Fetale Wachstumsrestriktion (FGR) – Labordiagnostik

Es existiert kein maternaler (mütterlicher) Laborparameter, mit dem eine fetale Wachstumsrestriktion (krankhaft eingeschränktes Wachstum des ungeborenen Kindes) (FGR) diagnostiziert oder ausgeschlossen werden kann. Die Diagnose beruht insbesondere auf der sonographischen Fetometrie, der Wachstumsdynamik und den uterinen bzw. fetalen Dopplerbefunden. Die Fruchtwassermenge wird ergänzend im klinischen Gesamtkontext beurteilt. Laboruntersuchungen dienen der Erfassung maternaler Erkrankungen (Erkrankungen der Mutter), plazentaassoziierter Komplikationen (mit dem Mutterkuchen zusammenhängender Komplikationen) sowie ausgewählter infektiöser und genetischer Ursachen [LL1, LL3, LL4].

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Es bestehen keine FGR-spezifischen obligaten Laborparameter. Die im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge vorgesehenen Untersuchungen werden entsprechend dem Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) durchgeführt. Eine Wiederholung oder Erweiterung allein aufgrund einer FGR ist ohne zusätzliche klinische Indikation nicht erforderlich [LL1, LL3].
  • Bei FGR mit Verdacht auf Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglicher Organbeteiligung), HELLP-Syndrom (Hemolysis, Elevated Liver Enzymes, Low Platelet Count) oder eine andere maternale Organbeteiligung:
    • Blutbild einschließlich Hämoglobin, Hämatokrit und Thrombozyten
    • Leber- und Hämolyseparameter:
      • Alanin-Aminotransferase (ALT; auch Glutamat-Pyruvat-Transaminase, GPT)
      • Aspartat-Aminotransferase (AST; auch Glutamat-Oxalacetat-Transaminase, GOT)
      • Laktatdehydrogenase (LDH) als unspezifischer Verlaufs- und Schweregradparameter
      • Bilirubin
      • bei Verdacht auf Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen) zusätzlich Haptoglobin und peripherer Blutausstrich zum Nachweis von Fragmentozyten
    • Nierenfunktionsparameter – Kreatinin; weitere Parameter entsprechend dem klinischen Befund
    • Urinstatus einschließlich Prüfung auf Proteinurie (Eiweißausscheidung im Urin)
    • Quantifizierung einer im Urinteststreifen nachgewiesenen Proteinurie:
      • vorzugsweise Protein-Kreatinin-Quotient im Spontanurin; ein Wert von ≥ 30 mg/mmol bzw. ≥ 0,3 mg/mg gilt als pathologisch
      • Albumin-Kreatinin-Quotient oder 24-Stunden-Sammelurin nur bei spezieller, insbesondere renaler Fragestellung
      • Eine 24-Stunden-Sammelurinuntersuchung ist zur primären Proteinuriequantifizierung in der Regel nicht erforderlich.
      • Bei bereits gesicherter signifikanter Proteinurie ist eine wiederholte Quantifizierung zur Abschätzung der Prognose bzw. zur Verlaufskontrolle der Präeklampsie nicht sinnvoll [LL2].

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Angiogene Marker bei klinischem Verdacht oder hohem Risiko für eine Präeklampsie; eine FGR oder eine auffällige Dopplersonographie kann Bestandteil dieser Risikokonstellation sein:
    • Placental Growth Factor (PlGF)
    • Soluble fms-like Tyrosine Kinase-1 (sFlt-1)
    • sFlt-1/PlGF-Quotient

    Angiogene Marker können in Verbindung mit Anamnese, Blutdruck, Proteinurie und maternalen Organparametern zur kurzzeitigen Risikoeinschätzung sowie zur Unterstützung des Ausschlusses bzw. der Diagnose einer Präeklampsie eingesetzt werden. Die Interpretation muss gestationsalter-, methoden- und herstellerspezifisch erfolgen. Die Marker diagnostizieren weder eine FGR noch allgemein eine Plazentainsuffizienz (unzureichende Funktion des Mutterkuchens) und ersetzen nicht die klinische und fetale Überwachung. Eine Entbindungsindikation darf nicht allein aufgrund auffälliger angiogener Marker gestellt werden [LL2].

