Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Klassifikation
Die Klassifikation (Einteilung) der Vulvodynie (chronischer Schmerz im Bereich der Vulva) erfolgt gemäß aktueller europäischer Leitlinien und konsensbasierter Definitionen anhand von Lokalisation (Ort des Auftretens), Auslösbarkeit der Schmerzen sowie zeitlichem Verlauf. Ziel ist eine klinisch praktikable Einteilung zur Therapieplanung und Differenzialdiagnostik (Abklärung anderer möglicher Ursachen) [1-3].
Einteilung nach Lokalisation
- Lokalisierte Vulvodynie
Schmerz ist auf einen umschriebenen Bereich der Vulva (äußeres weibliches Geschlechtsorgan) begrenzt (am häufigsten Vestibulum (Scheidenvorhof) → „Vestibulodynie“ (Schmerz im Scheidenvorhof)) - Generalisierte Vulvodynie
Diffuse Schmerzsymptomatik (ausgedehnte Schmerzbeschwerden) der gesamten Vulva, häufig wechselnde Schmerzlokalisation
Einteilung nach Schmerzprovokation
- Provozierte Vulvodynie
Schmerzen treten durch mechanische Reize auf (z. B. Berührung, Koitus (Geschlechtsverkehr), Tampongebrauch, gynäkologische Untersuchung (Frauenarztuntersuchung)) - Spontane Vulvodynie
Schmerzen bestehen unabhängig von äußeren Reizen - Gemischte Form
Kombination aus spontanen und provozierbaren Beschwerden
Einteilung nach zeitlichem Verlauf
- Primäre Vulvodynie
Beschwerden bestehen seit Beginn sexueller Aktivität bzw. seit erstmaliger mechanischer Belastung - Sekundäre Vulvodynie
Auftreten der Beschwerden nach zuvor beschwerdefreier Phase
Erweiterte klinische Differenzierung
- Vestibulodynie (provozierte lokalisierte Vulvodynie)
Häufigste und klinisch am besten charakterisierte Form - Generalisierte spontane Vulvodynie
Seltener, oft mit neuropathischer Schmerzkomponente (nervenbedingtem Schmerzanteil) - Mischformen
In der klinischen Praxis häufig; Überlappung mehrerer Klassifikationsdimensionen
Pathophysiologische Zuordnung (klinisch orientiert)
Diese Einteilung ist nicht Bestandteil der formalen Klassifikation, jedoch für die Therapie relevant:
- Neuropathische Form – periphere und/oder zentrale Sensibilisierung (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit)
- Muskuläre Form – Beckenbodenhypertonus (erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur), myofasziale Dysfunktion (Funktionsstörung von Muskeln und Bindegewebshüllen)
- Inflammatorisch-immunologische Form – z. B. postinfektiöse Veränderungen (Veränderungen nach einer Infektion)
- Multifaktorielle Form – Kombination mehrerer Mechanismen (häufigste Konstellation)
Abgrenzung zu anderen vulvären Schmerzursachen
Voraussetzung für die Diagnose Vulvodynie ist der Ausschluss spezifischer Ursachen wie:
- dermatologische Erkrankungen (Hauterkrankungen) (z. B. Lichen sclerosus (chronisch-entzündliche Hauterkrankung), Lichen planus (Knötchenflechte))
- Infektionen (z. B. Candida, Herpes simplex)
- neurologische Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems)
- hormonelle Atrophie (hormonbedingte Geweberückbildung)
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102
- Bohm-Starke N, Ramsay KW, Lytsy P et al.: Treatment of Provoked Vulvodynia: A Systematic Review. J Sex Med. 2022;19(5):789-808. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2022.02.008
- Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520. https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
Leitlinien
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA, et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102