Stabilisatoren
Stabilisatoren sind Lebensmittelzusatzstoffe, die es ermöglichen, den physikalisch-chemischen Zustand eines Lebensmittels aufrechtzuerhalten. Nach der unionsrechtlichen Definition umfasst diese Funktionsklasse insbesondere Stoffe, die eine homogene Verteilung von zwei oder mehr nicht miteinander mischbaren Bestandteilen erhalten, eine vorhandene Farbe stabilisieren, erhalten oder intensivieren oder die Bindungsfähigkeit eines Lebensmittels erhöhen [R1].
Stabilisatoren bilden keine chemisch, metabolisch (den Stoffwechsel betreffend) oder toxikologisch (die Giftwirkung betreffend) einheitliche Stoffgruppe. Zu ihnen gehören insbesondere Polysaccharide und andere Hydrokolloide mit unterschiedlichen Molekulargewichten, Ladungseigenschaften, Löslichkeiten, Gelbildungsmechanismen und Fermentierbarkeiten. Zahlreiche Stoffe können abhängig von Lebensmittelmatrix und Verwendungszweck zugleich als Stabilisatoren, Verdickungsmittel, Geliermittel oder Emulgatoren eingesetzt werden [R1, 1, 2].
Eine gesundheitliche Bewertung der gesamten Funktionsklasse ist daher wissenschaftlich nicht möglich. Sie muss substanz-, dosis-, matrix-, expositions- und populationsspezifisch erfolgen. In der für diesen Artikel ausgewerteten Literatur wurde keine substanzübergreifende Metaanalyse (statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) klinischer Gesundheitsendpunkte (patientenrelevanter Untersuchungsergebnisse) für die Funktionsklasse der Stabilisatoren identifiziert. Die Bewertung beruht deshalb auf regulatorischen Risikobewertungen, Reviews, mechanistischen Untersuchungen und wenigen kontrollierten Humanstudien [4-16].
Physikochemische Grundlagen
Viele Lebensmittel sind mehrphasige Systeme aus Wasser, Fett, Gasblasen, Proteinen, Kohlenhydraten, Mineralstoffen und suspendierten Feststoffpartikeln. Ohne stabilisierende Maßnahmen können während der Herstellung und Lagerung Sedimentation, Aufrahmung, Partikelaggregation, Koaleszenz, Synärese, Kristallwachstum oder eine makroskopische Phasentrennung auftreten [1, 2].
Viele Stabilisatoren gehören zu den Hydrokolloiden. Dabei handelt es sich überwiegend um hochmolekulare hydrophile Polymere, die in Wasser dispergieren, quellen oder sich lösen. Bereits bei niedrigen Konzentrationen können sie die Rheologie, Textur und physikalische Stabilität eines Lebensmittels wesentlich beeinflussen [1, 2].
Die stabilisierende Wirkung kann insbesondere auf folgenden Mechanismen beruhen:
- Viskositätserhöhung – Verminderung der Beweglichkeit und Sedimentationsgeschwindigkeit dispergierter Partikel oder Tröpfchen [1, 2]
- Gelbildung – Ausbildung eines dreidimensionalen Netzwerks, das Wasser und weitere Bestandteile immobilisiert [1, 2]
- Wasserbindung – Begrenzung von Flüssigkeitsaustritt, Synärese und Austrocknung [1, 2]
- Stabilisierung dispergierter Phasen – Verminderung der Aggregation oder Koaleszenz von Partikeln und Tröpfchen [1, 2]
- Protein-Polysaccharid-Wechselwirkungen – Beeinflussung der Stabilität von Milch-, Pflanzenprotein-, Schaum- und Emulsionssystemen [1, 2]
- Kontrolle der Kristallisation – Begrenzung des Wachstums von Eis-, Zucker- oder Fettkristallen [1]
- Stabilisierung von Suspensionen – gleichmäßige Verteilung unlöslicher Bestandteile in flüssigen oder halbflüssigen Lebensmitteln [1, 2]
Die Wirkung wird nicht allein durch die eingesetzte Konzentration bestimmt. Relevant sind zudem Molekulargewicht, Ladungsdichte, Verzweigungs- und Substitutionsgrad, Hydratationsgeschwindigkeit, Temperatur, pH-Wert, Ionenstärke, Calciumgehalt, Zucker- und Proteinkonzentration sowie die mechanische und thermische Verarbeitung [1, 2].
