Östriol (E3)

Östriol (E3; Estriol) ist ein natürliches Estrogen (weibliches Geschlechtshormon). Außerhalb der Schwangerschaft hat es im Vergleich zu Östradiol eine deutlich geringere klinische Bedeutung. In der Schwangerschaft entsteht das zirkulierende mütterliche Östriol überwiegend im Rahmen der fetoplazentaren Steroidogenese (Hormonbildung von Fetus und Plazenta) aus Vorstufen fetalen Ursprungs. Für die heutige Labordiagnostik ist vor allem das unkonjugierte Östriol (uE3) relevant, das als Bestandteil des maternalen (mütterlichen) Serumscreenings im zweiten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) verwendet wird [1-3].

Die frühere serielle Östriol-Bestimmung zur Überwachung einer vermuteten Plazentafunktionseinschränkung (Funktionsstörung des Mutterkuchens) gilt heute weitgehend als obsolet und gehört nicht mehr zur Standardüberwachung einer Schwangerschaft [1, 2].

Synonyme

  • Östriol
  • E3
  • Estriol
  • unkonjugiertes Östriol (uE3)

Das Verfahren

  • Benötigtes Material:
    • Serum
  • Vorbereitung des Patienten:
    • Keine Nüchternabnahme erforderlich
    • Entscheidend ist die korrekte Bestimmung des Gestationsalters (Schwangerschaftsalters)
    • Für die korrekte Risikoberechnung im Rahmen des Serumscreenings müssen die schwangerschaftsbezogenen und maternalen Korrekturfaktoren vollständig erfasst werden
  • Störfaktoren:
    • Fehlerhafte Datierung der Schwangerschaft
    • Mehrlingsschwangerschaft
    • Unzureichende methoden- und populationsspezifische Adjustierung der MoM-Berechnung
    • Maternale Einflussfaktoren wie z. B. Rauchen, insulinpflichtiger Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder Schwangerschaft nach In-vitro-Fertilisation (IVF) (künstlicher Befruchtung), sofern diese im jeweiligen Screeningprogramm nicht korrekt berücksichtigt werden
    • Seltene Immunoassay-Interferenzen (Störungen der Labormessung), insbesondere durch Antikörper gegen alkalische Phosphatase, mit der Möglichkeit falsch erniedrigter uE3-Werte [3, 4]
  • Methode:
    • Meist automatisierter kompetitiver Immunoassay für unkonjugiertes Östriol (uE3)
    • Im pränatalen (vorgeburtlichen) Screening erfolgt die Bewertung vorzugsweise als Multiple of the Median (MoM) nach gestationsaltersbezogener und programmabhängiger Adjustierung [1, 3]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Nicht schwangere Frauen Sehr niedrige Serumkonzentrationen; methodenabhängig, in der Routinediagnostik meist ohne klinische Relevanz
Schwangerschaft, pränatales Screening Bewertung primär als MoM; keine allgemeingültigen absoluten Grenzwerte
15. Schwangerschaftswoche, uE3 im maternalen Serum Median ca. 1,07 ng/ml
16. Schwangerschaftswoche, uE3 im maternalen Serum Median ca. 1,36 ng/ml
17. Schwangerschaftswoche, uE3 im maternalen Serum Median ca. 1,73 ng/ml
18. Schwangerschaftswoche, uE3 im maternalen Serum Median ca. 2,19 ng/ml
19. Schwangerschaftswoche, uE3 im maternalen Serum Median ca. 2,88 ng/ml

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. In der aktuellen Pränataldiagnostik (vorgeburtlichen Diagnostik) ist die labor- und populationsspezifische MoM-basierte Auswertung maßgeblich; historische tabellarische Absolutwerte in µg/l sind für die heutige klinische Bewertung nur eingeschränkt geeignet [1-3].

