17-Hydroxy-Progesteron

17-Hydroxy-Progesteron ist ein Steroidhormon aus der Gruppe der Gestagene (Gelbkörperhormone) und ein Zwischenprodukt der adrenalen (die Nebenniere betreffenden) und gonadalen (die Keimdrüsen betreffenden) Steroidbiosynthese. Es entsteht vor allem in der Nebennierenrinde (äußere Schicht der Nebenniere) sowie in den Gonaden (Keimdrüsen) und ist eine Vorstufe insbesondere für Cortisol und Androgene (männliche Geschlechtshormone).

In der klinischen Labordiagnostik ist 17-Hydroxy-Progesteron der zentrale Screening- und Bestätigungsparameter bei Verdacht auf einen 21-Hydroxylasemangel bzw. ein adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere); im Kontext der Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone im Blut) dient es vor allem dem Ausschluss einer nichtklassischen kongenitalen adrenalen Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde).

Immunoassays sind weiterhin gebräuchlich, weisen aber eine relevante Kreuzreaktivität und damit insbesondere im Neugeborenenscreening und bei Grenzwerten eine geringere Spezifität auf; die Leitlinie empfiehlt für die diagnostische Abklärung außerhalb des Screenings eine frühmorgendliche Serum-Bestimmung, bevorzugt mittels Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS). 

Synonyme

  • 17-OH-Progesteron
  • 17-OHP
  • 17-Hydroxyprogesteron

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum
    • Plasma, methodenabhängig
    • Trockenblutkarte im Neugeborenenscreening
  • Vorbereitung des Patienten
    • Morgendliche Blutentnahme, bevorzugt vor 08:00 Uhr
    • Bei menstruierenden Frauen möglichst in der frühen Follikelphase (erste Zyklushälfte)
    • Bei Fragestellung Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone im Blut) Erhebung der Medikation obligat, insbesondere kombinierte hormonelle Kontrazeptiva (hormonelle Verhütungsmittel), Glucocorticoide (kortisonähnliche Medikamente) und Antiandrogene (Medikamente gegen männliche Geschlechtshormone)
  • Störfaktoren
    • Ausgeprägte zirkadiane Rhythmik (Tag-Nacht-Rhythmus) mit höheren Werten in den frühen Morgenstunden
    • Zyklusabhängige Schwankungen, insbesondere Anstieg in der Lutealphase (zweite Zyklushälfte)
    • Schwangerschaft
    • Frühgeburtlichkeit und neonataler (das Neugeborene betreffender) Stress mit häufig falsch hohen Werten im Screening
    • Akute Erkrankungen/Stress
    • Kreuzreaktionen von Immunoassays mit anderen Steroiden
    • Hormonelle Kontrazeptiva (hormonelle Verhütungsmittel) können die biochemische Beurteilung des Hyperandrogenismus (erhöhte Wirkung männlicher Geschlechtshormone) wesentlich verfälschen; bei zwingender Androgenabklärung wird in der PCOS-Leitlinie ein Absetzen der kombinierten oralen Kontrazeption für mindestens 3 Monate empfohlen
  • Methode
    • Immunoassay als verbreitetes Screeningverfahren
    • LC-MS/MS als bevorzugte Methode mit höherer analytischer Spezifität
    • ACTH-Stimulationstest bei grenzwertigen basalen Befunden bzw. Verdacht auf nichtklassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Frauen - Follikelphase ca. 0,2-1,0 ng/ml
Frauen - Lutealphase ca. 1,0-4,5 ng/ml
Frauen - Postmenopause ca. < 0,8-1,0 ng/ml
Männer ca. 0,3-2,0 ng/ml
Neugeborene/Kinder deutlich alters-, Reifegrad- und methodenabhängig
ACTH-Stimulationstest Cut-off labor- und methodenabhängig; Interpretation nur mit methodenspezifischen Grenzwerten

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Für Neugeborene, Frühgeborene und Kinder gelten eigene, strikt alters- und reifegradadaptierte Referenzbereiche; im Neugeborenenscreening sollen die Normen nach Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) stratifiziert werden. 