Unterschiedliche Hydrokolloide können synergistisch oder antagonistisch interagieren. Deshalb lassen sich Ergebnisse zu einem isolierten Stoff nicht ohne Weiteres auf eine Kombination mehrerer Zusatzstoffe oder auf ein konkretes Lebensmittel übertragen [1, 2].
Lebensmitteltechnologisch relevante Stoffgruppen
| Stoffgruppe | E-Nummern | Vorwiegende technologische Eigenschaften |
|---|---|---|
| Algininsäure, Alginate und Propylenglykolalginat | E 400-E 405 | Viskositätserhöhung, Wasserbindung sowie ionenabhängige Gel- und Netzwerkbildung [1, 2] |
| Agar | E 406 | Ausbildung thermoreversibler Gele und Immobilisierung der wässrigen Phase [1, 2] |
| Carrageen und verarbeitete Eucheuma-Algen | E 407 und E 407a | Gelbildung, Viskositätserhöhung sowie Wechselwirkungen mit Proteinen und Kationen [1, 2, 4] |
| Johannisbrotkernmehl und Guarkernmehl | E 410 und E 412 | Wasserbindung, Viskositätserhöhung und Wechselwirkungen mit weiteren Hydrokolloiden [1, 2, 6, 10] |
| Xanthan und Gellan | E 415 und E 418 | Stabilisierung von Suspensionen, Viskositätserhöhung und teilweise ionenabhängige Gelbildung [1, 2] |
| Pektine | E 440i und E 440ii | Zucker-, säure- oder calciumabhängige Gelbildung sowie Stabilisierung angesäuerter Systeme [1, 2, 7, 8] |
| Cellulosen und Cellulosederivate | E 460-E 466, E 468 und E 469 | Wasserbindung, Viskositätserhöhung sowie Stabilisierung von Suspensionen, Schäumen und mehrphasigen Lebensmitteln [1, 2, 5, 9] |
Die Tabelle stellt eine Auswahl technologisch relevanter Stoffgruppen dar. Die Zulassung eines Stoffes bedeutet nicht, dass er in allen Lebensmitteln oder in beliebiger Menge verwendet werden darf. Maßgeblich sind die in den unionsrechtlichen Positivlisten festgelegten Lebensmittelkategorien, Höchstmengen, besonderen Verwendungsbedingungen oder die Zulassung nach dem Prinzip quantum satis [R1].
Regulatorische und toxikologische Bewertung
Die Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen in der Europäischen Union richtet sich insbesondere nach der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008. Voraussetzung einer Zulassung ist, dass bei der vorgesehenen Verwendung kein Sicherheitsproblem für die Gesundheit erkennbar ist, eine hinreichende technologische Notwendigkeit besteht und die Verbraucher nicht irregeführt werden [R1].
Die Verordnung (EU) Nr. 231/2012 enthält substanzspezifische Anforderungen an Identität und Reinheit. Dazu gehören abhängig vom Zusatzstoff Anforderungen an Herstellung, chemische Zusammensetzung, Molekulargewichtsverteilung, Wassergehalt, Reststoffe sowie Grenzwerte für toxische Elemente und weitere Verunreinigungen [R2].
