Vulvaschmerz (Vulvodynie) – Einleitung
Die Vulvodynie (chronischer Schmerz im Bereich der Vulva) ist definiert als chronischer vulvärer Schmerz (lang anhaltender Schmerz im Bereich der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane) von mindestens 3 Monaten Dauer ohne nachweisbare spezifische Ursache, häufig beschrieben als Brennen, Stechen oder Wundheitsgefühl [1-3].
Synonyme und ICD-10: Aktuell wird in Deutschland kein spezifischer ICD-10-GM-Code für die Vulvodynie verwendet. Während im US-amerikanischen ICD-10-CM seit 2020 der spezifische Code N94.81 (Vulvodynia) existiert, wird in Deutschland weiterhin der ICD-10-GM genutzt, der diesen Code bislang nicht enthält.
Daher wird die Vulvodynie derzeit unter N94.8 (Sonstige näher bezeichnete Zustände im Zusammenhang mit den weiblichen Genitalorganen und dem Menstruationszyklus) subsumiert. Zusätzlich können – je nach klinischer Ausprägung und Begleitfaktoren – folgende Codes zur Anwendung kommen:
- F52.6 (nicht-organische Dyspareunie) (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ohne organische Ursache)
- F45.40 (somatoforme Schmerzstörung) (körperliche Schmerzstörung ohne ausreichende organische Erklärung)
- F45.41 (chronische Schmerzen mit somatischen und psychischen Faktoren) (lang anhaltende Schmerzen mit körperlichen und seelischen Einflussfaktoren)
Formen der Erkrankung
- Lokalisierte Vulvodynie (auf einen begrenzten Bereich beschränkte Vulvodynie)
- Generalisierte Vulvodynie (über einen größeren Bereich ausgedehnte Vulvodynie)
- Provozierte Vulvodynie (durch Berührung oder Druck ausgelöste Vulvodynie)
- Spontane Vulvodynie (ohne erkennbaren Auslöser auftretende Vulvodynie)
- Gemischte Vulvodynie (Mischform der Vulvodynie)
Die provozierte Vestibulodynie (durch Berührung ausgelöster Schmerz im Scheidenvorhof) gilt als die klinisch am besten reproduzierbare und am häufigsten untersuchte Unterform. [1, 2]
Epidemiologie
Saisonale Häufung der Erkrankung: Eine saisonale Häufung ist nach der aktuellen Literatur nicht beschrieben. [1, 3]
Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) der Vulvodynie liegt nach aktuellen Reviews und Leitlinien in populationsbasierten Erhebungen typischerweise im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich; häufig wird eine Lebenszeitbetroffenheit um etwa 8 % berichtet. Die Heterogenität (Uneinheitlichkeit) der Definitionen, Erhebungsmethoden und untersuchten Populationen begrenzt jedoch die Vergleichbarkeit. [1, 3]
Belastbare populationsbezogene Inzidenzdaten (Daten zur Zahl neuer Erkrankungsfälle) liegen für die Vulvodynie aktuell nicht einheitlich und nicht in ausreichend robuster Qualität vor, sodass hierzu keine verlässliche Standardangabe gemacht werden sollte. [3, 5]
Häufigkeitsgipfel: Die Erkrankung tritt überwiegend im reproduktiven Lebensalter (Lebensalter mit möglicher Fortpflanzungsfähigkeit) auf; besonders häufig betroffen sind jüngere und mittelalte Frauen. [1, 3]
Geschlechterverhältnis: Die Vulvodynie betrifft definitionsgemäß Frauen bzw. Personen mit Vulva (äußeres weibliches Geschlechtsorgan). [1, 3]
Versorgungsrealität
- Häufig lange Diagnosedauer
- Mehrfache Arztkontakte vor Diagnosestellung
- Wiederholte Fehlbehandlungen (bes. Antiinfektiva)
- Hohe psychosoziale Belastung
Verlauf und Prognose
Verlauf
Die Vulvodynie verläuft häufig chronisch, oft mit fluktuierender Symptomintensität (schwankender Beschwerdestärke), phasenweiser Besserung und möglicher Persistenz (Fortbestehen) über Monate bis Jahre. Sowohl spontane Besserungen als auch unvollständige Remissionen (Rückbildungen der Beschwerden) unter Therapie sind beschrieben; der Verlauf ist insgesamt heterogen. In vielen Fällen besteht eine erhebliche Diagnosedauer von mehreren Monaten bis Jahren bis zur korrekten Einordnung der Beschwerden. Der Verlauf ist wesentlich abhängig von einer frühzeitigen Diagnose und Einleitung einer multimodalen Therapie (Behandlung mit mehreren Therapiebausteinen) [1-5].
