Fetale Wachstumsrestriktion (FGR) – Anamnese

Die Anamnese (Krankengeschichte) stellt einen wichtigen Baustein in der Diagnostik der fetalen Wachstumsrestriktion (krankhaft eingeschränktes Wachstum des ungeborenen Kindes) (FGR) dar.

Alle Schwangeren sollen durch eine ausführliche Anamnese auf potentielle Risikofaktoren für eine FGR untersucht werden. Bei entsprechenden Hinweisen sind gezielte weiterführende Untersuchungen zu erwägen bzw. anzubieten [LL1-3].

Aktuelle Schwangerschaftsanamnese/Systemanamnese 

  • In welcher Schwangerschaftswoche befinden Sie sich?
  • Wann und aufgrund welches Befundes wurde erstmals der Verdacht auf eine fetale Wachstumsrestriktion geäußert?
    • In welcher Schwangerschaftswoche wurde erstmals ein auffälliges fetales Wachstum (Wachstum des ungeborenen Kindes) festgestellt?
    • Handelt es sich bislang um einen Verdacht oder um eine nach den diagnostischen Kriterien bestätigte FGR?
  • Handelt es sich um eine frühe FGR vor 32+0 Schwangerschaftswochen oder eine späte FGR ab 32+0 Schwangerschaftswochen?
  • Handelt es sich um eine Einlings- oder Mehrlingsschwangerschaft (Schwangerschaft mit einem bzw. mehreren Kindern)?
    • Bei einer Mehrlingsschwangerschaft: Sind Chorionizität (Anzahl bzw. Zuordnung der äußeren Fruchthüllen und Mutterkuchen) und Amnionizität (Anzahl bzw. Zuordnung der Fruchthöhlen) dokumentiert?
    • Wurde ein Größen- oder Gewichtsunterschied zwischen den Feten (ungeborenen Kindern) festgestellt?
  • Ist die Schwangerschaft spontan oder nach einer Kinderwunschbehandlung eingetreten?
    • Falls eine Kinderwunschbehandlung erfolgte: Welche Methode wurde angewendet und wann fanden Eizellentnahme, Befruchtung bzw. Embryotransfer statt?
  • Gab es im bisherigen Schwangerschaftsverlauf Komplikationen, Krankenhausaufenthalte oder besondere Überwachungsmaßnahmen?
  • Bestehen vaginale Blutungen (Blutungen aus der Scheide), anhaltende Bauchschmerzen, ein plötzlich schmerzhafter oder harter Bauch, regelmäßige Wehen oder Fruchtwasserabgang?*
  • Wurden erhöhte Blutdruckwerte festgestellt?
  • Bestehen neu aufgetretene starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schmerzen im rechten Oberbauch bzw. Oberbauch, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot oder eine plötzlich zunehmende Schwellung von Gesicht und Händen?*
  • Bestehen Fieber, Hautausschlag, Lymphknotenschwellungen oder andere Hinweise auf eine Infektion?

Der Zeitpunkt der erstmaligen Auffälligkeit ist für die Unterscheidung zwischen früher und später FGR sowie für die ätiologische (die Ursache betreffende) und prognostische (den weiteren Verlauf betreffende) Einordnung wesentlich [LL1-3].

Fetale Bewegungen (Kindsbewegungen)

  • Seit wann nehmen Sie die Bewegungen Ihres Kindes wahr?
  • Spüren Sie Ihr Kind täglich?
  • Sind Stärke, Häufigkeit und das gewohnte Muster der Kindsbewegungen unverändert?
  • Haben die Kindsbewegungen deutlich abgenommen oder sind sie vollständig ausgeblieben?*
  • Wann haben Sie Ihr Kind zuletzt eindeutig gespürt?
  • Ist eine Verminderung der Kindsbewegungen bereits wiederholt aufgetreten?

