Pankreas-Elastase im Serum

Die Pankreas-Elastase im Serum ist ein exokrines Enzym des Pankreas (Bauchspeicheldrüse), das vorwiegend in den azinären Zellen (Drüsenzellen) gebildet und physiologisch in das Duodenum (Zwölffingerdarm) sezerniert wird. Im Serum (Blutserum) kann eine erhöhte Pankreas-Elastase auf eine Freisetzung pankreatischer Enzyme bei entzündlicher oder struktureller Schädigung des Pankreas hinweisen.

Die Bestimmung der Pankreas-Elastase im Serum ist heute kein leitliniengerechter Routineparameter der Pankreatitisdiagnostik. Sie ist als historisch beschriebener und in einzelnen Speziallaboren verfügbarer Ergänzungsparameter einzuordnen. In der aktuellen Diagnostik der akuten Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) sind die klinische Symptomatik (Krankheitszeichen), Lipase und/oder Amylase sowie bei unklarer Konstellation die Bildgebung maßgeblich. Zur Beurteilung der exokrinen Pankreasfunktion ist nicht die Serum-Elastase, sondern die Pankreas-Elastase im Stuhl heranzuziehen.

Synonyme

  • Pankreaselastase im Serum
  • Pankreatische Elastase 1 im Serum
  • Pancreatic elastase 1
  • Elastase 1
  • Pancreatopeptidase

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Bei Versanddiagnostik sind die Vorgaben des durchführenden Labors zu Probenvolumen, Lagerung und Transporttemperatur verbindlich.

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung zwingend erforderlich
  • Nüchternblutabnahme empfohlen, wenn parallel Lipase, Amylase, Triglyceride, Glucose oder weitere Stoffwechselparameter bestimmt werden
  • Bei Versanddiagnostik sind laborseitige Vorgaben zu beachten; einzelne Labore empfehlen eine Nüchternperiode von 10-12 h.

Störfaktoren

  • Präanalytische Störfaktoren
    • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (Fetttrübung) oder Ikterus (Gelbsucht) können abhängig vom immunologischen Messsystem interferieren.
    • Ungeeignete Lagerung, wiederholtes Einfrieren/Auftauen oder verzögerter Probentransport können die Aussagekraft beeinträchtigen.
    • Abweichende Probenlagerung oder Transportbedingungen können bei Spezialanalytik zu methodenabhängigen Abweichungen führen.
  • Klinische und methodische Einschränkungen
    • Erhöhte Werte sind nicht spezifisch für eine akute Pankreatitis und können auch bei anderen pankreatischen oder gastrointestinalen Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) auftreten.
    • Bei schwerer Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) können pankreatische Enzyme im Serum erhöht sein; die Interpretation muss deshalb immer im klinischen Kontext erfolgen.
    • Die Serum-Elastase ist nicht Bestandteil der aktuellen leitliniengerechten Standarddiagnostik der akuten Pankreatitis.
    • Die Serum-Elastase ist nicht geeignet zur Diagnostik der exokrinen Pankreasinsuffizienz (Funktionsschwäche der Bauchspeicheldrüse).
    • Die Serum-Elastase darf nicht mit der neutrophilen Elastase verwechselt werden.

Methode

  • Immunologischer Nachweis, z. B. Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) oder Radioimmunoassay (RIA), abhängig vom Labor
  • Die Ergebnisse sind methodenabhängig; Referenzbereiche und Entscheidungsgrenzen des jeweils durchführenden Labors sind verbindlich.

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Geschlecht / Alter Referenzbereich
Erwachsene < 3,5 ng/ml
Kinder Kein einheitlicher pädiatrischer Referenzbereich; laborabhängige Bewertung erforderlich

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Keine Routineindikation in der Standarddiagnostik der akuten Pankreatitis
  • Keine Standardindikation zur Diagnostik der chronischen Pankreatitis
  • Keine Indikation zur Diagnostik der exokrinen Pankreasinsuffizienz
  • Keine Screening-Indikation für Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs)
  • Allenfalls ergänzende Spezialdiagnostik bei unklarer pankreatischer Enzymkonstellation, wenn der Parameter im jeweiligen Labor verfügbar ist und die Aussage im klinischen Kontext kritisch bewertet wird
  • Allenfalls historische beziehungsweise wissenschaftliche Einordnung bei Studien- oder Spezialfragestellungen zur Freisetzung pankreatischer Enzyme im Serum

