Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Symptome – Beschwerden
Folgende Symptome und Beschwerden können auf eine Vulvodynie (Vulvaschmerz) hinweisen:
Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf eine Vulvodynie und werden oft zuerst berichtet:
- Chronischer vulvärer Schmerz über mindestens 3 Monate
- Schmerz im Bereich der Vulva (äußeres weibliches Geschlechtsorgan) ohne erkennbare spezifische Ursache nach Ausschluss infektiöser (durch Erreger bedingter), entzündlicher, dermatologischer (die Haut betreffender), neoplastischer (tumorbedingter), neurologischer (die Nerven betreffender) und traumatischer (verletzungsbedingter) Ursachen.
- Dies ist definitionsbildend für die Vulvodynie [1, 4].
- Brennen der Vulva
- Häufig als brennender, wundheitsartiger oder irritativer Schmerz beschrieben.
- Besonders typisch bei lokalisierter provozierter Vestibulodynie (durch Berührung ausgelöster Schmerz im Scheidenvorhof), aber auch bei generalisierten Formen möglich [1, 3, 4].
- Schmerz bei Berührung oder mechanischer Reizung
- Verstärkung durch Berührung, Druck, Sitzen, Fahrradfahren, enge Kleidung, gynäkologische Untersuchung (Frauenarztuntersuchung), Tampongebrauch oder Geschlechtsverkehr.
- Besonders charakteristisch für die provozierte Vestibulodynie [1, 2, 4].
- Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr)
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, insbesondere bei vaginaler Penetration (Eindringen in die Scheide).
- Häufiges Leitsymptom bei provozierter Vestibulodynie und klinisch besonders relevant für Sexualfunktion und Lebensqualität [2, 3].
- Schmerzen beim Einführen von Tampons oder bei gynäkologischer Untersuchung
- Typisch bei vestibulärer Schmerzlokalisation (Schmerzort im Scheidenvorhof).
- Kann als brennend, stechend, schneidend oder wundheitsartig beschrieben werden [1, 2].
Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome prägen das klinische Beschwerdebild der Vulvodynie:
- Stechende, schneidende oder wundheitsartige Schmerzen
- Schmerzqualität oft neuropathisch (nervenbedingt) oder noziplastisch (durch veränderte Schmerzverarbeitung bedingt) geprägt.
- Die Schmerzintensität kann intermittierend (zeitweise auftretend), anhaltend oder belastungsabhängig sein [3, 4].
- Lokalisierter Schmerz im Vestibulum (Scheidenvorhof)
- Schmerzen am Scheideneingang, besonders bei Druck oder Penetration.
- Die lokalisierte provozierte Vestibulodynie ist eine häufige klinische Erscheinungsform [1, 2].
- Generalisierter vulvärer Schmerz
- Diffuse Beschwerden im Bereich der gesamten Vulva.
- Beschwerden können spontan auftreten und sind nicht zwingend an Berührung oder Penetration gebunden [1, 4].
- Persistierender Schmerz nach Reizende
- Schmerzen können nach mechanischer Reizung fortbestehen, beispielsweise nach Geschlechtsverkehr, Tampongebrauch oder Untersuchung.
- Dies passt zu peripherer und zentraler Sensibilisierung (gesteigerter Schmerzempfindlichkeit) bei chronischem Schmerzsyndrom (lang anhaltendem Schmerzsyndrom) [3, 4].
- Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize)
- Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize, etwa leichte Berührung oder Druck.
- Klinisch häufig durch reproduzierbaren Schmerz bei Berührung im Vestibulum erkennbar [1, 4].
- Hyperalgesie (übersteigerte Schmerzempfindlichkeit)
- Übersteigerte Schmerzempfindlichkeit auf schmerzhafte Reize.
- Ausdruck einer gesteigerten lokalen oder zentralen Schmerzverarbeitung [3, 4].
Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome können zusätzlich auftreten, sind aber weniger spezifisch:
- Dysurie ohne Infektnachweis (Schmerzen beim Wasserlassen ohne Infektnachweis)
- Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen ohne Nachweis eines Harnwegsinfekts.
- Besonders relevant, wenn wiederholte mikrobiologische Befunde unauffällig sind.
- Brennen im Bereich des Scheideneingangs nach Miktion (Wasserlassen)
- Kann durch Kontakt des Urins mit empfindlichem Vestibulargewebe (Gewebe des Scheidenvorhofs) ausgelöst oder verstärkt werden.
- Differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer möglicher Ursachen) müssen Infektion, Dermatosen (Hauterkrankungen) und Schleimhautatrophie (Schleimhautverdünnung) ausgeschlossen werden.
- Missempfindungen im Bereich der Vulva
- Irritation, Trockenheitsgefühl, Wundheitsgefühl oder Fremdkörpergefühl ohne zwingenden objektiven Befund.
- Diese Beschwerden sind unspezifisch und müssen gegen Vulvovaginalinfektionen (Infektionen im Bereich von Vulva und Scheide), Lichen sclerosus (chronisch-entzündliche Hauterkrankung), Kontaktdermatitis (kontaktbedingte Hautentzündung), genitourinäres Menopausensyndrom (Beschwerden an Harn- und Geschlechtsorganen nach den Wechseljahren) und neuropathische Schmerzsyndrome (nervenbedingte Schmerzsyndrome) abgegrenzt werden [1].
- Einschränkung vaginaler Penetration
- Penetration kann deutlich erschwert oder unmöglich sein.
- Häufig entsteht sekundär eine Beckenbodenanspannung oder ein schmerzbedingtes Vermeidungsverhalten [2, 3].
- Reduzierte sexuelle Aktivität
- Schmerzvermeidung kann zu reduzierter sexueller Aktivität, Belastung der Partnerschaft und eingeschränkter sexueller Zufriedenheit führen [2, 3].
