Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Prävention

Zur Prävention der Vulvodynie (chronischer Schmerz im Bereich der Vulva) muss auf eine Reduktion individueller Risikofaktoren geachtet werden.

Die Vulvodynie ist ein chronisches vulväres Schmerzsyndrom mit Schmerzen oder Missempfindungen im Bereich der Vulva (äußeres weibliches Geschlechtsorgan) über mindestens 3 Monate ohne eindeutig nachweisbare spezifische Ursache. Da es sich um ein multifaktorielles Krankheitsbild mit peripherer und zentraler Schmerzverarbeitung, möglichen entzündlich-immunologischen, neuromuskulären, hormonellen und psycho-sozialen Einflussfaktoren handelt, existiert keine spezifische, kausal gesicherte Primärprävention. Präventive Maßnahmen zielen daher auf die Reduktion individueller Trigger (Auslöser), die Vermeidung von Irritation und wiederholter Fehlbehandlung, die frühzeitige Erkennung behandelbarer Differentialdiagnosen (Alternativdiagnosen) sowie die Verhinderung von Schmerzchronifizierung und funktionellen Folgeproblemen ab [1-4].

Verhaltensbedingte Risikofaktoren

  • Ernährung
    • Spezifische Ernährungsfaktoren wie hoher Fleisch-, Fett-, Zucker- oder Salzverzehr sind nach aktueller Datenlage keine gesicherten eigenständigen Risikofaktoren der Vulvodynie [1-3].
    • Individuell symptomverstärkende Nahrungsmittel können im Einzelfall relevant sein, sind aber nicht krankheitsspezifisch belegt.
    • Generelle Eliminationsdiäten sind zur Prävention der Vulvodynie nicht evidenzbasiert.
    • Ungesunde Ernährung kann indirekt über Übergewicht, metabolische Komorbidität (stoffwechselbezogene Begleiterkrankung), Entzündungsneigung, reduzierte körperliche Aktivität und allgemeine Schmerzempfindlichkeit relevant sein; ein direkter kausaler Zusammenhang mit Vulvodynie ist jedoch nicht gesichert [1-3].
    • Mikronährstoffmangel (Vitalstoffe) – ein direkter Zusammenhang zwischen Mikronährstoffmangel und Vulvodynie ist nicht evidenzbasiert belegt [1-3]. Eine routinemäßige Supplementierung von Calcium, Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren (Docosahexaensäure, Eicosapentaensäure) zur spezifischen Prävention der Vulvodynie ist nicht gesichert. Nachgewiesene Defizite sollen unabhängig von der Vulvodynie leitliniengerecht ausgeglichen werden.
  • Genussmittelkonsum
    • Alkohol – Alkoholkonsum ist kein gesicherter spezifischer Risikofaktor der Vulvodynie. Bei individueller Symptomverstärkung, Schlafverschlechterung oder erhöhter Schmerzempfindlichkeit soll Alkohol reduziert werden.
    • Tabak (Rauchen) – Rauchen ist kein gesicherter kausaler Primärrisikofaktor der Vulvodynie. Aufgrund der negativen Effekte auf Gefäßfunktion, Wundheilung, Schleimhautgesundheit, Infektanfälligkeit und allgemeine Schmerzverarbeitung ist ein Rauchverzicht dennoch medizinisch sinnvoll.
    • Koffein – Koffein ist kein gesicherter primärer Risikofaktor der Vulvodynie. Bei individueller Verstärkung von Schlafstörung, Stressreaktion oder Schmerzempfindlichkeit kann eine Reduktion sinnvoll sein.
  • Drogenkonsum
    • Substanzkonsum – ein direkter Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Vulvodynie ist nicht belegt.
    • Indirekte Effekte – Substanzkonsum kann über psychische Komorbidität, Schlafstörung, Schmerzmodulation und reduzierte Adhärenz (Therapietreue) indirekt relevant sein.
  • Körperliche Aktivität
    • Normale körperliche Aktivität ist nicht ursächlich für Vulvodynie und soll nicht grundsätzlich eingeschränkt werden.
    • Mechanische Belastung wie langes Radfahren, Reibung, Druckbelastung, enge Sportkleidung oder intensive vestibuläre Irritation (Reizung im Scheidenvorhof) kann Beschwerden auslösen oder verstärken [1-3].
    • Sportliche Aktivität soll angepasst, nicht pauschal vermieden werden.
    • Körperliche Inaktivität kann über Dekonditionierung (Abbau körperlicher Leistungsfähigkeit), Stressverstärkung, Schlafstörung, Gewichtszunahme und ungünstige Schmerzverarbeitung indirekt zur Chronifizierung beitragen.
  • Psychosoziale Situation
    • Angst, depressive Symptome und Somatisierung (körperlicher Ausdruck seelischer Belastung) sind mit Vulvodynie assoziiert und können Schmerzchronifizierung, Hypervigilanz (gesteigerte Aufmerksamkeit für Beschwerden), Vermeidungsverhalten und funktionelle Einschränkungen verstärken [2-4].
    • Partnerschaftliche Belastung, sexuelle Vermeidung und reduzierte Lebensqualität sind häufige begleitende Faktoren und können den Verlauf negativ beeinflussen [4].
    • Chronischer Stress kann über vegetative Aktivierung (Aktivierung des unwillkürlichen Nervensystems), muskuläre Anspannung, Schlafstörung und zentrale Schmerzverarbeitung vulväre Beschwerden verstärken.
  • Schlafqualität
    • Schlafstörungen können die zentrale Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen und Schmerzchronifizierung fördern.
    • Reduzierte Schlafqualität ist kein spezifischer Primärrisikofaktor der Vulvodynie, kann aber Schmerzempfindlichkeit und funktionelle Einschränkung verstärken.
  • Übergewicht (BMI ≥ 25; Adipositas)
    • Übergewicht ist kein gesicherter kausaler Risikofaktor der Vulvodynie.
    • Indirekte mechanische Effekte wie Reibung, Feuchtigkeit, Okklusion (Abdichtung) und Hautirritation können Beschwerden begünstigen.
    • Metabolische Komorbidität und eingeschränkte körperliche Aktivität können zusätzlich zur Chronifizierung chronischer Schmerzsyndrome beitragen.