Eine subjektiv deutliche Verminderung oder ein Ausbleiben der Kindsbewegungen kann auf eine fetale Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes) hinweisen und erfordert eine unverzügliche geburtshilfliche Abklärung [2, LL1, LL3].

Datierung der Schwangerschaft

  • Wann war der erste Tag der letzten Regelblutung?
  • Waren die Menstruationszyklen vor Eintritt der Schwangerschaft regelmäßig?
    • Wie lang war die übliche Zyklusdauer?
  • Ist der Zeitpunkt der Empfängnis oder des Eisprungs bekannt?
  • Wann wurde die erste Ultraschalluntersuchung durchgeführt?
  • Welche Scheitel-Steiß-Länge und welches Schwangerschaftsalter wurden dabei dokumentiert?
  • Wurde der errechnete Geburtstermin aufgrund der frühen Ultraschalluntersuchung korrigiert?
  • Liegen Mutterpass und frühere Ultraschallberichte zur Überprüfung der Datierung vor?

Die zuverlässige Datierung anhand einer frühen Ultraschalluntersuchung ist wesentlich, da eine unzutreffende Bestimmung des Gestationsalters (Schwangerschaftsalters) eine FGR vortäuschen oder verschleiern kann [LL1, LL2].

Vorangegangene Ultraschall- und Screeningbefunde

  • Wann wurden die bisherigen Ultraschalluntersuchungen durchgeführt?
  • Welche fetalen Maße, insbesondere Abdomenumfang (Bauchumfang) und geschätztes fetales Gewicht, wurden dokumentiert?
    • Auf welchen Perzentilen (Vergleichsbereichen innerhalb einer gleichaltrigen Gruppe) lagen die Messwerte?
    • Wurde im Verlauf ein Abfall der Wachstumsperzentilen festgestellt?
    • Wurden Auffälligkeiten des Kopfumfangs, der Femurlänge (Länge des Oberschenkelknochens) oder des Verhältnisses zwischen Kopf- und Abdomenumfang festgestellt?
    • Welche Referenz- bzw. Wachstumskurve wurde verwendet?
  • Wie groß waren die zeitlichen Abstände zwischen den fetometrischen Untersuchungen?
  • Wurden Auffälligkeiten der fetalen Anatomie (körperliche Entwicklung des ungeborenen Kindes) oder Hinweiszeichen auf eine Chromosomenstörung (Veränderung der Erbanlagen auf den Chromosomen) festgestellt?
  • Wie waren – sofern bereits untersucht – die Dopplersonographiebefunde der Arteria umbilicalis (Nabelarterie), Arteriae uterinae (Gebärmutterarterien), Arteria cerebri media (mittlere Hirnarterie) und des Ductus venosus (venöses Gefäß im kindlichen Kreislauf)?
  • War die Fruchtwassermenge unauffällig oder wurde ein Oligohydramnion (zu geringe Fruchtwassermenge) festgestellt?
  • Wurden Auffälligkeiten der Plazenta (Mutterkuchen), ihrer Lage oder Morphologie (Form und Aufbau) beschrieben?
    • Bestanden Hinweise auf Plazentainfarkte (Gewebeuntergänge im Mutterkuchen durch Durchblutungsstörungen) oder einen Plazentatumor (Tumor des Mutterkuchens)?
  • Wurden Auffälligkeiten der Nabelschnur festgestellt?
    • Besteht eine Insertio velamentosa (Ansatz der Nabelschnur an den Eihäuten statt unmittelbar am Mutterkuchen)?
    • Besteht eine singuläre Nabelschnurarterie (nur eine statt normalerweise zwei Nabelarterien)?
  • Welche Ergebnisse ergaben Ersttrimester-Screening, nicht-invasiver Pränataltest, Organscreening oder andere vorgeburtliche Untersuchungen?
  • Wurde bereits eine invasive Pränataldiagnostik durchgeführt?
    • Welche zytogenetischen, molekulargenetischen oder infektiologischen Ergebnisse liegen vor?

