Tiefe Venenthrombose – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verhinderung der Thrombusausdehnung (Ausbreitung eines Blutgerinnsels), einer Lungenembolie (Verschluss eines Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel) und rezidivierender venöser Thromboembolien (durch Blutgerinnsel verursachte venöse Gefäßverschlüsse) (VTE).
  • Linderung von Schmerzen und Schwellung; Verringerung thrombotischer Folgeschäden. Eine Antikoagulation verhindert ein postthrombotisches Syndrom (dauerhafte Beschwerden nach einer Venenthrombose) nicht zuverlässig [LL1, LL2].

Therapieempfehlungen

Die folgenden Empfehlungen und Dosierungen betreffen Erwachsene mit tiefer Venenthrombose (TVT). Bei Kindern ist eine gesonderte alters- und gewichtsbezogene Behandlung erforderlich.

  • Antikoagulation unverzüglich beginnen: Bei gesicherter behandlungsbedürftiger TVT ist eine therapeutische Antikoagulation einzuleiten. Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und verzögerter Bildgebung kann nach Prüfung des Blutungsrisikos eine vorläufige therapeutische Antikoagulation erfolgen [LL1].
  • DOAK bevorzugen, sofern geeignet: Bei den meisten nicht schwangeren Erwachsenen werden direkte orale Antikoagulantien (DOAK) gegenüber Vitamin-K-Antagonisten (VKA) bevorzugt. Apixaban und Rivaroxaban ermöglichen den oralen Therapiebeginn ohne obligate Heparin-Vorbehandlung. Edoxaban und Dabigatran dürfen zur TVT-Behandlung erst nach mindestens 5 Tagen therapeutischer parenteraler Antikoagulation eingesetzt werden [10, LL1, LL3, FI1-FI4].
  • DOAK individuell auswählen: Nieren- und Leberfunktion, Blutungsrisiko, Begleitmedikation, Resorption, Einnahmetreue und Patientenpräferenz berücksichtigen. In der randomisierten COBRRA-Studie von 2026 traten während der dreimonatigen Behandlung einer akuten VTE unter Apixaban weniger klinisch relevante Blutungen als unter Rivaroxaban auf. Dies unterstützt eine Bevorzugung von Apixaban bei geeigneten Patienten; ein genereller Wirksamkeitsvorteil bei allen Patientengruppen ist daraus nicht abzuleiten [11].
  • Parenterale Therapie gezielt einsetzen: Niedermolekulare Heparine (NMH) insbesondere in der Schwangerschaft und bei ausgewählten Tumorpatienten einsetzen. Fondaparinux ist eine Alternative bei geeigneter Nierenfunktion. Unfraktioniertes Heparin (UFH) kommt insbesondere bei schwerer Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion), erforderlicher rascher Steuerbarkeit oder bevorstehender Intervention infrage [LL1, LL2, LL4].
  • VKA als begründete Alternative: Insbesondere bei thrombotischem Antiphospholipid-Syndrom (Erkrankung mit erhöhter Neigung zu Blutgerinnseln) (APS) oder zusätzlicher mechanischer Herzklappe; außerdem bei ungeeigneten DOAK oder individueller Präferenz. Bei akuter TVT therapeutisches NMH, UFH oder Fondaparinux mit dem VKA mindestens 5 Tage überlappen lassen und erst beenden, wenn die INR im Zielbereich 2-3 an zwei aufeinanderfolgenden Tagen liegt [LL1, LL3, B1, FI8].
  • Ambulante Behandlung: Bei unkomplizierter TVT, fehlender relevanter Blutung, klinischer Stabilität und gesicherter Versorgung möglich. Phlegmasia (schwere Durchblutungsstörung durch einen ausgedehnten venösen Gefäßverschluss), drohender Extremitätenverlust, schwere Begleiterkrankungen oder Verdacht auf relevante Lungenembolie erfordern eine stationäre bzw. notfallmäßige Behandlung [LL1, LL2].

