Krebserkrankungen – Krankheitsbedingte Ursachen
Infektionen
Bestimmte persistierende Infektionen sind etablierte Ursachen von Krebserkrankungen. Die Onkogenese (Krebsentstehung) kann durch virale Onkoproteine (krebsfördernde Eiweiße von Viren), chronische Entzündungsprozesse oder eine beeinträchtigte immunologische Tumorkontrolle (Überwachung entarteter Zellen durch das Immunsystem) vermittelt werden. Welche Tumorentitäten (Tumorarten) entstehen können, hängt vom jeweiligen Erreger und weiteren Wirts- und Umweltfaktoren ab [1, 2].
Nach der im September 2026 veröffentlichten IARC-Analyse waren im Jahr 2024 weltweit etwa 2,3 Millionen Krebsneuerkrankungen beziehungsweise 12 % aller Krebsneuerkrankungen Infektionen zuzuschreiben. Diese populationsbezogene Schätzung beschreibt den infektionsattributablen Anteil der Krebsneuerkrankungen und nicht die Erkrankungswahrscheinlichkeit eines einzelnen infizierten Menschen. Die Anteile unterscheiden sich erheblich zwischen Ländern und Regionen [1].
Weltweit führende infektiöse Ursachen von Krebsneuerkrankungen im Jahr 2024; gerundete Schätzwerte [1]
| Erreger | Zurechenbare Krebsneuerkrankungen |
|---|---|
| Helicobacter pylori | 760.000 |
| Humane Papillomviren | 750.000 |
| Hepatitis-B-Virus | 360.000 |
| Epstein-Barr-Virus | 260.000 |
| Hepatitis-C-Virus | 160.000 |
Viren
Die nachfolgende Tabelle nennt wichtige gesicherte Tumorzuordnungen. Bei Erregern mit mehreren onkogenen Typen oder unterschiedlichen tumorbiologischen Wirkungen ist die Zuordnung typ- und entitätsspezifisch zu verstehen [1-3].
| Erreger | Wichtige zugeordnete Tumorentitäten | Einordnung |
|---|---|---|
| Hepatitis-B-Virus (HBV) | Hepatozelluläres Karzinom (Leberzellkrebs) | Chronische Infektion; eine Tumorentstehung ist auch ohne vorbestehende Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) möglich [2]. |
| Hepatitis-C-Virus (HCV) | Hepatozelluläres Karzinom; bestimmte B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphome (bestimmte Formen von Lymphdrüsenkrebs) | Für das hepatozelluläre Karzinom sind insbesondere die chronische Leberschädigung und Leberzirrhose bedeutsam [2]. |
| Hepatitis-D-Virus (HDV) | Hepatozelluläres Karzinom | Die Infektion setzt eine gleichzeitige HBV-Infektion voraus. Seit 2025 als IARC-Gruppe-1-Karzinogen (beim Menschen nachweislich krebserzeugender Faktor) eingestuft [3]. |
| Onkogene humane Papillomviren (HPV) | Zervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs) sowie HPV-bedingte Anteile der Anal-, Vulva-, Vaginal-, Penis- und Oropharynxkarzinome (Krebserkrankungen des Afters, der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, der Scheide, des Penis und des Mundrachens) | Eine persistierende Infektion mit einem onkogenen HPV-Typ ist entscheidend. Die relevanten Typen umfassen mehr als HPV 16 und 18; der infektionsbedingte Anteil unterscheidet sich zwischen den Tumorlokalisationen [1, 2]. |
| Epstein-Barr-Virus (EBV; humanes Herpesvirus 4) | Nasopharynxkarzinom (Nasenrachenkrebs); EBV-positive Magenkarzinome (Magenkrebserkrankungen); bestimmte Burkitt-, Hodgkin-, weitere B-Zell- und extranodale NK/T-Zell-Lymphome (bestimmte Krebserkrankungen von Abwehrzellen, teilweise außerhalb der Lymphknoten) | Die Zuordnung betrifft definierte EBV-assoziierte Tumoren und nicht sämtliche Fälle der genannten Erkrankungen [1, 2]. |
| Kaposi-Sarkom-assoziiertes Herpesvirus (KSHV; humanes Herpesvirus 8) | Kaposi-Sarkom (Krebserkrankung von Zellen der Gefäßauskleidung); primäres Effusionslymphom (seltene Form von Lymphdrüsenkrebs mit Tumorzellen in Körperhöhlenflüssigkeiten) | Eine zusätzliche Immunsuppression (Schwächung der Immunabwehr), insbesondere bei unbehandelter HIV-Infektion, begünstigt die Tumorentstehung [2]. |
