, die Lebensmittelmatrix, der ersetzte Vergleichsstoff, die Expositionsdauer und das gesamte Ernährungsmuster [3-7].
Der vorliegende Übersichtsartikel behandelt die stoffgruppenübergreifende ernährungs- und mikronährstoffmedizinische Bewertung. Substanzspezifische Einzelheiten werden in den eigenständigen Artikeln zu Süßstoffen und Zuckeraustauschstoffen dargestellt.
Begriffsbestimmung und Abgrenzung
| Stoffgruppe | Charakteristika | Beispiele | Ernährungsmedizinische Einordnung |
|---|---|---|---|
| Süßstoffe | Hohe bis sehr hohe Süßkraft, Verwendung in geringen Mengen, aus der praktisch eingesetzten Dosis meist kein oder nur ein vernachlässigbarer Energiebeitrag | Acesulfam-K, Aspartam, Cyclamat, Saccharin, Sucralose, Steviolglycoside, Thaumatin, Neohesperidin DC, Neotam und Advantam | Ermöglichen den Ersatz zugesetzter Zucker ohne vergleichbare Glucose- und Energiezufuhr; klinische Effekte hängen vom Vergleichsstoff und vom Ernährungsmuster ab |
| Zuckeraustauschstoffe | Volumenbildende Polyole mit substanzabhängiger Resorption (Aufnahme aus dem Darm in den Körper), Metabolisierung (Verstoffwechselung) und gastrointestinaler Verträglichkeit (Verträglichkeit im Magen-Darm-Trakt) | Sorbit, Mannit, Isomalt, Maltit, Lactit, Xylit, Erythrit und Polyglycitolsirup | Technologische Zuckerersatzstoffe mit unterschiedlichem Energiegehalt; bei höherer Aufnahme sind dosis- und substanzabhängige gastrointestinale Beschwerden möglich |
| Zucker und zuckerhaltige Zutaten | Verdauliche Mono- und Disaccharide (Einfach- und Zweifachzucker) mit physiologisch relevanter Energiezufuhr | Saccharose, Glucose, Fructose, Honig, Sirupe und Fruchtsaftkonzentrate | Lebensmittelzutaten und keine Süßungsmittel im Sinne der Zusatzstoff-Funktionsklasse |
Fructose ist kein Lebensmittelzusatzstoff der Funktionsklasse Süßungsmittel. Sie ist ein Monosaccharid (Einfachzucker) und eine Lebensmittelzutat. Ihre Einordnung als Zuckeraustauschstoff ist im europäischen Zusatzstoffrecht nicht zutreffend [1].
Die Vermarktungsunterscheidung zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“ Süßungsmitteln ersetzt keine substanzspezifische Sicherheitsbewertung. Für die Zulassung und Risikobewertung werden Identität, Reinheit, Metabolismus, toxikologische Eigenschaften (Eigenschaften hinsichtlich möglicher schädlicher Wirkungen) und erwartete Exposition des jeweiligen Stoffes beurteilt [1, 15-17].
Lebensmittelrechtliche Verwendung und Kennzeichnung
Ein Süßungsmittel darf in der Europäischen Union nur verwendet werden, wenn der jeweilige Stoff für die konkrete Lebensmittelkategorie zugelassen ist und die festgelegten Höchstmengen bzw. Verwendungsbedingungen eingehalten werden. Eine generelle Zulassung für sämtliche Lebensmittel besteht nicht [1].
In der Zutatenliste wird das Süßungsmittel grundsätzlich mit seiner Funktionsklasse und seinem spezifischen Namen oder seiner E-Nummer angegeben. Die Bezeichnung des Lebensmittels muss abhängig von der Zusammensetzung um den Hinweis „mit Süßungsmittel(n)“ bzw. „mit Zucker(n) und Süßungsmittel(n)“ ergänzt werden [2].
