Lost Penis Syndrom – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Ursachenbezogene Verbesserung der subjektiv verminderten genitalen Sensibilität (Empfindungsfähigkeit im Genitalbereich) und Penisperzeption (Wahrnehmung des Penis).
- Behandlung einer begleitenden erektilen Dysfunktion (ED) (Erektionsstörung) bzw. eines gesicherten symptomatischen Hypogonadismus (Testosteronmangel mit Beschwerden).
- Erfassung und Behandlung begleitender Ejakulations- und Orgasmusstörungen (Störungen des Samenergusses und des sexuellen Höhepunkts) sowie psychischer und partnerschaftlicher Belastungen.
Therapieempfehlungen
Das Lost Penis Syndrom (LPS) bezeichnet ein sexualmedizinisch beschriebenes Beschwerdebild mit subjektiv verminderter Peniswahrnehmung insbesondere während vaginaler Penetration (Eindringen in die Scheide). Die konzeptionelle Beschreibung als neue klinische Entität (eigenständiges Krankheitsbild) ist nicht mit einer etablierten diagnostischen Klassifikation oder einer validierten spezifischen Pharmakotherapie (Behandlung mit Arzneimitteln) gleichzusetzen [1].
- Keine etablierte spezifische Pharmakotherapie: Für LPS besteht keine evidenzbasierte medikamentöse Standardbehandlung. Arzneimittel werden nach einer eigenständig gesicherten Begleiterkrankung ausgewählt; ein Wirksamkeitsnachweis für ED ist kein Wirksamkeitsnachweis für LPS [1, 2, LL1].
- Vor einer Verordnung: Situative Wahrnehmungsminderung von anhaltender genitaler Hypästhesie (verminderter Empfindlichkeit im Genitalbereich) unterscheiden. Erektionsqualität, Libido (sexuelles Verlangen), Ejakulation (Samenerguss), Orgasmus, Arzneimittelanamnese (Angaben zu eingenommenen Arzneimitteln) und psychische Belastungen erfassen; je nach Befund urologische (die Harn- und Geschlechtsorgane betreffende), neurologische (das Nervensystem betreffende) und endokrinologische (das Hormonsystem betreffende) Abklärung veranlassen [1, LL1].
- Begleitende ED: Nach kardiovaskulärer Risikobeurteilung (Abschätzung von Risiken für Herz und Kreislauf) und Prüfung der Kontraindikationen (Gegenanzeigen) sind PDE-5-Hemmer eine leitliniengerechte Erstlinientherapie (Behandlung der ersten Wahl). Eine Wiederherstellung der genitalen Sensibilität ist dadurch nicht belegt [3, LL1, FI1, FI2].
- Verdacht auf Hypogonadismus: Klinische Symptome und wiederholt erniedrigte morgendliche, nüchtern gemessene Testosteronwerte müssen zusammen vorliegen. Bei auffälligem Erstwert vor Therapie mindestens eine zweite Messung an einem anderen Tag; weiterführende Ursachenabklärung nach Befund. Keine Testosterongabe bei normalen Werten allein wegen LPS [LL2].
- Depression bzw. Angststörung: Eine diagnostizierte Erkrankung nach ihrer eigenen Indikation behandeln. Sexuelle unerwünschte Wirkungen von Antidepressiva bei Auswahl und Verlaufskontrolle berücksichtigen [FI4].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Für die Hauptindikation LPS stehen keine etablierten spezifischen Wirkstoffe zur Verfügung. Duloxetin ist keine reguläre LPS-Therapie [1, 2].
Experimentelle Anwendung: Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Duloxetin | Ein unkontrollierter Fallbericht bei gleichzeitig diagnostizierter Major Depression (depressiver Erkrankung); Besserung nach etwa 2 Monaten. Ein spezifischer Effekt auf LPS lässt sich nicht von der Behandlung der Depression abgrenzen. Anwendung ausschließlich gegen LPS: experimenteller Off-Label-Use, keine Routineempfehlung [2, FI4]. |
- Wirkweise: Hemmung der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme; eine gezielte Wiederherstellung genitaler Sensibilität ist nicht nachgewiesen [2, FI4].
- Indikation: Keine etablierte LPS-Indikation. Major Depression und generalisierte Angststörung (anhaltende, übermäßige Angst und Sorgen) sind davon getrennte zugelassene Indikationen [FI4].
- Kontraindikationen: Unter anderem relevante Leberfunktionsstörung, schwere Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion), unkontrollierte Hypertonie (Bluthochdruck) bei Therapiebeginn sowie bestimmte MAO-Hemmer und starke CYP1A2-Inhibitoren [FI4].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwitzen; auch ED, Ejakulations- und Orgasmusstörungen. Serotonin-Syndrom (potenziell gefährliche Übersteigerung der Serotoninwirkung) und Absetzsymptome beachten [FI4].
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Die folgenden Arzneimittel behandeln gesicherte Begleiterkrankungen. Sie sind keine spezifische Pharmakotherapie des LPS.