Behandlungsdauer und verlängerte Erhaltungstherapie

Klinische Konstellation Behandlungsdauer und Entscheidung
Proximale TVT (Thrombose der tiefen Venen ab der Kniekehle aufwärts) nach starkem vorübergehendem Auslöser, z. B. größerer Operation In der Regel 3 Monate, sofern der Auslöser entfallen ist und keine zusätzliche Indikation zur Fortführung besteht [LL1-LL3].
Unprovozierte TVT, schwacher vorübergehender Auslöser oder persistierender Risikofaktor Mindestens 3 Monate; danach Rezidiv- und Blutungsrisiko abwägen. Bei unprovozierter proximaler TVT und akzeptablem Blutungsrisiko eine verlängerte, gegebenenfalls unbefristete Antikoagulation anbieten [LL1, LL3].
Rezidivierende unprovozierte VTE oder thrombotisches APS In der Regel langfristige bzw. unbefristete Antikoagulation, sofern das Blutungsrisiko dies erlaubt; bei APS bevorzugt VKA [LL1, LL3, B1].
Aktive Tumorerkrankung Mindestens 6 Monate; bei fortbestehender Tumoraktivität oder antineoplastischer Therapie meist darüber hinaus. Nutzen und Blutungsrisiko regelmäßig neu bewerten [LL4].
Isolierte distale TVT (auf die tiefen Unterschenkelvenen begrenzte Thrombose) Individuelle Entscheidung nach Beschwerden und Ausdehnungsrisiko. Wenn antikoaguliert wird, in der Regel 3 Monate mit therapeutischer Intensität. Bei ausgewählten Patienten mit geringem Risiko kann eine engmaschige sonographische Verlaufskontrolle zunächst ohne Antikoagulation erfolgen [LL1, LL2].
Schwangerschaftsassoziierte TVT Therapeutische Antikoagulation während der Schwangerschaft und mindestens 6 Wochen postpartal; Gesamtdauer mindestens 3 Monate [LL1].
  • Verlängerte Therapie regelmäßig überprüfen: Blutungsereignisse, Nierenfunktion, Begleitmedikation und Patientenwunsch mindestens jährlich und bei jeder klinischen Veränderung bewerten. Heterozygote Faktor-V-Leiden- oder Prothrombin-Mutation allein rechtfertigen keine automatische Dauertherapie. D-Dimere und Residualthrombus (verbliebenes Blutgerinnsel) sind keine alleinigen Entscheidungsgrundlagen [LL1, LL3].
  • Dosisreduktion nach der Behandlungsphase: Bei geeigneten Patienten kann nach mindestens 6 Monaten auf das zugelassene reduzierte Schema für Apixaban oder Rivaroxaban umgestellt werden. Bei hohem Rezidivrisiko ist die Fortführung der vollen Dosis individuell abzuwägen. RENOVE zeigte weniger klinisch relevante Blutungen unter reduzierter Dosierung, erreichte bei Patienten mit erhöhtem Rezidivrisiko aber nicht das vorgegebene Nichtunterlegenheitskriterium für die Wirksamkeit [13, FI1, FI2].
