Blutflussrestriktionstraining (BFRT)
Das Blutflussrestriktionstraining (BFRT; Training mit kontrollierter Bluteinschränkung) ist eine Krafttrainingsmethode, bei der durch aufblasbare Manschetten an den proximalen Extremitäten (körpernahe Gliedmaßen) der venöse Abfluss (Rückfluss des Blutes zum Herzen) nahezu vollständig und der arterielle Zufluss (Blutzufuhr vom Herzen) partiell reduziert wird. In Kombination mit niedrigen Trainingslasten von etwa 20-40 % der Einwiederholungs-Maximalkraft (maximale Kraft für eine einzelne Wiederholung) entsteht ein ausgeprägter metabolischer Trainingsreiz (stoffwechselbedingter Belastungsreiz), der muskuläre (die Muskeln betreffend) und metabolische Anpassungen induziert (auslöst), wie sie sonst erst bei klassischem Krafttraining mit höheren Lasten beobachtet werden [2-4].
Synonyme: Blood-Flow-Restriction-Training, BFR-Training, okklusives Krafttraining (Krafttraining mit Gefäßabdrückung), KAATSU-Training
Aufgrund der geringen mechanischen Belastung eignet sich BFRT besonders für Patienten mit eingeschränkter Belastbarkeit, orthopädischen Limitationen (Einschränkungen des Bewegungsapparates) oder metabolischen Erkrankungen (Stoffwechselerkrankungen) wie Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit im Erwachsenenalter).
Physiologische Grundlagen
Prinzip: Die partielle Gefäßokklusion (teilweiser Gefäßverschluss) führt zu lokaler Hypoxie (Sauerstoffmangel im Gewebe), Metabolitenakkumulation (Anreicherung von Stoffwechselprodukten) und erhöhtem intramuskulärem Druck (Druck im Muskel), wodurch trotz niedriger Last eine frühzeitige Rekrutierung hochschwelliger motorischer Einheiten (starker Muskel-Nerven-Einheiten) sowie eine Aktivierung anaboler Signalwege (aufbauender Stoffwechselwege) ausgelöst wird [2].
Zentrale Mechanismen:
- Metabolischer Stress (stoffwechselbedingte Belastung) mit Laktatakkumulation (Anstieg von Milchsäure)
- Frühzeitige Rekrutierung schnellzuckender Muskelfasern (kraftvolle, schnell ermüdende Muskelzellen)
- Aktivierung der mTOR-Signaltransduktion (zellulärer Wachstums-Signalweg) und Proteinsynthese (Eiweißaufbau)
- Stimulation von Satellitenzellen (muskeleigene Stammzellen)
- Induktion der Angiogenese (Neubildung von Blutgefäßen) und Kapillarisierung (Zunahme feinster Gefäße)
- Förderung der mitochondrialen Biogenese (Neubildung von Zellkraftwerken) und oxidativen Kapazität (Fähigkeit zur Energiegewinnung mit Sauerstoff).
Effekte auf Muskel und Stoffwechsel
Muskeladaptationen: Systematische Reviews (systematische Übersichtsarbeiten) und Metaanalysen (Zusammenfassungen mehrerer Studien) zeigen signifikante Zuwächse von Muskelkraft und Muskelhypertrophie (Muskelwachstum) bei niedriger Trainingslast, die in geeigneten Settings (Trainingsbedingungen) mit klassischem Krafttraining vergleichbar sein können [3, 4].
Gesicherte Trainingseffekte:
- Zunahme der Muskelkraft
- Zunahme des Muskelquerschnitts
- Verbesserte neuromuskuläre Rekrutierung (Zusammenspiel von Nerven und Muskeln)
- Geringere Gelenk- und Sehnenbelastung
- Verbesserte Insulinsensitivität (bessere Wirkung von Insulin)
- Verbesserte Mikrozirkulation (Durchblutung kleinster Gefäße)
- Reduktion der Fettmasse
Die Kombination aus geringer mechanischer Belastung und ausgeprägtem metabolischem Stimulus (Stoffwechselreiz) ist insbesondere für Patienten relevant, die hohe Trainingslasten nicht tolerieren [2-4].
Evidenz bei Typ-2-Diabetes
Studienlage: In einer prospektiven Interventionsstudie (vorausschauend geplante Behandlungsstudie) trainierten Patienten mit Typ-2-Diabetes über 12 Wochen dreimal wöchentlich entweder mit BFRT oder mit klassischem Krafttraining [1].
Gemeinsame Effekte beider Trainingsformen:
- Vergleichbare Steigerung der Muskelkraft
- Senkung von Ruhepuls und Blutdruck
- Reduktion des Körpergewichts
- Abnahme der Gesamtfettmasse
Spezifische Vorteile von BFRT: BFRT führte zu einer signifikanten Reduktion des viszeralen Fettgewebes (inneres Bauchfett) und war mit einer Verbesserung der mitochondrialen Kapazität sowie Hinweisen auf eine verbesserte Muskeldurchblutung vereinbar [1].
