Krebserkrankungen – Einleitung

Tumorerkrankungen sind durch eine abnorme Vermehrung körpereigener Zellen gekennzeichnet. Sie können gutartig, lokal aggressiv oder bösartig sein. Krebs ist der Sammelbegriff für maligne Neoplasien (bösartige Neubildungen). Hierzu gehören sowohl solide bösartige Tumoren (bösartige Gewebegeschwülste) als auch maligne Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems (Systems aus Lymphgefäßen, Lymphknoten und weiteren Organen der Immunabwehr) [1, 2].

Synonyme: Krebserkrankungen; maligne Neoplasien; Malignome (bösartige Tumoren); bösartige Neubildungen.

ICD-10-GM: C00–C97: Bösartige Neubildungen. Die Zuordnung erfolgt entsprechend der Tumorentität (Tumorart) und Lokalisation. C80.0 bezeichnet eine bösartige Neubildung mit ausdrücklich unbekannter primärer Lokalisation, C80.9 eine nicht näher bezeichnete bösartige Neubildung [3].

Merkmale und Einteilung

Maligne Neoplasien weisen eine gestörte Regulation von Zellwachstum, Differenzierung und Zelltod auf. Bei soliden malignen Tumoren sind insbesondere das invasive (in umliegendes Gewebe eindringende), gewebedestruierende (Gewebe zerstörende) Wachstum und die Fähigkeit zur Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten) charakteristisch. Tumorzellen können zudem der Immunabwehr entgehen und gegenüber einer Behandlung resistent werden [1].

Wichtige Gruppen maligner Neoplasien

Tumorgruppe Ursprungsgewebe beziehungsweise Zellpopulation Beispiele
Karzinome (bösartige Tumoren aus Deck- oder Drüsengewebe) Epitheliale Gewebe (Deck- und Drüsengewebe) Mamma- (Brustkrebs), Prostata- (Vorsteherdrüsenkrebs), kolorektale (Dick- und Enddarmkrebs) und Bronchialkarzinome (Lungenkrebs)
Sarkome (bösartige Tumoren des Binde- und Stützgewebes) Mesenchymale Gewebe (Binde- und Stützgewebe) Weichteil- und Knochensarkome (bösartige Tumoren der Weichteile und Knochen)
Hämatologische Neoplasien (Tumorerkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems) Blutbildendes und lymphatisches System Leukämien (Blutkrebs), Lymphome (Krebserkrankungen des Lymphsystems), multiples Myelom (Krebserkrankung bestimmter Antikörper bildender Zellen im Knochenmark)
Melanome (bösartige Tumoren der Pigmentzellen) Melanozyten (Pigmentzellen) Kutanes Melanom (schwarzer Hautkrebs), Aderhautmelanom (bösartiger Pigmentzelltumor im Auge)
Tumoren des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) Unterschiedliche Zelltypen des zentralen Nervensystems Gliome (Tumoren aus Stützzellen des Nervensystems), embryonale ZNS-Tumoren (Tumoren aus unreifen Zellen des zentralen Nervensystems)
Keimzelltumoren (Tumoren aus Vorläuferzellen von Ei- oder Samenzellen) Keimzellen (Zellen der Ei- oder Samenzelllinie) Seminome (bestimmte Form von Keimzelltumoren) und nichtseminomatöse Keimzelltumoren (andere Formen von Keimzelltumoren)

Die diagnostische Einordnung berücksichtigt neben dem Ursprungsorgan insbesondere die Histologie und, abhängig von der Entität, molekulare Merkmale [2].

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

Die Krebsentstehung beruht auf dem Zusammenwirken genetischer und epigenetischer Veränderungen mit Einflüssen der Tumormikroumgebung (unmittelbaren Umgebung des Tumors mit ihren Zellen und Gewebebestandteilen). Im Verlauf können Zellpopulationen mit unterschiedlichen biologischen Eigenschaften entstehen [1].