  • Krebsassoziierte VTE nach 6 Monaten: In API-CAT war reduziertes Apixaban bei ausgewählten Patienten mit aktiver Tumorerkrankung nach mindestens 6 Monaten Antikoagulation hinsichtlich VTE-Rezidiven nicht unterlegen und verursachte weniger klinisch relevante Blutungen als die volle Dosis. Eine Dosisreduktion kann erwogen werden; die Ergebnisse gelten nicht für die Akutbehandlung oder jede onkologische Hochrisikokonstellation [12].
  • ASS ist kein gleichwertiger Ersatz: Acetylsalicylsäure (ASS) reduziert nach beendeter Antikoagulation das Rezidivrisiko gegenüber Placebo, schützt jedoch deutlich weniger als eine fortgesetzte Antikoagulation. Bei bestehender Indikation zur Antikoagulation ist ASS keine geeignete Alternative. Eine zusätzliche ASS-Gabe nur bei eigenständiger kardiovaskulärer Indikation und nach Blutungsabwägung [2, 3, LL3].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Direkte orale Faktor-Xa-Inhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Apixaban Keine obligate parenterale Vorbehandlung. Die Reduktionskriterien aus der Vorhofflimmertherapie dürfen nicht auf die akute TVT übertragen werden. Bei CrCl 15-29 ml/min vorsichtig anwenden; bei CrCl < 15 ml/min oder Dialyse nicht empfohlen [FI1].
Rivaroxaban Keine obligate parenterale Vorbehandlung. 15 mg und 20 mg mit einer Mahlzeit einnehmen. Bei CrCl 15-29 ml/min vorsichtig anwenden; unter 15 ml/min nicht empfohlen. Bei CrCl 15-49 ml/min kann ab Tag 22 bei überwiegendem Blutungsrisiko eine Reduktion auf 15 mg täglich erwogen werden; dieses Schema beruht auf pharmakokinetischer Modellierung und wurde für die TVT nicht klinisch geprüft [FI2].
Edoxaban Bereits eines der Reduktionskriterien genügt. Bei CrCl < 15 ml/min oder Dialyse nicht empfohlen. Keine zusätzliche Dosisreduktion allein wegen der verlängerten Therapiedauer [FI3].
  • Wirkweise: Direkte Hemmung des aktivierten Gerinnungsfaktors X unabhängig von Antithrombin.
  • Indikation: Akutbehandlung der TVT und Lungenembolie sowie Rezidivprävention; das jeweilige Startschema beachten [FI1-FI3].
  • Kontraindikationen und Einschränkungen: Klinisch relevante aktive Blutung, Läsionen mit erheblichem Blutungsrisiko, Lebererkrankung mit Koagulopathie (Blutgerinnungsstörung) und klinisch relevantem Blutungsrisiko. Schwangerschaft und Stillzeit ausschließen bzw. präparatespezifische Fachinformation beachten; in diesen Situationen keine DOAK-Behandlung der TVT. Beim thrombotischen APS keine DOAK einsetzen, insbesondere bei dreifach positiven Antikörpern. Nierengrenzen sind substanzspezifisch [B1, FI1-FI3].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Anämie (Blutarmut), gastrointestinale Beschwerden, erhöhte Transaminasen; substanzspezifisch verstärkte Menstruationsblutungen.