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Neugeborenenscreening auf kongenitale adrenale Hyperplasie/adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)
  • Verdacht auf 21-Hydroxylasemangel, klassisch oder nichtklassisch
  • Differentialdiagnostik einer Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone im Blut) bei Frauen, insbesondere bei Hirsutismus (verstärkte Körperbehaarung), Akne, Zyklusstörungen, Oligo-/Amenorrhö (seltene/ausbleibende Monatsblutung) oder Infertilität (Unfruchtbarkeit)
  • Abklärung einer vorzeitigen Pubarche (vorzeitige Schambehaarung) bzw. Pseudopubertas praecox (Scheinfrühpubertät)
  • Verlaufskontrolle und Therapiemonitoring beim adrenogenitalen Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)
  • Abklärung bei familiärer Belastung für kongenitale adrenale Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde)

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • 21-Hydroxylasemangel häufigste Ursache der kongenitalen adrenalen Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde)
    • 11β-Hydroxylasemangel, seltener andere Enzymdefekte der Steroidbiosynthese
    • Nichtklassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere) bei milder bis moderater Erhöhung, oft erst nach ACTH-Stimulation eindeutig
    • Physiologisch erhöhte Werte in der Lutealphase (zweite Zyklushälfte)
    • Schwangerschaft
    • Frühgeborene/Neugeborene, insbesondere bei Stress oder unreifer Nebennierenfunktion (noch nicht vollständig entwickelte Funktion der Nebenniere)
    • Selten adrenale oder ovarielle steroidproduzierende Tumoren (Geschwülste)
  • Erniedrigte Werte
    • Meist ohne eigenständige klinische Relevanz
    • Unter Glucocorticoidtherapie (Behandlung mit kortisonähnlichen Medikamenten) möglich
  • Spezifische Konstellationen
    • Basalwert deutlich erhöht: hoher Verdacht auf klassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)
    • Grenzwertiger Basalwert: ACTH-Stimulationstest zur Abgrenzung eines nichtklassischen adrenogenitalen Syndroms (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)
    • Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone im Blut) mit normalem 17-Hydroxy-Progesteron: eher polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS), idiopathischer Hirsutismus (verstärkte Körperbehaarung ohne erkennbare Ursache), ovarielle/adrenale Tumoren (Geschwülste), Cushing-Syndrom, Hyperthekose (Vermehrung hormonbildender Zellen im Eierstock) oder medikamentöse Ursache erwägen

Weiterführende Diagnostik

  • Cortisol
  • ACTH
  • Androstendion
  • Testosteron bevorzugt mit hoher Qualität, idealerweise LC-MS/MS
  • Dehydroepiandrosteronsulfat (DHEAS)
  • Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG)
  • LH, FSH, Estradiol
  • Prolaktin
  • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)
  • Elektrolyte - Natrium, Kalium
  • Renin/Aldosteron bei Verdacht auf Salzverlustform
  • ACTH-Stimulationstest
  • Molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung der Erbanlagen), insbesondere CYP21A2

Differentialdiagnostische Einordnung der Hyperandrogenämie

  • Häufige Ursachen
    • Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) – häufigste Ursache der Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Geschlechtshormone im Blut) bei Frauen
    • Nichtklassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere) durch 21-Hydroxylasemangel
    • Idiopathischer Hirsutismus (verstärkte Körperbehaarung ohne erkennbare Ursache)
  • Seltene, aber klinisch wichtige Ursachen
    • Androgensezernierende ovarielle Tumoren (Geschwülste des Eierstocks mit Bildung männlicher Geschlechtshormone)
    • Androgensezernierende adrenale Tumoren (Geschwülste der Nebenniere mit Bildung männlicher Geschlechtshormone)
    • Ovarielle Hyperthekose (Vermehrung hormonbildender Zellen im Eierstock)
    • Cushing-Syndrom
    • Schwere Insulinresistenz-Syndrome (Erkrankungen mit verminderter Wirkung von Insulin)
    • Iatrogene (durch medizinische Behandlung verursachte) Ursachen, z. B. Androgene, anabole Steroide, valproatassoziierte Konstellationen
    • Seltene Enzymdefekte der Steroidbiosynthese
  • Praktische Rolle von 17-Hydroxy-Progesteron
    • 17-Hydroxy-Progesteron ist im Hyperandrogenismus-Work-up der Schlüsselparameter zum Ausschluss einer nichtklassischen kongenitalen adrenalen Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde)
    • Ein normales frühmorgendliches 17-Hydroxy-Progesteron macht einen 21-Hydroxylasemangel deutlich unwahrscheinlicher, schließt ihn bei Grenzkonstellationen aber nicht absolut aus
    • Bei deutlich erhöhten Androgenen, rascher Progredienz (schnelles Fortschreiten) oder Virilisierung (Vermännlichung) muss immer auch an einen Tumor (Geschwulst) gedacht werden, selbst wenn 17-Hydroxy-Progesteron unauffällig ist