Da viszerales Fett eng mit Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung), systemischer Inflammation (körperweite Entzündung) und kardiovaskulärem Risiko (Herz-Kreislauf-Risiko) assoziiert ist, besitzt dieser Befund eine hohe klinische Relevanz [1].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
Geeignete Einsatzbereiche:
- Typ-2-Diabetes
- Metabolisches Syndrom (Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechsel- und Zuckerstoffwechselstörung)
- Adipositas (starkes Übergewicht)
- Sarkopenie (altersbedingter Muskelabbau)
- Geriatrische Patienten (ältere Patienten) mit eingeschränkter Belastbarkeit
- Orthopädische Limitationen mit Vermeidung hoher Lasten
- Postoperative Rehabilitation (körperliche und psychische Wiederherstellung nach Operation) in geeigneten Settings
- Low-Load-Training bei kardiovaskulären Risikopatienten (Patienten mit Herz-Kreislauf-Risiko)
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen:
- Akute tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in tiefen Venen) oder Embolie (Gefäßverschluss durch eingeschwemmtes Gerinnsel)
- Schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beine/Arme)
- Dekompensierte Herzinsuffizienz (nicht ausreichend behandelte Herzschwäche)
- Schwere Gerinnungsstörungen oder aktive Blutungen.
- Akute Infektionen oder schwere Weichteilerkrankungen (Erkrankungen von Muskeln und Bindegewebe) der betroffenen Extremität
Relative Kontraindikationen:
- Unkontrollierte arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
- Fortgeschrittene diabetische Polyneuropathie (Nervenschädigung bei Diabetes) mit reduzierter Schutzsensibilität (vermindertes Schmerz- und Druckempfinden)
- Ausgeprägte Varikosis (Krampfadern)
- Schwangerschaft
- Fehlende fachkundige Anleitung und fehlende individuelle Druckbestimmung
Voraussetzung vor Trainingsbeginn: Ärztliche Abklärung der individuellen Gefäß- und Risikokonstellation sowie standardisierte Bestimmung des individuellen Okklusionsdrucks (notwendiger Manschettendruck zum Gefäßverschluss) [2].
Trainingsprotokolle
Bewährtes Standardschema:
- Last 20-40 % der Einwiederholungs-Maximalkraft
- Wiederholungen 30-15-15-15
- Satzpausen 30-45 Sekunden
- Kontinuierliche Okklusion während der Serie
- Manschettendruck 50-80 % des individuell bestimmten Okklusionsdrucks
- Trainingsfrequenz 2-3 Einheiten pro Woche
Geeignete Übungen:
- Beinpresse
- Knieextension (Kniestreckung)
- Kniebeugung (Beugen des Knies)
- Bizepscurl (Armbeugen)
- Trizepsdrücken (Armstrecken)
Sicherheit
Einordnung: Bei standardisierter Anwendung, individueller Druckbestimmung und adäquater Supervision (fachlicher Überwachung) wird BFRT als insgesamt sicher beschrieben, ohne Hinweise auf ein generell erhöhtes thromboembolisches Risiko (Risiko für Blutgerinnsel und Gefäßverschlüsse) in kontrollierten Trainingssettings [2].
Mögliche Nebenwirkungen:
- Druck- oder Spannungsgefühl unter der Manschette
- Intensives muskuläres Brennen während der Serie
- Vorübergehende Parästhesien (Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheit)
- Selten Hämatome (Blutergüsse) oder Synkopen (kurzzeitige Ohnmacht)
Vergleich der Trainingsmethoden
| Methode | Technik | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Klassisches Krafttraining | Hohe Lasten ab etwa 70% 1RM. | Breite Verfügbarkeit, hohe Effektivität für Kraft und Hypertrophie. | Höhere Gelenk- und Sehnenbelastung, bei eingeschränkter Belastbarkeit oft limitiert. |
| BFRT | Niedrige Lasten mit venöser Okklusion und partieller arterieller Restriktion. | Geringere mechanische Belastung, ausgeprägter metabolischer Stimulus, gute Option bei Limitationen. | Spezifisches Equipment, individuelle Druckbestimmung und Supervision erforderlich. |
Fazit
Das Blutflussrestriktionstraining ist ein evidenzbasiertes Krafttrainingsverfahren, das bei niedriger Last relevante Zuwächse in Muskelkraft und Muskelhypertrophie erzielen kann [3, 4]. Besonders bei Typ-2-Diabetes ist der Nachweis einer günstigen Beeinflussung kardiometabolischer Risikofaktoren (Risiken für Herz und Stoffwechsel) mit Verbesserung der mitochondrialen Kapazität und Reduktion des viszeralen Fettgewebes klinisch bedeutsam [1]. In strukturierten sportmedizinischen (sportärztlichen) und diabetologischen Programmen (Behandlungsprogrammen für Diabetes) kann BFRT eine Alternative oder Ergänzung zum klassischen Krafttraining darstellen, wenn hohe Lasten nicht praktikabel sind [1-4].
Literatur
- Trinks N, Gancheva S, Pützer-Furmanczak J et al.: Blood-flow restriction resistance training improves skeletal muscle mitochondrial capacity and cardiovascular risk factors in type 2 diabetes. Cell Metab. 2025. https://doi.org/10.1016/j.cmet.2025.12.016
- Patterson SD, Hughes L, Warmington S et al.: Blood flow restriction exercise: considerations of methodology, application, and safety. Front Physiol. 2019;10:533. https://doi.org/10.3389/fphys.2019.00533
- Centner C, Wiegel P, Gollhofer A, König D. Effects of blood flow restriction training on muscular strength and hypertrophy: a systematic review and meta-analysis. Sports Med. 2019;49:95-108. https://doi.org/10.1007/s40279-018-0994-1
- Slysz J, Stultz J, Burr JF. The efficacy of blood flow restricted exercise: a meta-analysis. J Sci Med Sport. 2016;19:669-675. https://doi.org/10.1016/j.jsams.2015.09.005