Für die Beurteilung des Wachstumsverlaufs sollen sämtliche Vorbefunde einschließlich der Originalmesswerte, Perzentilen und verwendeten Wachstumskurven berücksichtigt werden [LL1-4].

Geburtshilfliche Anamnese (Vorgeschichte früherer Schwangerschaften und Geburten)

  • Wie viele Schwangerschaften und Geburten hatten Sie bisher?
  • Kam es zu wiederholten Spontanaborten (Fehlgeburten) oder späten Fehlgeburten?
    • Wurde eine Ursache, insbesondere ein Antiphospholipidsyndrom (Autoimmunerkrankung mit erhöhter Neigung zu Blutgerinnseln und Schwangerschaftskomplikationen), festgestellt?
  • Kam es in einer früheren Schwangerschaft zu einer fetalen Wachstumsrestriktion oder zur Geburt eines für das Gestationsalter zu kleinen Kindes (SGA)?
    • In welcher Schwangerschaftswoche wurde die Wachstumsstörung festgestellt?
    • Wie hoch waren Geburtsgewicht und Geburtsgewichtsperzentile?
    • Welche Dopplerbefunde lagen vor?
    • Wann und aus welchem Grund wurde die Schwangerschaft beendet?
    • Wie waren Geburtsmodus (Art der Entbindung) und kindlicher Verlauf?
  • Bestand in einer früheren Schwangerschaft eine Gestationshypertonie (in der Schwangerschaft neu aufgetretener Bluthochdruck), Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglicher Organbeteiligung), Eklampsie (Krampfanfall im Zusammenhang mit einer Präeklampsie) oder ein HELLP-Syndrom (schwere Schwangerschaftskomplikation mit Auflösung roter Blutkörperchen, erhöhten Leberwerten und verminderter Blutplättchenzahl)?
  • Kam es zu einer Totgeburt oder einem intrauterinen Fruchttod (Tod des ungeborenen Kindes im Mutterleib)?
    • Wurde eine Ursache festgestellt?
  • Kam es zu einer spontanen oder medizinisch indizierten Frühgeburt (Geburt vor dem regulären Schwangerschaftsende)?
  • Trat eine vorzeitige Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens) auf?
  • Wurden nach einer früheren Geburt Auffälligkeiten der Plazenta, beispielsweise Infarkte, eine maternale vaskuläre Malperfusion (krankhaft gestörte mütterliche Gefäßdurchblutung des Mutterkuchens) oder massive perivillöse Fibrinablagerungen (starke Eiweißablagerungen um die Plazentazotten), festgestellt?
  • Liegen Geburtsberichte, kindliche Entlassungsberichte oder plazentahistologische Befunde vor?

Eine vorausgegangene FGR bzw. SGA-Geburt, hypertensive Schwangerschaftserkrankung (Schwangerschaftserkrankung mit erhöhtem Blutdruck), Totgeburt, medizinisch indizierte Frühgeburt oder vorzeitige Plazentalösung erhöht das Risiko einer erneuten uteroplazentaren Funktionsstörung (Funktionsstörung zwischen Gebärmutter und Mutterkuchen) und begründet eine engmaschige Überwachung [1, LL1, LL3].

Eigenanamnese – maternale Risikofaktoren und Erkrankungen (eigene mütterliche Krankengeschichte)