- Einschränkung sitzender oder mechanisch belastender Aktivitäten
- Beschwerden beim Sitzen, Radfahren, Sport oder Tragen enger Kleidung.
- Klinisch relevant zur Einschätzung des funktionellen Schweregrades.
Psychosoziale Beschwerden
Diese Beschwerden sind nicht spezifisch für Vulvodynie, aber häufige Folgen chronischer Schmerzsymptomatik:
- Erwartungsangst vor Schmerzverstärkung
- Angst vor Berührung, Penetration, Untersuchung oder körperlicher Aktivität.
- Vermeidungsverhalten
- Vermeidung von Sexualität, Sport, Sitzen, enger Kleidung oder gynäkologischer Untersuchung.
- Partnerschaftliche Belastung
- Belastung durch Schmerz, reduzierte Sexualität, Frustration und Missverständnisse.
- Verminderte Lebensqualität
- Chronische vulväre Schmerzen können Alltag, Sexualität, psychisches Wohlbefinden und soziale Aktivität erheblich beeinträchtigen [2, 3].
- Depressive Verstimmung und emotionale Belastung
- Möglich bei chronischem Verlauf, frustranen Therapieversuchen und diagnostischer Verzögerung.
- Nicht diagnostisch spezifisch, aber klinisch relevant für Therapieplanung und multimodale Versorgung (Versorgung mit mehreren Behandlungsbausteinen) [3].
Unspezifische Symptome
Diese Symptome treten bei vielen vulvovaginalen, urologischen, dermatologischen oder neuropathischen Erkrankungen auf und tragen allein wenig zur Diagnose bei:
- Trockenheitsgefühl
- Kann bei Vulvodynie berichtet werden, ist aber unspezifisch.
- Differentialdiagnostisch sind insbesondere genitourinäres Menopausensyndrom, hormonelle Einflüsse, Kontaktdermatitis und Dermatosen zu berücksichtigen.
- Juckreiz
- Kein typisches Leitsymptom der Vulvodynie.
- Bei dominierendem Juckreiz müssen vorrangig Candida-Infektion, Lichen sclerosus, Lichen simplex chronicus (chronische juckende Hautverdickung), Ekzem (entzündliche Hauterkrankung), Psoriasis (Schuppenflechte) oder Kontaktallergie ausgeschlossen werden [1].
- Rötung im Vestibulum
- Kann vorkommen, ist aber kein spezifisches Symptom und gehört primär zum klinischen Befund.
- Eine Rötung beweist keine Vulvodynie und erfordert differentialdiagnostische Abklärung.
- Wiederholte Fehldeutung als Infektion
- Keine Beschwerde im engeren Sinn, aber klinisch häufige Versorgungskonstellation.
- Relevant ist dies besonders bei wiederholter antimykotischer oder antibiotischer Behandlung ohne objektiven Infektnachweis.
Nicht als Symptome zu werten, aber klinisch einzuordnen
- Provozierte Vulvodynie/Vestibulodynie
- Klinische Verlaufsform/Klassifikation (Einteilung), nicht einzelnes Symptom.
- Typisch sind Schmerzen bei Berührung, Tampongebrauch, Penetration oder Untersuchung.
- Spontane Vulvodynie
- Klinische Verlaufsform mit Schmerzen unabhängig von mechanischem Reiz.
- Generalisierte Vulvodynie
- Klinische Verteilung der Schmerzlokalisation, nicht eigenständiges Symptom.
- Gemischte Vulvodynie
- Kombination aus spontanen und provozierbaren Beschwerden.
- Postinfektiös, postpartal, hormonassoziiert, neuromuskulär, multifaktoriell
- Mögliche Kontextfaktoren oder assoziierte Faktoren.
- Diese Punkte gehören eher in Ätiologie (Ursachenlehre)/Pathophysiologie (Lehre von krankhaften Körpervorgängen), Risikofaktoren oder Differentialdiagnostik, nicht in den Abschnitt Symptome/Beschwerden.
- Q-Tip-Test positiv
- Klinischer Untersuchungsbefund, kein Symptom.
- Wichtig zur Objektivierung lokalisierter Berührungsschmerzen, besonders bei provozierter Vestibulodynie [1, 4].
Beachte
- Die Vulvodynie ist eine Ausschlussdiagnose. Die Symptomatik allein reicht nicht zur Diagnose.
- Vor Diagnosestellung müssen insbesondere Infektionen, entzündliche Dermatosen, Präkanzerosen (Krebsvorstufen), Neoplasien (Neubildungen), genitourinäres Menopausensyndrom, traumatische Ursachen, neuropathische Schmerzsyndrome und urologische Erkrankungen (Erkrankungen der Harnorgane) ausgeschlossen werden [1, 4].
- Dominierender Juckreiz, Ulzerationen (Geschwüre), Blutungen, tastbare Läsionen (krankhafte Veränderungen), progrediente Hautveränderungen (fortschreitende Hautveränderungen) oder therapieresistente morphologische Befunde (behandlungsresistente sichtbare Gewebeveränderungen) sprechen nicht für eine unkomplizierte Vulvodynie und erfordern gezielte Abklärung.
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102
- Bohm-Starke N, Ramsay KW, Lytsy P et al.: Treatment of Provoked Vulvodynia: A Systematic Review. J Sex Med. 2022;19(5):789-808. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2022.02.008
- Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520. https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
- Bornstein J, Goldstein AT, Stockdale CK, Bergeron S, Pukall C, Zolnoun D et al.: 2015 ISSVD, ISSWSH, and IPPS Consensus Terminology and Classification of Persistent Vulvar Pain and Vulvodynia. J Sex Med. 2016;13(4):607-612. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2016.02.167
Leitlinien
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA, et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102