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bewertet Zusatzstoffe einzeln oder innerhalb ausreichend vergleichbarer chemischer Gruppen. Berücksichtigt werden unter anderem chemische Charakterisierung, Expositionsschätzungen, Resorption (Aufnahme in den Körper), Verteilung, Metabolismus, Ausscheidung, Genotoxizität (Schädigung des Erbguts), subchronische und chronische Toxizität (Giftwirkung bei mittelfristiger bzw. langfristiger Belastung), Karzinogenität (krebserzeugende Wirkung) sowie Reproduktions- und Entwicklungstoxizität (Schädigung von Fortpflanzung und Entwicklung) [4-10].
Für Cellulosen und bestimmte Cellulosederivate kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zu dem Ergebnis, dass für die bewerteten Verwendungen und Verwendungsmengen keine numerische akzeptable tägliche Aufnahmemenge erforderlich ist und kein Sicherheitsproblem besteht [5]. Diese Schlussfolgerung gilt ausschließlich für die bewerteten Stoffe, Spezifikationen, Expositionsannahmen und Verwendungsbedingungen.
Auch für Guarkernmehl sowie Pektin und amidiertes Pektin wurde für die Allgemeinbevölkerung keine numerische akzeptable tägliche Aufnahmemenge als erforderlich angesehen. Unter den geprüften Verwendungsbedingungen wurde kein allgemeines Sicherheitsproblem festgestellt [6, 7].
Bei Carrageen und verarbeiteten Eucheuma-Algen identifizierte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Unsicherheiten insbesondere hinsichtlich der Expositionsschätzung, der Molekulargewichtsverteilung und möglicher niedrigmolekularer Bestandteile. Daraus wurden Anforderungen an zusätzliche Daten und eine Präzisierung der Spezifikationen abgeleitet [4].
Lebensmitteltaugliches Carrageen muss von Poligeenan abgegrenzt werden. Poligeenan ist ein durch intensive Säurebehandlung stark abgebautes, niedrigmolekulares Material und kein zugelassener Lebensmittelzusatzstoff. Befunde zu Poligeenan dürfen daher nicht undifferenziert auf spezifikationsgerechtes Carrageen übertragen werden [4, 13].
Für Säuglinge unter 16 Wochen wurden gesonderte Folgebewertungen unter anderem für Pektine, Natriumcarboxymethylcellulose und Guarkernmehl durchgeführt [8-10]. Diese Bewertungen zeigen, dass Schlussfolgerungen für die Allgemeinbevölkerung nicht ungeprüft auf Säuglinge, medizinische Spezialnahrungen oder andere besonders vulnerable Gruppen (besonders gefährdete Personengruppen) übertragen werden dürfen.
Eine E-Nummer ist kein Gefahrenkennzeichen. Sie dokumentiert die regulatorische Identifizierung und Zulassung eines Zusatzstoffes. Die regulatorische Sicherheit unter den zugelassenen Bedingungen ist jedoch von der ernährungsphysiologischen Gesamtqualität des Lebensmittels und von möglichen individuellen Unverträglichkeiten zu unterscheiden [R1, 4-10].
Verdauung, Fermentation und gastrointestinale Verträglichkeit (Verträglichkeit im Magen-Darm-Bereich)
Viele hydrokolloidale Stabilisatoren werden durch humane Verdauungsenzyme nicht oder nur begrenzt hydrolysiert (chemisch gespalten). Sie können deshalb den Dickdarm erreichen und dort abhängig von ihrer chemischen Struktur mikrobiell fermentiert oder weitgehend unverändert ausgeschieden werden [5-7, 12].
Die Fermentierbarkeit unterscheidet sich erheblich zwischen den einzelnen Substanzen. Guarkernmehl und Pektine können in relevantem Umfang mikrobiell abgebaut werden. Unmodifizierte und modifizierte Cellulosen weisen abhängig von Molekularstruktur und Substitutionsgrad eine geringere oder variable Fermentierbarkeit auf [5-7, 12].
Bei der Fermentation können kurzkettige Fettsäuren und Gase entstehen. Die resultierenden Wirkungen hängen von Substanz, Dosis, Adaptation, Lebensmittelmatrix und individueller Zusammensetzung der Darmmikrobiota (Gesamtheit der Darmmikroorganismen) ab. Eine stärkere Fermentierbarkeit ist deshalb weder grundsätzlich günstig noch grundsätzlich nachteilig zu bewerten [12].
