Krebserkrankungen – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Körpergewicht sowie Beurteilung von Allgemeinzustand, Ernährungszustand und körperlichem Leistungsstatus; des Weiteren:
    • Inspektion
      • Haut, sichtbare Schleimhäute und Skleren (Lederhäute der Augen) – Beurteilung auf tumorverdächtige Haut- oder Schleimhautveränderungen sowie Zeichen einer tumor- oder therapiebedingten Organfunktionsstörung (Störung einer Organfunktion)
      • Mundhöhle und Oropharynx (Mundrachen) – Inspektion auf persistierende Ulzerationen (Geschwüre), Raumforderungen oder Schleimhautveränderungen
      • Halsregion – Beurteilung auf sichtbare Raumforderungen oder Asymmetrien
      • Lymphknotenregionen – zervikal (am Hals), supraklavikulär (oberhalb des Schlüsselbeins), axillär (in der Achsel) und inguinal (in der Leiste)
      • Thorax (Brustkorb) – Symmetrie, Atembewegungen sowie sichtbare Raumforderungen oder Stauungszeichen
      • Abdomen (Bauch) – Form und Umfang, sichtbare Raumforderungen, Asymmetrien, Narben, Hernien (Brüche) sowie Zeichen einer abdominellen Distension (Aufblähung des Bauches)
      • Extremitäten (Arme und Beine) – Beurteilung auf Asymmetrien, Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen) oder venöse Stauungszeichen (Zeichen eines gestörten venösen Blutabflusses)
      • Genital- und Perianalregion (Bereich um den After) bei entsprechender Tumorlokalisation oder Symptomatik
    • Palpation
      • Lymphknotenstationen – Beurteilung von Größe, Konsistenz, Verschieblichkeit, Druckschmerzhaftigkeit, Fixierung und Konglomeratbildung (Zusammenlagerung mehrerer Lymphknoten)
      • Hals und Schilddrüsenregion – Palpation bei auffälligem Inspektionsbefund oder entsprechender Symptomatik
      • Haut, Subkutis (Unterhaut) und Weichteile – Palpation auffälliger oder symptomatischer Areale auf Raumforderungen
      • Mammae (Brüste) und regionale Lymphabflussgebiete bei entsprechender Symptomatik, Tumorlokalisation oder klinischem Verdacht
      • Knochen und Wirbelsäule bei lokalisierten Schmerzen oder Funktionsstörungen – Untersuchung auf Druck- und Klopfschmerz, Instabilität oder Deformität
    • Untersuchung von Herz und Kreislauf
      • Auskultation des Herzens
      • Beurteilung peripherer Pulse sowie klinischer Zeichen einer Kreislaufinstabilität oder venösen Abflussbehinderung bei entsprechendem Verdacht
    • Untersuchung der Lunge und des Thorax
      • Auskultation der Lunge
      • Perkussion des Thorax bei Verdacht auf Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder pulmonale Beteiligung (Beteiligung der Lunge)
      • Beurteilung von Atemarbeit und Atemfrequenz bei Dyspnoe (Atemnot) oder thorakaler Tumorerkrankung (Tumorerkrankung im Brustkorb)
    • Untersuchung des Abdomens
      • Auskultation des Abdomens – insbesondere bei abdominellen Beschwerden, Distension oder Verdacht auf Passagestörung (Störung der Darmpassage)
      • Perkussion des Abdomens – Beurteilung auf freie Flüssigkeit sowie Abschätzung von Leber- und Milzgröße
      • Palpation des Abdomens – Beurteilung auf palpable Raumforderungen, Organomegalie (Organvergrößerung), Druckschmerz, Abwehrspannung und Hernien
      • Palpation der Nierenlager (Bereiche der Nieren) bei entsprechender Symptomatik oder Verdacht auf retroperitoneale (hinter dem Bauchfell gelegene) beziehungsweise urologische Tumormanifestation (Tumorbefall der Harn- oder Geschlechtsorgane)
    • Digital-rektale Untersuchung – bei rektaler Blutung (Blutung aus dem Enddarm), Stuhlentleerungsstörung, Verdacht auf rektale beziehungsweise anale Raumforderung (Raumforderung des Enddarms bzw. Afters), Prostataerkrankung (Erkrankung der Vorsteherdrüse) oder andere Beckenraumtumoren
    • Neurologische orientierende Untersuchung – insbesondere Bewusstseinslage, Hirnnerven (Nerven des Gehirns), Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsvermögen), Reflexstatus (Reflexbefund), Koordination (Abstimmung von Bewegungen) und Gangbild bei neurologischer Symptomatik oder Verdacht auf Beteiligung des zentralen oder peripheren Nervensystems (Gehirn und Rückenmark bzw. außerhalb davon verlaufende Nerven)
    • Bewegungsapparat (Knochen, Gelenke und Muskeln) – Untersuchung von Wirbelsäule, Becken und Extremitäten bei Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Verdacht auf ossäre Tumormanifestationen (Tumorabsiedlungen im Knochen)
  • Organ- und symptomorientierte weiterführende körperliche Untersuchung – abhängig von vermuteter oder bekannter Tumorlokalisation:
    • Dermatologische Untersuchung (Hautuntersuchung) einschließlich vollständiger Hautinspektion bei kutanen Läsionen (Hautveränderungen) oder unklaren Läsionen
    • Gynäkologische Untersuchung (frauenärztliche Untersuchung) einschließlich Untersuchung des kleinen Beckens (unterer Beckenraum) bei entsprechender Symptomatik oder gynäkologischer Tumorerkrankung
    • Hals-Nasen-Ohren (HNO)-ärztliche Untersuchung einschließlich Mundhöhle, Pharynx (Rachen) und Halsregion bei entsprechender Symptomatik oder Tumorlokalisation
    • Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) bei fokal-neurologischen Symptomen (auf einen bestimmten Bereich des Nervensystems begrenzten Beschwerden), Kopfschmerzen, Bewusstseinsveränderungen oder Verdacht auf zentrale beziehungsweise periphere Tumormanifestationen
    • Orthopädische beziehungsweise unfallchirurgische Untersuchung bei Verdacht auf ossäre Metastasen (Tochtergeschwülste im Knochen), pathologische Fraktur (Knochenbruch in krankhaft verändertem Knochen) oder tumorbedingte Instabilität
    • Urologische Untersuchung (Untersuchung der Harn- und männlichen Geschlechtsorgane) einschließlich Untersuchung von äußerem Genitale, Hoden und Prostata bei entsprechender Symptomatik oder Tumorlokalisation