Die aktuelle PCOS-Leitlinie betont, dass bei deutlich über dem Referenzbereich liegenden Androgenwerten andere Ursachen als PCOS darunter kongenitale adrenale Hyperplasie (angeborene Vergrößerung der Nebennierenrinde), ovarielle und adrenale Neoplasien (Neubildungen), Cushing-Syndrom, ovarielle Hyperthekose (Vermehrung hormonbildender Zellen im Eierstock), iatrogene (durch medizinische Behandlung verursachte) Ursachen und schwere Insulinresistenz-Syndrome (Erkrankungen mit verminderter Wirkung von Insulin) gezielt abgeklärt werden sollen; die zeitliche Dynamik mit raschem Symptombeginn bzw. rascher Progression (schnelles Fortschreiten) ist dabei ein zentrales Tumorwarnsignal. Die 2025 publizierte Leitlinie zum Androgenexzess bei Frauen nennt im Basisscreening explizit FSH, LH, Estradiol, 17-Hydroxy-Progesteron, Testosteron, DHEAS, Androstendion, SHBG und Prolaktin. 

Laboralgorithmus bei Hyperandrogenämie

  • Schritt 1 – Präanalytik standardisieren
    • Blutentnahme morgens
    • Bei prämenopausalen Frauen möglichst frühe Follikelphase (erste Zyklushälfte)
    • Medikation erheben
    • Bei kombinierter hormoneller Kontrazeption biochemische Androgenbeurteilung nach Möglichkeit erst nach mindestens 3 Monaten ohne kombinierte orale Kontrazeptiva
  • Schritt 2 Basislabor
    • Gesamt-Testosteron
    • SHBG, daraus freier Androgenindex bzw. freies Testosteron je nach Laborstandard
    • DHEAS
    • Androstendion
    • 17-Hydroxy-Progesteron
    • Prolaktin
    • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)
    • LH, FSH, Estradiol nach klinischer Fragestellung
  • Schritt 3 Interpretation von 17-Hydroxy-Progesteron
    • Unauffälliger frühmorgendlicher Basalwert: nichtklassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere) weniger wahrscheinlich
    • Grenzwertiger oder mäßig erhöhter Basalwert: ACTH-Stimulationstest
    • Deutlich erhöhter Basalwert: hoher Verdacht auf 21-Hydroxylasemangel; ergänzend Cortisol, ACTH, Elektrolyte, Renin, ggf. Genetik
  • Schritt 4 Mustererkennung
    • Überwiegend erhöhtes Testosteron, polyzystische Ovarmorphologie (Ultraschallbild mit vielen kleinen Eibläschen im Eierstock)/oligoovulatorische Zyklen (Zyklen mit seltenem Eisprung): PCOS wahrscheinlich
    • Deutlich erhöhtes DHEAS: eher adrenale Genese (Ursprung in der Nebenniere)
    • Rascher Beginn, Virilisierung (Vermännlichung), sehr hohe Androgene: Tumor (Geschwulst) ausschließen
    • Klinischer Hypercortisolismus (zu hohe Cortisolwirkung im Körper): Cushing-Diagnostik ergänzen
  • Schritt 5 Eskalation
    • ACTH-Stimulationstest bei Verdacht auf nichtklassisches adrenogenitales Syndrom (angeborene Störung der Hormonbildung in der Nebenniere)
    • Bildgebung der Ovarien/Nebennieren bei Tumorverdacht
    • Molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung der Erbanlagen) bei gesichertem oder hochgradigem Verdacht auf Enzymdefekt

Literatur

  1. Speiser PW, Arlt W, Auchus RJ, Baskin LS, Conway GS, Merke DP et al.: Congenital adrenal hyperplasia due to steroid 21-hydroxylase deficiency: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(11):4043-4088. https://doi.org/10.1210/jc.2018-01865
  2. Cussen L, McDonnell T, Bennett G, Thompson CJ, Sherlock M, O'Reilly MW. Approach to androgen excess in women: Clinical and biochemical insights. Clin Endocrinol (Oxf). 2022;97(2):174-186. https://doi.org/10.1111/cen.14710
  3. Elhassan YS, Idkowiak J, Smith K et al.: Society for Endocrinology Clinical Practice Guideline for the Evaluation of Androgen Excess in Women. Clin Endocrinol (Oxf). 2025. https://doi.org/10.1111/cen.15265
  4. Teede HJ, Tay CT, Laven JJE, Dokras A, Moran LJ, Piltonen TT et al.: Recommendations from the 2023 international evidence-based guideline for the assessment and management of polycystic ovary syndrome. Hum Reprod. 2023;38(9):1686-1702. https://doi.org/10.1093/humrep/dead156
  5. Teede HJ, Tay CT, Laven J, Dokras A, Moran LJ, Piltonen TT, et al. Recommendations from the 2023 international evidence-based guideline for the assessment and management of polycystic ovary syndrome. Eur J Endocrinol. 2023;189(2):G43-G64. https://doi.org/10.1093/ejendo/lvad096