Zentrale biologische Eigenschaften von Tumorzellen [1]

Eigenschaft Bedeutung
Aufrechterhaltung von Wachstumssignalen Förderung der Zellvermehrung trotz gestörter physiologischer Wachstumskontrolle
Umgehung von Wachstumshemmung und Zelltod Fortbestehen und Vermehrung veränderter Zellen
Veränderte Energiegewinnung Anpassung des Stoffwechsels an die Anforderungen des Tumorwachstums
Sicherung der Blutversorgung Unter anderem durch Angiogenese (Neubildung von Blutgefäßen) oder Nutzung vorhandener Gefäße
Umgehung der Immunabwehr Verminderte Erkennung oder Elimination maligner Zellen
Invasion (Eindringen in umliegendes Gewebe) und Metastasierung Ausbreitung in benachbarte Gewebe und entfernte Organe

Metastasierung und Organaffinität (bevorzugter Befall bestimmter Organe)

Bei soliden Tumoren können maligne Zellen über Lymph- und Blutbahnen oder durch Aussaat in Körperhöhlen verbreitet werden. Ob und wo Metastasen (Tochtergeschwülste) entstehen, hängt unter anderem von der Tumorentität und den Wechselwirkungen zwischen Tumorzellen und Zielgewebe ab. Häufig betroffene Organe sind Leber, Lunge, Knochen und Gehirn; das Verteilungsmuster unterscheidet sich erheblich zwischen den Krebsarten [2].

Metastasen können durch Beeinträchtigung lebenswichtiger Organfunktionen wesentlich zur Morbidität (Krankheitsbelastung) und Mortalität (Sterblichkeit) beitragen. Auch ein lokal fortschreitender Primärtumor (ursprünglicher Tumor) kann lebensbedrohliche Folgen haben [2].

Epidemiologie

Krebserkrankungen in Deutschland – Diagnosejahr 2023 [2]

Kennzahl Frauen Männer Gesamt
Geschätzte Krebsneuerkrankungen 241.400 276.400 517.800
Lebenszeitrisiko einer Krebserkrankung 43 % 49 % –
Krebssterbefälle 105.911 123.049 228.960
Häufigste Krebsart nach Neuerkrankungen Mammakarzinom Prostatakarzinom –

Die Angaben zu Neuerkrankungen und Lebenszeitrisiko beziehen sich auf Krebs gesamt ohne nichtmelanotischen Hautkrebs (Hautkrebs, der nicht von Pigmentzellen ausgeht) (ICD-10 C44). Das Lebenszeitrisiko ist eine aus aktuellen Erkrankungsraten und der statistischen Lebenserwartung berechnete Schätzung [2].

Häufige Krebsneuerkrankungen in Deutschland, beide Geschlechter zusammen – 2023 [2]

Lokalisation Geschätzte Neuerkrankungen
Prostata (Vorsteherdrüse) 79.600
Brustdrüse 75.900
Lunge 58.300
Dick- und Enddarm 55.300

Tumorerkrankungen im Kindes- und Jugendalter

Das Erkrankungsspektrum unterscheidet sich wesentlich von dem Erwachsener. Das Deutsche Kinderkrebsregister erfasste im Zeitraum 2015–2024 durchschnittlich etwa 2.330 Neuerkrankungen jährlich bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren [4].

Verteilung der registrierten Diagnosen im Alter von 0–17 Jahren – Deutschland, 2015–2024 [4]

Diagnosegruppe Anteil
Leukämien 30,2 %
Tumoren des zentralen Nervensystems 25,0 %
Lymphome 13,4 %
Periphere Nervenzelltumoren (Tumoren aus Nervenzellen außerhalb von Gehirn und Rückenmark) 5,5 %
Weichteilsarkome 5,3 %
Knochentumoren 5,0 %
Nierentumoren 4,3 %
Karzinome 4,2 %
Keimzelltumoren 3,5 %
Retinoblastome (bösartige Tumoren der Netzhaut) 2,1 %
Lebertumoren 1,3 %
Sonstige und nicht näher bezeichnete Tumoren 0,2 %

Beachte: Die Registerauswertung schließt bei ZNS-Tumoren auch nichtmaligne (nicht bösartige) Neubildungen ein. Die Prozentangaben beziehen sich daher auf das registrierte pädiatrische (Kinder und Jugendliche betreffende) Erkrankungsspektrum [4].

