Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Vulvodynie (Vulvaschmerz) mitbedingt sein können:

Bei Vulvodynie handelt es sich um ein chronisches vulväres Schmerzsyndrom. Folgeerkrankungen und Komplikationen betreffen vor allem funktionelle Schmerzsyndrome, Beckenbodenfunktion, Sexualfunktion, psychische Gesundheit, Lebensqualität und therapieassoziierte Irritationen. Für mehrere Befunde ist eine Assoziation (Zusammenhang) belegt; eine direkte Kausalität (Ursächlichkeit) ist nicht in allen Fällen gesichert [1-6].

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Chronisch-irritative Vulvadermatitis (lang anhaltende reizbedingte Hautentzündung der Vulva)
    • Kann durch übermäßige Reinigung, wiederholte lokale Selbstbehandlung, mechanische Reizung oder inadäquate topische Therapieversuche (lokale Behandlungsversuche) begünstigt werden [1, 3]
  • Sekundäre Kontaktdermatitis (kontaktbedingte Hautentzündung)
    • Insbesondere bei Anwendung potenziell irritierender oder sensibilisierender Lokaltherapeutika; Abgrenzung gegenüber primären vulvären Dermatosen (Hauterkrankungen der Vulva) ist erforderlich [1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Reizdarmsyndrom
    • Beschrieben ist eine klinische Überlappung zwischen Vulvodynie und Reizdarmsyndrom im Rahmen chronischer überlappender Schmerzsyndrome; die zugrundeliegenden Mechanismen sind nicht abschließend geklärt [4]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Beckenbodenhypertonus (erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur)
    • Häufige funktionelle Begleit- und Folgekonstellation bei chronischem vulvärem Schmerz; kann Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Schmerzvermeidung und Chronifizierung verstärken [1, 3]
  • Myofasziales Schmerzsyndrom des Beckenbodens (Schmerzsyndrom von Muskeln und Bindegewebshüllen des Beckenbodens)
    • Kann im Rahmen anhaltender Schutzspannung, muskulärer Überaktivität und zentraler Sensibilisierung (gesteigerter Schmerzempfindlichkeit im zentralen Nervensystem) auftreten [1, 3]
  • Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz)
    • Als überlappendes chronisches Schmerzsyndrom beschrieben; die Einordnung erfolgt eher als assoziierte Komorbidität (Begleiterkrankung) als als gesicherte direkte Folgeerkrankung [4].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angststörungen
    • Bei Frauen mit Vulvodynie signifikant häufiger beschrieben; relevant für Schmerzverarbeitung, Vermeidungsverhalten, Sexualfunktion und Lebensqualität [5]
  • Depressive Störungen
    • Signifikant mit Vulvodynie assoziiert; kann Folge chronischer Schmerzen, sexueller Einschränkung und psychosozialer Belastung sein [5]
  • Somatisierung (körperlicher Ausdruck seelischer Belastung) bzw. somatoforme Schmerzverarbeitung
    • In systematischen Analysen als relevante psychische Komorbidität beschrieben; nicht als Ausschluss organischer Mechanismen zu verstehen [5]
  • Zentrale Sensibilisierung
    • Kann zur Schmerzchronifizierung, Schmerzverstärkung bei Berührung und Überlappung mit anderen funktionellen Schmerzsyndromen beitragen [1, 4]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Postpartale Persistenz oder Verstärkung vulvärer Schmerzen
    • Kann im Zusammenhang mit Beckenbodendysfunktion (Funktionsstörung des Beckenbodens), persistierender Dyspareunie und schmerzbedingtem Vermeidungsverhalten klinisch relevant sein; eine pauschale kausale Zuordnung zur Vulvodynie ist nicht gesichert [3]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Chronischer Beckenschmerz
    • Kann als Teil eines chronifizierten Schmerzsyndroms mit Beckenbodenbeteiligung, zentraler Sensibilisierung und funktionellen Begleitbeschwerden auftreten [1, 3, 4]
  • Persistierende Dyspareunie
    • Eine der klinisch wichtigsten Komplikationen der Vulvodynie; relevant für Sexualität, Partnerschaft, Lebensqualität und reproduktive Planung [1, 3]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Bladder-Pain-Syndrom/interstitielle Zystitis (chronisches Blasenschmerzsyndrom)
    • Systematische Übersichten zeigen eine relevante Assoziation beziehungsweise klinische Überlappung mit Vulvodynie; die Kausalrichtung ist nicht abschließend geklärt [6]
  • Chronische Dysurie (Schmerzen beim Wasserlassen) ohne Infektnachweis
    • Kann im Rahmen urogenitaler Schmerzsyndrome, vestibulärer Schmerzempfindlichkeit (Schmerzempfindlichkeit im Scheidenvorhof) und Beckenbodenhypertonus auftreten [1, 3, 6]
  • Sexuelle Funktionsstörungen
    • Insbesondere schmerzbedingte Vermeidung, Erregungsstörung, Orgasmusstörung, Libidominderung und Penetrationsangst (Angst vor dem Eindringen in die Scheide); klinisch häufig eng mit Dyspareunie und psychischer Belastung verknüpft [3, 5]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Iatrogene Irritationen (durch medizinische Maßnahmen verursachte Reizungen) und Schleimhautschädigungen
    • Möglich durch wiederholte, nicht indizierte antimykotische, antiseptische, antibiotische oder irritierende topische Therapieversuche sowie durch übermäßige Lokalpflege [1, 3]

