Cortisol-Tagesprofil
Cortisol-Tagesprofil ist die serielle Bestimmung von Cortisol zu mehreren Zeitpunkten innerhalb von 24 Stunden zur Beurteilung der zirkadianen Cortisolsekretion (tageszeitlicher Hormonrhythmus).
In der klinischen Labordiagnostik wird es heute vor allem ergänzend in spezialdiagnostischen Fragestellungen eingesetzt, insbesondere zur Dokumentation einer aufgehobenen Tagesrhythmik bei Verdacht auf endogenen Hypercortisolismus (krankhaft erhöhter Cortisolspiegel aus dem Körper selbst) oder in ausgewählten Verlaufskontrollen. Als primäre Screeningtests bei Verdacht auf Cushing-Syndrom (Erkrankung mit dauerhaft erhöhtem Cortisolspiegel) werden heute jedoch vor allem das Spätabend-Speichelcortisol, der 1-mg-Dexamethason-Hemmtest und das freie Cortisol im 24-Stunden-Urin empfohlen [1-4].
Synonyme
- Cortisol-Tageskurve
- Diurnales Cortisolprofil
- Zirkadianes Cortisolprofil
- Serielle Cortisolbestimmung
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Alternativ in spezialdiagnostischen Fragestellungen Speichel, insbesondere für Spätabend-/Mitternachtsmessungen
- Vorbereitung des Patienten
- Dokumentation der Entnahmezeitpunkte ist obligat
- Möglichst standardisierte Bedingungen mit regulärem Schlaf-Wach-Rhythmus
- Körperlicher und psychischer Stress vor und während der Probengewinnung möglichst vermeiden
- Exogene Glucocorticoide (von außen zugeführte cortisonähnliche Medikamente) müssen anamnestisch erfasst und bei der Interpretation berücksichtigt werden
- Bei Speichelcortisol keine Nahrungsaufnahme, kein Zähneputzen und kein Rauchen unmittelbar vor der Probengewinnung
- Störfaktoren
- Stress, Schmerz, Schlafmangel, Schichtarbeit und Jetlag
- Akute Erkrankungen, Fieber, Operationen und Traumata
- Depression (schwere psychische Erkrankung mit anhaltender Niedergeschlagenheit), Alkoholkrankheit, Adipositas (starkes Übergewicht) und weitere Zustände eines nicht neoplastischen Hypercortisolismus
- Schwangerschaft und Östrogentherapie/Kontrazeptiva mit Erhöhung des Cortisol-bindenden Globulins bei Serumtests
- Exogene Glucocorticoide einschließlich inhalativer, topischer und intraartikulärer Applikation
- Methodenspezifische Interferenzen, insbesondere bei Immunoassays
- Methode
- Immunoassay oder Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS)
- Bei Speichelproben wird freies Cortisol erfasst; Serumtests messen je nach Methode Gesamtcortisol
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Zeitpunkt | Referenzbereich/erwartete Konstellation |
| Erwachsene, 07:00-09:00 Uhr | Tagesmaximum; methoden- und laborabhängiger Referenzbereich |
| Erwachsene, später Vormittag/Mittag | Physiologischer Abfall gegenüber dem Morgenwert |
| Erwachsene, Spätnachmittag/Abend | Weiterer deutlicher Abfall |
| Erwachsene, 23:00-24:00 Uhr | Nadir (tiefster Tageswert); besonders aussagekräftig bei Speichelcortisol, Cut-offs methodenabhängig |
Für serielle Serum-Cortisol-Tagesprofile existieren keine einheitlichen, methodenübergreifend validen numerischen Referenzwerte. Die Interpretation erfolgt primär anhand des erhaltenen oder aufgehobenen zirkadianen Abfalls sowie unter Berücksichtigung des verwendeten Assays und der klinischen Fragestellung [1-4].
Indikationen
- Ergänzende Beurteilung der zirkadianen Cortisolrhythmik bei Verdacht auf endogenen Hypercortisolismus
- Spezialdiagnostische Einordnung unklarer oder diskordanter Cortisolbefunde
- Ausgewählte Verlaufskontrollen in der spezialisierten Endokrinologie (Lehre von den Hormonen)
- In Einzelfällen ergänzende Beurteilung bei Verdacht auf zyklischen Hypercortisolismus
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Fehlender oder unzureichender Abfall in den Abend- und Nachtstunden spricht für eine aufgehobene Tagesrhythmik
- Endogener Hypercortisolismus/Cushing-Syndrom
- Nicht neoplastischer Hypercortisolismus (früher Pseudo-Cushing), z. B. bei Alkoholkrankheit, schwerer Depression, Adipositas oder akuter schwerer Erkrankung
- Serum-Gesamtcortisol kann bei erhöhter Konzentration des Cortisol-bindenden Globulins, z. B. unter Östrogentherapie oder in der Schwangerschaft, erhöht sein
- Erniedrigte Werte
- Niedriges Morgenserumcortisol kann mit einer Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennieren) vereinbar sein
- Globale Erniedrigung der Werte unter exogener Glucocorticoidtherapie beziehungsweise nach Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (übergeordnete hormonelle Steuerkette)
- Ein isoliert pathologisches Tagesprofil ist zur Diagnose einer Nebenniereninsuffizienz nicht ausreichend
- Spezifische Konstellationen
- Bei Verdacht auf Hypercortisolismus ist die Mitternachts- beziehungsweise Spätabendbestimmung diagnostisch aussagekräftiger als serielle Tagesmessungen am Tage
- Bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz ist das Morgenserumcortisol klinisch relevanter als ein Tagesprofil; bei intermediären Werten ist ein dynamischer Funktionstest erforderlich
Weiterführende Diagnostik
- Bei Verdacht auf Hypercortisolismus:
- Spätabend-Speichelcortisol, möglichst zweimal
- 1-mg-Dexamethason-Hemmtest
- Freies Cortisol im 24-Stunden-Urin, möglichst zweimal
- ACTH (Hormon der Hirnanhangsdrüse zur Steuerung der Cortisolproduktion) zur Differenzierung ACTH-abhängiger und ACTH-unabhängiger Formen
- Bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz:
- Morgenserumcortisol
- ACTH
- ACTH-Kurztest (Synacthen-Test) bei unklarer basaler Konstellation
Literatur
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