Direkter oraler Thrombininhibitor

Wirkstoff Besonderheiten
Dabigatranetexilat Bei CrCl < 30 ml/min kontraindiziert. Die reduzierte Dosierung bei TVT/LE basiert auf pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Analysen und wurde in dieser Indikation nicht klinisch untersucht. Kapseln unzerkaut schlucken [FI4].
  • Wirkweise: Dabigatran hemmt Thrombin direkt; Dabigatranetexilat ist die oral verabreichte Vorstufe.
  • Indikation: Behandlung und Rezidivprävention der TVT und Lungenembolie nach parenteraler Initialbehandlung [FI4].
  • Kontraindikationen: Aktive relevante Blutung, hohes Blutungsrisiko, schwere Niereninsuffizienz, mechanische Herzklappen und bestimmte starke P-Glykoprotein-Inhibitoren. Keine Anwendung zur TVT-Behandlung in Schwangerschaft oder Stillzeit; beim thrombotischen APS vermeiden [B1, FI4].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Anämie, Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden) und weitere gastrointestinale Beschwerden.

Niedermolekulare Heparine

Wirkstoff Besonderheiten
Enoxaparin Bei Adipositas (Fettleibigkeit), symptomatischer Lungenembolie, aktiver Tumorerkrankung, rezidivierender VTE oder proximaler iliakaler TVT das zweimal tägliche Schema bevorzugen. Bei CrCl < 15 ml/min außerhalb der Hämodialyse nicht empfohlen [FI5].
Dalteparin Gewichtsbezogene Fertigspritzenschemata und Anpassungen bei Thrombozytopenie (verminderter Zahl der Blutplättchen) bzw. Niereninsuffizienz beachten [FI6].
Tinzaparin Auch zur Langzeitbehandlung und Rezidivprävention bei aktiver Tumorerkrankung zugelassen. Bei CrCl < 30 ml/min nicht empfohlen; begründete Ausnahmen nur unter fachärztlicher Überwachung [FI7].
  • Wirkweise: Antithrombinabhängige Hemmung überwiegend von Faktor Xa, zusätzlich von Thrombin; die Wirkstoffpräparate sind nicht beliebig austauschbar.
  • Indikation: TVT-Behandlung, parenterale Initialtherapie vor Edoxaban oder Dabigatran, Überlappung bei VKA-Einstellung, Schwangerschaft und ausgewählte krebsassoziierte VTE [LL1, LL4].
  • Kontraindikationen: Aktive relevante Blutung und akute immunvermittelte heparininduzierte Thrombozytopenie (durch Heparin ausgelöste Abnahme der Blutplättchen mit erhöhter Gerinnselgefahr) (HIT). Niereninsuffizienz ist präparatespezifisch zu behandeln; keine pauschale Kontraindikation aller NMH. Therapeutische Antikoagulation und neuroaxiale Verfahren erfordern strenge zeitliche Sicherheitsabstände [FI5-FI7].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Hämatome (Blutergüsse), HIT, Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut), Transaminasenanstieg und bei längerer Anwendung Osteoporose (Knochenschwund).

Indirekter Faktor-Xa-Inhibitor: Pentasaccharid

Wirkstoff Besonderheiten
Fondaparinux Bei CrCl < 30 ml/min zur TVT-Behandlung kontraindiziert; bei CrCl 30-50 ml/min erhöhte Vorsicht. Kein spezifisches Antidot; Protamin neutralisiert die Wirkung nicht [FI9].
  • Wirkweise: Synthetisches Pentasaccharid; selektive antithrombinabhängige Hemmung von Faktor Xa.
  • Indikation: Parenterale Therapie der TVT bei geeigneter Nierenfunktion; Einsatz bei HIT ist Off-Label-Use [LL5, FI9].
  • Kontraindikationen: Klinisch relevante aktive Blutung, akute bakterielle Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut) und CrCl < 30 ml/min in der TVT-Therapie [FI9].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Anämie und lokale Reaktionen.

Unfraktioniertes Heparin

Wirkstoff Besonderheiten
Heparin-Natrium Kurze Wirkdauer; durch Protamin antagonisierbar. Bei hohem Blutungsrisiko initialen Bolus individuell reduzieren oder weglassen. Keine thrombolytische Wirkung [LL1, LL2].
  • Wirkweise: Antithrombinabhängige Hemmung von Thrombin und Faktor Xa sowie weiterer aktivierter Gerinnungsfaktoren.
  • Indikation: Ausgewählte Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz, erforderlicher rascher Steuerbarkeit oder geplantem invasivem Vorgehen. UFH ist nicht allein wegen einer TVT routinemäßig erste Wahl [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Aktive relevante Blutung und akute immunvermittelte HIT. Schwere Niereninsuffizienz ist keine generelle Kontraindikation.
  • Nebenwirkungen: Blutungen, HIT, Hyperkaliämie, Transaminasenanstieg, Allergien und bei Langzeitanwendung Osteoporose.