Besondere Kennzeichnungsvorschriften gelten unter anderem für folgende Produkte:
- Lebensmittel mit Aspartam oder Aspartam-Acesulfam-Salz – Hinweis auf eine Phenylalaninquelle [2]
- Lebensmittel mit mehr als 10 % zugesetzten Polyolen – Hinweis, dass ein übermäßiger Verzehr abführend wirken kann [2]
- Tafelsüßen – produktspezifische Angaben zur Zusammensetzung und sicheren Verwendung [1, 2]
Die Angaben „zuckerfrei“, „ohne Zuckerzusatz“, „energiereduziert“ und „light“ sind nicht gleichbedeutend [20]. Sie erlauben insbesondere keine unmittelbare Aussage über Mikronährstoffdichte, Ballaststoffgehalt, Verarbeitungsgrad oder ernährungsphysiologische Gesamtqualität des Lebensmittels.
Technologische und metabolische Unterschiede
Hochintensive Süßstoffe werden wegen ihrer hohen Süßkraft nur in geringen Mengen eingesetzt. Aspartam ist ein Dipeptidderivat (Abkömmling aus zwei Aminosäuren) und besitzt grundsätzlich einen physiologischen Energiegehalt. Wegen der niedrigen Einsatzmenge trägt es jedoch regelhaft nur unwesentlich zur Energiezufuhr bei [16].
Polyole erfüllen neben der Süßung häufig technologische Funktionen als Volumen-, Feuchthalte- oder Texturgeber. Für die europäische Nährwertkennzeichnung wird für Polyole grundsätzlich ein Energieumrechnungsfaktor von 2,4 Kilokalorien pro Gramm verwendet. Für Erythrit gilt ein Energieumrechnungsfaktor von 0 Kilokalorien pro Gramm [2].
Resorption, renale Ausscheidung (Ausscheidung über die Nieren) und bakterielle Fermentation (Vergärung durch Bakterien) unterscheiden sich erheblich zwischen den einzelnen Polyolen. Gruppenweite Aussagen zur glykämischen Wirkung (Einfluss auf den Blutzucker), zum Energiegehalt oder zur gastrointestinalen Verträglichkeit sind deshalb nicht ohne Weiteres auf jeden Einzelstoff übertragbar [11].
Grundsätze der Evidenzinterpretation
Die gesundheitliche Bewertung von Süßungsmitteln wird wesentlich durch den gewählten Vergleichspartner bestimmt. Der Ersatz eines zuckergesüßten Getränks durch ein energiearmes gesüßtes Getränk untersucht einen Substitutionseffekt. Der Vergleich desselben Getränks mit Wasser untersucht dagegen, ob das gesüßte Produkt gegenüber einer ungesüßten Alternative einen zusätzlichen Nutzen oder Nachteil besitzt [3-7].
Folgende Vergleichssituationen sind voneinander abzugrenzen:
- Ersatz von Zucker durch niedrigkalorische bzw. nichtkalorische Süßungsmittel – untersucht vor allem die Folgen einer verminderten Zucker- und Energiezufuhr
- Vergleich mit Wasser oder ungesüßten Lebensmitteln – untersucht die Wirkung des gesüßten Produkts ohne den Vorteil einer Zuckerreduktion
- Beobachtungsvergleich zwischen Konsumenten und Nichtkonsumenten – ist anfällig für Confounding (Verzerrung durch Störfaktoren), reverse Kausalität (umgekehrter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang) und unzureichend erfasste Veränderungen des Konsums
Aktuelle Umbrella-Reviews zeigen heterogene Ergebnisse. Ungünstige Assoziationen aus konventionell ausgewerteten Kohortenstudien werden bei Berücksichtigung zeitlicher Expositionsänderungen, des tatsächlichen Vergleichsgetränks und des beabsichtigten Substitutionsszenarios teilweise deutlich abgeschwächt. Die Evidenzsicherheit ist für randomisierte Interventionsstudien im Allgemeinen höher als für langfristige Beobachtungsdaten [4, 5].
Toxikologische Sicherheit, kurzfristige Stoffwechselwirkung und langfristige klinische Endpunkte sind getrennte Fragestellungen. Ein Acceptable Daily Intake bezieht sich auf die toxikologische Risikobewertung. Er belegt weder einen präventiven Nutzen noch eine hohe ernährungsphysiologische Qualität des damit hergestellten Lebensmittels [15-17].
