Dihydrotestosteron
Dihydrotestosteron (DHT; 5α-Dihydrotestosteron) ist ein aktiver Metabolit des Testosterons (männliches Geschlechtshormon) aus der Gruppe der Androgene (männliche Geschlechtshormone). Es entsteht durch irreversible 5α-Reduktion von Testosteron in androgenempfindlichen Geweben und bindet mit höherer Affinität an den Androgenrezeptor (Bindungsstelle für männliche Geschlechtshormone) als Testosteron. Für die normale Virilisierung (Ausbildung männlicher Geschlechtsmerkmale) der äußeren Genitale des 46,XY-Fetus ist DHT von zentraler Bedeutung; darüber hinaus spielt es eine wichtige Rolle in Prostata (Vorsteherdrüse), Haut und Haarfollikeln (Haarwurzeln).
In der klinischen Labordiagnostik ist die Bestimmung von Dihydrotestosteron keine Routinediagnostik, sondern eine Spezialuntersuchung mit eng begrenzten Indikationen, vor allem bei Verdacht auf 5α-Reduktase-Typ-2-Mangel bzw. im Rahmen ausgewählter Fragestellungen der Androgendiagnostik [1-4].
Synonyme
- 5α-Dihydrotestosteron
- 5α-DHT
- DHT
- Androstanolon
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- ggf. Plasma, methodenabhängig
- Vorbereitung des Patienten
- Für die isolierte DHT-Bestimmung ist in der Regel keine spezielle Vorbereitung erforderlich.
- Bei kombinierter Androgendiagnostik ist eine morgendliche Blutentnahme sinnvoll, um die Befunde zusammen mit Testosteron, LH (Luteinisierendes Hormon), FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und weiteren Steroiden besser einordnen zu können [2, 3].
- Störfaktoren
- Therapie mit 5α-Reduktase-Hemmern wie Finasterid oder Dutasterid
- Exogene Androgene bzw. antiandrogene Medikation
- Methodische Probleme bei Immunoassays, insbesondere im Niedrigkonzentrationsbereich
- Methoden-, alters-, geschlechts- und pubertätsabhängige Unterschiede der Referenzbereiche [1-4]
- Methode
- Bevorzugt Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS)
- Immunoassays sind für Sexualsteroide, insbesondere bei niedrigen Konzentrationen, analytisch limitiert und für DHT weniger geeignet [2-5].
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Geschlecht/Alter | Referenzbereich |
| Erwachsene Männer | beispielhaft für LC-MS/MS aus der Literatur: 0,47-2,65 nmol/l (ca. 14-77 ng/dl) |
| Prämenopausale Frauen | beispielhaft für LC-MS/MS aus der Literatur: 0,09-0,91 nmol/l (ca. 3-26 ng/dl) |
| Kinder/Jugendliche | stark alters-, geschlechts- und pubertätsabhängig; methodenspezifische Referenzintervalle erforderlich |
Normbereiche sind strikt methoden- und laborabhängig. Die genannten Erwachsenenwerte sind Literaturbeispiele aus LC-MS/MS-Studien und dürfen nicht unkritisch auf andere Verfahren, insbesondere nicht auf Immunoassays, übertragen werden. Für Kinder und Jugendliche sind alters- und pubertätsbezogene Referenzintervalle obligat [4-6].
Indikationen
- Verdacht auf 5α-Reduktase-Typ-2-Mangel (SRD5A2-Defekt)
- Abklärung einer 46,XY-DSD (difference/disorder of sex development) mit Untervirilisierung
- Ausgewählte Fragestellungen bei Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone) bzw. Virilisierung, wenn die Standardparameter keine ausreichende Einordnung erlauben
- Seltene Spezialindikationen in der differenzierten Androgendiagnostik; als isolierter Screeningparameter ist DHT nicht geeignet [1-4].
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Erhöhte DHT-Konzentrationen sind unspezifisch und sprechen grundsätzlich für eine gesteigerte Androgenverfügbarkeit bzw. eine vermehrte periphere 5α-Reduktion.
- Sie können bei hyperandrogenen Zuständen vorkommen, sind diagnostisch aber meist weniger etabliert als Testosteron, Androstendion oder Dehydroepiandrosteronsulfat (DHEA-S).
- Eine isolierte DHT-Erhöhung erlaubt keine verlässliche ätiologische Zuordnung [1, 3, 4].