| Humanes T-lymphotropes Virus Typ 1 (HTLV-1) | Adulte T-Zell-Leukämie beziehungsweise adultes T-Zell-Lymphom (Krebserkrankung bestimmter Abwehrzellen bei Erwachsenen) | Die Erkrankung entsteht nur bei einem Teil der Infizierten und typischerweise nach langer Latenz. Eine pauschale Überlebensangabe ist wegen unterschiedlicher klinischer Subtypen nicht sachgerecht [2]. |
| Merkelzell-Polyomavirus (MCPyV) | Viruspositives Merkelzellkarzinom (seltene aggressive Form von Hautkrebs) | Seit 2025 als IARC-Gruppe-1-Karzinogen eingestuft. Daneben bestehen virusnegative Merkelzellkarzinome [3]. |
| Humanes Immundefizienzvirus Typ 1 (HIV-1) | Insbesondere Kaposi-Sarkom, bestimmte Non-Hodgkin-Lymphome und Zervixkarzinom | Die onkogene Wirkung erfolgt wesentlich über Immunsuppression und eine verminderte Kontrolle anderer onkogener Infektionen [1, 2]. |
Beachte: Die IARC-Einstufung als Gruppe 1 bezeichnet einen gesicherten krebserzeugenden Einfluss beim Menschen. Sie bedeutet weder, dass jede Infektion zu Krebs führt, noch, dass die Erkrankungsrisiken aller entsprechend eingestuften Erreger gleich hoch sind [2, 3].
Bakterien
| Erreger | Gesicherte Tumorzuordnungen | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Helicobacter pylori | Adenokarzinom des Magens (Magenkrebs aus Drüsenzellen), insbesondere außerhalb der Kardia (Mageneingang); gastrales MALT-Lymphom (Krebserkrankung des lymphatischen Gewebes der Magenschleimhaut) | Die chronische Infektion kann eine atrophische Gastritis (Magenschleimhautentzündung mit Verlust von Drüsengewebe) und intestinale Metaplasie (Umbildung der Magenschleimhaut in darmähnliches Gewebe) fördern. Diese Veränderungen sind für die Entstehung eines Teils der Magenkarzinome bedeutsam [2, LL1]. |
Die Eradikation (vollständige Beseitigung des Erregers) von Helicobacter pylori senkt das spätere Magenkarzinomrisiko; dies wird durch eine aktualisierte Metaanalyse randomisierter Studien und Beobachtungsstudien gestützt. Bei bereits bestehenden fortgeschrittenen Schleimhautveränderungen bleibt ein relevantes Restrisiko bestehen. Die Indikation zu weiterführender Überwachung richtet sich nach dem individuellen Risikoprofil und dem Schleimhautbefund [4, LL1].
Parasiten
| Erreger | Gesicherte Tumorzuordnung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Clonorchis sinensis | Cholangiokarzinom (Gallengangskrebs) | Chronischer Befall der Gallenwege durch den Chinesischen Leberegel [2]. |
| Opisthorchis viverrini | Cholangiokarzinom | Chronischer Befall der Gallenwege durch einen Leberegel; besonders relevant in endemischen Regionen Südostasiens [2]. |
| Schistosoma haematobium | Harnblasenkarzinom (Harnblasenkrebs), insbesondere Plattenepithelkarzinom (Krebs aus flachen Deckzellen) | Chronische urogenitale Schistosomiasis (durch Saugwürmer verursachte Erkrankung der Harn- und Geschlechtsorgane) mit anhaltender Entzündung der Harnblasenwand [2]. |
Chronisch entzündliche Erkrankungen
Auch nichtinfektiöse chronisch entzündliche Erkrankungen können das Krebsrisiko erhöhen. Besonders gut belegt ist das erhöhte Risiko für ein kolorektales Karzinom (Dickdarm- oder Enddarmkrebs) bei länger bestehender Colitis ulcerosa (chronisch entzündlicher Erkrankung des Dickdarms) oder Morbus Crohn (chronisch entzündlicher Erkrankung des Verdauungstrakts) mit Kolonbefall (Beteiligung des Dickdarms). Relevant sind insbesondere Krankheitsdauer, Ausdehnung und kumulative entzündliche Aktivität. Eine gleichzeitig bestehende primär sklerosierende Cholangitis (chronische Entzündung und Vernarbung der Gallenwege) erhöht das kolorektale Karzinomrisiko zusätzlich [LL2].
Die Risikobeurteilung und endoskopische Überwachung erfolgen krankheits- und risikoadaptiert. Für diese Bewertung sind die konkrete Grunderkrankung und ihre Entzündungsaktivität maßgeblich; die unspezifische Bezeichnung „silent inflammation“ ersetzt keine entsprechende Diagnose [LL2].