Vitamin-K-Antagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Phenprocoumon Verzögerter Wirkeintritt; bei akuter TVT therapeutische parenterale Überlappung erforderlich. Regelmäßige INR-Kontrollen, zahlreiche Interaktionen und lange Nachwirkung [FI8].
Warfarin Alternative innerhalb der Wirkstoffgruppe; gleiche Notwendigkeit der initialen parenteralen Überlappung. Präparatespezifische Fachinformation beachten [LL3].
  • Wirkweise: Hemmung der Vitamin-K-Epoxidreduktase und damit der Synthese funktionsfähiger Faktoren II, VII, IX und X sowie der Proteine C und S.
  • Indikation: TVT-Therapie und Rezidivprävention, insbesondere bei thrombotischem APS oder mechanischen Herzklappen bzw. fehlender DOAK-Eignung [LL1, LL3, B1].
  • Kontraindikationen: Aktive relevante Blutung, Schwangerschaft in der TVT-Behandlung und schwere Störungen der Hämostase (Blutstillung). In der Stillzeit können geeignete VKA unter Beachtung der Fachinformation eingesetzt werden [LL1, FI8].
  • Nebenwirkungen: Blutungen, selten Hautnekrosen (Absterben von Hautgewebe), Lebertoxizität (Leberschädigung) und Überempfindlichkeitsreaktionen. Vitamin-K-Zufuhr möglichst gleichmäßig halten [FI8].

Besondere klinische Situationen

  • Krebsassoziierte TVT: DOAK oder NMH verwenden. Bei hohem gastrointestinalem oder urogenitalem Blutungsrisiko, relevanten Interaktionen, Erbrechen oder Resorptionsstörung NMH bevorzugen. Eine Tumorerkrankung allein ist keine DOAK-Kontraindikation. Klinische Studien stützen die DOAK-Anwendung bei geeigneten Patienten; eine Kosten-Wirksamkeits-Analyse ersetzt keine klinische Nutzen-Risiko-Bewertung [6, 7, 9, LL4, LL9].
  • Thrombozytopenie bei Tumorpatienten: Keine pauschale Halbierung der Antikoagulation wegen Hirnmetastasen (Tumorabsiedlungen im Gehirn). Dosis, Wirkstoff oder vorübergehende Unterbrechung nach Thrombozytenzahl, Blutung, Lokalisation und Alter der Thrombose interdisziplinär festlegen. Bei Thrombozyten > 50.000/µl und fehlender Blutung meist volle therapeutische Intensität; unterhalb dieser Grenze individuell entscheiden [LL4].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: In der Schwangerschaft therapeutische NMH bevorzugen und peripartale Pausen fachärztlich planen. In der Stillzeit NMH, UFH oder geeignete VKA verwenden; DOAK vermeiden. Routinemäßige Anti-Xa-Kontrollen sind unter NMH nicht generell erforderlich, sondern besonderen Situationen vorbehalten [LL1].
  • Adipositas: Die frühere pauschale Ablehnung aller DOAK bei BMI > 40 kg/m² oder KG > 120 kg ist überholt. Für Apixaban und Rivaroxaban können Standarddosierungen verwendet werden; routinemäßige Peak- und Talspiegelmessungen allein wegen Adipositas werden nicht empfohlen. Für Dabigatran und Edoxaban ist die Evidenz bei extremer Adipositas begrenzter. Nach bariatrischer Operation Resorption und Zeitpunkt gesondert beurteilen [LL6, LL7].
  • Rezidiv trotz Antikoagulation: Zunächst objektiv bestätigen und mit Vorbefunden vergleichen. Einnahmetreue, korrekte Dosis, Interaktionen, Nierenfunktion, Resorption, Tumoraktivität und gegebenenfalls HIT prüfen. Wirkstoffwechsel oder Intensivierung anschließend fachärztlich festlegen; bei krebsassoziierter VTE kommt der Wechsel von DOAK auf NMH oder eine individualisierte NMH-Dosissteigerung infrage [LL1, LL4].
  • Thrombusentfernung: Keine routinemäßige systemische Thrombolyse. Bei ausgewählter akuter iliofemoraler TVT (Thrombose der Becken- und Oberschenkelvenen) und niedrigem Blutungsrisiko kann eine frühe endovaskuläre Thrombusentfernung erwogen werden. Phlegmasia mit drohendem Extremitätenverlust ist ein gefäßmedizinischer Notfall. UFH verhindert Thrombuswachstum, löst aber den Thrombus nicht auf [LL1, LL2].
  • Keine primärprophylaktischen Dosierungen bei gesicherter TVT: Ergebnisse nach Hüftendoprothese, Kniearthroskopie, Gipsimmobilisierung oder zur postoperativen VTE-Verteilung begründen keine Behandlung einer bestehenden TVT mit ASS bzw. prophylaktischen Heparindosen und keine pauschale Behandlungsdauer von 28-35 Tagen [1, 5, 8].

