Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Anamnese

Die Anamnese (Krankengeschichte) stellt einen zentralen Baustein in der Diagnostik (Abklärung) der Vulvodynie (chronischer Schmerz im Bereich der Vulva) dar. Da es sich um eine Ausschlussdiagnose handelt, ist eine strukturierte, detaillierte und multidimensionale Anamnese essenziell, um organische Ursachen auszuschließen und typische Beschwerdemuster zu erfassen [1-3].

Familienanamnese

  • Gibt es in Ihrer Familie gehäuft chronische Schmerzsyndrome (z. B. Fibromyalgie), psychische Erkrankungen (Depression, Angststörungen) oder funktionelle Erkrankungen (z. B. Reizdarmsyndrom)?
    → Relevanz aufgrund möglicher genetischer und biopsychosozialer Prädispositionen (Veranlagungen) [3, 5]

Sozialanamnese

  • Beruf:
    • Welchen Beruf üben Sie aus? (z. B. sitzende Tätigkeit, mechanische Belastung im Genitalbereich)
    • Sind Sie beruflich chemischen oder irritativen Substanzen ausgesetzt?
  • Gibt es psychosoziale Belastungen (Stress, Partnerschaftsprobleme)?
  • Bestehen Einschränkungen im Alltag oder Arbeitsunfähigkeit durch die Beschwerden?
    → Chronischer Schmerz und psychosoziale Faktoren sind eng miteinander verknüpft [3, 5]

Sexualanamnese

  • Partnerschaftliche Situation
    • Besteht eine feste Partnerschaft?
    • Bestehen belastende Veränderungen der Sexualität?
  • Sexualverhalten und Beschwerden
    • Bestehen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie)?
    • Ist vaginale Penetration (Eindringen in die Scheide) möglich oder eingeschränkt?
    • Treten Schmerzen bei Tampongebrauch oder gynäkologischer Untersuchung (Frauenarztuntersuchung) auf?
  • Infektionsanamnese
    • Frühere sexuell übertragbare Infektionen (z. B. Herpes genitalis, HPV, Chlamydien)?
    • Rezidivierende vaginale Infektionen (z. B. Candida)?
  • Kinderwunsch und Verhütung
    • Besteht ein Kinderwunsch?
    • Welche Verhütungsmethoden werden angewendet (insbesondere hormonelle Kontrazeption)?

→ Sexualanamnese ist zentral, da Dyspareunie und provozierter Schmerz Leitsymptome sind [1-3]

Aktuelle Anamnese/Systemanamnese

  • Leitsymptome
    • Leiden Sie unter vulvären Schmerzen (Brennen, Stechen, Wundheitsgefühl)?
    • Bestehen die Beschwerden seit mehr als 3 Monaten?
  • Schmerzdauer und -verlauf
    • Seit wann bestehen die Schmerzen?
    • Sind die Schmerzen konstant oder episodisch (anfallsweise)?
    • Haben sich Intensität oder Häufigkeit verändert?
    • Auslöser (z. B. Infektionen, Geburt, neue Sexualpartner)?
    • Verstärkende Faktoren (Reibung, Stress)?
    • Lindernde Faktoren (Ruhe, Kühlung, Medikamente)?
    • → Wichtig zur Differenzierung neuropathischer (nervenbedingter), muskulärer und inflammatorischer (entzündlicher) Komponenten [2, 3]
  • Schmerzlokalisation und -charakter
    • Wo genau sind die Schmerzen lokalisiert (Vestibulum (Scheidenvorhof) vs. gesamte Vulva (äußeres weibliches Geschlechtsorgan))?
    • Wie würden Sie den Schmerz beschreiben (brennend, stechend, wund)?
    • Wie stark sind die Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10?
      • 0-2: kein/kaum Schmerz
      • 3-4: bei Ablenkung ist der Schmerz nicht mehr im Mittelpunkt
      • 5-6: Schmerz behindert Gehen, Ein- und Durchschlafen*
      • 7-8: Bedürfnis sich hinzulegen, Ablenkung nicht mehr möglich, gesamtes Denken kreist um den Schmerz*
      • 9-10: unaushaltbare, fürchterliche Schmerzen, der Patient "möchte schreien" oder schreit tatsächlich*
  • Schmerzprovokation
    • Treten die Schmerzen bei Berührung, Koitus (Geschlechtsverkehr), Tampongebrauch oder Sitzen auf?
    • Bestehen auch spontane Schmerzen ohne Reiz?
  • Begleitsymptome
    • Dysurie (Schmerzen beim Wasserlassen) ohne Infektnachweis?
    • Juckreiz oder Trockenheitsgefühl?
    • Beschwerden im Bereich Blase oder Darm (z. B. Reizblase, Reizdarm)?