Red Flags (Warnzeichen) bei Tumorerkrankungen

  • Neu aufgetretene oder progrediente Paresen (Lähmungen), Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen), Gangstörungen sowie Blasen- oder Mastdarmfunktionsstörungen (Störungen der Blasen- oder Enddarmfunktion) bei Rücken- oder Wirbelsäulenschmerzen – Verdacht auf tumorbedingte Rückenmark- beziehungsweise Cauda-equina-Kompression (Einengung der Nervenwurzeln am unteren Ende des Rückenmarks)
  • Bewusstseinsstörung, neu aufgetretene fokal-neurologische Defizite (umschriebene Ausfälle des Nervensystems), Krampfanfälle oder klinische Zeichen eines erhöhten intrakraniellen Drucks (erhöhten Drucks im Schädel) – Verdacht auf intrakranielle Tumormanifestation (Tumorbefall innerhalb des Schädels) oder akute Komplikation
  • Stridor (pfeifendes oder raues Atemgeräusch), ausgeprägte Dyspnoe oder klinische Zeichen einer zentralen Atemwegsobstruktion (Verengung oder Verschluss der zentralen Atemwege) – unverzügliche Abklärung
  • Schwellung von Gesicht, Hals oder oberen Extremitäten mit Halsvenenstauung und Dyspnoe – Verdacht auf obere Einflussstauung (Behinderung des venösen Blutrückflusses aus Kopf, Hals und Armen)
  • Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Halsvenenstauung und abgeschwächte Herztöne beziehungsweise klinische Kreislaufinstabilität – Verdacht auf relevanten Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) beziehungsweise Perikardtamponade (lebensbedrohliche Einengung des Herzens durch Flüssigkeit im Herzbeutel)
  • Akutes Abdomen (plötzlich auftretender schwerer Bauchzustand), Ileuszeichen (Zeichen eines Darmverschlusses) oder ausgeprägte abdominelle Distension – Verdacht auf tumorbedingte Obstruktion (Verschluss), Perforation (Durchbruch) oder andere akute intraabdominelle Komplikation (Komplikation innerhalb des Bauchraums)
  • Akut einsetzender starker Knochenschmerz, Fehlstellung oder Funktionsverlust – Verdacht auf pathologische Fraktur
  • Fieber oder klinische Zeichen einer Sepsis (lebensbedrohliche Fehlreaktion des Körpers auf eine Infektion) unter beziehungsweise nach myelosuppressiver antineoplastischer Therapie (krebshemmender Behandlung mit Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark) – dringlicher Verdacht auf infektiöse Komplikation
  • Aktive relevante Blutung oder Zeichen einer hämodynamischen Instabilität (Kreislaufinstabilität) – sofortige Notfalldiagnostik und -behandlung

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.