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Akute Pankreatitis
    • Erhöhte Serum-Elastase kann bei akuter Pankreatitis auftreten, ist aber kein leitliniengerechter Standardmarker.
    • Die Diagnose der akuten Pankreatitis wird leitliniengerecht gestellt, wenn mindestens 2 von 3 Kriterien vorliegen: typische abdominelle Schmerzen (Bauchschmerzen), Lipase und/oder Amylase mindestens 3-fach oberhalb des oberen Referenzbereichs, oder typische bildgebende Befunde.
    • Ein isoliert erhöhter Wert der Serum-Elastase ist nicht beweisend für eine akute Pankreatitis.
  • Chronische Pankreatitis oder akut-rezidivierende Pankreatitis
    • Erhöhte Werte können bei entzündlicher Aktivität auftreten.
    • Die Serum-Elastase erlaubt keine zuverlässige Quantifizierung der exokrinen Pankreasfunktion.
  • Zustand nach endoskopisch retrograder Cholangiopankreatikographie (ERCP)
    • Erhöhte Werte können im Rahmen einer postinterventionellen pankreatischen Reaktion auftreten.
    • Für die klinische Bewertung sind Symptomatik, Lipase/Amylase und Verlauf entscheidend.
  • Pankreaskarzinom
    • Erhöhte Werte wurden historisch beschrieben, die Serum-Elastase ist jedoch kein geeigneter Tumormarker.
    • Die Serum-Elastase ist nicht zur Früherkennung, Diagnosesicherung oder Verlaufskontrolle des Pankreaskarzinoms etabliert.
  • Schwere Niereninsuffizienz
    • Pankreatische Enzyme können im Serum erhöht sein; die Interpretation erfordert eine Korrelation mit Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C beziehungsweise Kreatinin-Clearance.
  • Nicht-pankreatische abdominelle Erkrankungen
    • Gastrointestinale Entzündungen, hepatobiliäre Erkrankungen (Erkrankungen von Leber und Gallenwegen) oder andere akute abdominelle Erkrankungen können differentialdiagnostisch relevante Konstellationen imitieren.

Erniedrigte Werte

  • Für die Serum-Elastase klinisch in der Regel nicht relevant
  • Eine erniedrigte Serum-Elastase ist kein valider Nachweis einer exokrinen Pankreasinsuffizienz.
  • Zur Diagnostik einer exokrinen Pankreasinsuffizienz ist die Pankreas-Elastase im Stuhl heranzuziehen.

Spezifische Konstellationen

  • Abgrenzung zur Pankreas-Elastase im Stuhl
    • Serum-Elastase: historisch/ergänzend beschriebener Marker einer möglichen Enzymfreisetzung bei pankreatischer Schädigung
    • Stuhl-Elastase: indirekter Marker der exokrinen Pankreasfunktion
  • Abgrenzung zur neutrophilen Elastase
    • Neutrophile Elastase ist ein Entzündungs- und Granulozytenmarker und nicht mit der pankreatischen Elastase gleichzusetzen.
  • Akute Pankreatitis
    • Serum-Elastase darf nicht als Ersatz für Lipase/Amylase oder Bildgebung interpretiert werden.
    • Bei diskrepanten Befunden ist die klinische Re-Evaluation mit leitliniengerechter Diagnostik erforderlich.

Weiterführende Diagnostik

  • Lipase und Amylase zur leitliniengerechten Akutdiagnostik der akuten Pankreatitis
  • Kleines Blutbild
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) bzw. BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
  • Elektrolyte – Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphat
  • Nüchternglucose, ggf. HbA1c bei Verdacht auf pankreoprive Stoffwechselstörung
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
  • Triglyceride bei Verdacht auf hypertriglyceridämieassoziierte Pankreatitis
  • Pankreas-Elastase im Stuhl bei Verdacht auf exokrine Pankreasinsuffizienz
  • Abdomensonographie bei Verdacht auf biliäre Genese oder strukturelle Pankreasveränderung
  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT)/Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie (MRCP) bei unklarer Diagnose, schwerem Verlauf, Komplikationsverdacht oder fehlender klinischer Besserung
  • Endosonographie bei unklarer Ätiologie (Ursache), Verdacht auf Mikrolithiasis (kleinste Gallensteine), Tumor, chronische Pankreatitis oder kleine strukturelle Läsionen (Gewebeschädigungen)
  • Endoskopisch retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP) nur bei therapeutischer Indikation, insbesondere bei biliärer Obstruktion (Verschluss der Gallenwege) oder Cholangitis (Entzündung der Gallenwege)

Literatur

  1. Wilson RB, Warusavitarne J, Crameri DM, Alvaro F, Davies DJ, Merrett N. Serum elastase in the diagnosis of acute pancreatitis: a prospective study. ANZ J Surg. 2005;75(3):152-156. Serum elastase in the diagnosis of acute pancreatitis: a prospective study
  2. Gullo L, Ventrucci M, Pezzilli R, Platé L, Naldoni P. Diagnostic value of serum elastase 1 in pancreatic disease. Br J Surg. 1987;74(1):44-47. Diagnostic value of serum elastase 1 in pancreatic disease
  3. Vanga RR, Tansel A, Sidiq S, El-Serag HB, Othman MO. Diagnostic performance of measurement of fecal elastase-1 in detection of exocrine pancreatic insufficiency: systematic review and meta-analysis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2018;16(8):1220-1228.e4. Diagnostic Performance of Measurement of Fecal Elastase-1 in Detection of Exocrine Pancreatic Insufficiency: Systematic Review and Meta-analysis

Leitlinien

  1. Tenner S, Vege SS, Sheth SG, Sauer B, Yang A, Conwell DL, Yadlapati RH, Gardner TB. American College of Gastroenterology Guidelines: Management of Acute Pancreatitis. Am J Gastroenterol. 2024;119(3):419-437. American College of Gastroenterology Guidelines: Management of Acute Pancreatitis
  2. Gardner TB, Adler DG, Forsmark CE, Sauer BG, Taylor JR, Whitcomb DC. ACG Clinical Guideline: Chronic Pancreatitis. Am J Gastroenterol. 2020;115(3):322-339. ACG Clinical Guideline: Chronic Pancreatitis