Weitere Risikofaktoren

Neben verhaltensbedingten Einflussfaktoren müssen bei der Vulvodynie vor allem irritative, gynäkologische (frauenheilkundliche), dermatologische (die Haut betreffende), infektiologische (Infektionen betreffende), hormonelle, neuromuskuläre und schmerzmedizinische Cofaktoren (mitwirkende Faktoren) berücksichtigt werden. Diese sind nicht immer vermeidbar, können aber durch frühzeitige Diagnostik und gezielte Behandlung die Chronifizierung beeinflussen [1-4].

  • Umweltbelastungen und irritative Expositionen
    • Duftstoffe, Konservierungsmittel und aggressive Waschsubstanzen können vulväre Irritationen auslösen oder verstärken [1].
    • Intimsprays, Vaginalduschen, parfümierte Produkte und unnötige lokale Präparate können die Barrierefunktion der Vulvahaut stören.
    • Slipeinlagen, okklusive Kleidung und synthetische Unterwäsche können über Feuchtigkeit, Reibung und Okklusion Beschwerden verstärken.
  • Rezidivierende vulvovaginale Infektionen
    • Rezidivierende Candida-Infektionen und andere vulvovaginale Infektionen (Infektionen von Vulva und Scheide) können als Trigger oder Differentialdiagnose relevant sein.
    • Wiederholte empirische antiinfektiöse Therapien ohne gesicherten Erregernachweis sollen vermieden werden, da sie Irritation, Dysbiose (Störung der Bakterienflora) und Chronifizierung begünstigen können [1-3].
  • Dermatologische Erkrankungen
    • Lichen sclerosus, Lichen planus, Ekzeme, Psoriasis, Kontaktdermatitis und irritative Dermatosen müssen frühzeitig erkannt und behandelt werden [1].
    • Persistierende Erosionen, Ulzerationen, Leukoplakien, pigmentierte Läsionen oder Kontaktblutungen sprechen gegen eine unspezifische Vulvodynie und erfordern gezielte Abklärung.
  • Hormonelle Faktoren
    • Hypoöstrogene Zustände, Stillzeit, Perimenopause und Postmenopause können vulvovaginale Trockenheit, Schleimhautvulnerabilität (Verletzlichkeit der Schleimhaut) und Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) begünstigen [1-3].
    • Hormonelle Kontrazeption kann im Einzelfall mit vestibulären Beschwerden assoziiert sein; die Relevanz muss individuell geprüft werden [1-3].
  • Beckenbodenhypertonus und muskuläre Dysfunktion
    • Beckenbodenhypertonus (erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur), myofasziale Triggerpunkte (Schmerzauslösepunkte in Muskeln und Bindegewebshüllen) und reflektorische muskuläre Abwehrspannung sind bei provozierter Vestibulodynie (durch Berührung ausgelöster Schmerz im Scheidenvorhof) klinisch relevant [2, 3].
    • Frühzeitige beckenbodenbezogene Diagnostik und Therapie können zur Reduktion der Schmerzchronifizierung beitragen.
  • Zentrale Sensibilisierung und chronische Schmerzsyndrome
    • Komorbide chronische Schmerzsyndrome, zentrale Sensibilisierung (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit im zentralen Nervensystem) und erhöhte Schmerzempfindlichkeit können Verlauf und Therapieansprechen beeinflussen [2-4].
    • Ausgeprägte zentrale Sensibilisierung spricht gegen eine ausschließlich lokale Therapiestrategie.

