Dehydroepiandrosteron (DHEA)

Dehydroepiandrosteron (DHEA) ist ein C19-Steroidhormon (Steroidhormon) mit schwacher intrinsischer androgener Aktivität und dient vor allem als Vorläufersteroid für die periphere Androgen- und Estrogensynthese. Es wird überwiegend in der Zona reticularis (äußere Schicht) der Nebennierenrinde (äußere Schicht der Nebenniere) gebildet; ein Großteil zirkuliert jedoch als Sulfatester DHEA-S. In der klinischen Labordiagnostik hat DHEA nur eine untergeordnete Bedeutung.

Für die routinemäßige Abklärung adrenaler Androgenexzesse ist in der Regel DHEA-S klinisch robuster; DHEA kann in spezialisierten Steroidprofilen ergänzend sinnvoll sein. Bei Verdacht auf Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Hormonwirkung) ist DHEA/DHEA-S nicht der generelle Erstlinienmarker für das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS), sondern ein Zusatzparameter; bei Verdacht auf androgenproduzierende Nebennierentumoren (Tumoren der Nebenniere) oder adrenokortikale Karzinome (bösartige Tumoren der Nebennierenrinde) ist die Bestimmung dagegen klinisch relevant.

Synonyme

  • Dehydroepiandrosteron
  • DHEA
  • Dehydroisoandrosteron
  • Androstenolon
  • Prasteron

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum; für DHEA sind alters- und geschlechtsspezifische Angaben erforderlich.
    • Für spezialisierte Steroidprofile kommen methodenabhängig auch andere Matrizes infrage; in der Routinediagnostik ist Serum Standard.
  • Vorbereitung des Patienten
    • Für DHEA existiert keine einheitliche präanalytische Nüchternpflicht.
    • Wegen der höheren biologischen Variabilität von DHEA im Vergleich zu DHEA-S ist eine standardisierte morgendliche Blutentnahme sinnvoll, insbesondere bei Verlaufskontrollen.
    • Bei diagnostischer Fragestellung auf adrenalen Androgenexzess sollte bevorzugt DHEA-S mitbestimmt werden.
  • Störfaktoren
    • Altersabhängiger physiologischer Abfall nach dem jungen Erwachsenenalter.
    • Ausgeprägte Methodenabhängigkeit; Immunoassays sind für die Steroidanalytik störanfälliger und können gegenüber der Flüssigkeitschromatographie gekoppelt mit Tandem-Massenspektrometrie relevante Abweichungen zeigen.
    • Präanalytisch können grobe Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen) und grobe Lipämie (erhöhter Fettgehalt im Blut) stören; methodenspezifische Laborhinweise sind zu beachten.
    • Exogene DHEA-Supplemente verfälschen die Interpretation deutlich.
  • Methode
    • Bevorzugt Flüssigkeitschromatographie gekoppelt mit Tandem-Massenspektrometrie, insbesondere in spezialisierten endokrinologischen Fragestellungen (Fragen zur Hormonmedizin).
    • Immunoassays sind verfügbar, aber bei Steroiden insgesamt analytisch weniger spezifisch und bei niedrigen Konzentrationen bzw. komplexen Steroidmustern limitiert.
    • Bei Verdacht auf adrenokortikales Karzinom ist eher ein erweitertes Steroidprofil als die isolierte Einzelbestimmung von DHEA sinnvoll.

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Geschlecht / Alter Referenzbereich
Frühgeborene  
0-1 Tag  
2-6 Tage <8,7 ng/ml
7 Tage-1 Monat <5,8 ng/ml
>1-23 Monate <2,9 ng/ml
2-5 Jahre <2,3 ng/ml
6-10 Jahre <3,4 ng/ml
11-14 Jahre <5,0 ng/ml
15-18 Jahre <6,6 ng/ml
19-30 Jahre  
31-40 Jahre  
41-50 Jahre <8,0 ng/ml
51-60 Jahre <6,0 ng/ml
≥61 Jahre <5,0 ng/ml