Wirkstoffe (Nebenindikationen): Antikoagulation bei HIT

Bei mittlerer oder hoher klinischer HIT-Wahrscheinlichkeit nach 4T-Score alle Heparine einschließlich Spülungen absetzen, spezifische Diagnostik veranlassen und eine geeignete Nicht-Heparin-Antikoagulation beginnen. Eine immunvermittelte HIT ist prothrombotisch; das bloße Absetzen von Heparin reicht nicht. VKA nicht vor Erholung der Thrombozyten beginnen [LL5].

Wirkstoff Besonderheiten
Argatroban Direkter Thrombininhibitor; keine renale Dosisanpassung erforderlich. Hepatische Elimination; bei schwerer Leberinsuffizienz (eingeschränkter Leberfunktion) ungeeignet. Erhöht auch die INR und erschwert den Übergang auf VKA [LL5].
Danaparoid Heparinoid mit überwiegender antithrombinabhängiger Faktor-Xa-Hemmung. Renale Elimination und lange Wirkdauer; fachärztliches Monitoring erforderlich. Seltene Kreuzreaktivität beachten [LL5].
  • Wirkweise: Argatroban hemmt Thrombin direkt; Danaparoid hemmt überwiegend Faktor Xa antithrombinabhängig.
  • Indikation: Antikoagulation bei HIT mit bzw. ohne Thrombose. Bei klinisch stabilen ausgewählten Patienten können Fondaparinux oder DOAK fachärztlich als Off-Label-Use eingesetzt werden; keine pauschale Dabigatran-Standardtherapie der akuten HIT [LL5].
  • Kontraindikationen und Einschränkungen: Aktive schwere Blutung; Argatroban bei schwerer Leberinsuffizienz vermeiden, Danaparoid bei schwerer Niereninsuffizienz nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung und Anpassung.
  • Nebenwirkungen: Blutungen und Überempfindlichkeitsreaktionen.

