Erkrankungen mit Einfluss auf die Mikronährstoffversorgung

Zahlreiche akute und chronische Erkrankungen können die Versorgung des Organismus mit Mikronährstoffen beeinflussen. Störungen des Mikronährstoffhaushalts (Gleichgewicht der Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) entstehen dabei nicht nur durch eine unzureichende Zufuhr. Ebenso bedeutsam sind eine gestörte Verdauung und Resorption (Aufnahme von Nährstoffen), erhöhte Verluste, Veränderungen von Transport und Speicherung, krankheitsbedingte Umverteilungen sowie Störungen der metabolischen Aktivierung oder Ausscheidung. Auch Arzneimittel und andere therapeutische Maßnahmen können den Mikronährstoffstatus verändern.

Ein wesentliches pathophysiologisches Prinzip (krankheitsbedingter Funktionsmechanismus) ist die systemische Wirkung chronischer Erkrankungen. Chronische Inflammation (dauerhafte Entzündung), hormonelle Dysregulation (gestörte Hormonsteuerung), Organinsuffizienz (eingeschränkte Organfunktion), katabole Stoffwechsellagen (Stoffwechsellagen mit verstärktem Abbau körpereigener Substanz) und krankheitsbedingte Veränderungen der Körperzusammensetzung können Bedarf, Verteilung und Verfügbarkeit von Mikronährstoffen verändern. Dabei muss zwischen einem absoluten Mangel, einem funktionellen Mangel, einer krankheitsbedingten Umverteilung und Veränderungen laborchemischer Marker unterschieden werden.

Ernährungszustand und Essverhalten sind krankheitsübergreifende Determinanten der Mikronährstoffversorgung. Malnutrition (Mangelernährung), Untergewicht und Essstörungen können durch eine verminderte Energie- und Nährstoffzufuhr, eingeschränkte Lebensmittelauswahl oder wiederholte kompensatorische Verhaltensweisen zu multiplen Defiziten führen. Bei Anorexia nervosa (Magersucht) können beispielsweise neben Vitamin- und Mineralstoffdefiziten auch Elektrolytstörungen auftreten. Bei ausgeprägter Malnutrition ist zudem das Risiko eines Refeeding-Syndroms (schwere Stoffwechselentgleisung bei zu rascher Wiederernährung) zu berücksichtigen.

Resorptionsstörungen (Störungen der Nährstoffaufnahme) bilden eine zentrale Ursache krankheitsassoziierter Mikronährstoffdefizite. Beim Kurzdarmsyndrom ist die für die Aufnahme verfügbare Darmoberfläche vermindert. Bei der Maldigestion werden Nährstoffe unzureichend aufgeschlossen, während bei der Malabsorption die Aufnahme bereits aufgeschlossener Nährstoffe gestört ist. Abhängig von Ursache, betroffenem Darmabschnitt und Ausmaß können insbesondere Defizite von Eisen, Folsäure, Vitamin B12, Calcium, Magnesium, Zink sowie den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K entstehen. Nahrungsmittelunverträglichkeiten erhöhen das Defizitrisiko vor allem dann, wenn sie zu längerfristigen Ernährungseinschränkungen und einer verminderten Lebensmittelauswahl führen.

Alkoholassoziierte Erkrankungen können den Mikronährstoffstatus gleichzeitig über eine unzureichende Nahrungsaufnahme, gastrointestinale Funktionsstörungen, Veränderungen des Leberstoffwechsels und erhöhte Verluste beeinträchtigen. Bei chronisch hohem Alkoholkonsum sind insbesondere Thiamin (Vitamin B1), Folsäure, Vitamin B6, Magnesium, Zink und weitere Mikronährstoffe von klinischer Bedeutung. Das individuelle Defizitmuster hängt wesentlich von Ernährungszustand, Dauer und Ausmaß des Alkoholkonsums sowie begleitenden Leber- und Gastrointestinalerkrankungen ab.

Endokrine und metabolische Erkrankungen (hormonelle und stoffwechselbedingte Erkrankungen) beeinflussen den Mikronährstoffhaushalt über Veränderungen des Energie- und Substratstoffwechsels, hormoneller Regelkreise, der Körperzusammensetzung und des Knochenstoffwechsels sowie über krankheitsspezifische Therapien. Dies betrifft unter anderem Adipositas, Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2, Schilddrüsenerkrankungen, Störungen der Nebenschilddrüsenfunktion sowie Hyperurikämie und Gicht. Die klinische Bewertung muss zwischen krankheitsbedingten Veränderungen, ernährungsabhängigen Defiziten und therapieassoziierten Effekten unterscheiden.

