Erythropoetin

Erythropoetin ist ein hypoxiereguliertes Glykoproteinhormon, das die Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen) stimuliert. Beim Erwachsenen wird es überwiegend in peritubulären interstitiellen fibroblastenähnlichen Zellen der Niere (Nierengewebe) gebildet; die Leber (Leber) trägt extra-renal (außerhalb der Niere) nur einen kleineren Anteil zur Synthese (Bildung) bei.

In der klinischen Labordiagnostik wird Erythropoetin vor allem zur differentialdiagnostischen Einordnung (Unterscheidung verschiedener Ursachen) einer Erythrozytose/Polyglobulie (vermehrte rote Blutkörperchen) sowie in ausgewählten Konstellationen der Anämiediagnostik (Abklärung einer Blutarmut) eingesetzt. Für die Routinediagnostik der renalen Anämie (Blutarmut bei Nierenerkrankung) ist die Erythropoetin-Bestimmung in der Regel nicht erforderlich [2-5].

Synonyme

  • Erythropoetin
  • Erythropoietin
  • EPO
  • Epoetin
  • Hämatopoetin (historisch)

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Eine Blutentnahme möglichst zu einer konsistenten Tageszeit ist sinnvoll, da eine diurnale Variation (tageszeitabhängige Schwankung) beschrieben ist [5]
  • Störfaktoren
    • Methodenabhängige Unterschiede zwischen Assays
    • Diurnale Variation (tageszeitabhängige Schwankung)
    • Ausgeprägte Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen) kann die Probe beeinträchtigen
    • Interpretationsrelevant sind insbesondere Hypoxie (Sauerstoffmangel), Rauchen, Höhexposition (Aufenthalt in großer Höhe), chronische Lungenerkrankungen, kardiale Shunts (Fehlverbindungen im Herzen), chronische Nierenerkrankungen, myeloische Neoplasien (bösartige Erkrankungen des Knochenmarks) sowie eine paraneoplastische Erythropoetinproduktion (tumorbedingte Hormonbildung) [2-6]
  • Methode
    • Immunoassay
    • In der Routinediagnostik werden immunchemische Verfahren verwendet; Referenzbereiche sind methoden- und laborabhängig [5]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Erwachsene 2,6-18,5 mIU/ml

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig [5].

Indikationen 

  • Differentialdiagnostik der Erythrozytose/Polyglobulie (vermehrte rote Blutkörperchen), insbesondere zur Abgrenzung einer Polycythaemia vera (Erkrankung mit unkontrollierter Bildung roter Blutkörperchen) von sekundären Formen [4, 6]
  • Ausgewählte Fragestellungen der Anämiediagnostik (Abklärung einer Blutarmut) bei Verdacht auf eine inadäquate Erythropoetinantwort (unzureichende Hormonreaktion) [3, 4]
  • Abklärung einer vermuteten paraneoplastischen Erythropoetinproduktion (tumorbedingte Hormonbildung) bei ausgewählten Tumoren (Geschwulsterkrankungen) [2, 6]
  • Therapiestratifizierung (Therapieplanung) bei niedrig-riskanten myelodysplastischen Syndromen (Erkrankungen des Knochenmarks), da niedrige Serum-Erythropoetinwerte mit einer höheren Ansprechwahrscheinlichkeit auf erythropoesestimulierende Substanzen (Medikamente zur Förderung der Blutbildung) assoziiert sind [7]

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Sekundäre Erythrozytose (vermehrte rote Blutkörperchen) bei chronischer oder intermittierender Hypoxie (Sauerstoffmangel), z. B. bei chronischen Lungenerkrankungen, Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf), Rauchen, Höhexposition (Aufenthalt in großer Höhe) oder kardialen Rechts-Links-Shunts (Fehlverbindungen im Herzen) [2, 4, 6]
    • Akute oder chronische Anämien (Blutarmut) nicht-renaler Genese (nicht von der Niere ausgehend) mit kompensatorischer Erythropoetinsteigerung (erhöhte Hormonbildung) [2, 3]
    • Paraneoplastische Erythropoetinproduktion (tumorbedingte Hormonbildung), insbesondere bei Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs), hepatozellulärem Karzinom (Leberkrebs), zerebellärem Hämangioblastom (Tumor des Kleinhirns) und weiteren seltenen Tumoren (Geschwulsterkrankungen) [2, 6]
    • Physiologisch höhere Werte in der Schwangerschaft (Schwangerschaft), insbesondere im 2. und 3. Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) [2]
  • Erniedrigte Werte
    • Polycythaemia vera (Erkrankung mit unkontrollierter Bildung roter Blutkörperchen); ein subnormaler Serum-Erythropoetinwert ist ein diagnostisch hilfreicher Befund [4, 6]
    • Chronische Niereninsuffizienz (dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion)/renale Anämie (Blutarmut bei Nierenerkrankung) mit im Verhältnis zum Anämiegrad inadäquat niedriger Erythropoetinantwort (unzureichende Hormonreaktion) [2, 3]
    • Ein Teil der Tumoranämien (Blutarmut bei Tumorerkrankungen) und inflammationsassoziierten Anämien (entzündungsbedingte Blutarmut) mit relativer Erythropoetininsuffizienz (unzureichende Hormonbildung) [2, 3]
  • Spezifische Konstellationen
    • Bei chronischer Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) ist ein im Referenzbereich liegender Erythropoetinwert trotz Anämie (Blutarmut) oft bereits relativ inadäquat; die Einzelmessung ist daher diagnostisch meist wenig hilfreich [3]
    • Bei Polycythaemia vera (Erkrankung mit unkontrollierter Bildung roter Blutkörperchen) schließt ein nicht erniedrigter Erythropoetinwert die Erkrankung nicht sicher aus; die Interpretation muss zusammen mit Blutbild (Laboruntersuchung der Blutzellen), JAK2-Diagnostik (genetischer Test) und gegebenenfalls Knochenmarkbefund (Untersuchung des Knochenmarks) erfolgen [4, 6]
    • Bei niedrig-riskanten myelodysplastischen Syndromen (Erkrankungen des Knochenmarks) sind niedrige Serum-Erythropoetinwerte prädiktiv für ein besseres Ansprechen auf erythropoesestimulierende Substanzen (Medikamente zur Förderung der Blutbildung) [7]