Energieaufnahme und Körpergewicht
Systematische Reviews, Metaanalysen und aktuelle Umbrella-Reviews randomisierter Interventionsstudien zeigen, dass der Ersatz zuckergesüßter Produkte durch niedrigkalorisch bzw. nichtkalorisch gesüßte Alternativen die Energieaufnahme senken und eine geringe bis moderate Reduktion des Körpergewichts und der Fettmasse unterstützen kann [3-7].
Der Effekt ist vor allem nachweisbar, wenn tatsächlich energieliefernde Zucker ersetzt werden und die eingesparte Energie nicht vollständig durch andere Lebensmittel kompensiert wird. Die Wirkung ist damit primär als Substitutionseffekt und nicht als eigenständige gewichtsreduzierende Wirkung des Süßungsmittels zu interpretieren [5-7].
Im Vergleich mit Wasser oder einer bereits ungesüßten Ernährung zeigt sich kein konsistenter zusätzlicher Vorteil für die Gewichtsreduktion. Aus den Interventionsstudien lässt sich zugleich keine generelle gewichtsfördernde Wirkung niedrigkalorischer bzw. nichtkalorischer Süßungsmittel ableiten [3-7].
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Nicht-Zucker-Süßstoffe nicht als langfristige Strategie zur Kontrolle des Körpergewichts oder zur Prävention ernährungsmitbedingter nichtübertragbarer Erkrankungen. Diese Empfehlung ist bedingt und basiert vor allem auf dem fehlenden gesicherten langfristigen Zusatznutzen sowie der niedrigen Evidenzsicherheit langfristiger Beobachtungsdaten. Sie stellt keine neue toxikologische Sicherheitsbewertung dar [LL1].
Die WHO-Empfehlung erfasst keine Polyole und gilt nach der von der WHO verwendeten Definition nicht für Menschen mit bereits bestehendem Diabetes mellitus [LL1].
Glucosestoffwechsel und Diabetes mellitus
Eine Netzwerk-Metaanalyse akuter Humanstudien ergab, dass mit nicht nutritiven Süßstoffen gesüßte Getränke ohne gleichzeitige Energiezufuhr postprandiale (nach dem Essen auftretende) Glucose-, Insulin- und Inkretinantworten (Reaktionen von Darmhormonen, die die Insulinausschüttung beeinflussen) zeigten, die weitgehend mit Wasser vergleichbar waren. Zuckergesüßte Vergleichsgetränke führten erwartungsgemäß zu höheren postprandialen Glucose- und Insulinantworten [8].
Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien fand ebenfalls keine konsistente Erhöhung der Blutglucosekonzentration (Blutzuckerkonzentration) durch die akute oder kurzfristige Aufnahme nicht nutritiver Süßstoffe [9]. Die Ergebnisse beziehen sich jedoch überwiegend auf kurzfristige Stoffwechselreaktionen und erlauben keine sichere Aussage zu allen Einzelstoffen oder zu einer lebenslangen Exposition.
Beim Ersatz zuckergesüßter Produkte kann die geringere Kohlenhydratzufuhr für Menschen mit Diabetes mellitus praktisch relevant sein. Ein mit Süßungsmitteln hergestelltes Produkt ist dadurch jedoch nicht automatisch stoffwechselphysiologisch günstig. Gesamtenergie, Fettqualität, Ballaststoffgehalt, Proteinqualität, Natriumgehalt, Verarbeitungsgrad und Portionsgröße bleiben für die Bewertung entscheidend [3-9].
Ein eigenständiger langfristiger Effekt von Süßungsmitteln auf die Glucosekontrolle ist nicht gesichert. Ein potenzieller Nutzen ergibt sich gegebenenfalls aus der Substitution zuckerreicher Produkte [3, 7-9].
Kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetesrisiko und Mortalität
Prospektive Beobachtungsstudien und daraus abgeleitete Metaanalysen berichten teilweise positive Assoziationen zwischen einem hohen Konsum künstlich gesüßter Getränke und Adipositas (starkem Übergewicht), Typ-2-Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen (Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße), Schlaganfällen oder Mortalität (Sterblichkeit) [3-5].