Präventionsfaktoren

Zur Prävention der Vulvodynie muss auf eine Reduktion individueller Risikofaktoren geachtet werden. Da keine spezifische Primärprävention existiert, stehen die Vermeidung irritativer und mechanischer Trigger, die frühzeitige Behandlung spezifischer Ursachen sowie die Stabilisierung biopsychosozialer Cofaktoren im Vordergrund [1-4].

  • Ernährung
    • Ausgewogene, ballaststoffreiche und metabolisch günstige Ernährung kann die allgemeine Gesundheit, Gewichtsstabilisierung und Schmerzverarbeitung unterstützen.
    • Spezifische vulvodyniepräventive Diät ist nicht belegt.
    • Calcium, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren (Docosahexaensäure, Eicosapentaensäure) sollen nicht routinemäßig zur spezifischen Prävention der Vulvodynie eingesetzt werden.
    • Ausgleich nachgewiesener Mikronährstoffdefizite ist nur bei Mangel oder allgemeiner medizinischer Indikation (Behandlungsgrund) sinnvoll.
  • Genussmittelkonsum
    • Rauchverzicht ist medizinisch sinnvoll, auch wenn Rauchen kein spezifisch gesicherter Vulvodynie-Risikofaktor ist.
    • Reduktion von Alkohol ist sinnvoll, wenn dadurch Schlaf, Schmerzempfindlichkeit oder Beschwerden verschlechtert werden.
    • Reduktion von Koffein kann bei individueller Schlafstörung, Stressverstärkung oder Schmerzverstärkung erwogen werden.
  • Drogenkonsum
    • Vermeidung von Substanzkonsum ist bei psychischer Komorbidität, Schlafstörung, Schmerzverstärkung oder reduzierter Therapieadhärenz medizinisch sinnvoll.
  • Körperliche Aktivität
    • Regelmäßige, symptomangepasste Bewegung soll gefördert werden.
    • Reduktion mechanischer Trigger wie Druck, Reibung, langes Radfahren oder enge Sportkleidung soll individuell erfolgen.
    • Anpassung von Sattel, Kleidung, Trainingsumfang und Sportart ist bei belastungsabhängigen Beschwerden sinnvoll.
    • Vermeidung körperlicher Inaktivität kann Dekonditionierung, Gewichtszunahme, Schlafstörung und ungünstige Schmerzverarbeitung reduzieren.
  • Psychosoziale Situation
    • Stressreduktion, Behandlung von Angst und Depression, sexualmedizinische Beratung, Schmerzbewältigung und gegebenenfalls Psychotherapie können Chronifizierung und Vermeidungsverhalten reduzieren [2-4].
    • Biopsychosoziale Einordnung ist besonders bei langem Beschwerdeverlauf relevant.
    • Partnerschaftliche Belastungen, sexuelle Vermeidung und krankheitsbezogene Angst sollen frühzeitig erfasst werden.
  • Schlafqualität
    • Schlafstörungen sollen aktiv erfasst und behandelt werden.
    • Verbesserte Schlafqualität kann die Schmerzverarbeitung stabilisieren und die Chronifizierung chronischer Schmerzsyndrome reduzieren.
  • Übergewicht (BMI ≥ 25; Adipositas)
    • Gewichtsstabilisierung oder Gewichtsreduktion kann bei mechanischer Reibung, Feuchtigkeit, Okklusion oder metabolischer Komorbidität sinnvoll sein.
