ACTH-Kurztest

Der ACTH-Kurztest (Kurztest zur Prüfung der Nebennierenfunktion) ist ein dynamischer Funktionstest (Belastungstest) der Nebennierenrinde (äußere Schicht der Nebenniere). Er dient der Beurteilung der Cortisol-Sekretionsreserve (Fähigkeit zur Ausschüttung des Stresshormons Cortisol) nach Stimulation (gezielte Anregung) mit synthetischem adrenocorticotropem Hormon (ACTH) (Hormon zur Steuerung der Nebennierenfunktion) und wird in der klinischen Endokrinologie (Lehre von den Hormonen) zur Abklärung von Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (übergeordnetes hormonelles Regulationssystem zwischen Gehirn und Nebenniere) eingesetzt. Der Standard ist der 250-µg-ACTH-Test; die diagnostische Bewertung ist assayabhängig [1-4].

Synonyme

  • Synacthen-Test
  • Synacten-Test
  • ACTH-Stimulationstest
  • Kurztest mit Tetracosactid

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum zur Cortisol-Bestimmung
    • Gegebenenfalls EDTA-Plasma zur ACTH-Bestimmung (basal)
  • Vorbereitung des Patienten
    • Durchführung morgens zwischen 6:00 und 9:00 Uhr
    • Möglichst nüchtern
    • Stresssituationen vermeiden
    • Berücksichtigung einer Glucocorticoid-Therapie (Behandlung mit cortisonähnlichen Medikamenten)
    • Basale ACTH-Bestimmung vor Testbeginn bei Verdacht auf primäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde)
  • Störfaktoren
    • Exogene Glucocorticoide (von außen zugeführte cortisonähnliche Medikamente)
    • Östrogene (weibliche Geschlechtshormone) (Erhöhung des Cortisol-bindenden Globulins)
    • Hypalbuminämie (verminderter Eiweißgehalt im Blut)
    • Akute Erkrankungen/Stress
    • Assayabhängige Unterschiede der Cortisolmessung (unterschiedliche Labormessverfahren)
  • Methode
    • Basale Blutentnahme zur Bestimmung von Cortisol, ggf. ACTH
    • Applikation von 250 µg synthetischem ACTH (künstlich hergestelltes Hormon) (Tetracosactid) i. v. oder i. m.
    • Blutentnahme nach 30 Minuten und 60 Minuten
    • Bestimmung mittels Immunoassay (Labormethode zum Nachweis von Hormonen) oder LC-MS/MS (hochauflösende Labormessmethode)

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Messzeitpunkt Referenzbereich
Peak-Cortisol nach Stimulation (historischer Grenzwert) ≥ 18-20 µg/dl (≥ 500-550 nmol/l)
Peak-Cortisol bei modernen Assays Assayabhängig niedriger, ca. 14-15 µg/dl (ca. 411-485 nmol/l)

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Verdacht auf primäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde)
  • Verdacht auf sekundäre oder tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Störung der hormonellen Steuerung über Gehirnzentren)
  • Verlaufskontrolle nach Glucocorticoid-Langzeittherapie (längerfristige Behandlung mit cortisonähnlichen Medikamenten)
  • Abklärung niedriger basaler Cortisolwerte
  • Diagnostik von Störungen der Steroidbiosynthese (Hormonbildungsstörung)

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Überschießender Cortisolanstieg ohne wesentliche diagnostische Relevanz
    • Nicht geeignet zur Diagnostik eines Cushing-Syndroms (Erkrankung mit erhöhtem Cortisolspiegel)
  • Erniedrigte Werte
    • Verminderter Cortisolanstieg spricht für eine eingeschränkte Nebennierenrindenreserve
    • Möglich bei sekundärer oder tertiärer Nebennierenrindeninsuffizienz
    • Möglich nach Suppression (Unterdrückung) durch längerfristige Glucocorticoid-Therapie
    • In ausgewählten Konstellationen Hinweis auf Defekte der Steroidbiosynthese
  • Spezifische Konstellationen
    • Kein Anstieg spricht für eine primäre Nebennierenrindeninsuffizienz oder eine ausgeprägte Atrophie (Rückbildung) der Nebennierenrinde
    • Normale Reaktion schließt eine frühe zentrale Insuffizienz (Störung der hormonellen Steuerung im Gehirn) nicht sicher aus
    • Grenzwerte müssen assayabhängig interpretiert werden

Weiterführende Diagnostik

  • ACTH (basal)
  • Elektrolyte – Natrium, Kalium
  • Renin und Aldosteron
  • 21-Hydroxylase-Antikörper
  • Insulin-Hypoglykämie-Test (Test mit gezielt ausgelöstem Unterzucker) oder CRH-Test (Hormonstimulationstest)
  • Bildgebung – Hypophysen-Magnetresonanztomographie (MRT), Nebennieren-Computertomographie (CT)

Literatur

  1. Bancos I, Hahner S, Tomlinson J, Arlt W. Diagnosis and management of adrenal insufficiency. Lancet Diabetes Endocrinol. 2015;3(3):216-226. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(14)70142-1
  2. Bornstein SR, Allolio B, Arlt W et al.: Diagnosis and treatment of primary adrenal insufficiency: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2016;101(2):364-389. https://doi.org/10.1210/jc.2015-1710
  3. Javorsky BR, Raff H, Carroll TB et al.: New cutoffs for the biochemical diagnosis of adrenal insufficiency after ACTH stimulation using specific cortisol assays. J Endocr Soc. 2021;5(4):bvab022. https://doi.org/10.1210/jendso/bvab022
  4. Okutan S, Jørgensen NT, Pedersen LE et al.: Determination of cortisol cut-off limits and steroid dynamics in the ACTH stimulation test. Endocrine. 2024;85(1):321-330. https://doi.org/10.1007/s12020-024-03752-0