Diese Assoziationen belegen keine Kausalität. Personen mit Adipositas, gestörtem Glucosestoffwechsel oder erhöhtem kardiovaskulärem Risiko verwenden zuckerreduzierte Produkte häufiger als Reaktion auf ihr bereits bestehendes Risiko. Residuales Confounding, reverse Kausalität, Expositionsfehlklassifikation und fehlende Angaben zum tatsächlich ersetzten Getränk können die Ergebnisse wesentlich beeinflussen [4, 5].
Der biasadjustierte Umbrella-Review von Ayoub-Charette et al. zeigte, dass ungünstige Assoziationen aus konventionellen Kohortenanalysen nach Anwendung substitutionsbezogener und biasreduzierender Methoden deutlich abgeschwächt wurden oder sich teilweise umkehrten. Die Evidenzsicherheit der Kohortenanalysen blieb niedrig, während randomisierte Studien einen moderaten Nutzen für einzelne intermediäre kardiometabolische Endpunkte zeigten [5].
Eine Senkung klinischer kardiovaskulärer Ereignisse oder der Mortalität durch Süßungsmittel ist durch randomisierte Langzeitstudien bislang nicht belegt. Ebenso lässt sich aus den Beobachtungsdaten keine gruppenweite kausale Schädigung ableiten [3-5].
Darmmikrobiom
Experimentelle Untersuchungen und kleinere Humanstudien liefern Hinweise darauf, dass einzelne Süßstoffe die Zusammensetzung oder Funktion der Darmmikrobiota (Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm) beeinflussen können. Die Ergebnisse klinischer und querschnittlicher Humanstudien sind jedoch hinsichtlich Substanz, Dosis, Expositionsdauer, Ernährungskontrolle, Ausgangsmikrobiom und untersuchten Endpunkten heterogen [10].
Der derzeitige Humanstudienstand erlaubt keine belastbare Aussage, dass zugelassene niedrigkalorische bzw. nichtkalorische Süßstoffe als Gruppe regelhaft eine klinisch relevante Dysbiose (Störung des Gleichgewichts der Darmflora), Glucoseintoleranz (gestörte Verarbeitung von Traubenzucker) oder entzündliche Erkrankung verursachen. Ebenso kann nicht ausgeschlossen werden, dass bestimmte Stoffe bei einzelnen Personen oder unter spezifischen Expositionsbedingungen relevante Effekte auslösen [10].
Die Evidenz ist damit für substanzübergreifende klinische Empfehlungen unzureichend. Mikrobiomveränderungen allein sind zudem nicht automatisch als gesundheitlich günstig oder ungünstig zu bewerten, sofern keine reproduzierbare Verbindung zu klinischen Endpunkten nachgewiesen ist.
Gastrointestinale Verträglichkeit der Polyole
Nicht vollständig im Dünndarm resorbierte Polyole gelangen in den Dickdarm, erhöhen die osmotische Belastung des Darmlumens (Wasseranziehung im Darminhalt) und können bakteriell fermentiert werden. Mögliche Folgen sind Blähungen, Flatulenz (vermehrter Abgang von Darmgasen), abdominelle Schmerzen (Bauchschmerzen), weicher Stuhl und Diarrhoe (Durchfall) [11].
Die Verträglichkeit ist dosis-, substanz- und personenabhängig. Sie wird zusätzlich durch Einzeldosis, Aufnahmefrequenz, Kombination verschiedener Polyole, Lebensmittelmatrix und individuelle Adaptation beeinflusst [11].
Bei Menschen mit Reizdarmsyndrom (Reizdarm) sind die Ergebnisse zu Resorption und Symptomauslösung heterogen. Eine pauschale Unverträglichkeit sämtlicher Polyole ist nicht belegt. Bei reproduzierbaren Beschwerden kann jedoch eine individuell angepasste Reduktion bestimmter Polyole sinnvoll sein [11].
Zahngesundheit
Der Ersatz fermentierbarer Zucker durch nicht oder weniger fermentierbare Süßungsmittel reduziert das für die bakterielle Säurebildung verfügbare Substrat. Der klinische Effekt ist jedoch von der konkreten Substanz, Darreichungsform, Verzehrshäufigkeit und Gesamtzusammensetzung des Produkts abhängig [12].