  • Wie alt sind Sie?
  • Besteht eine chronische arterielle Hypertonie (dauerhafter Bluthochdruck) oder wurden bereits vor der 20. Schwangerschaftswoche erhöhte Blutdruckwerte gemessen?
  • Besteht eine chronische Nierenerkrankung?
  • Besteht ein Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), insbesondere mit Gefäß-, Nieren- oder Augenbeteiligung?
  • Besteht eine Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch eine fehlgeleitete Abwehrreaktion des eigenen Körpers), insbesondere ein systemischer Lupus erythematodes (entzündliche Autoimmunerkrankung mehrerer Organe) oder ein Antiphospholipidsyndrom?
  • Kam es in der Vergangenheit zu einer venösen oder arteriellen Thrombose (Blutgerinnsel in einer Vene oder Arterie)?
  • Besteht eine angeborene oder erworbene Herzkrankheit, insbesondere mit Zyanose (bläulicher Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten durch Sauerstoffmangel) oder verminderter Sauerstoffsättigung?
  • Besteht eine chronische Atemwegserkrankung mit eingeschränkter Sauerstoffversorgung?
  • Besteht oder bestand eine schwere Anämie (Blutarmut)?
  • Bestehen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (lang anhaltende entzündliche Darmerkrankungen), Malabsorptionssyndrome (Störungen der Nährstoffaufnahme), Essstörungen oder andere Erkrankungen, die den Ernährungszustand beeinträchtigen können?
  • Wurden frühere Operationen durchgeführt, die für den Ernährungszustand oder die aktuelle Schwangerschaft relevant sein können, beispielsweise eine bariatrische Operation (Operation zur Behandlung starken Übergewichts)?

Zu den anamnestisch relevanten maternalen Risikofaktoren gehören insbesondere hypertensive Erkrankungen, chronische Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus mit vaskulärer Beteiligung (Gefäßbeteiligung), systemischer Lupus erythematodes, Antiphospholipidsyndrom sowie kardiorespiratorische Erkrankungen (Herz- und Atemwegserkrankungen) mit reduzierter maternaler Oxygenierung (verminderter Sauerstoffversorgung der Mutter) [LL1, LL3].

Medikamentenanamnese

  • Welche verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzlichen Präparate nehmen Sie ein?
  • In welcher Dosierung und seit welchem Zeitpunkt werden die Präparate angewendet?
  • Welche Arzneimittel wurden vor Eintritt der Schwangerschaft oder vorübergehend während eines der Schwangerschaftsdrittel eingenommen?
  • Werden Medikamente zur Behandlung einer Hypertonie, eines Diabetes mellitus, einer Autoimmunerkrankung, Epilepsie oder einer psychiatrischen Erkrankung eingenommen?
  • Wurde eine Prophylaxe mit niedrig dosierter Acetylsalicylsäure empfohlen?
    • Seit welcher Schwangerschaftswoche und in welcher Dosierung wird sie eingenommen?
    • Wurde die Einnahme regelmäßig durchgeführt?
  • Wurden Medikamente aufgrund der Schwangerschaft eigenständig abgesetzt oder in der Dosierung verändert?

Die vollständige Arzneimittelliste soll hinsichtlich embryo-, fetotoxischer (für Embryo oder ungeborenes Kind schädlicher) oder möglicherweise wachstumsbeeinflussender Wirkungen unter Berücksichtigung von Dosierung und Expositionszeitraum ärztlich bewertet werden [LL1].

Nikotin-, Alkohol- und Drogenanamnese

  • Rauchen Sie oder haben Sie während der Schwangerschaft geraucht?
    • Wie viele Zigaretten bzw. andere Nikotinprodukte verwenden Sie täglich?
    • Wann haben Sie gegebenenfalls aufgehört?
  • Verwenden Sie E-Zigaretten, Tabakerhitzer, Nikotinbeutel oder andere nikotinhaltige Produkte?
  • Sind Sie regelmäßig Passivrauch ausgesetzt?
  • Haben Sie während der Schwangerschaft Alkohol getrunken?
    • Welche Getränke, in welcher Menge und wie häufig?
  • Nehmen oder nahmen Sie Drogen, insbesondere Cannabis, Kokain, Amphetamine oder andere stimulierende Substanzen?
    • Welche Substanz wurde in welcher Menge und Häufigkeit angewendet?
    • Wann erfolgte die letzte Einnahme?

Nikotin-, Alkohol- und Drogenexpositionen sind relevante und potentiell modifizierbare Risikofaktoren für eine FGR [LL1, LL3].