Indikationen 

  • Bestandteil des maternalen Serumscreenings im zweiten Trimenon, insbesondere Triple-Test oder Quad-Test [1]
  • Abklärung auffallend niedriger uE3-Werte im Rahmen eines bestehenden Screenings [1, 2]
  • Differentialdiagnostische Einordnung (differentialdiagnostische Abklärung) sehr niedriger uE3-Werte, z. B. bei Verdacht auf fetale Steroidogenesestörungen, Steroidsulfatase-Mangel/X-chromosomale Ichthyose oder Smith-Lemli-Opitz-Syndrom [1, 2]
  • Risikostratifizierung (Risikoeinordnung) bei auffälliger Konstellation weiterer Serumparameter im Rahmen des Aneuploidiescreenings (Screenings auf Chromosomenstörungen) [1, 2]

Interpretation

  • Erhöhte Werte:
    • Mehrlingsschwangerschaft
    • Gelegentlich datierungsbedingte oder methodische Ursachen
  • Erniedrigte Werte:
    • Erhöhtes Screeningrisiko für Trisomie 21 (Down-Syndrom) in Kombination mit weiteren Markern [1]
    • Erhöhtes Screeningrisiko für Trisomie 18 in Kombination mit weiteren Markern [1]
    • Sehr niedrige Werte bei Smith-Lemli-Opitz-Syndrom [1, 2]
    • Sehr niedrige Werte bei Steroidsulfatase-Mangel/X-chromosomaler Ichthyose [1, 2]
    • Mögliche Assoziation mit schweren fetalen Fehlbildungen oder fetoplazentarer Dysfunktion (Funktionsstörung von Fetus und Plazenta) [2]
    • Selten analytisch falsch niedrige Werte durch Assay-Interferenz [4]
  • Spezifische Konstellationen:
    • Ein isoliert pathologischer uE3-Wert ist nicht diagnostisch, sondern risikostratifizierend
    • Die Interpretation muss immer zusammen mit Gestationsalter, den weiteren Serummarkern und dem sonographischen Befund (Ultraschallbefund) erfolgen [1, 2]
    • Die frühere isolierte Verlaufsbeurteilung des Östriols zur Diagnose einer Plazentainsuffizienz (Leistungsschwäche des Mutterkuchens) ist heute nicht mehr Standard [1, 2]

Weiterführende Diagnostik

  • Überprüfung des Gestationsalters mittels Sonographie (Ultraschall)
  • Kontrolle, ob die MoM-Berechnung korrekt adjustiert wurde
  • Bei unplausibel niedrigen Werten Wiederholungsmessung und ggf. methodischer Ausschluss einer Assay-Interferenz [4]
  • Detaillierte fetale Sonographie
  • Je nach Gesamtrisiko nichtinvasives Pränatalscreening mittels zellfreier DNA (cfDNA/NIPT) [5]
  • Bei entsprechender Indikation invasive Diagnostik, z. B. Chorionzottenbiopsie oder Amniozentese
  • Bei Verdacht auf seltene Stoffwechsel- oder Steroidbiosynthesestörungen humangenetische Abklärung

Literatur

  1. Palomaki GE, Smith WE, Bajaj K, Rowsey R, Hurst ACE, Messerlian G et al.: Prenatal screening for trisomy 21 (Down syndrome) using first- and second-trimester biochemistry and nuchal translucency: a technical standard of the American College of Medical Genetics and Genomics (ACMG). Genet Med. 2025;27(9):101505. https://doi.org/10.1016/j.gim.2025.101505
  2. Aviram A, Mei-Dan E, Cassir G, Figueiro-Filho E, Liauw J, Jain V et al.: Technical Update No. 462: Abnormal maternal serum markers and adverse pregnancy outcomes. J Obstet Gynaecol Can. 2025;47(9):103060. https://doi.org/10.1016/j.jogc.2025.103060
  3. Lambert-Messerlian GM, Bestwick JP, Wald NJ. Validation of a monoclonal unconjugated estriol antibody for use in prenatal maternal serum screening. J Med Screen. 2023;30(3):120-124. https://doi.org/10.1177/09691413231160109
  4. Wyness SP, Snow TM, Villanueva M, Kunzler T, Seiter J, Genzen JR et al.: Impact of unconjugated estriol (uE3) assay interference on prenatal screening tests. Clin Chim Acta. 2022;536:1-5. https://doi.org/10.1016/j.cca.2022.08.027
  5. Poulton A, Hui L. Noninvasive prenatal testing: an overview. Aust Prescr. 2025;48(2):47-53. https://doi.org/10.18773/austprescr.2025.019