PDE-5-Hemmer bei begleitender erektiler Dysfunktion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Tadalafil | Sexuelle Stimulation erforderlich. Bei schwerer Niereninsuffizienz bedarfsweise höchstens 10 mg; tägliche Anwendung nicht empfohlen. Keine dauerhafte tägliche Einnahme von 10 oder 20 mg [FI1]. |
| Sildenafil | Sexuelle Stimulation erforderlich; Mahlzeiten können den Wirkeintritt verzögern. Bei schwerer Niereninsuffizienz bzw. Leberfunktionsstörung niedrigere Anfangsdosis erwägen [FI2]. |
- Wirkweise: Hemmung des cGMP-Abbaus unterstützt die Erektion bei sexueller Stimulation [FI2].
- Indikation: Gesicherte ED. Die integrierte Tadalafil-Analyse aus 6 randomisierten Studien mit 1.913 Männern untersuchte ED, nicht LPS; sie liefert keinen Nachweis einer Wirkung von Sildenafil oder einer Wiederherstellung der Penissensibilität [3].
- Kontraindikationen: Nitrate bzw. NO-Donatoren einschließlich „Poppers“, Riociguat und Erkrankungen, bei denen sexuelle Aktivität nicht vertretbar ist; weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [LL1, FI1, FI2].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Flush (anfallsartige Hautrötung), Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), nasale Kongestion (verstopfte Nase) und Schwindel; bei Sildenafil Sehstörungen, bei Tadalafil auch Rücken- bzw. Muskelschmerzen. Bei Priapismus (anhaltender, häufig schmerzhafter Erektion) oder plötzlicher Seh- bzw. Hörminderung umgehend ärztlich abklären [FI1, FI2].
Androgene bei gesichertem symptomatischem Hypogonadismus
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Testosteron, transdermales Gel | Substitution bei gesichertem Mangel. Hautübertragung auf andere Personen vermeiden; Anwendung nach Fachinformation [FI3]. |
- Wirkweise: Ersatz eines Androgenmangels; kann Libido und sexuelle Funktion verbessern. Kein belegter spezifischer Effekt auf LPS [LL2].
- Indikation: Klinisch und biochemisch gesicherter Hypogonadismus; keine empirische Gabe bei isolierter Wahrnehmungsminderung [LL2].
- Kontraindikationen: Prostata- bzw. männliches Mammakarzinom (Prostatakrebs bzw. Brustkrebs beim Mann) nach Fachinformation; aktiver Kinderwunsch, Hämatokrit ≥ 54 % und unkontrollierte Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Exogenes Testosteron unterdrückt die Spermatogenese (Bildung von Samenzellen) [LL2, FI3].
- Nebenwirkungen: Erythrozytose (erhöhte Zahl roter Blutkörperchen), Akne, Hautreaktionen, Flüssigkeitsretention (Einlagerung von Flüssigkeit im Körper) und Blutdruckanstieg [FI3].
- Verlaufskontrolle: Testosteron und Hämatokrit nach 3, 6 und 12 Monaten, danach jährlich; PSA und Prostatabefund risikoadaptiert. Bei Hämatokrit > 54 % Therapieanpassung bzw. Unterbrechung [LL2].
Behandlung einer eigenständigen Erkrankung der Partnerin
Eine vulvovaginale Atrophie (Rückbildung des Gewebes von Scheide und äußerem Genital) bzw. ein genitourinäres Syndrom der Menopause (GSM) (Beschwerden an Harnwegen und Genitalbereich infolge des Hormonrückgangs in den Wechseljahren) wird wegen der Beschwerden der betroffenen Frau behandelt. Die Studien zu Ospemifen und Prasteron betreffen postmenopausale Frauen (Frauen nach der letzten Regelblutung) mit vulvovaginaler Atrophie; daraus folgt kein Wirksamkeitsnachweis für LPS des männlichen Partners oder für eine medikamentöse Korrektur vaginaler Laxität (Lockerung des Scheidengewebes) [4, 5].
Bei symptomatischem GSM kommen nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung lokale vaginale Östrogene, vaginales Prasteron oder orales Ospemifen infrage. Eine systemische menopausale Hormontherapie wird nicht allein wegen der verminderten Peniswahrnehmung des Partners eingeleitet; Einzelheiten siehe „Genitourinäres Syndrom der Menopause/Pharmakotherapie“ [LL3].
Lokale Östrogene
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Estriol, Vaginalcreme | Präparatespezifisches Schema; Behandlung estrogenmangelbedingter Beschwerden der Frau [FI5]. |
- Wirkweise: Estrogenwirkung auf das vaginale Epithel (Gewebe, das die Scheide auskleidet) [FI5].
- Indikation: Symptomatische estrogenmangelbedingte vulvovaginale Atrophie [FI5].
- Kontraindikationen: Unter anderem ungeklärte Genitalblutung, hormonabhängige Malignome (Krebserkrankungen) bzw. Brustkrebsanamnese (früherer Brustkrebs) und thromboembolische Erkrankungen (Erkrankungen durch Blutgerinnsel in Blutgefäßen) gemäß Fachinformation. Sonderfälle fachärztlich beurteilen [FI5].
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung und Blutungen; neu auftretende Blutungen abklären [FI5].
Selektive Estrogenrezeptormodulatoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ospemifen | Zugelassen bei mittelschwerer bis schwerer symptomatischer vulvovaginaler Atrophie nach der Menopause [FI6]. |
- Wirkweise: Gewebeselektive Modulation von Estrogenrezeptoren [FI6].
- Indikation: Symptomatische postmenopausale vulvovaginale Atrophie, keine LPS-Indikation [4, FI6].
- Kontraindikationen: Unter anderem aktuelle bzw. frühere venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen bzw. dadurch verursachte Gefäßverschlüsse), ungeklärte Genitalblutung und bestimmte hormonabhängige Tumoren; bei Brustkrebs die Einschränkungen der Fachinformation beachten [FI6].
- Nebenwirkungen: Hitzewallungen, vaginaler Ausfluss und Muskelspasmen (Muskelkrämpfe); Thromboembolie- und Endometriumrisiken (Risiken für die Gebärmutterschleimhaut) berücksichtigen, Blutungen abklären [FI6].
Vaginale Steroidvorstufen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Prasteron | Zugelassen bei mittelschweren bis schweren Symptomen einer postmenopausalen vulvovaginalen Atrophie [FI7]. |
- Wirkweise: Lokale Umwandlung in Estrogene und Androgene [FI7].
- Indikation: Symptomatische postmenopausale vulvovaginale Atrophie, keine LPS-Indikation [5, FI7].
- Kontraindikationen: Unter anderem ungeklärte Genitalblutung, Brustkrebs bzw. Brustkrebsanamnese, estrogenabhängige Malignome und thromboembolische Erkrankungen gemäß Fachinformation [FI7].
- Nebenwirkungen: Insbesondere vaginaler Ausfluss; neu auftretende Blutungen abklären [FI7].
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Abkürzungen
- cGMP: zyklisches Guanosinmonophosphat.
- CYP1A2: Cytochrom P450 1A2; Enzym, das am Abbau von Arzneimitteln beteiligt ist.
- ED: erektile Dysfunktion; Erektionsstörung.
- GSM: genitourinäres Syndrom der Menopause.
- LPS: Lost Penis Syndrom.
- MAO: Monoaminoxidase.
- NO: Stickstoffmonoxid.
- PDE-5: Phosphodiesterase Typ 5.
- PSA: prostataspezifisches Antigen.
Literatur
- Colonnello E, Limoncin E, Ciocca G et al.: The Lost Penis Syndrome: A New Clinical Entity in Sexual Medicine. Sex Med Rev. 2022;10(1):113-129. doi:10.1016/j.sxmr.2021.08.001
- Sönmez D: Lost penis syndrome treated with duloxetine. Cukurova Med J. 2024;49(4):1098-1100. doi:10.17826/cumj.1416014
- Porst H, Gacci M, Büttner H et al.: Tadalafil once daily in men with erectile dysfunction: an integrated analysis of data obtained from 1913 patients from six randomized, double-blind, placebo-controlled, clinical studies. Eur Urol. 2014;65(2):455-464. doi:10.1016/j.eururo.2013.09.037
- Constantine G, Graham S, Portman DJ et al.: Female sexual function improved with ospemifene in postmenopausal women with vulvar and vaginal atrophy: results of a randomized, placebo-controlled trial. Climacteric. 2015;18(2):226-232. doi:10.3109/13697137.2014.954996
- Labrie F, Derogatis L, Archer DF et al.: Effect of Intravaginal Prasterone on Sexual Dysfunction in Postmenopausal Women with Vulvovaginal Atrophy. J Sex Med. 2015;12(12):2401-2412. doi:10.1111/jsm.13045
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, 2026. Kapitel Management of Erectile Dysfunction. Leitlinienvolltext [LL1]
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, 2026. Kapitel Male Hypogonadism. Leitlinienvolltext [LL2]
- American Urological Association, Society of Urodynamics, Female Pelvic Medicine & Urogenital Reconstruction, American Urogynecologic Society: Genitourinary Syndrome of Menopause: AUA/SUFU/AUGS Guideline, 2025. Leitlinie [LL3]
Produktinformationen
- Eli Lilly Nederland B.V.: Cialis, Filmtabletten. EU-Produktinformation, abgerufen am 13. Oktober 2026 [FI1]
- Upjohn EESV: Viagra, Tabletten. EMA-Produktinformation, aktualisiert September 2025 [FI2]
- Besins Healthcare Germany GmbH: Testogel Dosiergel 16,2 mg/g Gel. Fachinformation, November 2024 [FI3]
- Eli Lilly Nederland B.V.: Cymbalta, magensaftresistente Hartkapseln. EU-Produktinformation, abgerufen am 13. Oktober 2026 [FI4]
- Besins Healthcare Germany GmbH: OeKolp-Creme 1 mg/g Vaginalcreme. Fachinformation, Mai 2024 [FI5]
- Shionogi B.V.: Senshio, Filmtabletten. EU-Produktinformation, abgerufen am 13. Oktober 2026 [FI6]
- Endoceutics S.A.: Intrarosa, Vaginalzäpfchen. EMA-Produktinformation, abgerufen am 13. Oktober 2026 [FI7]