Höhere Aufnahmemengen viskoser oder fermentierbarer Hydrokolloide können bei empfindlichen Personen Blähungen, abdominelles Druckgefühl (Druckgefühl im Bauch) und Veränderungen der Stuhlkonsistenz verursachen. Dosisabhängige gastrointestinale Beschwerden sind nicht mit einer toxischen oder immunologischen Reaktion gleichzusetzen [5-10].
Bedeutung für die Mikronährstoffmedizin
Stabilisatoren können in mit Mikronährstoffen angereicherten Lebensmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und bilanzierten Diäten eine technologisch relevante Funktion erfüllen. Durch die Stabilisierung von Suspensionen und mehrphasigen Systemen können sie das Absinken schwer löslicher Mineralstoffverbindungen, die Entmischung lipophiler Komponenten oder eine ungleichmäßige Verteilung der Inhaltsstoffe begrenzen [1-3].
Eine homogene Verteilung kann insbesondere bei flüssigen oder halbflüssigen Produkten dazu beitragen, dass eine verzehrte Portion der vorgesehenen Zusammensetzung des Gesamtprodukts entspricht. Dies ist ein technologischer Vorteil, jedoch kein Nachweis eines zusätzlichen gesundheitlichen Nutzens des Stabilisators.
Hydrokolloide und die durch sie erzeugte Lebensmittelmikrostruktur können die Freisetzung, Solubilisierung (Überführung in eine lösliche Form), enzymatische Zugänglichkeit und Biozugänglichkeit (Anteil eines Stoffes, der im Verdauungstrakt für die Aufnahme verfügbar wird) von Nährstoffen beeinflussen. Dies betrifft in experimentellen Modellen insbesondere Lipide, fettlösliche Vitamine und weitere hydrophobe bioaktive Substanzen [3].
Die Richtung des Effekts ist nicht einheitlich. Abhängig von Struktur, Konzentration und Matrix können Hydrokolloide die Freisetzung eines Inhaltsstoffes verzögern, dessen Schutz während Verarbeitung und Verdauung verbessern oder dessen Kontakt mit Verdauungsenzymen und gemischten Mizellen (kleinen Transportstrukturen aus Fett- und Gallensäurebestandteilen) vermindern [3].
Anionische Hydrokolloide können in Modellsystemen mit Calciumionen oder anderen Bestandteilen des Verdauungsmilieus interagieren. Ob daraus eine klinisch relevante Veränderung der Mineralstoffresorption entsteht, hängt von Bindungsstärke, Dosis, pH-Wert, Verdauung, Fermentation und Gesamtmatrix ab. Eine in vitro nachgewiesene Bindung ist daher nicht mit einer verminderten systemischen Bioverfügbarkeit (im Körper tatsächlich verfügbaren Menge) oder einem Mikronährstoffmangel gleichzusetzen [3].
Mechanistische und formulierungstechnische Befunde dürfen nicht unmittelbar mit einer verbesserten oder verminderten systemischen Bioverfügbarkeit gleichgesetzt werden. Für eine klinische Beurteilung sind substanz- und formulierungsspezifische Humanstudien mit validierten Biomarkern (messbaren biologischen Kennwerten) oder pharmakokinetischen Endpunkten (Messgrößen zu Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung eines Stoffes) erforderlich [3].
In der für diesen Artikel ausgewerteten Literatur wurden keine belastbaren klinischen Humanstudien identifiziert, die bei üblicher Exposition einen generellen kausalen Zusammenhang zwischen zugelassenen Stabilisatoren und Vitamin- oder Mineralstoffmangel belegen. Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass jede mögliche Wechselwirkung in jeder Rezeptur ausgeschlossen ist.