Weiterführende Diagnostik

  • Kleines Blutbild, Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen), Ferritin (Eisenspeicherprotein), Transferrinsättigung (Eisenbeladung des Transportproteins), Vitamin B12, Folat (Folsäure), Hämolyseparameter (Laborwerte zum Nachweis einer gesteigerten Zerstörung roter Blutkörperchen)
  • Nierenparameter – Kreatinin, Cystatin C, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (Maß für die Nierenfunktion)
  • Sauerstoffsättigung (Sauerstoffgehalt im Blut), Blutgasanalyse (Untersuchung der Atemgase im Blut), gegebenenfalls Schlafapnoe-Diagnostik (Abklärung von Atemaussetzern im Schlaf) und Lungenfunktionsdiagnostik (Untersuchung der Lungenfunktion) bei Verdacht auf Hypoxieursache (Sauerstoffmangel)
  • JAK2-V617F-/Exon-12-Diagnostik (genetischer Test) bei Erythrozytose/Polyglobulie (vermehrte rote Blutkörperchen) [4, 6]
  • Bei Verdacht auf Polycythaemia vera (Erkrankung mit unkontrollierter Bildung roter Blutkörperchen) gegebenenfalls Knochenmarkdiagnostik (Untersuchung des Knochenmarks) [4, 6]
  • Bildgebung (radiologische Untersuchungen) bei Verdacht auf paraneoplastische Erythropoetinproduktion (tumorbedingte Hormonbildung) [2, 6]
  • Bei myelodysplastischem Syndrom (Erkrankung des Knochenmarks): Einordnung zusammen mit Transfusionsbedarf (Notwendigkeit von Bluttransfusionen) und hämatologischer Risikostratifizierung (Einschätzung des Erkrankungsrisikos) [7]

Weitere Hinweise

  • Therapeutisch eingesetzte Epoetine werden biotechnologisch hergestellt.
  • Der übernommene Rote-Hand-Brief weist auf seltene, potenziell schwere arzneimittelinduzierte Hautreaktionen unter humanen Epoetinen hin [1].

Literatur

  1. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Rote-Hand-Brief zu humanen Epoetinen: Neue Warnung bezüglich schwerer arzneimittelinduzierter Hautreaktionen (severe cutaneous adverse reactions; SCARs). 2017. https://www.akdae.de/fileadmin/user_upload/akdae/Arzneimittelsicherheit/RHB/Archiv/2017/20170929.pdf
  2. Idriss S, Hoogewijs D, Girodon F. Erythropoietin expression and regulation: piecing together known mechanisms and emerging insights. Am J Hematol. 2026;101(3):537-549. https://doi.org/10.1002/ajh.70173
  3. Bhandari S, Spencer S, Oliveira B, Mikhail A, Brooks O, Bryant G et al.: UK kidney association clinical practice guideline: update of anaemia of chronic kidney disease. BMC Nephrol. 2025;26:193. https://doi.org/10.1186/s12882-025-04115-1
  4. Tefferi A, Barbui T. Polycythemia vera: 2024 update on diagnosis, risk-stratification, and management. Am J Hematol. 2023;98(9):1465-1487. https://doi.org/10.1002/ajh.27002
  5. Mayo Clinic Laboratories. EPO - Overview: Erythropoietin, Serum. Rochester, MN: Mayo Clinic Laboratories; abgerufen am 7. April 2026. https://www.mayocliniclabs.com/test-catalog/overview/80173
  6. Yoon JS, Kang H, Jekarl DW, Lee SE, Oh EJ. Diagnostic performance of serum erythropoietin to discriminate polycythemia vera from secondary erythrocytosis through established subnormal limits. Diagnostics (Basel). 2024;14(17):1902. https://doi.org/10.3390/diagnostics14171902
  7. Merz AMA, Platzbecker U. Treatment of lower-risk myelodysplastic syndromes. Haematologica. 2025;110(2):330-338. https://doi.org/10.3324/haematol.2023.284945