Spontanremissionen (Krankheitsrückbildungen ohne ausreichend wirksame Behandlung)

Als Spontanremission wird eine teilweise oder vollständige Rückbildung einer Krebserkrankung ohne eine hierfür ausreichend wirksame Behandlung bezeichnet. Solche Verläufe sind selten und unterscheiden sich nach Tumorentität. Eine vollständige Rückbildung bedeutet zunächst eine komplette Remission (vollständiges Verschwinden der nachweisbaren Krankheitszeichen); eine dauerhafte Heilung lässt sich daraus allein nicht ableiten [5].

Verlauf und Prognose (Aussicht auf den weiteren Krankheitsverlauf)

Verlauf und Prognose hängen wesentlich von Tumorentität, Ausbreitungsstadium und biologischen Eigenschaften ab. Die Überlebensaussichten unterscheiden sich erheblich zwischen den einzelnen Krebsarten und innerhalb derselben Erkrankung zwischen verschiedenen Stadien [2].

Begriffe zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs [2, 5, 6]

Begriff Bedeutung
Komplette Remission Mit den eingesetzten Untersuchungsverfahren ist keine Erkrankung mehr nachweisbar.
Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung) Erneutes Auftreten der ursprünglichen Krebserkrankung nach einer Phase der Rückbildung beziehungsweise fehlenden Nachweisbarkeit
Progression (Fortschreiten der Erkrankung) Fortschreiten einer bestehenden Erkrankung
Absolute 5-Jahres-Überlebensrate Anteil der Erkrankten, die fünf Jahre nach Diagnosestellung leben; berücksichtigt Todesfälle aller Ursachen
Relative 5-Jahres-Überlebensrate Verhältnis des beobachteten Überlebens zum erwarteten Überleben einer hinsichtlich Alter und Geschlecht vergleichbaren Allgemeinbevölkerung
Heilung Dauerhaftes Verschwinden der Erkrankung ohne späteres Wiederauftreten

Fünfjähriges Überleben ist keine allgemeingültige Definition von Heilung. Das Risiko späterer Rückfälle hängt von der jeweiligen Tumorentität ab [5].

Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren mit einer Erstdiagnose im Zeitraum 2011–2020 betrug das Gesamtüberleben nach fünf Jahren 86,6 % und nach zehn Jahren 84,3 %. Auch diese Registerwerte schließen nichtmaligne ZNS-Tumoren ein [4].

Zur onkologischen (krebsmedizinischen) Versorgung gehören neben der tumorspezifischen Behandlung die Prävention und Behandlung von Therapiekomplikationen (unerwünschten Folgen der Behandlung) sowie die Linderung krankheits- und therapiebedingter Beschwerden. Die supportive Therapie begleitet die Behandlung bedarfsorientiert [LL1].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • ICD-10: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision
  • ICD-10-GM: deutsche Anpassung der ICD-10 (German Modification)
  • LL: Leitlinie
  • S3: Leitlinie mit systematischer Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und strukturierter Konsensfindung
  • ZNS: zentrales Nervensystem

Literatur

  1. Hanahan D: Hallmarks of Cancer: New Dimensions. Cancer Discov. 2022;12(1):31–46. doi:10.1158/2159-8290.cd-21-1059
  2. Robert Koch-Institut und Deutsches Krebsregister e. V. (Hrsg.): Krebs in Deutschland für 2021–2023. Berlin, 2025. doi:10.25646/13129
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM Version 2026. Kapitel II: Neubildungen; C76–C80. Systematisches Verzeichnis
  4. Erdmann F et al.: German Childhood Cancer Registry: Short Report 2025 (1980–2024). Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; 2026. Bericht
  5. Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Spontanheilung bei Krebs: Hintergründe und Wissenswertes. Informationen
  6. Robert Koch-Institut, Zentrum für Krebsregisterdaten: Überlebensraten. Methodische Erläuterungen

Leitlinien

  1. Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. Version 2.1. AWMF-Registernummer: 032-054OL. Leitlinie und Langfassung [LL1]