Nüchternglucose (Nüchternblutzucker)
Nüchternglucose ist die Glucosekonzentration im venösen Plasma (Blutflüssigkeit aus einer Vene) nach einer Nahrungskarenz (Essenspause) von mindestens 8 Stunden. Sie wird in der klinischen Labordiagnostik (medizinischen Laboruntersuchung) zur Diagnostik (Abklärung) eines Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) sowie eines Prädiabetes (Vorstufe der Zuckerkrankheit) eingesetzt. Für die diagnostische Einordnung sind venöse Plasmamessungen maßgeblich. Kapilläre Selbstmessungen und Point-of-Care-Messungen sind für die primäre Diagnosestellung nur eingeschränkt geeignet [1-6].
Synonyme
- Nüchternglucose
- Nüchternplasmaglucose
- Fasting plasma glucose (FPG)
- Blutglucose
- Nüchternblutzucker
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Venöses Plasma als Referenzmaterial für die diagnostische Beurteilung [1,3,4]
- Bevorzugt Probenröhrchen mit rascher Glykolysehemmung (Hemmung des Zuckerabbaus), insbesondere Citrat/Fluorid-haltige Systeme [4-6]
- Alternativ sofortige Probenverarbeitung mit zeitnaher Plasmatrennung (Abtrennung der Blutflüssigkeit)
- Serum (Blutserum) ist für die Diabetesdiagnostik präanalytisch ungünstiger und nicht das bevorzugte Material [4]
- Vorbereitung des Patienten
- Mindestens 8 Stunden nüchtern
- Wasser ist erlaubt
- Die Blutentnahme erfolgt in der Regel morgens
- Starke körperliche Belastung unmittelbar vor der Blutentnahme vermeiden
- Bei grenzwertigen Befunden Wiederholungsmessung unter standardisierten Bedingungen [1-3]
- Störfaktoren
- Fortgesetzte Glykolyse in der Probe bei verzögerter Zentrifugation oder ungeeignetem Probenröhrchen kann zu falsch niedrigen Werten führen [4-6]
- Natriumfluorid allein hemmt die Glykolyse nicht sofort [4-6]
- Akute Infektionen, Trauma (Verletzung), Operationen und andere schwere Belastungssituationen können transiente Hyperglykämien (vorübergehend erhöhte Blutzuckerwerte) verursachen [1-3]
- Glucocorticoide (Kortisonpräparate), Sympathomimetika (Arzneimittel mit Adrenalin-ähnlicher Wirkung), Thiaziddiuretika (bestimmte harntreibende Medikamente), Calcineurin-Inhibitoren (bestimmte Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems) und atypische Antipsychotika (bestimmte Medikamente gegen Psychosen) können die Nüchternglucose erhöhen [1,3]
- Präanalytische Fehler, prolongierte Stauung und Verwechslungen beeinträchtigen die Aussagekraft
- Methode
- Enzymatische Bestimmung im Routinelabor, meist mittels Hexokinase- oder Glucoseoxidase-Verfahren [3,4]
- Für die Primärdiagnostik sind qualitätsgesicherte Laborverfahren maßgeblich [3,4]
- Point-of-Care-Glucosemesssysteme nur bei entsprechender Validierung und Qualitätssicherung für diagnostische Zwecke einsetzen [3,4]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe / Material / Definition | Referenzbereich / Entscheidungsgrenze |
| Venöses Plasma, normal | < 100 mg/dl (< 5,6 mmol/l) |
| Venöses Plasma, gestörte Nüchternglucose nach ADA | 100-125 mg/dl (5,6-6,9 mmol/l) |
| Venöses Plasma, gestörte Nüchternglucose nach WHO/IDF | 110-125 mg/dl (6,1-6,9 mmol/l) |
| Venöses Plasma, Diabetes mellitus | ≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l) |
| Asymptomatische Patienten | Bestätigung durch zweite pathologische Messung bzw. zweiten pathologischen Test erforderlich |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig [1-4].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Diagnostik bei Verdacht auf Diabetes mellitus oder Prädiabetes [1-3]
- Abklärung auffälliger Gelegenheitsplasmaglucose- oder HbA1c-Befunde [1-4]