Bei bilanzierten Diäten, Säuglingsnahrungen und weiteren Produkten mit hoher klinischer Relevanz sind daher die Homogenität, Lagerstabilität und formulierungsspezifische Bioverfügbarkeit des Gesamtprodukts zu bewerten. Die isolierte Anwesenheit eines Stabilisators erlaubt keine Aussage über die tatsächliche Mikronährstoffversorgung.
Darmmikrobiota und intestinale Barriere (Schutzbarriere der Darmwand)
Reviews beschreiben mögliche Wirkungen einzelner Lebensmittelzusatzstoffe auf Darmmikrobiota, Mukusschicht (Schleimschicht), intestinale Barriere und Immunantwort (Reaktion des Abwehrsystems). Die Evidenz zu hydrokolloidalen Stabilisatoren stammt jedoch überwiegend aus Zellkultur-, In-vitro- und Tiermodellen. Kontrollierte Humanstudien sind selten und kurzzeitig [11-16].
Besonders häufig wurden Carboxymethylcellulose und Carrageen untersucht. Präklinisch (in Labor- oder Tiermodellen vor Untersuchungen am Menschen) wurden unter bestimmten Versuchsbedingungen Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung, der Mukusschicht, mikrobieller Metabolite, der intestinalen Permeabilität und entzündungsbezogener Signalwege beobachtet [11-14].
Diese Ergebnisse dürfen nicht auf sämtliche Stabilisatoren übertragen werden. Hydrokolloide unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Molekulargewicht, Ladung, Oberflächenaktivität, Fermentierbarkeit und Interaktion mit Proteinen, Lipiden, Gallensäuren und Mikroorganismen [1, 12].
Die Übertragbarkeit präklinischer Untersuchungen wird häufig durch hohe Versuchskonzentrationen, fehlende realistische Lebensmittelmatrizes, kurze Expositionszeiten und speziesabhängige Unterschiede der Darmmikrobiota begrenzt. Präklinische Befunde begründen mechanistische Hypothesen, beweisen jedoch keine klinische Erkrankungsursache beim Menschen [11-14].
Kontrollierte Humanstudien
In einer kontrollierten Ernährungsstudie erhielten 16 gesunde Erwachsene elf Tage lang entweder eine zusatzstofffreie Kontrolldiät oder dieselbe Diät mit täglich 15 g Carboxymethylcellulose. Unter Carboxymethylcellulose wurden Veränderungen der Zusammensetzung und Funktion der Darmmikrobiota, Veränderungen des Metaboloms (Gesamtheit der Stoffwechselprodukte) sowie eine moderate Zunahme postprandialer abdominaler Beschwerden beobachtet. Die Reaktionen unterschieden sich deutlich zwischen den einzelnen Personen [14].
Die Aussagekraft der Studie ist durch die kleine Stichprobe, die kurze Interventionsdauer und die hohe experimentelle Dosis begrenzt. Die Ergebnisse belegen weder ein langfristiges Erkrankungsrisiko noch einen Klasseneffekt anderer Cellulosederivate oder Stabilisatoren [14].
Eine randomisierte (nach dem Zufallsprinzip zugeteilte), placebokontrollierte (mit einer Scheinbehandlung als Vergleich) Cross-over-Pilotstudie (kleine Vorstudie mit wechselnder Behandlungsreihenfolge) untersuchte sieben Personen mit klinisch ruhiger Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Erkrankung des Dickdarms). Nach einer jeweils siebentägigen Zufuhr von hochmolekularem Carrageen oder einer betaglucanhaltigen Vergleichszubereitung bestanden keine statistisch signifikanten Unterschiede der klinischen Krankheitsaktivität (Ausmaß der aktuellen Erkrankung) oder der untersuchten biochemischen Marker (messbaren biologischen Laborwerte) [15].
Aufgrund der sehr kleinen Stichprobe, der kurzen Expositionsdauer und des Pilotcharakters kann aus dieser Studie weder ein langfristiger Sicherheitsnachweis noch ein belastbarer Ausschluss individueller Wirkungen abgeleitet werden [15].