  • Infektionsdiagnostik nur bei begründetem Verdacht, beispielsweise bei entsprechender maternaler Exposition, maternalen Symptomen oder zusätzlichen sonographischen Auffälligkeiten:
    • Zytomegalievirus (CMV) – maternale Bestimmung von Immunglobulin G (IgG) und Immunglobulin M (IgM); bei positivem IgM gegebenenfalls Bestimmung der CMV-IgG-Avidität, da ein isolierter IgM-Nachweis keine frische Primärinfektion beweist. Bei begründetem Verdacht und entsprechender invasiver Pränataldiagnostik erfolgt der Nachweis von CMV-Desoxyribonukleinsäure (DNA) mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) im Fruchtwasser. Die Amniozentese sollte frühestens ab 17+0 Schwangerschaftswochen, idealerweise nach 20+0 Schwangerschaftswochen und nach einem Intervall von 6-8 Wochen seit der vermuteten maternalen Primärinfektion bzw. Serokonversion durchgeführt werden. Ein positiver PCR-Befund bestätigt die fetale Infektion (Infektion des ungeborenen Kindes), erlaubt für sich allein jedoch keine zuverlässige Beurteilung ihres klinischen Schweregrades. Ein negativer PCR-Befund schließt eine spätere fetale Infektion nicht vollständig aus; die Sensitivität beträgt etwa 85-95 % [LL1, LL5].
    • Toxoplasma gondii – Bestimmung von Toxoplasma-IgG und -IgM, gegebenenfalls IgG-Avidität und Bestätigungsdiagnostik; invasive PCR-Diagnostik im Fruchtwasser bei entsprechender Indikation [LL1]
    • Syphilis (sexuell übertragbare bakterielle Infektionskrankheit) – serologische Diagnostik entsprechend Schwangerschaftsvorsorge, Expositionsrisiko und klinischem Befund [LL1]
    • Malaria (durch Parasiten übertragene fieberhafte Infektionskrankheit) – Blutausstrich, Dicker Tropfen bzw. geeigneter Antigentest oder PCR bei entsprechender Reise-, Herkunfts- oder Expositionsanamnese [LL1]

    Ein breites unspezifisches Screening auf kongenitale Infektionen (angeborene Infektionen) allein aufgrund einer isolierten FGR ist nicht indiziert [LL1, LL4].

  • Invasive genetische und molekulargenetische Diagnostik nach humangenetischer Beratung:
    • Chromosomenanalyse und insbesondere chromosomale Microarray-Analyse bei FGR in Verbindung mit fetalen Fehlbildungen (Fehlbildungen des ungeborenen Kindes), Polyhydramnion (zu großer Fruchtwassermenge) oder weiteren sonographischen Auffälligkeiten [1, LL1, LL4]
    • Chromosomale Microarray-Analyse bei ungeklärter, isolierter und früh einsetzender FGR, insbesondere bei Diagnosestellung vor 32+0 Schwangerschaftswochen bzw. bei einem geschätzten fetalen Gewicht unterhalb der 3. Perzentile [1, LL1, LL4]
    • weiterführende molekulargenetische Diagnostik, beispielsweise Exomsequenzierung, in ausgewählten Fällen bei unauffälliger konventioneller Chromosomendiagnostik bzw. Microarray-Analyse und fortbestehendem Verdacht auf eine monogene Erkrankung (durch Veränderung eines einzelnen Gens verursachte Erkrankung) [2]

    Die diagnostische Ausbeute der genetischen Diagnostik ist bei zusätzlichen fetalen Fehlbildungen, früher Manifestation und ausgeprägter Wachstumsrestriktion höher als bei einer isolierten spät einsetzenden FGR [1, 2, LL1].

  • Weitere krankheitsspezifische Laboruntersuchungen bei anamnestischen oder klinischen Hinweisen auf maternale Grunderkrankungen; die Auswahl richtet sich nach der konkreten Verdachtsdiagnose und ist nicht Bestandteil der routinemäßigen FGR-Diagnostik [LL1].
  • Gerinnungsdiagnostik bei HELLP-Syndrom mit Hinweisen auf eine Gerinnungsstörung sowie bei Verdacht auf disseminierte intravasale Gerinnung (im gesamten Gefäßsystem ablaufende überschießende Blutgerinnung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren), relevante Blutung oder eine andere hämostaseologische Komplikation:
    • Prothrombinzeit bzw. Quick-Wert und International Normalized Ratio (INR)
    • aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT)
    • Fibrinogen – bei fortgeschrittener Verbrauchskoagulopathie (Verbrauch von Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren durch überschießende Gerinnung) typischerweise vermindert [↓]
    • weitere Gerinnungsparameter entsprechend der klinischen Fragestellung

    D-Dimere sind kein Parameter zur Diagnose oder Beurteilung einer FGR. Aufgrund ihres physiologischen, gestationsabhängigen Anstiegs ist eine ungezielte Bestimmung nicht sinnvoll. Ihre Bestimmung kommt ausschließlich bei einer eigenständigen hämostaseologischen bzw. thromboembolischen Fragestellung im Rahmen eines schwangerschaftsspezifischen diagnostischen Vorgehens in Betracht. Bei einer disseminierten intravasalen Gerinnung kann ein rascher Anstieg im Verlauf die Beurteilung unterstützen [LL2].