- Screening bei Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko [1-3]
- Verlaufskontrolle gestörter Nüchternglucose bzw. metabolischer Risikokonstellationen (stoffwechselbedingter Risikokonstellationen) [1-3,8,11]
- Ergänzende Basisdiagnostik bei metabolischem Syndrom (Stoffwechselstörungskombination), Adipositas (Fettleibigkeit), arterieller Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), nichtalkoholischer Fettleber oder polyzystischem Ovarialsyndrom (Hormonstörung mit vielen kleinen Eibläschen in den Eierstöcken) [1-3]
Interpretation
- Erhöhte Werte
- 100-125 mg/dl (5,6-6,9 mmol/l) entsprechen nach ADA einer gestörten Nüchternglucose [1,9]
- 110-125 mg/dl (6,1-6,9 mmol/l) entsprechen der WHO/IDF-Definition der gestörten Nüchternglucose [10]
- ≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l) im venösen Plasma spricht für Diabetes mellitus; bei asymptomatischen Patienten ist eine Bestätigung erforderlich [1-4]
- Diskrepante oder grenzwertige Befunde erfordern eine ergänzende Abklärung, meist mit HbA1c und/oder oralem Glucosetoleranztest (Zuckerbelastungstest, oGTT) [1-4]
- Erhöhte Werte können auch stressbedingt, medikamentös oder präanalytisch beeinflusst sein [1-4]
- Erniedrigte Werte
- Erniedrigte Nüchternglucosewerte können bei Hyperinsulinismus (krankhaft erhöhter Insulinwirkung), prolongiertem Fasten, schwerer Lebererkrankung (Erkrankung der Leber), endokrinen Insuffizienzen (Hormonmangelerkrankungen) oder seltenen Stoffwechseldefekten (Störungen des Stoffwechsels) auftreten [1,3]
- Zur Abklärung einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) ist die isolierte Nüchternglucose in der Regel nicht ausreichend [1,3]
- Spezifische Konstellationen
- Ein normaler Nüchternglucosewert schließt eine gestörte Glucosetoleranz nicht aus; der oGTT ist sensitiver für den Nachweis einer isolierten postprandialen Störung (Störung nach dem Essen) [1-4]
- Ein einmalig erhöhter Gelegenheitsblutzucker ≥ 100 mg/dl war in einer Beobachtungsstudie mit einem deutlich erhöhten Risiko für einen unerkannten Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit des Erwachsenenalters) assoziiert [7]
- Bereits moderate Anstiege der Nüchternglucose im Verlauf waren in einer prospektiven Kohorte mit einem erhöhten späteren Typ-2-Diabetes-Risiko assoziiert [8]
- Nicht jeder Prädiabetes progrediert zwangsläufig; in Kohortendaten blieb ein erheblicher Anteil dauerhaft im Prädiabetesbereich [11]
Weiterführende Diagnostik
- HbA1c [1-4]
- Oraler Glucosetoleranztest (oGTT), insbesondere bei grenzwertigen oder diskrepanten Befunden [1-4]
- Gelegenheitsplasmaglucose bei typischer Symptomatik (Beschwerden) [1-3]
- Bei Verdacht auf Typ-1-Diabetes (autoimmun bedingte Zuckerkrankheit) bzw. unklare Diabetesklassifikation: Inselautoantikörper, C-Peptid, gegebenenfalls genetische Diagnostik [1, 3]
- Begleitdiagnostik je nach Kontext: Lipidprofil (Blutfettprofil), Nierenparameter, Albuminurie (Eiweißausscheidung im Urin), Leberparameter, Blutdruck- und Gewichtserfassung [1-3]
Literatur
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- Mozaffary A, Asgari S, Tohidi M, Kazempour-Ardebili S, Hadaegh F, Azizi F. Change in fasting plasma glucose and incident type 2 diabetes mellitus: results from a prospective cohort study. BMJ Open. 2016;6(5):e010889. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2015-010889
- American Diabetes Association. Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus. Diabetes Care. 2011;34(Suppl 1):S62-S69. https://doi.org/10.2337/dc11-S062
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