- Erniedrigte Werte
- Therapie mit 5α-Reduktase-Hemmern
- Verdacht auf 5α-Reduktase-Typ-2-Mangel, insbesondere im Kontext einer 46,XY-DSD
- schwere Formen eines Hypogonadismus (verminderte Funktion der Keimdrüsen) mit insgesamt verminderter Androgenproduktion
- Auch erniedrigte Einzelwerte sind ohne klinischen Kontext und ohne Parallelbestimmung weiterer Androgene nur eingeschränkt interpretierbar [1-4].
- Spezifische Konstellationen
- Bei Verdacht auf SRD5A2-Mangel ist der isolierte DHT-Wert diagnostisch nur begrenzt aussagekräftig.
- Häufig wird das Testosteron/DHT-Verhältnis, basal oder nach hCG-Stimulation (Hormonstimulationstest), herangezogen; ein stimuliertes Verhältnis > 10 wird oft als verdächtig angesehen.
- Neuere Daten zeigen jedoch, dass solche Grenzwerte nicht alle genetisch gesicherten Fälle erfassen. In einer aktuellen Fallserie hatten einzelne Patienten mit gesichertem SRD5A2-Defekt trotz pathogener Varianten stimulierte Testosteron/DHT-Verhältnisse unter 10.
- Die neuere Evidenz spricht daher dafür, Urin-Steroidprofiling (Analyse von Steroidhormonen im Urin) und molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts) bei entsprechender klinischer Konstellation höher zu gewichten als den isolierten Serum-DHT-Wert bzw. das Verhältnis allein [3, 4, 7].
Weiterführende Diagnostik
- Testosteron
- freies Testosteron bzw. Berechnung unter Einbeziehung von SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) und Albumin
- LH (Luteinisierendes Hormon), FSH (Follikelstimulierendes Hormon)
- Androstendion
- DHEA-S (Dehydroepiandrosteronsulfat)
- 17-Hydroxyprogesteron
- Urin-Steroidprofil, vorzugsweise massenspektrometrisch
- Molekulargenetische Diagnostik des SRD5A2-Gens bei klinischem Verdacht [2-4, 7]
Hinweis
Die DHT-Bestimmung sollte nicht unkritisch als allgemeiner Androgenmarker eingesetzt werden. Für die meisten klinischen Fragestellungen der Hyperandrogenämie oder des Hypogonadismus sind etablierte Standardparameter diagnostisch wichtiger. Der größte spezifische Nutzen von DHT liegt in ausgewählten Konstellationen der DSD-/SRD5A2-Diagnostik und dann vorzugsweise eingebettet in ein erweitertes hormonelles, massenspektrometrisches und gegebenenfalls genetisches Konzept [1-4, 7].
Literatur
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- Casals G, Ferrer Costa R, Urgell Rull E, Escobar-Morreale HF, Argente J, Sesmilo G. Recommendations for the measurement of sexual steroids in clinical practice. A position statement SEQCML/SEEN/SEEP. Adv Lab Med. 2023;4:52-60. https://doi.org/10.1515/almed-2023-0020
- French D. Clinical utility of laboratory developed mass spectrometry assays for steroid hormone testing. J Mass Spectrom Adv Clin Lab. 2023;28:13-19. https://doi.org/10.1016/j.jmsacl.2023.01.006
- Marchetti PM, Barth JH. Clinical biochemistry of dihydrotestosterone. Ann Clin Biochem. 2013;50(Pt 2):95-107. https://doi.org/10.1258/acb.2012.012159
- Frederiksen H, Johannsen TH, Andersen SE, Petersen JH, Busch AS, Ljubicic ML, et al. Sex- and age-specific reference intervals of 16 steroid metabolites quantified simultaneously by LC-MS/MS in sera from 2458 healthy subjects aged 0 to 77 years. Clin Chim Acta. 2024;562:119852. https://doi.org/10.1016/j.cca.2024.119852
- Shiraishi S, Lee PWN, Leung A, Goh VHH, Swerdloff RS, Wang C. Simultaneous Measurement of Serum Testosterone and Dihydrotestosterone by Liquid Chromatography-Tandem Mass Spectrometry. Clin Chem. 2008;54(11):1855-1863. https://doi.org/10.1373/clinchem.2008.103846
- Balagamage C, Igbokwe R, Cole T, Baranowski ES, McCarthy L, Chandran H, et al. The diagnostic value of stimulated androgen ratios in 5-alpha reductase type 2 (SRD5A2) deficiency: a case series and review of the literature. J Pediatr Endocrinol Metab. 2025;38(9):922-930. https://doi.org/10.1515/jpem-2025-0195