Fibroblast Growth Factor 23 (FGF23)

Fibroblast Growth Factor 23 (FGF23) ist ein überwiegend von Osteozyten (Knochenzellen) und Osteoblasten (knochenbildenden Zellen) gebildetes phosphaturisches Hormon (phosphatausscheidungsförderndes Hormon). Es reguliert den Phosphat- und Vitamin-D-Stoffwechsel, indem es in der Niere die tubuläre Phosphatrückresorption (Rückaufnahme von Phosphat in den Nierenkanälchen) vermindert, die renale 1α-Hydroxylase (Nierenenzym) hemmt und dadurch die Bildung von Calcitriol (1,25-Dihydroxyvitamin D) reduziert.

FGF23 wird in der klinischen Labordiagnostik zur Abklärung von Störungen des Phosphatstoffwechsels eingesetzt, insbesondere bei chronischer Hypophosphatämie (zu niedrigem Phosphatspiegel), FGF23-vermittelten Phosphatverlustsyndromen (Erkrankungen mit Phosphatverlust), tumorinduzierter (durch einen Tumor verursachter) Osteomalazie (Knochenerweichung) (TIO) und hereditären (erblichen) hypophosphatämischen Rachitis-/Osteomalazieformen. Die Interpretation muss stets im Kontext von Serumphosphat, renaler Phosphatausscheidung (Phosphatausscheidung über die Niere), Parathormon (PTH), Calcitriol, Calcium und Nierenfunktion erfolgen.

Synonyme

  • FGF23
  • FGF-23
  • Fibroblast Growth Factor 23
  • Fibroblasten-Wachstumsfaktor 23
  • Phosphatonin

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • EDTA-Plasma (Blutplasma mit Gerinnungshemmer), bei vielen Testsystemen bevorzugtes Material
  • Serum (Blutflüssigkeit), nur bei entsprechend validiertem Testsystem
  • Bei Spezialdiagnostik gegebenenfalls parallele Bestimmung von Serumphosphat, Calcium, Kreatinin, Parathormon (PTH), 25-Hydroxyvitamin D und Calcitriol (1,25-Dihydroxyvitamin D)

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung zwingend erforderlich
  • Nüchternblutabnahme (Blutentnahme ohne vorherige Nahrungsaufnahme) am Morgen empfehlenswert, wenn gleichzeitig Phosphat, Calcium, Parathormon (PTH), Vitamin-D-Metabolite oder renale Phosphatausscheidung beurteilt werden
  • Aktuelle Medikation (Medikamenteinnahme) dokumentieren, insbesondere Phosphatpräparate, aktives Vitamin D, Vitamin-D-Präparate, Diuretika (Entwässerungsmittel), Eisenpräparate, intravenöse (in die Vene verabreichte) Eisenpräparate, Antazida (säurebindende Medikamente) und Burosumab
  • Bei Verdacht auf FGF23-vermittelte Hypophosphatämie sollte die Blutentnahme möglichst zusammen mit Serumphosphat und Urinphosphat erfolgen

Störfaktoren

  • Präanalytische Störfaktoren
    • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (Fetttrübung) und Ikterus (Gelbsucht) können abhängig vom Testsystem die Messung beeinflussen.
    • Verzögerte Probenverarbeitung, ungeeignete Lagerung und wiederholtes Einfrieren/Auftauen können insbesondere intaktes FGF23 verfälschen.
    • Intaktes FGF23 (iFGF23) ist präanalytisch (vor der Messung) empfindlicher als C-terminales FGF23 (cFGF23).
    • Die Stabilitätsvorgaben des jeweiligen Labors sind verbindlich.
  • Analytische und biologische Störfaktoren
    • Ergebnisse von intaktem FGF23 und C-terminalem FGF23 sind nicht direkt austauschbar.
    • Referenzbereiche und diagnostische Grenzwerte sind methodenabhängig.
    • Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) führt häufig zu erhöhten FGF23-Werten und erschwert die Interpretation im Rahmen einer Hypophosphatämie.
    • Entzündung und Eisenmangel können insbesondere C-terminales FGF23 erhöhen.
    • Bestimmte intravenöse Eisenpräparate können FGF23-vermittelte Hypophosphatämien auslösen oder verstärken.
    • Burosumab bindet FGF23 und kann FGF23-Messungen assayabhängig beeinflussen; unter Burosumab ist die FGF23-Konzentration nicht zur Steuerung der Therapie geeignet.

Methode

  • Immunoassay (Antikörpertest), meist Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA)
  • Chemilumineszenz-Immunoassay (lichtsignalbasierter Antikörpertest) bei bestimmten Testsystemen
  • Unterscheidung zwischen intaktem FGF23 (iFGF23) und C-terminalem FGF23 (cFGF23)
  • Intaktes FGF23 erfasst das biologisch aktive Vollmolekül.
  • C-terminales FGF23 erfasst intaktes FGF23 und C-terminale Fragmente; dadurch können Werte bei erhöhter FGF23-Produktion und vermehrter FGF23-Spaltung abweichen.