Gastrointestinale Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts sowie zugehöriger Verdauungsorgane) gehören zu den wichtigsten Ursachen kombinierter Mikronährstoffdefizite. Autoimmungastritis kann insbesondere die Versorgung mit Vitamin B12 und Eisen beeinträchtigen. Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Zöliakie können durch Entzündung, Schleimhautschädigung, Blutverluste, Diarrhoe (Durchfall), verminderte Nahrungsaufnahme oder Resektionen zu multiplen Defiziten führen. Chronische Pankreatitis und exokrine Pankreasinsuffizienz beeinträchtigen insbesondere die Verdauung und Aufnahme fettlöslicher Nährstoffe. Auch Leberzirrhose und die metabolische dysfunktionsassoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) können Speicherung, Stoffwechsel und Verteilung von Mikronährstoffen verändern. Veränderungen der Darmflora können darüber hinaus mit der intestinalen Barrierefunktion, mikrobiellen Stoffwechselprozessen und der Bioverfügbarkeit einzelner Nährstoffe interagieren.

Hämatologische Erkrankungen (Erkrankungen des Blutes und der Blutbildung) sind besonders eng mit dem Mikronährstoffstoffwechsel verbunden. Eisen, Folsäure und Vitamin B12 sind für die Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen) und die DNA-Synthese (Bildung der Erbsubstanz) erforderlich. Bei Eisenmangelanämie, Folsäuremangelanämie, perniziöser Anämie und Vitamin-B12-Mangelanämie ist deshalb nicht nur die Anämie selbst, sondern auch ihre zugrunde liegende Ursache zu diagnostizieren. Insbesondere bei Vitamin-B12-Mangel können neurologische Veränderungen bereits vor oder unabhängig von ausgeprägten Veränderungen des Blutbildes auftreten.

Kardiologische Erkrankungen können mit einer veränderten Mikronährstoffversorgung einhergehen, insbesondere bei fortgeschrittener chronischer Herzinsuffizienz. Appetitminderung, intestinale Stauung, chronische Inflammation, medikamentöse Therapie und eine zunehmende katabole Stoffwechsellage können die Entstehung von Defiziten begünstigen. Bei kardialer Kachexie (krankhafter Gewichts- und Muskelverlust bei schwerer Herzerkrankung) treten Veränderungen des Energie-, Protein- und Mikronährstoffhaushalts häufig gemeinsam auf.

Knochen- und Muskelerkrankungen weisen enge Beziehungen zum Mikronährstoffstatus auf. Bei Osteomalazie (Erweichung der Knochen im Erwachsenenalter) stehen insbesondere Störungen des Vitamin-D- und Calciumstoffwechsels im Vordergrund. Bei Osteoporose (Knochenschwund) sind neben Vitamin D und Calcium weitere Faktoren des Knochen- und Muskelstoffwechsels zu berücksichtigen. Die Sarkopenie (alters- oder krankheitsbedingter Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft) ist multifaktoriell bedingt; Malnutrition, chronische Erkrankungen, körperliche Inaktivität und eine unzureichende Versorgung mit für den Muskelstoffwechsel relevanten Nährstoffen können zu ihrer Entwicklung beitragen.

Neurologische und psychiatrische Erkrankungen mit Defizitrelevanz erfordern eine differenzierte Beurteilung, da Mikronährstoffdefizite neurologische und psychiatrische Symptome verursachen, verstärken oder imitieren können. Besonders relevant sind hierbei unter anderem Vitamin B12, Folsäure, Vitamin B6, Thiamin, Eisen und Magnesium. Bei Depression, Fatigue-Syndromen (anhaltenden ausgeprägten Erschöpfungszuständen), leichter kognitiver Beeinträchtigung und Polyneuropathie (Schädigung mehrerer peripherer Nerven) sollte daher bei entsprechender klinischer Konstellation auch nach behandelbaren ernährungs- oder krankheitsbedingten Defiziten gesucht werden. Ein nachgewiesener Mangel ist dabei von einer unspezifischen Supplementierung ohne Defizitnachweis abzugrenzen.

