HCG-Test

HCG-Test ist ein dynamischer endokrinologischer Funktionstest (Hormonfunktionstest) zur Beurteilung der testikulären Leydig-Zell-Funktion (Funktion der Testosteron-bildenden Hodenzellen). Durch exogene Gabe von humanem Choriongonadotropin (HCG) (Schwangerschaftshormon) wird die Steroidogenese (Hormonbildung) der Leydig-Zellen stimuliert; klinisch wird vor allem die Testosteronantwort (Reaktion des männlichen Geschlechtshormons) beurteilt.

Der Test wird in der heutigen Labordiagnostik vor allem in spezialdiagnostischen Fragestellungen eingesetzt, insbesondere bei präpubertären Patienten (Kinder vor der Pubertät), bei bilateralen nicht tastbaren Hoden, bei Kryptorchismus (Hodenhochstand), Mikropenis (sehr kleiner Penis) sowie im Rahmen der Abklärung von Störungen der Geschlechtsentwicklung [1-4].

Synonyme

  • HCG-Stimulationstest
  • Leydigzell-Funktionstest
  • humanes Choriongonadotropin-Stimulationstest

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum
    • Gegebenenfalls ergänzend Androstendion, Dihydrotestosteron (DHT), 17-Hydroxy-Progesteron oder weitere Steroidmetabolite bei spezieller Fragestellung
  • Vorbereitung des Patienten
    • Morgendliche Blutentnahme empfohlen, insbesondere bei pubertären (in der Pubertät befindlichen) und erwachsenen Patienten
    • Basale Bestimmung von Testosteron vor HCG-Gabe
    • Je nach Fragestellung ergänzende Basalwerte, z. B. LH (Luteinisierendes Hormon), FSH (Follikelstimulierendes Hormon), Anti-Müller-Hormon (AMH), Inhibin B
    • Die Durchführung ist streng protokollabhängig; gebräuchlich sind Einmal- und Mehrtagesprotokolle
  • Störfaktoren
    • Fehlende Standardisierung der Testprotokolle hinsichtlich Dosis, Applikationsschema und Zeitpunkt der Kontrollblutentnahme [1, 2]
    • Altersabhängigkeit und Abhängigkeit vom Pubertätsstatus [1-3]
    • Methodenabhängigkeit der Testosteronmessung, insbesondere im niedrigen Konzentrationsbereich bei präpubertären Patienten
    • Beeinflussung durch vorbestehende Hormontherapien oder akute schwere Erkrankungen
  • Methode
    • Stimulationstest (Anregungstest) mit exogener HCG-Gabe, meist intramuskulär (in den Muskel); lokal auch subkutane (unter die Haut) Protokolle
    • Bestimmung von Testosteron vor der HCG-Gabe und nachfolgend in einem festgelegten Zeitfenster
    • Ein in neueren pädiatrischen (kinderärztlichen) Arbeiten beschriebenes praktikables Protokoll ist eine Einmalgabe von 5.000 IU/m2 mit Testosteronmessung am 4. Tag; daneben werden weiterhin Mehrtagesprotokolle, z. B. 1.500 IU/m2 an 3 aufeinanderfolgenden Tagen, verwendet [2]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe Bewertung
Präpubertäre Jungen Kein einheitlicher universeller Referenzbereich; die Interpretation erfolgt protokoll-, alters- und methodenabhängig [1-3]
Pubertäre/adulte Patienten Kein einheitlich validierter allgemeiner Cut-off für den Testosteronanstieg; ein adäquater Stimulationsanstieg spricht für erhaltene Leydig-Zell-Funktion (funktionierende Testosteron-bildende Hodenzellen), ein ausbleibender oder geringer Anstieg für eine eingeschränkte testikuläre Steroidogenese (Hormonbildung im Hoden) [2, 4]
Spezialdiagnostik Bei Verdacht auf Enzymdefekte (Störungen von Eiweißen, die chemische Reaktionen steuern) oder Störungen der Androgenbiosynthese (Bildung männlicher Geschlechtshormone) ist nicht nur der absolute Testosteronanstieg, sondern auch das Muster weiterer Steroidmetabolite relevant [1, 3]

Normbereiche sind methoden-, alters-, protokoll- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Abklärung einer eingeschränkten Leydig-Zell-Funktion (Funktion der Testosteron-bildenden Hodenzellen)
  • Differentialdiagnostik (Abklärung ähnlicher Erkrankungen) bei bilateralen nicht tastbaren Hoden bzw. zur Unterscheidung zwischen Kryptorchismus (Hodenhochstand) und Anorchie (Fehlen der Hoden) in ausgewählten Konstellationen [1, 3]
  • Abklärung bei Mikropenis (sehr kleiner Penis) im Kindesalter [3]
  • Abklärung bei 46,XY-Störungen der Geschlechtsentwicklung (Störungen der Entwicklung der männlichen Geschlechtsmerkmale) [1, 2]
  • Beurteilung der testikulären Steroidogenese (Hormonbildung im Hoden) bei Verdacht auf Enzymdefekte (Störungen von Eiweißen, die chemische Reaktionen steuern) der Androgenbiosynthese (Bildung männlicher Geschlechtshormone) [1, 2]
  • Spezialdiagnostik bei Verdacht auf primären Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden) mit unklarer testikulärer Reserve