Normbereiche (je nach Labor)

Parameter/Situation Referenzbereich/Bewertungsbereich
Intaktes FGF23 (iFGF23) Kein universeller Referenzbereich; häufig etwa 10-50 pg/ml, assay- und laborabhängig
C-terminales FGF23 (cFGF23) Kein universeller Referenzbereich; Angabe meist in RU/ml, assay- und laborabhängig
Hypophosphatämie mit inadäquat normalem oder erhöhtem iFGF23 Hinweis auf FGF23-vermittelte Hypophosphatämie; diagnostische Schwellenwerte sind methodenabhängig
Chronische Hypophosphatämie mit iFGF23 oberhalb des unteren diagnostischen Entscheidungsbereichs Vereinbar mit FGF23-vermittelter Hypophosphatämie, sofern renaler Phosphatverlust vorliegt
Chronische Hypophosphatämie mit niedrigem oder supprimiertem FGF23 Spricht gegen eine primär FGF23-vermittelte Ursache und für FGF23-unabhängige Ursachen
Chronische Nierenerkrankung FGF23 häufig früh und deutlich erhöht; keine isolierte diagnostische Bewertung ohne eGFR, Phosphat, Calcium, Parathormon (PTH) und Vitamin-D-Status

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Bei Hypophosphatämie ist nicht allein der absolute FGF23-Wert entscheidend, sondern ob FGF23 im Verhältnis zum erniedrigten Serumphosphat inadäquat normal oder erhöht ist.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Abklärung einer chronischen Hypophosphatämie
  • Differentialdiagnostik (Unterscheidung ähnlicher Erkrankungen) zwischen FGF23-vermittelter und FGF23-unabhängiger Hypophosphatämie
  • Verdacht auf tumorinduzierte Osteomalazie (TIO)
  • Verdacht auf X-chromosomale (über das X-Chromosom vererbte) hypophosphatämische Rachitis (Knochenerweichung im Kindesalter) (XLH)
  • Verdacht auf autosomal-dominante (dominant vererbte) hypophosphatämische Rachitis (ADHR)
  • Verdacht auf autosomal-rezessive (rezessiv vererbte) hypophosphatämische Rachitis (ARHR)
  • Verdacht auf FGF23-vermittelten Phosphatverlust bei fibröser Dysplasie (Knochenentwicklungsstörung)/McCune-Albright-Syndrom (angeborenes Syndrom mit Knochen- und Hormonstörungen)
  • Abklärung einer Osteomalazie, Rachitis, Frakturhäufung (gehäufte Knochenbrüche), Knochenschmerzen oder proximalen (körperstammnahen) Muskelschwäche bei erniedrigtem Serumphosphat
  • Abklärung einer unklar erhöhten renalen Phosphatausscheidung
  • Spezialdiagnostik bei Störungen des Mineral- und Knochenstoffwechsels im Rahmen chronischer Nierenerkrankungen; nicht als isolierter Routineparameter
  • Verlaufskontrolle nach Resektion (operativer Entfernung) eines FGF23-produzierenden Tumors bei tumorinduzierter Osteomalazie (TIO)

Interpretation

Erhöhte Werte

  • FGF23-vermittelte Hypophosphatämie
    • X-chromosomale hypophosphatämische Rachitis (XLH), meist durch PHEX-Varianten (Genveränderungen)
    • Autosomal-dominante hypophosphatämische Rachitis (ADHR), meist durch FGF23-Varianten
    • Autosomal-rezessive hypophosphatämische Rachitis (ARHR), unter anderem durch DMP1- oder ENPP1-Varianten
    • Tumorinduzierte Osteomalazie (TIO), meist durch FGF23-sezernierende (FGF23-absondernde) phosphaturische mesenchymale Tumoren (Bindegewebstumoren)
    • Fibröse Dysplasie/McCune-Albright-Syndrom mit hoher Knochenläsionslast (Ausmaß der Knochenveränderungen)
    • Kutanes-skelettales Hypophosphatämie-Syndrom (Haut-Skelett-Hypophosphatämie-Syndrom) (engl. cutaneous-skeletal hypophosphatemia syndrome)
  • Nierenassoziierte Konstellationen
    • Chronische Nierenerkrankung mit gestörter Phosphatausscheidung
    • Chronische Nierenerkrankung – Mineral- und Knochenstoffwechselstörung (CKD-MBD)
    • Sekundärer Hyperparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenüberfunktion) bei chronischer Nierenerkrankung
  • Weitere Ursachen und Einflussfaktoren
    • Eisenmangel, insbesondere mit Erhöhung von C-terminalem FGF23
    • Entzündliche Aktivität mit gesteigerter FGF23-Produktion
    • Intravenöse Eisenpräparate, insbesondere bei Auftreten einer Hypophosphatämie nach Infusion
    • Hohe Phosphatzufuhr oder verminderte Phosphatclearance (Phosphatausscheidungsleistung), abhängig von Nierenfunktion und Regulationslage