Vegetative Anamnese einschließlich Ernährungsanamnese (Erhebung allgemeiner Körperfunktionen und Ernährungsgewohnheiten)

  • Wie hoch waren Körpergewicht und Body-Mass-Index vor Eintritt der Schwangerschaft?
  • Bestand vor der Schwangerschaft Untergewicht oder Adipositas (starkes Übergewicht)?
  • Wie hat sich das Körpergewicht im bisherigen Schwangerschaftsverlauf entwickelt?
  • Kam es zu einer ausgeprägten Gewichtsabnahme, unzureichenden Gewichtszunahme oder anhaltendem Erbrechen?
  • Bestehen Appetitlosigkeit, eine stark eingeschränkte Ernährung oder Hinweise auf eine Mangelernährung?
  • Werden besondere oder restriktive Ernährungsformen eingehalten, die zu einer unzureichenden Energie- oder Proteinversorgung führen könnten?
  • Ist eine ausreichende und regelmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln gewährleistet?

Erhöhtes oder sehr niedriges maternales Gewicht sowie eine unzureichende Energie- und Nährstoffversorgung können bei der individuellen Risikobeurteilung relevant sein. Spezielle Ernährungsformen oder Nahrungsergänzungen besitzen dagegen keinen nachgewiesenen Nutzen zur spezifischen Prävention einer FGR [LL1].

Infektions- und Reiseanamnese

Eine vertiefte Infektions- und Reiseanamnese ist insbesondere bei früher, schwerer oder ätiologisch ungeklärter FGR, bei fetalen Fehlbildungen, auffälliger Plazentamorphologie, ungewöhnlicher Fruchtwassermenge oder konkreter Exposition erforderlich.

  • Bestanden während der Schwangerschaft Fieber, Hautausschlag, Lymphknotenschwellungen oder ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl?
  • Wurde eine Infektion diagnostiziert, insbesondere mit Zytomegalievirus, Toxoplasma gondii, Rötelnvirus, Varizella-Zoster-Virus, Parvovirus B19, Syphilis oder Malaria?
  • Bestand enger Kontakt zu Personen mit einer für die Schwangerschaft relevanten Infektion?
  • Besteht regelmäßiger enger Kontakt zu Kleinkindern oder deren Körpersekreten (Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Urin)?
  • Wurden rohes bzw. nicht ausreichend gegartes Fleisch oder ungewaschene Lebensmittel verzehrt oder bestand Kontakt zu Katzenkot?
  • Wie sind Impfstatus und dokumentierte Immunität (nachgewiesener Schutz) gegen Röteln und Varizellen?
  • Haben Sie sich während oder unmittelbar vor der Schwangerschaft in einem Malaria-, Zika- oder anderen relevanten Infektionsgebiet aufgehalten?
    • In welchem Land und in welchem Zeitraum?
    • Bestanden während oder nach der Reise Beschwerden?
    • Wurde eine Expositionsprophylaxe durchgeführt?

Eine infektiologische Abklärung soll nicht als ungezieltes Routinetestpanel, sondern in Abhängigkeit von Anamnese, Exposition, Gestationsalter und sonographischen Begleitbefunden erfolgen [LL1, LL4].

Familien- und genetische Anamnese

  • Gibt es in der Familie chromosomale Erkrankungen (Erkrankungen aufgrund von Veränderungen der Chromosomen), genetische Syndrome (erblich bedingte typische Kombination mehrerer Krankheitsmerkmale), angeborene Fehlbildungen oder Entwicklungsstörungen?
  • Wurde bereits ein Kind mit einer genetischen Erkrankung, Fehlbildung oder Wachstumsstörung geboren?
  • Besteht eine Blutsverwandtschaft (Verwandtschaft durch gemeinsame Vorfahren) zwischen den biologischen Eltern?
  • Wie groß sind Mutter und biologischer Vater?
  • Sind die eigenen Geburtsgewichte der biologischen Eltern bekannt?
  • Gibt es in der Familie wiederholt kleine, ansonsten gesunde Neugeborene?
  • Traten bei nahen Angehörigen fetale Wachstumsrestriktionen, Präeklampsien oder Totgeburten auf?