Eine systematische Review-Metaanalyse aus dem Jahr 2024 fand bei Kindern und Jugendlichen Hinweise auf eine kariespräventive Wirkung (Karies vorbeugende Wirkung) zuckerersetzender Interventionen mit Xylit bzw. Sorbit auf bleibende Zähne [12]. Die Ergebnisse beziehen sich auf definierte Interventionen und können nicht auf alle Süßungsmittel, sämtliche zuckerfreien Lebensmittel oder alle Altersgruppen übertragen werden.
Die Bezeichnung „zuckerfrei“ belegt daher nicht automatisch eine umfassende zahngesundheitliche Vorteilhaftigkeit des Produkts.
Kanzerogenität (krebserzeugendes Potenzial) und toxikologische Sicherheit
Eine Umbrella-Metaanalyse von Metaanalysen beobachtender Studien fand insgesamt keine statistisch signifikante Assoziation zwischen der Aufnahme künstlicher Süßungsmittel und dem Gesamtkrebsrisiko. Die Aussagekraft blieb jedoch durch die Beobachtungsdesigns, heterogene Expositionsdefinitionen, die gemeinsame Auswertung unterschiedlicher Süßstoffe und residuale Störfaktoren begrenzt [13].
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer; IARC) stufte Aspartam im Jahr 2023 aufgrund begrenzter Evidenz beim Menschen als „möglicherweise kanzerogen für den Menschen“ in Gruppe 2B ein [14]. Diese Einstufung ist eine Gefahrenidentifikation. Sie beschreibt, ob ein Stoff unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich ein kanzerogenes Potenzial besitzen könnte, quantifiziert jedoch nicht das Risiko bei einer konkreten Aufnahmemenge.
Der Gemeinsame Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und der WHO (Joint FAO/WHO Expert Committee on Food Additives; JECFA) bewertete zeitgleich das expositionsabhängige gesundheitliche Risiko und bestätigte den Acceptable Daily Intake für Aspartam von 0-40 mg/kg Körpergewicht und Tag. Die vom JECFA bewerteten Expositionsschätzungen lagen unterhalb dieses Wertes [15].
Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertete Aspartam bei den geschätzten Expositionen und innerhalb des Acceptable Daily Intake von 40 mg/kg Körpergewicht und Tag für die Allgemeinbevölkerung als gesundheitlich unbedenklich. Menschen mit Phenylketonurie (angeborene Störung des Phenylalaninabbaus) sind von dieser allgemeinen Bewertung ausgenommen und müssen Aspartam als Phenylalaninquelle meiden [16].
Für Sucralose bestätigte die EFSA im Jahr 2026 den Acceptable Daily Intake von 15 mg/kg Körpergewicht und Tag. Die geschätzte Exposition aus den gegenwärtig zugelassenen Anwendungen lag bei allen untersuchten Bevölkerungsgruppen unterhalb dieses Wertes. Die Sicherheit einer beantragten Verwendung in feinen Backwaren konnte wegen Unsicherheiten zu möglichen Reaktions- und Abbauprodukten bei längerer hoher Erhitzung dagegen nicht abschließend bestätigt werden [17].
Diese Bewertungen verdeutlichen, dass Ergebnisse zu Aspartam oder Sucralose nicht auf Saccharin, Cyclamat, Steviolglycoside, Acesulfam-K oder Polyole übertragen werden dürfen. Die toxikologische Bewertung muss substanz-, dosis- und anwendungsspezifisch erfolgen.
Acceptable Daily Intake
Der Acceptable Daily Intake (ADI) (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) bezeichnet die geschätzte Menge eines Stoffes, die lebenslang täglich aufgenommen werden kann, ohne dass nach dem aktuellen Kenntnisstand ein nennenswertes gesundheitliches Risiko zu erwarten ist. Der Wert wird in Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag angegeben und enthält regelhaft Sicherheitsfaktoren [15-17].
Der ADI ist kein Zielwert und keine Empfehlung, diese Menge auszuschöpfen. Eine einzelne geringfügige Überschreitung bedeutet nicht automatisch eine akute Gesundheitsschädigung. Eine wiederholte oder dauerhafte Überschreitung erfordert jedoch eine genauere Expositionsbewertung.