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Ergänzende Abklärung einer Hyperandrogenämie bei Frauen, insbesondere bei Hirsutismus (verstärkter männlicher Behaarungstyp), Akne, Zyklusstörungen (Störungen der Monatsblutung) oder Virilisierung (Vermännlichung).
  • Differenzierung einer adrenalen gegenüber einer ovariellen Androgenquelle, vorzugsweise zusammen mit DHEA-S, Testosteron, Androstendion und 17-Hydroxyprogesteron.
  • Ergänzende Abklärung einer kongenitalen adrenalen Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde), wobei DHEA/DHEA-S eine sekundäre und nicht primäre Rolle haben.
  • Diagnostik bzw. Differentialdiagnostik der prämaturen Adrenarche (vorzeitig einsetzende Reifung der Nebennierenfunktion).
  • Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf androgenproduzierenden Nebennierentumor.
  • Bestandteil eines erweiterten Steroidprofils bei Verdacht auf adrenokortikales Karzinom.

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Hinweis auf gesteigerte adrenale Androgenproduktion.
    • Leichte bis mäßige Erhöhungen sind unspezifisch und können idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) sein.
    • Deutlich erhöhte Werte sprechen für eine adrenale Quelle; sehr hohe Konzentrationen machen einen androgenproduzierenden Nebennierentumor wahrscheinlich.
    • Erhöhungen sind bei kongenitaler adrenaler Hyperplasie möglich, allerdings ist DHEA diagnostisch meist nicht der sensitivste oder spezifischste Primärmarker.
    • Bei isolierter leichter Erhöhung ohne passende Klinik ist die Aussagekraft begrenzt; dann sind DHEA-S, Gesamt-/freies Testosteron, Androstendion und 17-Hydroxyprogesteron wichtiger.
  • Erniedrigte Werte
    • Möglich bei primärer oder sekundärer Nebenniereninsuffizienz (Nebennierenschwäche), jedoch nicht ausreichend zur alleinigen Diagnosestellung.
    • Bei Nebenniereninsuffizienz bleiben Morgen-Cortisol, adrenocorticotropes Hormon (ACTH) und dynamische Funktionstests die entscheidenden diagnostischen Parameter.
    • Niedrige Werte nehmen auch physiologisch mit dem Alter zu.
  • Spezifische Konstellationen
    • Bei Frauen mit Hyperandrogenämie ist DHEA-S diagnostisch meistens robuster als DHEA, da DHEA-S keine relevante Tagesrhythmik zeigt und im Menstruationszyklus weitgehend stabil bleibt.
    • Für die Diagnostik des polyzystischen Ovarsyndroms sind Gesamt- und freies Testosteron die primären Laborparameter; DHEA/DHEA-S sind Zusatzmarker.
    • Bei Verdacht auf adrenokortikales Karzinom ist die isolierte DHEA-Bestimmung der multiplen Steroidprofilierung unterlegen.

Weiterführende Diagnostik

  • DHEA-S
  • Gesamt-Testosteron, freies Testosteron bzw. freier Androgenindex
  • Androstendion
  • 17-Hydroxyprogesteron
  • Cortisol, adrenocorticotropes Hormon (ACTH), ggf. ACTH-Stimulationstest bei Verdacht auf Nebenniereninsuffizienz
  • Bei Tumorverdacht: erweitertes Steroidprofil mittels Flüssigkeitschromatographie gekoppelt mit Tandem-Massenspektrometrie
  • Bildgebung der Nebennieren bzw. Ovarien (Eierstöcke) je nach klinischer Konstellation
  • Bei Verdacht auf kongenitale adrenale Hyperplasie: molekulargenetische Diagnostik/funktionelle endokrinologische Testung

Literatur

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  5. Braun V, Stuppner H, Risch L, Seger C. Design and Validation of a Sensitive Multisteroid LC-MS/MS Assay for the Routine Clinical Use: One-Step Sample Preparation with Phospholipid Removal and Comparison to Immunoassays. Int J Mol Sci. 2022;23(23):14691. https://doi.org/10.3390/ijms232314691