Interpretation

  • Erhaltene Testosteronantwort
    • Spricht für vorhandenes funktionsfähiges Leydig-Zell-Gewebe (funktionierende Testosteron-bildende Hodenzellen)
    • Kann bei Kryptorchismus (Hodenhochstand), hypothalamisch-hypophysären Störungen (Störungen im Bereich von Gehirnzentren der Hormonsteuerung) und bei erhaltener testikulärer Steroidogenese (Hormonbildung im Hoden) nachweisbar sein
  • Verminderte oder ausbleibende Testosteronantwort
    • Hinweis auf Leydig-Zell-Insuffizienz (Schwäche der Testosteron-bildenden Hodenzellen) oder relevante Störung der testikulären Steroidogenese (Hormonbildung im Hoden)
    • Vereinbar mit primärem Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden), Anorchie (Fehlen der Hoden) oder bestimmten Enzymdefekten (Störungen von Eiweißen, die chemische Reaktionen steuern) der Androgensynthese (Bildung männlicher Geschlechtshormone)
  • Spezifische Konstellationen
    • Bei bilateralen nicht tastbaren Hoden erhöht eine fehlende hormonelle Antwort zusammen mit weiteren Markern wie AMH und Inhibin B die Wahrscheinlichkeit einer ausgeprägten Gonadendysfunktion (Funktionsstörung der Keimdrüsen) bzw. Anorchie (Fehlen der Hoden) [1, 4]
    • Bei Verdacht auf 5α-Reduktase-Mangel (Enzymstörung im Hormonstoffwechsel) oder andere Defekte der Androgenbiosynthese (Bildung männlicher Geschlechtshormone) ist die zusätzliche Beurteilung von DHT und Steroidvorstufen erforderlich [1, 3]
    • Die isolierte Bewertung eines pauschalen „2-fachen Anstiegs“ ist nach heutigem Kenntnisstand nicht allgemein standardisierbar und sollte nicht laborübergreifend unkritisch verwendet werden [1-3]

Weiterführende Diagnostik

  • LH (Luteinisierendes Hormon), FSH (Follikelstimulierendes Hormon)
  • Gesamt-Testosteron, gegebenenfalls freies/bioverfügbares Testosteron und SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin)
  • AMH (Anti-Müller-Hormon), Inhibin B
  • Dihydrotestosteron, Androstendion, 17-Hydroxy-Progesteron bei Verdacht auf Störungen der Steroidbiosynthese (Hormonbildung)
  • Genetische Diagnostik bei Verdacht auf 46,XY-Störungen der Geschlechtsentwicklung (Störungen der Entwicklung der männlichen Geschlechtsmerkmale)
  • Sonographie (Ultraschalluntersuchung) der Hoden bzw. Leistenregion; gegebenenfalls weiterführende bildgebende oder chirurgische Abklärung bei nicht nachweisbaren Hoden

Literatur

  1. Ahmed SF, Achermann J, Alderson J et al.: Society for Endocrinology UK Guidance on the Initial Evaluation of a Suspected Difference or Disorder of Sex Development (DSD) (Revised 2021). Clin Endocrinol (Oxf). 2021;95(6):818-840. https://doi.org/10.1111/cen.14528
  2. Kardelen Al AD, Karakılıç Özturhan E, Asgarova L, Öztürk AP, Yıldız M, Poyrazoğlu Ş, Baş F, Darendeliler F. Comparison of single dose and multi-dose hCG stimulation tests. J Ist Fac Med. 2022;85(2):223-227. https://doi.org/10.26650/IUITFD.949141
  3. Ishii T, Matsuo N, Sato S, Ogata T, Tamai S, Anzo M et al.: Human Chorionic Gonadotropin Stimulation Test in Prepubertal Children with Micropenis Can Accurately Predict Leydig Cell Function in Pubertal or Postpubertal Adolescents. Horm Res Paediatr. 2015;84(5):305-310. https://doi.org/10.1159/000439234
  4. Lucas-Herald AK, Alkanhal KI, Caney E, Malik I, Alimussina M, McNeilly JD et al.: Gonadal Function in Boys with Bilateral Undescended Testes. J Endocr Soc. 2024;8(2):bvad153. https://doi.org/10.1210/jendso/bvad153