→ Typische Symptomkonstellation erlaubt klinische Einordnung (lokalisiert/provoziert vs. generalisiert) [1–3]

Vegetative Anamnese inkl. Ernährungsanamnese

  • Schlafqualität (Ein- und Durchschlafstörungen)?
  • Stressniveau und psychische Belastung?
  • Genussmittelkonsum (Nikotin, Alkohol)?
  • Körperliche Aktivität?

→ Chronischer Schmerz ist häufig mit Schlafstörungen und Stress assoziiert (verbunden) [5]

Eigenanamnese

  • Vorerkrankungen
    • Rezidivierende vaginale Infektionen
    • Chronische Schmerzsyndrome (z. B. Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom)
    • Blasenschmerzsyndrom
    • Bestehen die Beschwerden bereits über einen längeren Zeitraum (Monate/Jahre)?
    • Wurde bereits die Diagnose Vulvodynie gestellt oder vermutet?
    • Wie viele ärztliche Behandlungen wurden bisher durchgeführt?
  • Operationen
    • Eingriffe im Genitalbereich (z. B. Episiotomie, Vulvaoperationen)
  • Schwangerschaftsanamnese
    • Geburtsverletzungen, postpartale Beschwerden (Beschwerden nach der Geburt)
  • Allergien
    • Kontaktallergien (z. B. Duftstoffe, Latex)
  • Medikamentenanamnese
    • hormonelle Kontrazeptiva
    • topische Medikamente im Intimbereich

→ Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Triggerfaktoren (Auslösefaktoren) sind häufig vorhanden [3-6]

Umweltanamnese

  • Verwendung von Intimpflegeprodukten
  • Exposition (Kontakt) gegenüber potenziellen Reizstoffen (Waschmittel, Slipeinlagen, Kleidung)
    → Relevanz für irritative Beschwerden und Differenzialdiagnose (Abgrenzung anderer möglicher Ursachen) [1]

* Falls diese Frage mit "Ja" beantwortet worden ist, ist ein sofortiger Arztbesuch erforderlich! (Angaben ohne Gewähr)

Unsere Empfehlung: Drucken Sie die Anamnese aus, markieren Sie alle mit „Ja“ beantworteten Fragen und nehmen Sie das Dokument mit zu Ihrem behandelnden Arzt.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972.: https://doi.org/10.1111/jdv.18102
  2. Bohm-Starke N, Ramsay KW, Lytsy P et al.: Treatment of Provoked Vulvodynia: A Systematic Review. J Sex Med. 2022;19(5):789-808. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2022.02.008
  3. Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520.  https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
  4. Perelmuter S, Soogoor A, Maliszewski K, Grimshaw A: Investigating the overlapping presentation of irritable bowel syndrome and vulvodynia: a scoping review of the evidence and mechanisms. Sex Med Rev. 2024;12(4):559–568. https://doi.org/10.1093/sxmrev/qeae053Ferraz SD, Cândido ACR, Uggioni MLR, et al.: Assessment of anxiety, depression and somatization in women with vulvodynia: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2024;344:122-131. https://doi.org/10.1016/j.jad.2023.10.025
  5. Bosio S, Perossini S, Torella M, et al.: The association between vulvodynia and interstitial cystitis/bladder pain syndrome: a systematic review. Int J Gynaecol Obstet. 2024;167(1):1-15. https://doi.org/10.1002/ijgo.15538

Leitlinien

  1. van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. https://doi.org/10.1111/jdv.18102