Nierenerkrankungen beeinflussen den Mikronährstoffhaushalt über eine veränderte renale Ausscheidung (Ausscheidung über die Nieren), Proteinverluste, Störungen der Vitamin-D-Aktivierung, metabolische Veränderungen, Entzündung, diätetische Einschränkungen und gegebenenfalls Dialyseverluste. Bei chronischer Niereninsuffizienz sind insbesondere der Vitamin-D-, Calcium- und Phosphatstoffwechsel sowie Eisenstatus und Blutbildung relevant. Das nephrotische Syndrom kann durch ausgeprägte Proteinverluste auch transportproteingebundene Substanzen betreffen. Renale Osteodystrophie und sekundärer Hyperparathyreoidismus sind Ausdruck der komplexen Störungen des Mineral- und Knochenstoffwechsels bei chronischer Nierenkrankheit. Eine Supplementierung muss hier besonders kontrolliert erfolgen, da sowohl Defizite als auch Akkumulationen (Anreicherungen) klinisch relevant sein können.

Onkologische Erkrankungen können die Mikronährstoffversorgung durch Tumorstoffwechsel, systemische Inflammation, Appetitverlust, Kachexie (krankhafter Verlust von Körpergewicht und Muskelmasse), gastrointestinale Beschwerden, operative Eingriffe sowie Chemo- und Strahlentherapie beeinträchtigen. Im Vordergrund stehen die frühzeitige Erkennung von Malnutrition, die Sicherung einer bedarfsgerechten Energie- und Proteinzufuhr, die Behandlung therapieassoziierter Ernährungsprobleme und die gezielte Korrektur nachgewiesener Defizite. Pauschale Hochdosis-Supplementierungen sind hiervon klar abzugrenzen.

Pneumologische Erkrankungen können insbesondere bei chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD; chronische Lungenerkrankung mit dauerhaft verengten Atemwegen) mit vermindertem Appetit, erhöhtem Energieaufwand für die Atemarbeit, chronischer Inflammation und Verlust von Muskelmasse einhergehen. Bei fortgeschrittener Erkrankung kann sich eine pulmonale Kachexie (krankhafter Gewichts- und Muskelverlust bei schwerer Lungenerkrankung) entwickeln. Die Beurteilung des Ernährungs- und Mikronährstoffstatus ist deshalb Teil einer umfassenden ernährungsmedizinischen Bewertung.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Wechselwirkung zwischen Erkrankung, Therapie und Mikronährstoffstatus. Arzneimittel und andere therapeutische Maßnahmen können die Resorption, den Stoffwechsel, die Speicherung oder die Ausscheidung von Mikronährstoffen beeinflussen und dadurch bestehende Defizite verstärken oder neue Defizitrisiken schaffen. Therapieassoziierte Einflussfaktoren müssen deshalb gemeinsam mit der Grunderkrankung und dem Ernährungszustand beurteilt werden.

Die klinische Bedeutung krankheitsassoziierter Mikronährstoffdefizite liegt auch darin, dass sie häufig zunächst unspezifische Beschwerden verursachen. Anämie (Blutarmut), Muskelschwäche, Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung), Neuropathien (Nervenschädigungen), Störungen des Knochenstoffwechsels, Wundheilungsstörungen oder kognitive Einschränkungen können sowohl Ausdruck der Grunderkrankung als auch eines begleitenden Mikronährstoffmangels sein. Eine gezielte Mikronährstoffdiagnostik ist daher insbesondere dann sinnvoll, wenn Erkrankung, Therapie, Ernährungsanamnese (Erhebung der Ernährungsgewohnheiten), klinische Symptome oder Laborbefunde eine entsprechende Defizitkonstellation plausibel machen.

Die Mikronährstoffmedizin verfolgt in diesem Zusammenhang einen risikoadaptierten und ursachenorientierten Ansatz. Ziel ist nicht die pauschale Supplementierung aufgrund einer bestimmten Diagnose, sondern die gemeinsame Beurteilung von Ernährungszustand, Nahrungszufuhr, Verdauungs- und Resorptionsleistung, Entzündungsaktivität, Organfunktion, Medikamenteneffekten und individuellen Risikofaktoren. Auf dieser Grundlage lassen sich gezielte diagnostische, präventive und therapeutische Maßnahmen ableiten.

