Krebserkrankungen – Differentialdiagnosen

Differentialdiagnosen sind in Abhängigkeit von Tumorart, Tumorlokalisation und klinischer Präsentation zu stellen. Entscheidend ist zunächst, ob eine umschriebene Raumforderung, vergrößerte Lymphknoten oder unspezifische Allgemeinsymptome wie ungewollter Gewichtsverlust im Vordergrund stehen. Die nachfolgende Übersicht enthält wichtige alternative Diagnosen für diese unterschiedlichen Ausgangssituationen; die Auswahl muss anhand des konkreten Befundes eingegrenzt werden [1-3].

Bei einer bereits nachgewiesenen bösartigen Neubildung betrifft die weitere differentialdiagnostische Abgrenzung insbesondere den Tumorursprung und die Unterscheidung zwischen Primärtumor (ursprünglichem Tumor), Metastase (Tochtergeschwulst) und einem unabhängigen Zweittumor. Die hierfür relevanten Diagnosen sind organspezifisch darzustellen.

Atmungssystem (J00-J99)

  • Sarkoidose (entzündliche Erkrankung mit Bildung kleiner Gewebeknötchen) – bei thorakalen bzw. generalisierten Lymphknotenvergrößerungen und gegebenenfalls begleitenden Lungenveränderungen; eine passende Organbeteiligung unterstützt die Abgrenzung gegenüber einem Lymphom (bösartiger Erkrankung des lymphatischen Systems) [1].

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), unzureichend eingestellt bzw. bislang unerkannt – bei Gewichtsverlust mit Polyurie (übermäßig großer Urinmenge) und Polydipsie (übermäßig starkem Durst) [3].
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – bei Gewichtsverlust mit Wärmeintoleranz, Tremor (Zittern) und Tachykardie (beschleunigtem Herzschlag) [3].

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Epidermalzyste (mit Hornmaterial gefüllte Hautzyste) – bei oberflächlicher, hautgebundener Raumforderung; eine Verbindung zur Hautoberfläche unterstützt die Einordnung. Bei Entzündung können die klinischen und bildgebenden Befunde weniger eindeutig sein [2].
  • Hautabszess (abgekapselte Eiteransammlung in der Haut) – bei schmerzhafter, geröteter Schwellung; tiefer gelegene Abszesse können auch ohne ausgeprägte äußere Entzündungszeichen eine solide Raumforderung vortäuschen [2].

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Lymphadenitis (Lymphknotenentzündung), unspezifisch – bei lokalisierten Lymphknotenvergrößerungen im Abflussgebiet eines entzündlichen Herdes. Druckschmerz und zeitlicher Zusammenhang mit einer Infektion sprechen für eine entzündliche Ursache, schließen eine bösartige Erkrankung jedoch nicht aus [1].

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • HIV-Infektion (Ansteckung mit einem Virus, das die körpereigene Abwehr schädigen kann) – bei generalisierten Lymphknotenvergrößerungen, Fieber bzw. Gewichtsverlust und entsprechender Expositionsanamnese [1, 3].
  • Infektiöse Mononukleose (Pfeiffer-Drüsenfieber) – insbesondere bei jüngeren Patienten mit zervikalen Lymphknotenvergrößerungen, Fieber und Pharyngitis (Rachenentzündung) [1].
  • Tuberkulose (Schwindsucht) – bei anhaltendem Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust bzw. chronischer Lymphknotenvergrößerung; besonders bei epidemiologischen Risikofaktoren oder entsprechender Exposition [1, 3].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen – bei Gewichtsverlust mit anhaltender Diarrhö (Durchfall), abdominellen Schmerzen bzw. intestinalen Blutungen (Darmblutungen) [3].
  • Zöliakie (durch Gluten ausgelöste Erkrankung des Dünndarms) – bei Gewichtsverlust mit chronischer Diarrhö, Malabsorption (gestörter Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) bzw. Eisenmangel [3].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Ganglion (Überbein) – bei gelenk- bzw. sehnennaher Raumforderung mit typischem zystischem Befund [2].

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Gutartige Neubildungen – abhängig vom betroffenen Organ bzw. Gewebe, z. B. Adenom (gutartiger Drüsentumor) oder Lipom (gutartige Fettgewebsgeschwulst). Klinische bzw. bildgebende Merkmale müssen zur vermuteten Entität passen; eine schmerzlose Raumforderung allein erlaubt keine verlässliche Einordnung als gutartig [2].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Depressive Störung (Depression) – bei Gewichtsverlust durch verminderte Nahrungsaufnahme mit anhaltender Niedergeschlagenheit bzw. Interessenverlust; organische Warnbefunde müssen unabhängig davon bewertet werden [3].

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Hämatom (Bluterguss), traumatisch – bei neu aufgetretener Raumforderung nach Verletzung. Fehlende Rückbildung, Größenzunahme oder solide Anteile sprechen gegen eine unkritische Zuordnung als Hämatom [2].

Medikamente

  • Arzneimittelbedingter Gewichtsverlust – bei zeitlichem Zusammenhang mit Therapiebeginn bzw. Dosissteigerung und begleitender Appetitminderung, Übelkeit oder Geschmacksstörung [3].
  • Arzneimittelbedingte Lymphknotenvergrößerung – bei passendem zeitlichem Zusammenhang, insbesondere zusammen mit Exanthem (Hautausschlag) bzw. anderen Zeichen einer Arzneimittelüberempfindlichkeit [1].

Abkürzungsverzeichnis

  • HIV – humanes Immundefizienzvirus.
  • ICD-10 – Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision.

Literatur

  1. Falk N, Joseph R, Dieujuste M: Lymphadenopathy: Evaluation and Differential Diagnosis. Am Fam Physician. 2025;112(3):286-293. Volltextzugang.
  2. Bhangle DS, Sun K, Wu JS: Imaging Features of Soft Tissue Tumor Mimickers: A Pictorial Essay. Indian J Radiol Imaging. 2022;32(3):381-394. doi: 10.1055/s-0042-1756556.
  3. Bosch X, Monclús E, Escoda O et al.: Unintentional weight loss: Clinical characteristics and outcomes in a prospective cohort of 2677 patients. PLoS One. 2017;12(4):e0175125. doi: 10.1371/journal.pone.0175125.