Die Einhaltung des ADI belegt die toxikologische Vertretbarkeit der bewerteten Exposition. Sie belegt weder einen gesundheitlichen Zusatznutzen noch die ernährungsphysiologische Qualität des jeweiligen Lebensmittels.
Mikronährstoffmedizinische Relevanz
Die verfügbaren systematischen Reviews, Metaanalysen und Umbrella-Reviews konzentrieren sich vorwiegend auf Energieaufnahme, Körpergewicht, Glucosestoffwechsel, kardiometabolische Endpunkte, Krebsrisiken, Darmmikrobiom und Schwangerschaftsendpunkte. Belastbare systematische Humanstudiendaten, die einen unmittelbaren klinisch relevanten Einfluss zugelassener Süßungsmittel auf den Vitamin-, Mineralstoff- oder Spurenelementstatus belegen, liegen nicht vor [3-5, 10, 13, 18, 19].
Diese Feststellung ist als Evidenzlücke und nicht als Beweis für die vollständige Abwesenheit jeglicher substanz- oder dosisabhängiger Wirkung zu verstehen. Der Mikronährstoffstatus war in den meisten Interventions- und Beobachtungsstudien kein primärer Endpunkt.
Die mikronährstoffmedizinische Bedeutung ist daher vorwiegend indirekt:
- Lebensmittelmatrix – ein zuckerfreies oder energiereduziertes Lebensmittel kann weiterhin arm an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen sein
- Verdrängungseffekte – ein hoher Konsum stark gesüßter, mikronährstoffarmer Produkte kann nährstoffreiche Lebensmittel und ungesüßte Getränke aus der Ernährung verdrängen
- Energiereduktion – der Ersatz zuckergesüßter Produkte kann die Energiezufuhr vermindern, gewährleistet jedoch keine adäquate Mikronährstoffzufuhr
- Gastrointestinale Beschwerden – eine hohe Polyolaufnahme kann vorübergehend zu Diarrhoe und verminderter Nahrungsaufnahme führen; ein regelhaft daraus entstehender spezifischer Mikronährstoffmangel ist nicht belegt [11]
- Kumulative Exposition – Süßungsmittel können gleichzeitig in Getränken, Lebensmitteln, Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sein
Allein der Konsum von Süßungsmitteln begründet keine Indikation für eine routinemäßige Mikronährstoffdiagnostik (Laboruntersuchung der Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) oder Supplementierung (gezielte Einnahme von Nährstoffpräparaten). Die diagnostische Abklärung richtet sich nach Ernährungsanamnese, klinischer Symptomatik, Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und etablierten Risiken für eine unzureichende Versorgung.
Besondere Personengruppen
- Menschen mit Phenylketonurie – Aspartam und Aspartam-Acesulfam-Salz müssen wegen ihres Phenylalaningehalts gemieden werden [2, 16]
- Menschen mit Diabetes mellitus – der Ersatz zuckergesüßter Produkte kann die Kohlenhydrat- und Energiezufuhr reduzieren; die gesamte Lebensmittelzusammensetzung bleibt entscheidend [7-9]
- Menschen mit Reizdarmsyndrom oder Polyolempfindlichkeit – bei reproduzierbaren Beschwerden kann eine individuelle Begrenzung bestimmter Polyole sinnvoll sein [11]
- Kinder und Jugendliche – die Exposition ist körpergewichtsbezogen zu bewerten; zugleich sollte eine dauerhafte Prägung auf sehr stark gesüßte Lebensmittel vermieden werden [LL1]
- Schwangere – Metaanalysen überwiegend beobachtender Studien ergaben Assoziationen eines regelmäßigen Konsums niedrigkalorischer Süßungsmittel mit einzelnen maternalen (die Mutter betreffenden) und kindlichen Endpunkten, darunter Frühgeburtlichkeit (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche). Die Evidenzsicherheit war jedoch niedrig und erlaubt keinen Kausalitätsnachweis. Ein therapeutischer Nutzen einer gezielten Aufnahme ist nicht belegt [18, 19]
- Menschen mit hohem Konsum mehrerer zuckerfreier Produkte – die kumulative Exposition aus Lebensmitteln, Getränken, Tafelsüßen, Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln sollte berücksichtigt werden
Praktische ernährungsmedizinische Bewertung
Aus der verfügbaren Evidenz lassen sich folgende Grundsätze ableiten:
- Wasser und ungesüßte Getränke bleiben die bevorzugten Getränke für den regelmäßigen Konsum [LL1].
