Insulin-like-growth-factor-I (IGF-I; SM-C)

Insulin-like-growth-factor-I (IGF-I; SM-C) ist ein Peptidhormon der Wachstumshormon-Insulin-like-growth-factor-Achse. Es wird überwiegend in der Leber gebildet, ist primär wachstumshormonabhängig und zirkuliert größtenteils gebunden an Insulin-like-growth-factor-binding-protein-3 (IGFBP-3) und die acid-labile subunit (ALS).

In der klinischen Labordiagnostik dient IGF-I vor allem als stabilerer Surrogatmarker der Wachstumshormonsekretion zur Abklärung eines Wachstumshormonmangels oder -überschusses (zu viel Wachstumshormon) sowie zur Therapiekontrolle.

Synonyme

  • IGF-I
  • IGF-1
  • Somatomedin C
  • SM-C

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum
    • Je nach Testsystem in einzelnen Laboren auch Plasma möglich
  • Vorbereitung des Patienten
    • In der Regel keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Bei immunoassaybasierten Verfahren auf hochdosierte Biotin-Supplementierung achten; je nach Testsystem wird ein Absetzen für mindestens 72 Stunden empfohlen
    • Für Verlaufskontrollen möglichst gleiche Tageszeit, gleiches Labor und gleiches Testsystem verwenden
  • Störfaktoren
    • Ausgeprägte Methodenabhängigkeit der Messergebnisse und Referenzintervalle
    • Alter, Geschlecht und bei Kindern/Jugendlichen insbesondere Pubertätsstadium (Phase der körperlichen Reifung)
    • Mangelernährung, Fasten, chronische systemische Erkrankungen, akute schwere Infektionen/Sepsis (Blutvergiftung)
    • Leberinsuffizienz (Leberschwäche), Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), schlecht eingestellter Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
    • Orale Estrogene können IGF-I erniedrigen
    • Biotininterferenz bei einzelnen Immunoassays
  • Methode
    • Überwiegend Immunoassay, alternativ Liquid Chromatography Mass Spectrometry (LC/MS)
    • Interpretation bevorzugt alters-, geschlechts- und methodenadjustiert; bei Kindern/Jugendlichen möglichst als SDS/Z-Score

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Alter Referenzbereich / Interpretation
Neugeborene / Säuglinge (Babys) Niedrigere Konzentrationen; methodenabhängige Referenzintervalle erforderlich
Kinder Altersabhängiger Anstieg; Interpretation nur anhand alters- und geschlechtsbezogener Referenzintervalle
Pubertät Physiologischer Gipfel; möglichst pubertätsstadienbezogene Referenzintervalle bzw. SDS/Z-Score verwenden
Erwachsene Altersabhängiger Abfall; labor- und methodenspezifische Referenzintervalle verwenden
Verlaufskontrolle unter Wachstumshormontherapie Zielbereich in der Regel innerhalb des altersadjustierten Referenzbereichs; Interpretation bevorzugt als SDS/Z-Score und immer methodenkonstant

Normbereiche sind methoden-, alters-, geschlechts- und zum Teil populationsabhängig. Für Kinder und Jugendliche sind pubertätsadjustierte Referenzintervalle bzw. SDS/Z-Scores besonders wichtig. Ein allgemeingültiger numerischer Referenzbereich für alle Altersstufen ist daher nicht leitliniengerecht.

Indikationen 

  • Abklärung von Kleinwuchs (zu kleiner Körpergröße), Hochwuchs (ungewöhnlich großer Körpergröße) und anderen Wachstumsstörungen
  • Abklärung eines Verdachts auf Wachstumshormonmangel bei Kindern und Erwachsenen
  • Abklärung eines Verdachts auf Wachstumshormonexzess, Akromegalie (Vergrößerung von Händen, Füßen und Gesichtszügen) oder Gigantismus (Riesenwuchs)
  • Verlaufs- und Therapiekontrolle unter Wachstumshormontherapie
  • Verlaufsbeurteilung bei Akromegalie nach Operation, Bestrahlung oder medikamentöser Therapie
  • Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf primären IGF-I-Mangel bzw. Wachstumshormonresistenz

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Akromegalie bzw. Wachstumshormonexzess
    • Physiologisch in der Pubertät erhöht
    • Anstieg unter Wachstumshormontherapie
    • In der Schwangerschaft möglich
  • Erniedrigte Werte
    • Wachstumshormonmangel
    • Wachstumshormonresistenz, z. B. Laron-Syndrom
    • Mangelernährung, Fasten, Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm)
    • Chronische Lebererkrankung/Leberinsuffizienz
    • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
    • Schlecht eingestellter Diabetes mellitus
    • Schwere systemische Erkrankung, Entzündung oder Sepsis (Blutvergiftung)
    • Chronische Niereninsuffizienz (chronische Nierenschwäche) in Abhängigkeit von der Konstellation und Assayinterpretation
    • Orale Estrogentherapie
  • Spezifische Konstellationen
    • Ein isoliert erniedrigter IGF-I-Wert beweist keinen Wachstumshormonmangel; bei Erwachsenen und Kindern ist in der Regel eine funktionelle endokrinologische Abklärung erforderlich
    • Bei typischen klinischen Zeichen der Akromegalie bestätigt ein IGF-I-Wert > 1,3-fach oberhalb der altersadjustierten oberen Normgrenze die Diagnose in der Regel bereits biochemisch
    • Bei grenzwertigen oder diskrepanten Befunden sollte die Messung mit demselben validierten Assay wiederholt werden

Weiterführende Diagnostik

  • Wachstumshormon-Stimulationstests bei Verdacht auf Wachstumshormonmangel
  • Oraler Glucosetoleranztest mit Wachstumshormon-Suppression bei Verdacht auf Akromegalie
  • IGFBP-3 als ergänzender Parameter, insbesondere in der pädiatrischen Endokrinologie (Kinder-Endokrinologie)
  • Weitere Hypophysenhormone: z. B. ACTH (adrenocorticotropes Hormon), Cortisol, TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT4, Prolaktin, LH, FSH
  • Magnetresonanztomographie (MRT) der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) bei Verdacht auf hypophysäre Ursache
  • Begleitdiagnostik von Leberfunktion, Nierenfunktion, Schilddrüsenfunktion und Ernährungsstatus

Klinische Hinweise

  • IGF-I ist gegenüber Wachstumshormon deutlich weniger pulsatil und deshalb für die Routinediagnostik meist besser geeignet als eine Einzelmessung von Wachstumshormon.
  • Die Interpretation muss immer alters-, geschlechts-, pubertäts- und methodenbezogen erfolgen.
  • Bei Verlaufskontrollen sollte nach Möglichkeit stets dasselbe Labor mit demselben Assay verwendet werden, da unterschiedliche Testsysteme klinisch relevante Abweichungen erzeugen können.
  • Physiologisch steigen die Konzentrationen im Kindes- und Jugendalter an, erreichen in der Pubertät ihren Gipfel und nehmen im Erwachsenenalter altersabhängig wieder ab.
  • Ein erniedrigter IGF-I-Wert ist nicht spezifisch für einen Wachstumshormonmangel; häufige nicht-hypophysäre Ursachen sind Mangelernährung, Leberfunktionsstörung, Hypothyreose, schlecht eingestellter Diabetes mellitus und schwere systemische Erkrankungen.
  • Orale Estrogene können IGF-I senken und die Befundinterpretation erschweren.

Literatur

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