Die Familienanamnese und die elterlichen Körpermaße können bei der Abgrenzung eines konstitutionell kleinen Fetus (von Natur aus kleinen ungeborenen Kindes) von einer pathologischen Wachstumsrestriktion hilfreich sein. Bei früher oder schwerer FGR, fetalen Fehlbildungen oder auffälliger genetischer Anamnese ist eine genetische Beratung bzw. Diagnostik zu erwägen [LL1, LL2, LL4].

*Eine deutliche Verminderung oder ein Ausbleiben der Kindsbewegungen, vaginale Blutungen, anhaltende starke Bauchschmerzen oder mögliche Symptome einer Präeklampsie erfordern eine unverzügliche geburtshilfliche Untersuchung. Bei fehlenden Kindsbewegungen soll die Abklärung nicht bis zum folgenden Tag aufgeschoben werden [2, LL1, LL3].

Unsere Empfehlung: Bringen Sie den Mutterpass, sämtliche Ultraschall- und Screeningberichte sowie – soweit vorhanden – Geburtsberichte, kindliche Entlassungsberichte und plazentahistologische Befunde früherer Schwangerschaften zum behandelnden Arzt mit.

Abkürzungen

  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BMI – Body-Mass-Index
  • DGGG – Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • FGR – Fetal Growth Restriction
  • FIGO – International Federation of Gynecology and Obstetrics
  • HELLP – Hemolysis, Elevated Liver Enzymes, Low Platelet Count
  • ISUOG – International Society of Ultrasound in Obstetrics and Gynecology
  • LL – Leitlinie
  • OEGGG – Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • SGA – Small for Gestational Age
  • SGGG – Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
  • SMFM – Society for Maternal-Fetal Medicine

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Blue NR, Page JM, Silver RM: Recurrence Risk of Fetal Growth Restriction: Management of Subsequent Pregnancies. Obstet Gynecol Clin North Am 2021;48(2):419-436. doi: 10.1016/j.ogc.2021.03.002
  2. Carroll L, Gallagher L, Smith V: Pregnancy, birth and neonatal outcomes associated with reduced fetal movements: A systematic review and meta-analysis of non-randomised studies. Midwifery 2023;116:103524. doi: 10.1016/j.midw.2022.103524

Leitlinien

  1. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S2k-Leitlinie Fetale Wachstumsrestriktion. Version 2.1, Stand 01.10.2024, gültig bis 30.09.2029. AWMF-Registernummer 015-080; Langfassung [LL1]
  2. Lees CC, Stampalija T, Baschat A et al.: ISUOG Practice Guidelines: diagnosis and management of small-for-gestational-age fetus and fetal growth restriction. Ultrasound Obstet Gynecol 2020;56(2):298-312. doi: 10.1002/uog.22134 [LL2]
  3. Melamed N, Baschat A, Yinon Y et al.: FIGO (International Federation of Gynecology and Obstetrics) initiative on fetal growth: Best practice advice for screening, diagnosis, and management of fetal growth restriction. Int J Gynaecol Obstet 2021;152(Suppl 1):3-57. doi: 10.1002/ijgo.13522 [LL3]
  4. Society for Maternal-Fetal Medicine (SMFM), Martins JG, Biggio JR, Abuhamad A: Society for Maternal-Fetal Medicine Consult Series #52: Diagnosis and management of fetal growth restriction: (Replaces Clinical Guideline Number 3, April 2012). Am J Obstet Gynecol 2020;223(4):B2-B17. Reaffirmed 2024. doi: 10.1016/j.ajog.2020.05.010 [LL4]