Therapieüberwachung und Sicherheit

  • Vor Behandlungsbeginn: Blutbild einschließlich Hämoglobin und Thrombozyten, Kreatinin, Leberwerte sowie Gerinnungsbasisdiagnostik bestimmen. DOAK-relevante Nierenfunktion als Kreatinin-Clearance (CrCl) nach Cockcroft-Gault beurteilen; die laborseitige eGFR nicht unkritisch gleichsetzen [FI1-FI4].
  • Verlaufskontrollen: Blutungszeichen, Anämie, Nieren- und Leberfunktion sowie Einnahmetreue überprüfen. Bei DOAK keine routinemäßige INR-Steuerung; normale INR oder aPTT schließen relevante DOAK-Spiegel nicht zuverlässig aus. Bei UFH aPTT bzw. Anti-Xa und bei VKA INR kontrollieren [LL1, FI1-FI4].
  • Interaktionen: Starke P-Glykoprotein- bzw. CYP3A4-Inhibitoren oder -Induktoren präparatespezifisch prüfen, z. B. Azolantimykotika, bestimmte antivirale Wirkstoffe, Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin und Johanniskraut. NSAR und Thrombozytenhemmer erhöhen das Blutungsrisiko; Kombinationen nur bei klarer zusätzlicher Indikation [FI1-FI4].
  • Blutungsmanagement: Bei schwerer Blutung sofortige klinische Behandlung und Prüfung einer Antagonisierung. Idarucizumab antagonisiert Dabigatran. Bei Faktor-Xa-Inhibitoren sind substanzspezifische Zulassung und aktuelle Verfügbarkeit eines Antidots bzw. die Anwendung von Prothrombinkomplexkonzentrat nach Notfallprotokoll zu prüfen. Bei VKA Vitamin K und bei vital bedrohlicher Blutung zusätzlich Vierfaktor-Prothrombinkomplexkonzentrat einsetzen; bei UFH Protamin. Eine Glaskörperblutung (Blutung im Augeninneren) erfordert augenärztliche und antikoagulatorische Neubewertung, keine pauschale Fortsetzungsempfehlung [4, LL1, FI4].
  • Begleitmaßnahmen: Unter wirksamer Antikoagulation frühzeitig nach Beschwerdelage mobilisieren. Kompression zur Behandlung von Schmerzen und Ödem (Gewebeschwellung) individuell einsetzen. Ein Vena-cava-Filter ist bei möglicher Antikoagulation keine Routineoption [LL1-LL3].

Abkürzungen

  • APS: Antiphospholipid-Syndrom
  • aPTT: aktivierte partielle Thromboplastinzeit
  • ASS: Acetylsalicylsäure
  • BMI: Body-Mass-Index
  • CrCl: Kreatinin-Clearance
  • CYP3A4: Cytochrom P450 3A4
  • DHA: Docosahexaensäure
  • DOAK: direkte orale Antikoagulantien
  • eGFR: geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • HIT: heparininduzierte Thrombozytopenie
  • I.E.: internationale Einheiten
  • INR: International Normalized Ratio
  • KG: Körpergewicht
  • LE: Lungenembolie
  • NMH: niedermolekulare Heparine
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika
  • TVT: tiefe Venenthrombose
  • UFH: unfraktioniertes Heparin
  • VKA: Vitamin-K-Antagonisten
  • VTE: venöse Thromboembolie