Eine 2026 publizierte doppelblinde, placebokontrollierte randomisierte Pilotstudie untersuchte 60 gesunde Erwachsene. Nach einer zweiwöchigen Ernährung ohne die geprüften Zusatzstoffe erhielten die Teilnehmer vier Wochen lang Carboxymethylcellulose, Polysorbat 80, Carrageen, Sojalecithin, native Reisstärke oder Placebo [16].
Zwischen den Gruppen wurden keine signifikanten Unterschiede der untersuchten Marker für intestinale oder systemische Entzündung (Entzündung im gesamten Körper) und keine konsistenten Veränderungen metabolischer Endpunkte (Messgrößen des Stoffwechsels) festgestellt. Gegenüber Placebo waren unter Carboxymethylcellulose die Konzentrationen kurzkettiger Fettsäuren vermindert. Ähnliche Tendenzen bestanden bei weiteren Zusatzstoffen, erreichten jedoch nicht durchgehend statistische Signifikanz [16].
Unter Carrageen nahm die transzelluläre intestinale Permeabilität (Durchlässigkeit der Darmwand durch die Zellen hindurch) gegenüber dem individuellen Ausgangswert zu. Ein gesicherter Unterschied gegenüber Placebo wurde für diesen Endpunkt nicht nachgewiesen [16].
Wegen der kleinen Interventionsgruppen, der kurzen Dauer und des explorativen Designs sind diese Ergebnisse hypothesengenerierend. Sie ermöglichen keine Quantifizierung langfristiger klinischer Risiken und keinen Rückschluss auf einen einheitlichen Effekt sämtlicher Stabilisatoren [16].
Stabilisatoren und hochverarbeitete Lebensmittel
Stabilisatoren werden häufig in hochverarbeiteten Lebensmitteln eingesetzt. Epidemiologische Zusammenhänge zwischen dem Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel und gastrointestinalen oder metabolischen Erkrankungen können jedoch nicht ohne Weiteres einzelnen Zusatzstoffen zugeschrieben werden [11].
Hochverarbeitete Lebensmittel unterscheiden sich gleichzeitig hinsichtlich Energiedichte, Lebensmittelstruktur, Zucker-, Fett-, Natrium- und Ballaststoffgehalt, Essgeschwindigkeit, Sättigungswirkung, Verpackung und Kombination zahlreicher Zusatzstoffe. Diese Einflussgrößen lassen sich in Beobachtungsstudien nur unvollständig voneinander trennen [11].
Die Exposition gegenüber einem Stabilisator kann daher ein Marker für bestimmte Lebensmittelgruppen und Ernährungsmuster sein, ohne selbst die Ursache eines beobachteten Erkrankungsrisikos zu bilden. Substanzspezifische Wirkungen werden durch diese Konfundierung (Verzerrung durch zusätzliche Einflussfaktoren) jedoch nicht ausgeschlossen [11].
Ernährungsmedizinische Bewertung
Eine pauschale Empfehlung zur vollständigen Meidung sämtlicher Stabilisatoren ist durch die gegenwärtige Evidenz nicht gedeckt. Die Anzahl der E-Nummern auf einem Lebensmittel erlaubt keine zuverlässige toxikologische oder ernährungsmedizinische Gesamtbewertung.
