Augenultraschall (Augensonographie)
Bei der Augensonographie (Synonyme: Augenultraschall; okuläre Sonographie; ophthalmologische Sonographie) handelt es sich um ein etabliertes bildgebendes Verfahren der Ophthalmologie (Augenheilkunde) zur Beurteilung intraokularer (im Auge gelegener) und orbitaler (die Augenhöhle betreffender) Strukturen, insbesondere wenn aufgrund von Medientrübungen (Eintrübungen der lichtdurchlässigen Augenmedien) (z. B. Katarakt (Grauer Star), Glaskörperblutung (Blutung in den Glaskörper)) eine direkte ophthalmologische Untersuchung mittels Spaltlampe (Untersuchungsmikroskop fürs Auge) oder Ophthalmoskopie (Augenspiegelung) nicht möglich ist.
Die Augensonographie besitzt ihre größte diagnostische Bedeutung bei Erkrankungen des hinteren Augenabschnitts und der vorderen/mittleren Orbita (Augenhöhle). Für Netzhautablösungen, hintere Glaskörperabhebungen, intraokulare Tumoren sowie die Beurteilung des N. opticus (Sehnerv) stellt sie weiterhin den diagnostischen Goldstandard unter den primären bildgebenden Verfahren dar [1-3]. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ergänzt die Sonographie insbesondere bei retrobulbären (hinter dem Augapfel gelegenen) und intrakraniell (innerhalb des Schädels) reichenden Prozessen [3, 5].
Beurteilbare Strukturen
- Bulbus oculi (Augapfel): Darstellung von Cornea (Hornhaut), Vorderkammer, Linse, Glaskörper und hinterem Augenabschnitt [3, 5].
- Retina und Choroidea (Aderhaut): Beurteilung von Aderhautablösungen, subretinalen (unter der Netzhaut gelegenen) Flüssigkeitsansammlungen, Melanomen (bösartigen Tumoren aus Pigmentzellen) und Metastasen (Tochtergeschwülsten) [1, 3].
- Corpus vitreum (Glaskörper): Nachweis von entzündlichen Veränderungen und Membranen [1, 2].
- N. opticus: Beurteilung des Sehnervenkopfes und Messung des Optikusscheiden-Durchmessers bei Verdacht auf Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes) oder erhöhten intrakraniellen Druck [3, 4].
- Orbita: Darstellung extraokulärer (außerhalb des Augapfels gelegener) Muskeln, orbitaler Raumforderungen, Entzündungen, Tränendrüse und orbitaler Gefäße [3, 5].
- Fremdkörper: Nachweis intraokularer oder orbitaler Fremdkörper, insbesondere metallischer oder stark reflektierender Strukturen [3].
Indikationen
- Ablatio retinae (Amotio retinae; Netzhautablösung) [1, 2]
- Glaskörperblutung [1, 2]
- Hintere Glaskörperabhebung [1, 2]
- Aderhautablösung [1, 3]
- Intraokulare und orbitale Tumoren, insbesondere Aderhautmelanom, Retinoblastom (bösartiger Netzhauttumor im Kindesalter), Hämangiom (Blutschwamm), Metastasen und orbitale Raumforderungen [3, 5]
- Trauma (Verletzung) des Auges oder der Orbita, insbesondere bei Verdacht auf Bulbusruptur (Riss des Augapfels), Fremdkörper oder Linsenluxation (Verrenkung der Linse) [3]
- Katarakt oder andere Medientrübungen mit fehlender Einsehbarkeit des Augenhintergrundes [3]
- Präoperative Biometrie (Vermessung vor der Operation) vor Kataraktoperation zur Bestimmung der Achsenlänge und Berechnung der Intraokularlinse (Kunstlinse im Auge) [5]
- Entzündliche Erkrankungen der Orbita, z. B. endokrine Orbitopathie (hormonbedingte Erkrankung der Augenhöhle), Myositis (Muskelentzündung), Dakryoadenitis (Entzündung der Tränendrüse) [3, 5]
- Verdacht auf erhöhten intrakraniellen Druck durch Nachweis eines Papillenödems oder vergrößerten Optikusscheiden-Durchmessers [4]
- Gefäßpathologien (Gefäßerkrankungen), z. B. Verschlüsse retinaler Gefäße, okuläre Ischämie (Minderdurchblutung des Auges), Neovaskularisation (Neubildung von Blutgefäßen) [5]
Das Verfahren
Die Augensonographie erfolgt in der Regel als B-Bild-Sonographie mit hochfrequenten Linearsonden von 7,5-20 MHz. Für die Beurteilung der Orbita und des N. opticus werden meist 7,5-13 MHz verwendet, für die Ultraschallbiomikroskopie (hochauflösende Ultraschalluntersuchung des Vorderabschnitts) des Vorderabschnitts Frequenzen von 35-50 MHz [3, 5].
- A-Mode: Eindimensionale Darstellung; heute überwiegend noch für biometrische Messungen vor Kataraktoperationen verwendet [5].
- B-Mode: Standardverfahren zur zweidimensionalen Darstellung intraokularer und orbitaler Strukturen [3].
- Dopplersonographie/Duplexsonographie: Ergänzende Beurteilung von Gefäßfluss und Perfusion (Durchblutung) orbitaler und retinaler Gefäße [5].
- Ultraschallbiomikroskopie: Hochfrequente Untersuchung des vorderen Augenabschnitts, insbesondere von Kammerwinkel, Iris (Regenbogenhaut), Ziliarkörper und Vorderkammerlinse [5].