    • Gewichtsreduktion ist keine spezifische Therapie der Vulvodynie, kann aber irritative und mechanische Cofaktoren reduzieren.
  • Schonende Intimhygiene
    • Verzicht auf Seifen, aggressive Waschsubstanzen, Intimsprays, Vaginalduschen, parfümierte Produkte, Duftstoffe und unnötige lokale Präparate [1].
    • Reinigung mit Wasser oder milden, nicht irritativen Produkten ist vorzuziehen.
    • Vermeidung von Überpflege ist relevant, da diese die Barrierefunktion der Vulvahaut stören kann.
  • Frühzeitige Behandlung von Infektionen und Dermatosen
    • Vulvovaginale Infektionen, Ekzeme, Lichen sclerosus, Lichen planus, Psoriasis und Kontaktdermatitis (kontaktbedingte Hautentzündung) sollen gezielt diagnostiziert und behandelt werden [1].
    • Wiederholte empirische antimykotische oder antibiotische Therapie ohne Befundsicherung soll vermieden werden.
  • Beckenbodenbezogene Schutzfaktoren
    • Spezialisierte Beckenbodenphysiotherapie ist bei Beckenbodenhypertonus, myofaszialem Schmerz oder schmerzbedingter muskulärer Abwehrspannung sinnvoll [2, 3].
    • Therapieziel ist nicht Kräftigung, sondern Normalisierung von Muskeltonus, Koordination, Entspannung und Schmerzverarbeitung.
  • Individuelle hormonelle Anpassung
    • Prüfung der hormonellen Situation ist bei Verdacht auf hypoöstrogene Schleimhautveränderung, hormonell getriggerte Beschwerden oder kontrazeptionsassoziierte Symptomatik sinnvoll [1-3].
    • Therapieanpassung erfolgt individuell nach Befund, Alter, Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Beschwerdebild.
  • Frühzeitige Diagnosestellung
    • Frühe klinische Einordnung kann unnötige Diagnostik, wiederholte Fehlbehandlungen und Schmerzchronifizierung reduzieren [1-4].
    • Cotton-swab-Test/Q-Tip-Test*, Beckenbodenuntersuchung und Ausschluss spezifischer Ursachen sind für die klinische Phänotypisierung (Einordnung nach Erscheinungsform) besonders relevant.

*Cotton-swab-Test/Q-Tip-Test – Klinischer Provokationstest zur Schmerzlokalisation bei Vulvodynie, insbesondere bei provozierter Vestibulodynie. Dabei wird das Vestibulum vaginae (Scheidenvorhof) mit einem angefeuchteten Watteträger systematisch an definierten Punkten berührt; die Patientin gibt Schmerzintensität und Schmerzlokalisation an. Der Test dient der Abgrenzung lokalisierter Berührungsschmerzen von generalisierten oder nicht vulvären Schmerzursachen.

Sekundärprävention

Die Sekundärprävention richtet sich an Patienten mit ersten Symptomen der Vulvodynie, um eine Verschlechterung zu verhindern und gezielt zu behandeln. Im Vordergrund stehen frühe klinische Einordnung, Ausschluss spezifischer Ursachen, Vermeidung nicht indizierter Therapien und frühzeitige multimodale Behandlung (Behandlung mit mehreren Therapiebausteinen) [1-4].