- Der Ersatz zuckergesüßter Getränke durch niedrigkalorisch bzw. nichtkalorisch gesüßte Alternativen kann als begrenzte oder übergangsweise Strategie zur Reduktion der Zucker- und Energiezufuhr eingesetzt werden [5-7].
- Bei einer bereits zuckerarmen und ungesüßten Ernährung besteht kein nachgewiesener gesundheitlicher Vorteil, zusätzlich Süßstoffe einzuführen [3-7, LL1].
- Langfristig sollte die insgesamt bevorzugte Süßintensität reduziert werden, anstatt jedes zuckerhaltige Produkt dauerhaft durch ein stark gesüßtes Ersatzprodukt zu ersetzen [LL1].
- Die Bewertung muss den konkreten Stoff, die Dosis, das Lebensmittel, den Vergleichsstoff und die individuelle klinische Situation berücksichtigen.
- Süßungsmittel dürfen weder pauschal als gesundheitsfördernd noch als toxisch, diabetogen oder kanzerogen bewertet werden.
- Eine zuckerfreie Kennzeichnung ersetzt nicht die Beurteilung von Mikronährstoffdichte, Ballaststoffen, Fettqualität, Natriumgehalt und Verarbeitungsgrad.
Fazit
Süßungsmittel bilden eine heterogene Funktionsklasse, die hochintensive Süßstoffe und volumenbildende Polyole umfasst. Zucker wie Saccharose, Glucose und Fructose sind davon rechtlich und metabolisch abzugrenzen. Eine pauschale gesundheitliche Bewertung der gesamten Stoffgruppe ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
Randomisierte kontrollierte Studien, Metaanalysen und Umbrella-Reviews zeigen einen geringen bis moderaten Nutzen für Energieaufnahme und Körpergewicht, wenn zuckergesüßte Produkte tatsächlich durch niedrigkalorisch bzw. nichtkalorisch gesüßte Alternativen ersetzt werden. Gegenüber Wasser oder einer bereits ungesüßten Ernährung besteht kein konsistenter zusätzlicher Vorteil [3-9].
Ungünstige Assoziationen aus Langzeitkohorten mit Adipositas, Diabetes mellitus, kardiovaskulären Erkrankungen und Mortalität müssen wegen reverser Kausalität, residualer Störfaktoren und unzureichend modellierter Substitutionsbedingungen vorsichtig interpretiert werden. Ein kausaler gruppenweiter Schaden ist daraus nicht abzuleiten [3-5].
Die toxikologische Sicherheit muss substanz- und expositionsspezifisch bewertet werden. Die IARC-Gefahrenklassifikation von Aspartam und die Risikobewertungen durch JECFA bzw. EFSA beantworten unterschiedliche wissenschaftliche Fragestellungen und stehen deshalb nicht im unmittelbaren Widerspruch zueinander [14-17].
Ein unmittelbarer klinisch relevanter Einfluss zugelassener Süßungsmittel auf den Mikronährstoffstatus ist derzeit nicht belegt. Die mikronährstoffmedizinische Relevanz ergibt sich vorwiegend aus der Lebensmittelmatrix, möglichen Verdrängungseffekten, der Gesamtqualität der Ernährung und der gastrointestinalen Verträglichkeit von Polyolen.
Das langfristige ernährungsmedizinische Ziel sollte daher nicht allein der Austausch von Zucker gegen andere Süßungsmittel sein, sondern eine insgesamt geringere Süßpräferenz und eine hohe Nährstoffdichte der Ernährung [LL1].
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter:
Leitlinien
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Literatur
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- European Parliament, Council of the European Union: Regulation (EU) No 1169/2011 of the European Parliament and of the Council of 25 October 2011 on the provision of food information to consumers (Text with EEA relevance). Official Journal of the European Union. 2011;L304:18-63. Konsolidierte Fassung vom 01.04.2025
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