Weitere Hinweise
Infektionen vor einer Krebsdiagnose: Eine japanische Fall-Kontroll-Studie auf Grundlage von Versicherungsdaten fand bei später an Krebs erkrankten Personen häufiger dokumentierte Infektionen vor der Diagnose. Dieser Zusammenhang belegt keine ursächliche Krebsentstehung durch gewöhnliche Atemwegs- oder Magen-Darm-Infektionen. Bei der Interpretation sind unter anderem eine bereits bestehende, noch nicht diagnostizierte Tumorerkrankung und Unterschiede in der medizinischen Inanspruchnahme zu berücksichtigen [5].
Bovine Meat and Milk Factors (BMMF): Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen BMMF und Krebserkrankungen des Menschen ist nicht belegt. Die gemeinsame Bewertung von Bundesinstitut für Risikobewertung und Max Rubner-Institut stützt weder ihre Einordnung als neue Klasse von Krankheitserregern noch die Darstellung als gesicherte infektiöse Krebsursache [6].
Ansatzpunkte der Prävention
| Risikokonstellation | Evidenzbasierter Ansatz |
|---|---|
| HPV- und HBV-Infektionen | Impfprävention sowie Maßnahmen zur Verminderung der Erregerübertragung [1]. |
| Helicobacter-pylori-Infektion | Indikationsgerechte Diagnostik und Eradikation; Kontrolle des Behandlungserfolgs [4, LL1]. |
| HBV-, HCV- und HIV-Infektionen | Frühzeitige Erkennung und indikationsgerechte antivirale beziehungsweise antiretrovirale Behandlung [1]. |
| Chronisch entzündliche Darmerkrankungen mit Kolonbefall | Kontrolle der entzündlichen Aktivität und risikoadaptierte endoskopische Überwachung [LL2]. |
Abkürzungen
- BMMF: Bovine Meat and Milk Factors.
- DGVS: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.
- EBV: Epstein-Barr-Virus.
- ECCO: European Crohn’s and Colitis Organisation.
- HBV: Hepatitis-B-Virus.
- HCV: Hepatitis-C-Virus.
- HDV: Hepatitis-D-Virus.
- HIV: Humanes Immundefizienzvirus.
- HPV: Humane Papillomviren.
- HTLV-1: Humanes T-lymphotropes Virus Typ 1.
- IARC: International Agency for Research on Cancer; Internationale Agentur für Krebsforschung.
- KSHV: Kaposi-Sarkom-assoziiertes Herpesvirus.
- MALT: Mucosa-associated lymphoid tissue; schleimhautassoziiertes lymphatisches Gewebe.
- MCPyV: Merkelzell-Polyomavirus.
- NK: Natürliche Killerzellen.
Literatur
- Rumgay H, Georges D, Huang Y et al.: Global burden of cancer attributable to infections in 2024: a worldwide incidence analysis. Lancet Oncol. 2026;27(10):1237-1248. doi: 10.1016/s1470-2045(26)00307-4.
- International Agency for Research on Cancer: Biological Agents. IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans. Volume 100B. Lyon: IARC; 2012. Volltext und Einzelbewertungen.
- Karagas MR, Kaldor J, Michaelis M et al.: Carcinogenicity of hepatitis D virus, human cytomegalovirus, and Merkel cell polyomavirus. Lancet Oncol. 2025;26(8):994-995. doi: 10.1016/s1470-2045(25)00403-6.
- Ford AC, Yuan Y, Park JY et al.: Eradication Therapy to Prevent Gastric Cancer in Helicobacter pylori-Positive Individuals: Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials and Observational Studies. Gastroenterology. 2025;169(2):261-276. doi: 10.1053/j.gastro.2024.12.033.
- Inaida S, Matsuno S: Previous Infection Positively Correlates to the Tumor Incidence Rate of Patients with Cancer. Cancer Immunol Res. 2020;8(5):580-586. doi: 10.1158/2326-6066.cir-19-0510.
- Bundesinstitut für Risikobewertung, Max Rubner-Institut: Neue Erkenntnisse zu „Bovine Meat and Milk Factors“ (BMMF). Gemeinsame Stellungnahme Nr. 036/2022 vom 30. November 2022. Volltext der Stellungnahme.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit. (AWMF-Registernummer: 021 - 001), Juli 2022, Version 4.0. Leitlinientext der DGVS [LL1].
- Gordon H, Biancone L, Fiorino G et al.: ECCO Guidelines on Inflammatory Bowel Disease and Malignancies. J Crohns Colitis. 2023;17(6):827-854. doi: 10.1093/ecco-jcc/jjac187 [LL2].