  • Früherkennung und Diagnostik
    • Erfassung von Schmerzlokalisation, Schmerzdauer, Schmerzqualität, Provokationsfaktoren, spontanen Schmerzen, Dyspareunie, Dysurie (Schmerzen beim Wasserlassen), sexueller Funktion, Hautsymptomen, Infektanamnese (Vorgeschichte zu Infektionen), Medikamentenanamnese (Vorgeschichte zu Medikamenten) und psycho-sozialer Belastung.
    • Gynäkologische Inspektion (Betrachtung) von Vulva, Vestibulum und Vagina (Scheide) zum Ausschluss spezifischer Ursachen.
    • Cotton-swab-Test/Q-Tip-Test zur Kartierung berührungsprovozierter Schmerzen.
    • Beckenbodenuntersuchung zur Erfassung von Hypertonus (erhöhter Muskelspannung), Druckschmerz, myofaszialen Triggerpunkten und muskulärer Dysfunktion.
    • Gezielte Abklärung von Dermatosen, Infektionen, hypoöstrogenen Zuständen, neurologischen Ursachen und chronischen Schmerzsyndromen.
  • Laborparameter
    • Es existiert kein krankheitsspezifischer Laborparameter zur Sicherung der Vulvodynie [1-3].
    • Laboruntersuchungen erfolgen symptom- und differentialdiagnosegeleitet.
    • Bei Verdacht auf Infektion: Mikroskopie, pH-Wert, mikrobiologische Diagnostik, Pilzkultur oder molekularbiologische Erregerdiagnostik nach klinischer Indikation.
    • Bei Verdacht auf systemische Entzündung, Autoimmunerkrankung, Endokrinopathie (Hormondrüsenerkrankung) oder Mangelzustand: gezielte Labordiagnostik entsprechend Anamnese und Befund.
  • Bildgebung
    • Eine routinemäßige Bildgebung ist bei typischer Vulvodynie nicht indiziert.
    • Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) oder Sonographie (Ultraschalluntersuchung) erfolgen nur bei Red Flags, Verdacht auf Raumforderung, neurologische Ursache, tiefe Beckenpathologie (krankhafte Veränderung im Becken) oder andere spezifische Differentialdiagnose.
  • Funktionstests
    • Cotton-swab-Test/Q-Tip-Test zur objektivierenden Schmerzlokalisation und Verlaufskontrolle.
    • Beckenbodenfunktionstestung durch klinische Untersuchung und gegebenenfalls spezialisierte physiotherapeutische Evaluation (Bewertung).
    • Sexualmedizinische und schmerzbezogene Fragebögen können zur Verlaufskontrolle und Therapieplanung eingesetzt werden.
  • Lebensstiländerungen
    • Reduktion irritativer Intimprodukte und mechanischer Trigger.
    • Anpassung von Kleidung, Sportarten, Sitzbelastung und Sexualpraktiken bei klarer Symptomprovokation.
    • Optimierung von Schlaf, Stressregulation, Bewegung und Schmerzbewältigung.
  • Ernährung, Bewegung und Reduktion von Genussmitteln
    • Keine generelle Eliminationsdiät ohne individuelle Indikation.
    • Symptomadaptierte körperliche Aktivität mit Vermeidung klarer mechanischer Trigger.
    • Reduktion von Alkohol, Nikotin und anderen Substanzen bei individueller Symptomverstärkung oder relevanter Komorbidität.
  • Therapieansätze
    • Aufklärung über die Diagnose, das biopsychosoziale Schmerzmodell und die fehlende infektiöse oder maligne Ursache bei unauffälligem Befund.
    • Behandlung nachgewiesener Infektionen, Dermatosen oder hormoneller Schleimhautveränderungen.
    • Beckenbodenphysiotherapie bei Hypertonus oder myofaszialem Schmerz.
    • Psychologische, psychotherapeutische oder sexualmedizinische Interventionen bei Angst, Depression, Somatisierung, Vermeidungsverhalten oder partnerschaftlicher Belastung [2-4].
  • Medikamentöse Therapie
    • Keine routinemäßige antiinfektiöse Therapie ohne Nachweis einer Infektion.
    • Topische oder systemische Schmerztherapie erfolgt individualisiert und nach Ausschluss spezifischer Ursachen.
    • Bei neuropathischer Schmerzkomponente (nervenbedingtem Schmerzanteil) können neuromodulierende Therapieansätze (die Nervenreizleitung beeinflussende Therapieansätze) erwogen werden; Nutzen und Nebenwirkungen müssen kritisch abgewogen werden [2, 3].
    • Topische hormonelle Therapie kann bei hypoöstrogenen Befunden indiziert sein.
  • Bewegungstherapie, Physio- oder Ergotherapie
    • Spezialisierte Beckenbodenphysiotherapie ist bei Beckenbodenhypertonus, Triggerpunkten und schmerzbedingter Abwehrspannung ein zentraler sekundärpräventiver Ansatz [2, 3].
    • Ergonomische Anpassungen können bei sitz- oder arbeitsplatzbezogener Symptomprovokation sinnvoll sein.
  • Psychosoziale Unterstützung
    • Psychotherapie, kognitive Verhaltenstherapie (verhaltensorientierte Gesprächstherapie), Schmerzbewältigung, sexualmedizinische Beratung und partnerschaftliche Unterstützung können zur Reduktion von Chronifizierung und funktioneller Beeinträchtigung beitragen [2-4].
    • Depression, Angst, Somatisierung und sexuelle Funktionsstörungen sollen aktiv erfasst und behandelt werden [4].