Im Folgenden werden die wichtigsten Erkrankungsgruppen und deren mögliche Auswirkungen auf die Mikronährstoffversorgung systematisch dargestellt:

  • Ernährungszustand und Essverhalten
  • Resorptionsstörungen
    • Kurzdarmsyndrom (Störung der Nährstoffaufnahme nach Verlust größerer Dünndarmabschnitte)
    • Maldigestion (unzureichende Aufspaltung der Nahrung)
    • Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm)
    • Nahrungsmittelintoleranzen (Nahrungsmittelunverträglichkeiten)
  • Alkoholassoziierte Erkrankungen
    • Alkoholabhängigkeit
    • Alkoholassoziierte Mangelernährung (Mangelernährung infolge chronischen Alkoholkonsums)
  • Endokrine und metabolische Erkrankungen
    • Adipositas (Fettleibigkeit)
    • Diabetes mellitus Typ 1 (Zuckerkrankheit durch Insulinmangel)
    • Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit mit verminderter Insulinwirkung)
    • Hashimoto-Thyreoiditis (autoimmune Entzündung der Schilddrüse)
    • Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen)
    • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
    • Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel)/Gicht 
    • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
    • Morbus Basedow (Autoimmunerkrankung mit Schilddrüsenüberfunktion)
    • Struma (Schilddrüsenvergrößerung, „Kropf“)
  • Gastrointestinale Erkrankungen
    • Autoimmungastritis (autoimmune Entzündung der Magenschleimhaut)
    • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED; z. B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
    • Chronische Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse)
    • Dysbiose (Gleichgewichtsstörung der Darmflora)
    • Exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung von Verdauungsenzymen der Bauchspeicheldrüse)
    • Leberzirrhose (fortgeschrittener narbiger Umbau der Leber)
    • Metabolische dysfunktionsassoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD; Stoffwechselerkrankung mit vermehrter Fetteinlagerung in der Leber)
    • Zöliakie (durch Gluten ausgelöste Autoimmunerkrankung des Dünndarms)
  • Hämatologische Erkrankungen
    • Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel)
    • Folsäuremangelanämie (Blutarmut durch Folsäuremangel)
    • Perniziöse Anämie (Vitamin-B12-Mangelanämie durch gestörte Vitamin-B12-Aufnahme)
    • Vitamin-B12-Mangelanämie (Blutarmut durch Vitamin-B12-Mangel)
  • Kardiologische Erkrankungen
    • Kardiale Kachexie (krankhafter Gewichts- und Muskelverlust bei schwerer Herzerkrankung)
    • Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
  • Knochen- und Muskelerkrankungen
    • Osteomalazie (Erweichung der Knochen im Erwachsenenalter)
    • Osteoporose (Knochenschwund)
    • Sarkopenie (alters- oder krankheitsbedingter Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft)
  • Neurologische und psychiatrische Erkrankungen mit Defizitrelevanz
    • Depression
    • Fatigue-Syndrome (anhaltende ausgeprägte Erschöpfungszustände)
    • Leichte kognitive Beeinträchtigung (Einschränkung von Gedächtnis und Denkfähigkeit)
    • Polyneuropathie (Schädigung mehrerer peripherer Nerven)
  • Nierenerkrankungen
    • Chronische Niereninsuffizienz (Einschränkung der Nierenfunktion)
    • Nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit ausgeprägtem Eiweißverlust über den Urin)
    • Renale Osteodystrophie (Knochenerkrankung infolge chronischer Nierenfunktionsstörung)
    • Sekundärer Hyperparathyreoidismus bei chronischer Nierenkrankheit (Überfunktion der Nebenschilddrüsen infolge chronischer Nierenfunktionsstörung)
  • Onkologische Erkrankungen
    • Chemotherapie-assoziierte Defizite
    • Strahlentherapie-assoziierte Ernährungsprobleme
    • Tumorkachexie (krankhafter Gewichts- und Muskelverlust bei Krebserkrankungen)
  • Pneumologische Erkrankungen
    • Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD; chronische Lungenerkrankung mit dauerhaft verengten Atemwegen)
    • Pulmonale Kachexie (krankhafter Gewichts- und Muskelverlust bei schwerer Lungenerkrankung)

Die Fachartikel zu diesem Themenbereich werden sukzessive erstellt und in den kommenden Monaten ergänzt.