Weiteres

  • Partnerschaftliche Konflikte
    • Können sekundär durch chronische Schmerzen, Dyspareunie, sexuelle Vermeidung und Kommunikationsbelastung entstehen [3, 5]
  • Reduktion der Lebensqualität
    • Eine der zentralen klinischen Folgen der Vulvodynie; betrifft Sexualität, Alltag, Selbstbild, psychische Gesundheit und soziale Teilhabe [1, 3, 5]
  • Soziale Einschränkungen
    • Können durch Schmerzvermeidung, Bewegungsangst, Scham, Partnerschaftsbelastung und chronische Beschwerdepersistenz (Fortbestehen der Beschwerden) entstehen [3, 5]

Prognosefaktoren

  • Günstige Prognosefaktoren
    • Frühe Diagnosestellung und Vermeidung wiederholter nicht indizierter antiinfektiver oder irritierender Lokaltherapien [1, 3]
    • Multimodale Behandlung (Behandlung mit mehreren Therapiebausteinen) mit Edukation (Schulung), vulvärer Schonung, Beckenbodentherapie, sexualmedizinischer Mitbetreuung und psychologischer Schmerzbewältigung bei entsprechender Indikation (Behandlungsgrund) [1, 3]
    • Erkennen und Mitbehandeln überlappender Schmerzsyndrome wie Reizdarmsyndrom oder Bladder-Pain-Syndrom/interstitielle Zystitis [4, 6]
  • Ungünstige Prognosefaktoren
    • Lange Beschwerdedauer bis zur Diagnosestellung [1, 3]
    • Persistierender Beckenbodenhypertonus und ausgeprägtes Vermeidungsverhalten [1, 3]
    • Ausgeprägte Angst, Depression oder Somatisierung [5]
    • Koexistenz weiterer chronischer Schmerzsyndrome, insbesondere Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie oder Bladder-Pain-Syndrom/interstitielle Zystitis [4, 6]
    • Wiederholte nicht indizierte Lokaltherapien mit sekundärer Irritation oder Kontaktdermatitis [1, 3]

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA, Kirtschig G, Lewis F, Moyal-Barracco M,et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102
  2. Paavonen J, Brunham RC: Localized provoked vulvodynia as an immune-mediated inflammatory disease: rationale for a new line of research. Front Cell Infect Microbiol. 2024;14:1505845. https://doi.org/10.3389/fcimb.2024.1505845
  3. Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520. https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
  4. Perelmuter S, Soogoor A, Maliszewski K, Grimshaw A: Investigating the overlapping presentation of irritable bowel syndrome and vulvodynia: a scoping review of the evidence and mechanisms. Sex Med Rev. 2024;12(4):559-568. https://doi.org/10.1093/sxmrev/qeae053
  5. Ferraz SD, Cândido ACR, Uggioni MLR et al.: Assessment of anxiety, depression and somatization in women with vulvodynia: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2024;344:122-131. https://doi.org/10.1016/j.jad.2023.10.025
  6. Bosio S, Perossini S, Torella M et al.: The association between vulvodynia and interstitial cystitis/bladder pain syndrome: a systematic review. Int J Gynaecol Obstet. 2024;167(1):1-15. https://doi.org/10.1002/ijgo.15538

Leitlinien

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA, Kirtschig G, Lewis F, Moyal-Barracco M, et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102