Tertiärprävention

Die Tertiärprävention zielt darauf ab, wiederkehrende Beschwerden und mögliche Komplikationen der Vulvodynie langfristig zu minimieren. Im Mittelpunkt stehen Langzeitkontrolle, Rückfallprophylaxe, Erhalt der sexuellen Funktion, Vermeidung von Chronifizierung, Behandlung komorbider Schmerzsyndrome und psychosoziale Stabilisierung [1-4].

  • Langzeittherapie
    • Regelmäßige Reevaluation (erneute Bewertung) von Schmerzintensität, Provokationsfaktoren, Sexualfunktion, Beckenbodenstatus, psycho-sozialer Belastung und Therapieverträglichkeit.
    • Fortführung wirksamer multimodaler Maßnahmen aus Aufklärung, Triggerreduktion, Beckenbodenphysiotherapie, psychologischer Schmerztherapie und Behandlung spezifischer Cofaktoren [2, 3].
    • Vermeidung wiederholter nicht indizierter Antiinfektiva, lokaler Irritantien und invasiver Maßnahmen ohne klare Indikation.
  • Rehabilitation und Nachsorge
    • Schrittweise Wiederaufnahme schmerzadaptierter Sexualität, körperlicher Aktivität und Alltagstätigkeit.
    • Beckenbodenbezogene Verlaufsbeurteilung und Anpassung physiotherapeutischer Maßnahmen.
    • Bei chronischer Schmerzsymptomatik Einbindung schmerzmedizinischer, psychosomatischer (Wechselwirkung von Körper und Seele betreffender) oder sexualmedizinischer Expertise.
  • Psychosoziale Unterstützung
    • Langfristige Unterstützung bei Angst, Depression, Somatisierung, partnerschaftlicher Belastung, sexueller Vermeidung und reduzierter Lebensqualität [4].
    • Förderung von Selbstwirksamkeit, Schmerzbewältigung, Körperwahrnehmung und realistischer Therapieerwartung.
  • Lebensstilinterventionen
    • Fortgesetzte Vermeidung individueller irritativer und mechanischer Trigger.
    • Erhalt regelmäßiger symptomangepasster körperlicher Aktivität.
    • Optimierung von Schlaf, Stressregulation, Gewichtsstabilisierung und allgemeiner Gesundheitsvorsorge.
    • Rauchverzicht und maßvoller Alkoholkonsum nach allgemeiner präventivmedizinischer Empfehlung.
  • Rezidivprophylaxe
    • Frühzeitige Behandlung nachgewiesener vulvovaginaler Infektionen, Dermatosen oder hormoneller Schleimhautveränderungen.
    • Konsequente Vermeidung von Überpflege und irritativen Intimprodukten.
    • Frühe therapeutische Reaktivierung bei beginnender Schmerzverstärkung, um erneute Chronifizierung zu vermeiden.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102
  2. Bohm-Starke N, Ramsay KW, Lytsy P et al.: Treatment of Provoked Vulvodynia: A Systematic Review. J Sex Med. 2022;19(5):789-808. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2022.02.008
  3. Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520. https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
  4. Ferraz SD, Cândido ACR, Uggioni MLR et al.: Assessment of anxiety, depression and somatization in women with vulvodynia: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2024;344:122-131. https://doi.org/10.1016/j.jad.2023.10.025

Leitlinien

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102