Die Erkrankung kann rezidivierend (wiederkehrend) beziehungsweise persistierend verlaufen; eine belastbare, allgemeingültige Rezidivrate (Rückfallhäufigkeit) ist in der aktuellen hochwertigen Literatur jedoch nicht konsistent quantifiziert [2, 5].
Prognose
Die Prognose ist hinsichtlich der Mortalität (Sterblichkeit) günstig; die Letalität (Tödlichkeit) beträgt 0 % [1, 3].
Die funktionelle und psychosoziale Prognose ist variabel und abhängig von Symptomdauer, Schmerzintensität, Sexualfunktion, psychischer Belastung, somatischen und psychosozialen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) sowie dem Ansprechen auf multimodale Therapieansätze [2, 4-7].
Eine medizinische Abklärung ist erforderlich, insbesondere zum Ausschluss infektiöser (durch Erreger bedingter), dermatologischer (die Haut betreffender), neurologischer (die Nerven betreffender), urogynäkologischer (Harnwege und weibliche Geschlechtsorgane betreffender), hormoneller und neoplastischer (tumorbedingter) Differentialdiagnosen (Alternativdiagnosen) [1, 3].
Komorbiditäten
Die Vulvodynie ist vermehrt mit weiteren Schmerz- und Belastungssyndromen assoziiert. Besonders gut belegt sind Zusammenhänge mit Angst, Depression und Somatisierung (körperlicher Ausdruck seelischer Belastung) sowie mit anderen chronischen Beckenschmerz- und Blasenschmerzsyndromen (lang anhaltenden Schmerzsyndromen im Becken- und Blasenbereich). [5, 6]
Für die Komorbidität mit interstitieller Zystitis/Bladder Pain Syndrome (chronisches Blasenschmerzsyndrom) zeigen aktuelle systematische Übersichtsarbeiten überwiegend eine positive Assoziation. [6, 7]
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102
- Bohm-Starke N, Ramsay KW, Lytsy P, et al.: Treatment of Provoked Vulvodynia: A Systematic Review. J Sex Med. 2022;19(5):789-808. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2022.02.008
- Santangelo G, Ruggiero G, Murina F et al.: Vulvodynia: A practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet. 2023;163(2):510-520. https://doi.org/10.1002/ijgo.14815
- Calafiore D, Marotta N, Curci C et al.: Efficacy of Rehabilitative Techniques on Pain Relief in Patients With Vulvodynia: A Systematic Review and Meta-Analysis. Phys Ther. 2024;104(7):pzae054.: https://doi.org/10.1093/ptj/pzae054
- Cetera GE, Merli CEM, Facchin F et al.: “Time is on my side”. Disease trajectory of vulvodynia: a systematic review with a narrative synthesis. Arch Gynecol Obstet. 2024;309(1):1-8. https://doi.org/10.1007/s00404-023-06984-z
- Ferraz SD, Cândido ACR, Uggioni MLR et al.: Assessment of anxiety, depression and somatization in women with vulvodynia: A systematic review and META-analysis. J Affect Disord. 2024;344:122-131. https://doi.org/10.1016/j.jad.2023.10.025
- Bosio S, Perossini S, Torella M et al.: he association between vulvodynia and interstitial cystitis/bladder pain syndrome: A systematic review. Int J Gynaecol Obstet. 2024;167(1):1-15. https://doi.org/10.1002/ijgo.15538
Leitlinien
- van der Meijden WI, Boffa MJ, ter Harmsel WA, et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022;36(7):952-972. https://doi.org/10.1111/jdv.18102