Für die individuelle Beurteilung sind insbesondere folgende Aspekte relevant:
- konkreter Zusatzstoff und dessen technologische Funktion
- Verzehrmenge und Verzehrhäufigkeit der betreffenden Lebensmittel
- Gesamtexposition aus unterschiedlichen Produkten
- Lebensmittelmatrix und Kombination mit weiteren Zusatzstoffen
- ernährungsphysiologische Qualität des gesamten Lebensmittels
- Alter und besondere Vulnerabilität
- bestehende gastrointestinale Beschwerden oder Erkrankungen
- Risiko einer unnötigen Einschränkung der Lebensmittelauswahl und Nährstoffzufuhr
Bei reproduzierbaren gastrointestinalen Beschwerden kann eine zeitlich begrenzte strukturierte Eliminations- und Reexpositionsphase (Phase des Weglassens und anschließenden erneuten Einführens) unter ärztlicher oder ökotrophologischer Begleitung erwogen werden. Da dabei meist gleichzeitig mehrere Lebensmittelbestandteile verändert werden, ist ein ursächlicher Rückschluss auf einen einzelnen Stabilisator häufig nicht möglich.
Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (lang andauernden entzündlichen Erkrankungen des Darms) darf eine stabilisatorarme Ernährung keine leitliniengerechte medikamentöse, endoskopische (mittels Spiegelungsuntersuchung durchgeführte), chirurgische oder ernährungsmedizinische Therapie ersetzen. Die aktuelle Humanstudienevidenz reicht nicht für eine generelle therapeutische Empfehlung zur Meidung sämtlicher Stabilisatoren aus [11, 14-16].
Fazit
Stabilisatoren sind eine technologisch definierte, chemisch und biologisch heterogene Gruppe von Lebensmittelzusatzstoffen. Sie erhalten den physikalisch-chemischen Zustand komplexer Lebensmittel, indem sie unter anderem Viskosität, Gelstruktur, Wasserbindung, Partikelverteilung, Proteininteraktionen und Kristallisation beeinflussen [R1, 1, 2].
Für die Mikronährstoffmedizin können Stabilisatoren die homogene Verteilung und physikalische Stabilität von Mikronährstoffen in komplexen Lebensmittelmatrizes unterstützen. Ihre Wirkung auf Freisetzung und Biozugänglichkeit ist jedoch stark von Substanz, Konzentration und Rezeptur abhängig. Eine technologische Stabilisierung ist nicht mit einer nachgewiesenen Verbesserung der systemischen Bioverfügbarkeit oder des Mikronährstoffstatus gleichzusetzen [3].
Die regulatorische Sicherheitsbewertung erfolgt substanzspezifisch. Für mehrere verbreitete Hydrokolloide wurde unter den bewerteten Verwendungsbedingungen kein allgemeines Sicherheitsproblem festgestellt. Bei einzelnen Stoffen und besonders vulnerablen Populationen bestehen jedoch Datenlücken oder zusätzliche Anforderungen an Spezifikation und Expositionsbewertung [4-10].
Präklinische und erste kontrollierte Humanstudien zeigen, dass einzelne Stabilisatoren die Darmmikrobiota, mikrobielle Metabolite oder Parameter der intestinalen Barriere beeinflussen können. Die Humanstudienevidenz ist jedoch kurzzeitig und für langfristige klinische Endpunkte unzureichend. Ein einheitlicher schädlicher Klasseneffekt sämtlicher Stabilisatoren ist nicht belegt [11-16].
Die ernährungsmedizinische Bewertung sollte sich daher auf den konkreten Zusatzstoff, die Exposition, die Lebensmittelmatrix, das gesamte Ernährungsmuster und die individuelle Verträglichkeit stützen. Eine pauschale Gleichsetzung von Stabilisatoren mit gesundheitsschädlichen oder mikronährstoffmindernden Substanzen ist durch die verfügbare Evidenz nicht gerechtfertigt.
Rechtsgrundlagen
- [R1] European Parliament and Council: Regulation (EC) No 1333/2008 of the European Parliament and of the Council of 16 December 2008 on food additives. Konsolidierte Fassung vom 18. Februar 2026. EUR-Lex
- [R2] European Commission: Commission Regulation (EU) No 231/2012 of 9 March 2012 laying down specifications for food additives listed in Annexes II and III to Regulation (EC) No 1333/2008 of the European Parliament and of the Council. Konsolidierte Fassung vom 9. Mai 2026. EUR-Lex
Literatur
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