Erniedrigte Werte

  • FGF23-unabhängige Hypophosphatämie
  • Vitamin-D-Mangel mit sekundärem Hyperparathyreoidismus, abhängig von Konstellation und Verlauf
  • Fanconi-Syndrom (Funktionsstörung der Nierenkanälchen) mit generalisiertem proximal-tubulärem Verlust
  • Hereditäre hypophosphatämische Rachitis mit Hypercalciurie (vermehrter Calciumausscheidung im Urin) (HHRH), meist durch SLC34A3-Varianten
  • Intestinale Malabsorption (gestörte Aufnahme im Darm) von Phosphat
  • Alkoholassoziierte oder ernährungsbedingte Hypophosphatämie
  • Refeeding-Syndrom (Stoffwechselentgleisung bei Wiederernährung)
  • Intrazelluläre Phosphatverschiebung (Phosphatverschiebung in die Zellen), z. B. bei Insulintherapie oder respiratorischer Alkalose (atmungsbedingter Blutalkalisierung)

Spezifische Konstellationen

  • Niedriges Serumphosphat, erhöhte renale Phosphatausscheidung, niedriges oder inadäquat normales Calcitriol und inadäquat normales oder erhöhtes FGF23
    • Typische Konstellation einer FGF23-vermittelten Hypophosphatämie
    • Weiterführend Abklärung auf X-chromosomale hypophosphatämische Rachitis (XLH), tumorinduzierte Osteomalazie (TIO), autosomal-dominante hypophosphatämische Rachitis (ADHR), autosomal-rezessive hypophosphatämische Rachitis (ARHR) oder syndromale Ursachen
  • Niedriges Serumphosphat, erhöhte renale Phosphatausscheidung, erhöhtes Calcitriol, Hypercalciurie und niedriges FGF23
    • Verdacht auf hereditäre hypophosphatämische Rachitis mit Hypercalciurie (HHRH) oder andere FGF23-unabhängige renale Phosphatverlustsyndrome
  • Erhöhtes FGF23 bei chronischer Nierenerkrankung
    • Früher Marker einer gestörten Phosphat- und Mineralstoffregulation
    • Interpretation nur zusammen mit eGFR, Serumphosphat, Calcium, Parathormon (PTH), 25-Hydroxyvitamin D und Calcitriol
    • Keine alleinige Grundlage für Therapieentscheidungen außerhalb spezialisierter Fragestellungen
  • Persistierend erhöhte FGF23-Werte nach Tumorresektion bei tumorinduzierter Osteomalazie (TIO)
    • Hinweis auf inkomplette Resektion, multifokale (mehrherdige) Erkrankung oder persistierende (fortbestehende) FGF23-Quelle
    • Erneute biochemische (laborchemische) und bildgebende Lokalisation erforderlich
  • Normales FGF23 bei Hypophosphatämie
    • Kann dennoch inadäquat hoch sein, da FGF23 bei Hypophosphatämie physiologisch supprimiert (unterdrückt) sein sollte.
    • Eine isolierte Bewertung anhand des Laborreferenzbereichs kann FGF23-vermittelte Erkrankungen übersehen.

Weiterführende Diagnostik

  • Serumphosphat, nüchtern und altersabhängig bewertet
  • Calcium, Albumin-korrigiertes Calcium oder ionisiertes Calcium
  • Parathormon (PTH)
  • 25-Hydroxyvitamin D
  • Calcitriol (1,25-Dihydroxyvitamin D)
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
  • eGFR zur Einordnung der Nierenfunktion
  • Urinphosphat, Phosphat-Clearance, fraktionelle Phosphatausscheidung oder tubuläre maximale Phosphatrückresorption bezogen auf glomeruläre Filtrationsrate (TmP/GFR)
  • Calcium im Urin, insbesondere zur Abgrenzung von FGF23-unabhängigen Phosphatverlustsyndromen mit Hypercalciurie
  • Alkalische Phosphatase (AP), knochenspezifische alkalische Phosphatase (Ostase) und weitere Knochenstoffwechselmarker bei Verdacht auf Osteomalazie oder Rachitis
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Ferritin, Transferrinsättigung und CRP (C-reaktives Protein) bei Verdacht auf Eisenmangel oder entzündungsassoziierte FGF23-Erhöhung
  • Genetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts) bei Verdacht auf hereditäre Formen, insbesondere PHEX, FGF23, DMP1, ENPP1, SLC34A3, SLC34A1, CLCN5 und weitere phosphatregulierende Gene
  • Röntgendiagnostik bei Verdacht auf Rachitis oder Osteomalazie
  • Knochendichtemessung (DXA) bei Frakturrisiko oder chronischer Osteopathie (Knochenerkrankung)
  • Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT), funktionelle Somatostatinrezeptor-Bildgebung (Darstellung bestimmter Hormon-Andockstellen), Positronenemissionstomographie/Computertomographie (PET/CT) oder Szintigraphie (nuklearmedizinische Untersuchung) bei Verdacht auf tumorinduzierte Osteomalazie (TIO)
  • Selektive venöse FGF23-Probenentnahme in spezialisierten Zentren bei unklarer Tumorlokalisation (Tumorortung) und biochemisch gesicherter FGF23-vermittelter Hypophosphatämie

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