Literatur

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  4. Jun JH, Hwang JC: Association of Rivaroxaban Anticoagulation and Spontaneous Vitreous Hemorrhage. JAMA Ophthalmol. 2015;133:1184-1186. doi:10.1001/jamaophthalmol.2015.2069.
  5. van Adrichem RA et al.: Thromboprophylaxis after Knee Arthroscopy and Lower-Leg Casting. N Engl J Med. 2017;376:515-525. doi:10.1056/NEJMoa1613303.
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  7. Gulati S, Eckman MH: Anticoagulant Therapy for Cancer-Associated Thrombosis: A Cost-Effectiveness Analysis. Ann Intern Med. Onlinepublikation 27. Dezember 2022. doi:10.7326/M22-1258.
  8. Singh T et al.: Timing of symptomatic venous thromboembolism after surgery: meta-analysis. Br J Surg. 2023;110:553-561. doi:10.1093/bjs/znad035.
  9. Schrag D et al.: Direct Oral Anticoagulants vs Low-Molecular-Weight Heparin and Recurrent VTE in Patients With Cancer: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2023;329:1924-1933. doi:10.1001/jama.2023.7843.
  10. Agnelli G et al.: Oral apixaban for the treatment of acute venous thromboembolism. N Engl J Med. 2013;369:799-808. doi:10.1056/NEJMoa1302507.
  11. Castellucci LA et al.: Bleeding Risk with Apixaban vs. Rivaroxaban in Acute Venous Thromboembolism. N Engl J Med. 2026;394:1051-1060. doi:10.1056/NEJMoa2510703.
  12. Mahé I et al.: Extended Reduced-Dose Apixaban for Cancer-Associated Venous Thromboembolism. N Engl J Med. 2025;392:1363-1373. doi:10.1056/NEJMoa2416112.
  13. Couturaud F et al.: Extended treatment of venous thromboembolism with reduced-dose versus full-dose direct oral anticoagulants in patients at high risk of recurrence: a non-inferiority, multicentre, randomised, open-label, blinded endpoint trial. Lancet. 2025. doi:10.1016/S0140-6736(24)02842-3.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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  6. Martin KA et al.: Use of direct oral anticoagulants in patients with obesity for treatment and prevention of venous thromboembolism: Updated communication from the ISTH SSC Subcommittee on Control of Anticoagulation. J Thromb Haemost. 2021;19:1874-1882. doi:10.1111/jth.15358 [LL6]
  7. Martin K et al.: Use of the direct oral anticoagulants in obese patients: guidance from the SSC of the ISTH. J Thromb Haemost. 2016;14:1308-1313. Historische Empfehlung; hinsichtlich extremer Adipositas durch die aktualisierte ISTH-Empfehlung von 2021 ersetzt. doi:10.1111/jth.13323 [LL7]
  8. Farge D et al.: 2019 international clinical practice guidelines for the treatment and prophylaxis of venous thromboembolism in patients with cancer. Lancet Oncol. 2019;20:e566-e581. Historische Leitlinienfassung; aktualisierte Empfehlungen siehe ITAC 2022. doi:10.1016/S1470-2045(19)30336-5 [LL8]
  9. Jiménez-Fonseca P et al.: Consensus on prevention and treatment of cancer-associated thrombosis (CAT) in controversial clinical situations with low levels of evidence. Eur J Intern Med. 2022. Expertenkonsens bei begrenzter Evidenz; keine randomisierte Therapiestudie. doi:10.1016/j.ejim.2022.02.020 [LL9]

Behördliche Sicherheitsinformationen

  1. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Rote-Hand-Brief zu Eliquis, Pradaxa, Lixiana/Roteas und Xarelto: Die Anwendung bei Patienten mit Antiphospholipid-Syndrom wird nicht empfohlen. 23. Mai 2019. Sicherheitsinformation [B1]

Produktinformationen

  1. Pfizer: Eliquis 5 mg Filmtabletten, Apixaban. Fachinformation, Stand April 2025. Fachinformation [FI1]
  2. Bayer: Xarelto Starterpackung 15 mg + 20 mg Filmtabletten, Rivaroxaban. Fachinformation, Stand Juni 2024. Fachinformation [FI2]
  3. Daiichi Sankyo: Lixiana 15 mg/30 mg/60 mg Filmtabletten, Edoxaban. Fachinformation, Stand Juli 2025. Fachinformation [FI3]
  4. Boehringer Ingelheim: Pradaxa 150 mg Hartkapseln, Dabigatranetexilat. Fachinformation, Stand November 2025. Fachinformation [FI4]
  5. Sanofi-Aventis Deutschland: Clexane 2.000-10.000 I.E./Clexane multidose 50.000-100.000 I.E., Enoxaparin-Natrium, Injektionslösung. Fachinformation, Stand Januar 2022. Fachinformation [FI5]
  6. Pfizer Pharma: Fragmin 7.500/10.000/12.500/15.000/18.000 I.E., Dalteparin-Natrium, Injektionslösung in Fertigspritzen. Fachinformation, Stand Mai 2026. Fachinformation [FI6]
  7. LEO Pharma: innohep Injektionslösung, Fertigspritze, Tinzaparin-Natrium. Fachinformation, Stand September 2025. Fachinformation [FI7]
  8. Viatris Healthcare: Marcumar 3 mg Tabletten, Phenprocoumon. Fachinformation, Stand August 2025. Fachinformation [FI8]
  9. Viatris Healthcare: Arixtra 7,5 mg/0,6 ml Injektionslösung, Fertigspritze, Fondaparinux. Fachinformation, Stand Oktober 2024. Fachinformation [FI9]