Nicht routinemäßig indiziert

  • breites unspezifisches Screening auf kongenitale Infektionen bei isolierter FGR ohne anamnestische, klinische oder sonographische Hinweise auf eine Infektion [LL1, LL4]
  • Thrombophiliediagnostik allein aufgrund einer FGR ohne zusätzliche persönliche oder familiäre thromboembolische Anamnese bzw. andere spezifische Indikation
  • D-Dimer-Bestimmung ohne eigenständigen Verdacht auf eine thromboembolische Erkrankung (Erkrankung durch ein verschlepptes Blutgerinnsel) oder Verbrauchskoagulopathie [LL2]
  • serielle Bestimmung angiogener Marker ohne eine daraus ableitbare klinische Konsequenz [LL2]
  • unkritische Wiederholung bereits unauffälliger Laboruntersuchungen allein zur Verlaufskontrolle der FGR

Weitere Hinweise

  • Laborbefunde müssen stets gemeinsam mit Gestationsalter, Blutdruck, maternalen Symptomen, sonographischer Biometrie, Wachstumsverlauf, Fruchtwassermenge und Dopplerbefunden interpretiert werden.
  • Unauffällige maternale Laborbefunde schließen eine plazentare Dysfunktion oder FGR nicht aus.
  • Eine pathologische Dopplersonographie oder ein fehlendes fetales Wachstum erfordert unabhängig von den maternalen Laborbefunden eine geburtshilfliche Beurteilung.
  • Die Art und Häufigkeit von Verlaufskontrollen richten sich nach dem Schweregrad der FGR, dem Gestationsalter, den Dopplerbefunden und möglichen maternalen Begleiterkrankungen.

Abkürzungen

  • ALT – Alanin-Aminotransferase
  • aPTT – aktivierte partielle Thromboplastinzeit
  • AST – Aspartat-Aminotransferase
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CMA – Chromosomal Microarray Analysis
  • CMV – Zytomegalievirus
  • DGGG – Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • DNA – Desoxyribonukleinsäure
  • FGR – Fetal Growth Restriction
  • GOT – Glutamat-Oxalacetat-Transaminase
  • GPT – Glutamat-Pyruvat-Transaminase
  • HELLP – Hemolysis, Elevated Liver Enzymes, Low Platelet Count
  • IgG – Immunglobulin G
  • IgM – Immunglobulin M
  • INR – International Normalized Ratio
  • ISUOG – International Society of Ultrasound in Obstetrics and Gynecology
  • LDH – Laktatdehydrogenase
  • LL – Leitlinie
  • OEGGG – Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • PCR – Polymerase-Kettenreaktion
  • PlGF – Placental Growth Factor
  • sFlt-1 – Soluble fms-like Tyrosine Kinase-1
  • SGGG – Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Sapantzoglou I, Kontogeorgi E, Pergialiotis V et al.: The Incremental Yield of CMA Over Karyotype in Fetal Growth Restriction—A Systematic Review and Meta-Analysis. Prenat Diagn 2026;46(1):56-74. doi: 10.1002/pd.70022
  2. Pauta M, Martinez-Portilla RJ, Meler E et al.: Diagnostic yield of exome sequencing in isolated fetal growth restriction: systematic review and meta-analysis. Prenat Diagn 2023;43(5):596-604. doi: 10.1002/pd.6339

Leitlinien

  1. Kehl S, Bahlmann F, Dötsch J et al.: Fetal Growth Restriction. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k-Level, AWMF Registry No. 015/080, October 2024). Geburtshilfe Frauenheilkd 2025;85(10):1033-1060. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-080, Version 2.1, Stand Oktober 2024. Langfassung. [LL1]
  2. Pecks U, Baumann M, Binder J et al.: Hypertensive Disorders in Pregnancy (HDP): Diagnostics and Therapy. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k-Level, AWMF Registry No. 015/018, June 2024). Geburtshilfe Frauenheilkd 2025;85(8):810-850. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-018, Version 7.0, Stand 17.07.2024. Langfassung [LL2]
  3. Lees CC, Stampalija T, Baschat AA et al.: ISUOG Practice Guidelines: diagnosis and management of small-for-gestational-age fetus and fetal growth restriction. Ultrasound Obstet Gynecol 2020;56(2):298-312. doi: 10.1002/uog.22134 [LL3]
  4. Martins JG, Biggio JR, Abuhamad A: Society for Maternal-Fetal Medicine Consult Series #52: Diagnosis and management of fetal growth restriction: (Replaces Clinical Guideline Number 3, April 2012). Am J Obstet Gynecol 2020;223(4):B2-B17; reaffirmed 2024. doi: 10.1016/j.ajog.2020.05.010 [LL4]
  5. Khalil A, Heath PT, Jones CE et al.: Congenital Cytomegalovirus Infection: Update on Screening, Diagnosis and Treatment: Scientific Impact Paper No. 56. BJOG 2025;132(2):e42-e52. Leitlinienseite [LL5]