Zum Ablauf der Augensonographie:
- Bei geschlossenen Augenlidern wird Gel auf das Lid aufgetragen und die Sonde vorsichtig ohne Druck aufgesetzt [3].
- Bei direktem Kontakt mit dem Bulbus ist zuvor eine lokale Oberflächenanästhesie (örtliche Betäubung der Augenoberfläche) erforderlich [3].
- Der Patient blickt nacheinander in verschiedene Richtungen, um dynamische Veränderungen von Retina, Glaskörper oder Augenmuskeln beurteilen zu können [3].
- Bei Verdacht auf Netzhautablösung oder hintere Glaskörperabhebung wird zusätzlich die Beweglichkeit der echogenen (im Ultraschall hell erscheinenden) Membranen während der Augenbewegung beurteilt [1, 2].
Vorteile
- Keine Strahlenexposition [3, 5]
- Sofortige Verfügbarkeit und kurze Untersuchungsdauer [3]
- Hohe diagnostische Aussagekraft trotz Medientrübungen [1, 3]
- Dynamische Untersuchung in Echtzeit möglich [3]
- Sehr hohe Sensitivität (Empfindlichkeit) und Spezifität (Genauigkeit) für Netzhautablösung [2]
- Günstiger und schneller als Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) [3, 5]
- Auch am Krankenbett oder in der Notaufnahme einsetzbar [4]
Nachteile
- Untersucherabhängiges Verfahren [3]
- Begrenzte Aussagekraft bei tief retrobulbären oder intrakraniell reichenden Prozessen [3, 5]
- Artefakte (technisch bedingte Bildstörungen) können Netzhautablösung, Glaskörperabhebung und Blutung imitieren [1]
- Bei Verdacht auf offene Bulbusverletzung sollte nur minimaler Druck ausgeübt werden; in diesen Fällen ist häufig primär eine Computertomographie (CT) indiziert [3].
Mögliche Befunde
- Ablatio retinae: Echoreiche, gefaltete Membran, die am N. opticus fixiert bleibt und sich bei Augenbewegungen mitbewegt [1, 2].
- Hintere Glaskörperabhebung: Dünne, frei flottierende Membran ohne Anheftung am N. opticus [1].
- Glaskörperblutung: Feine bis grobe intravitreale (im Glaskörper gelegene) Echos, häufig lageabhängig beweglich [1].
- Aderhautmelanom: Kuppel- oder pilzförmige Raumforderung mit niedriger bis mittlerer Binnenreflektivität [3].
- Papillenödem: Vorwölbung des Sehnervenkopfes; zusätzlich oft vergrößerter Optikusscheiden-Durchmesser [4].
- Erhöhter intrakranieller Druck: Optikusscheiden-Durchmesser > 5,0 mm und/oder Papillenhebung > 0,6 mm [4].
- Bulbusruptur: Irreguläre Bulbuskontur, verminderter Bulbusinhalt oder Verlust normaler anatomischer Strukturen [3].
Mögliche Komplikationen
- Die Untersuchung ist insgesamt sehr sicher [3, 5].
- Selten können lokale Beschwerden durch das Gel oder die Kontaktuntersuchung auftreten [3].
- Bei direktem Kontakt mit dem Bulbus sind oberflächliche Corneaerosionen (oberflächliche Hornhautverletzungen) möglich [3].
- Bei offener Bulbusverletzung besteht theoretisch die Gefahr einer Verschlechterung durch Druck auf den Bulbus; daher sollte in dieser Situation möglichst transpalpebral (durch das Augenlid hindurch) und druckfrei untersucht werden [3].
Weitere Hinweise
- In der Notfallmedizin wird die okuläre Sonographie zunehmend zur raschen Diagnostik eines erhöhten intrakraniellen Drucks (IPC; Hirndruck) eingesetzt. Ein Optikusscheiden-Durchmesser > 5,0 mm zeigt in Metaanalysen Sensitivitäten von etwa 90-92 % und Spezifitäten von 90-96 % für einen erhöhten intrakraniellen Druck [4].
- Eine Papillenhebung > 0,6 mm weist mit einer Spezifität nahe 100 % auf ein Papillenödem hin, kann jedoch im Frühstadium einer intrakraniellen Druckerhöhung noch fehlen [4].
- Für die Diagnose einer Netzhautablösung erreicht die okuläre Sonographie in aktuellen Metaanalysen Sensitivitäten von 94-97 % und Spezifitäten von 88-96 % [2].
Literatur
- Propst SL, Kirschner JM, Strachan CC et al.: Ocular Point-of-Care Ultrasonography to Diagnose Posterior Chamber Abnormalities. JAMA Netw Open. 2020;3(2):e1921460. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2019.21460
- Gottlieb M, Holladay D, Peksa GD. Point-of-Care Ocular Ultrasound for the Diagnosis of Retinal Detachment: A Systematic Review and Meta-Analysis. Acad Emerg Med. 2019;26(8):931-939. https://doi.org/10.1111/acem.13682
- Pierre VA, Smith T, Salerno A. Ocular Ultrasound. Emerg Med Clin North Am. 2024;42(4):731-748. https://doi.org/10.1016/j.emc.2024.05.009
- Galske J, Patel P, Packard B, Herbst M. Ocular ultrasound lowers threshold for lumbar puncture in varicella zoster virus meningitis: A case report. Am J Emerg Med. 2026;105:28-30. https://doi.org/10.1016/j.ajem.2026.03.025
- Al Zomia AS, Mohamed A, Hegazy M. The Evolving Role of Ultrasound in Diagnosis and Treatment of Ocular Diseases. Cureus. 2025;17(8):e81234. doi: 10.2147/OPTH.S539320