Reiseassoziierte Thrombose
Eine reiseassoziierte Thrombose beschreibt die Bildung eines Thrombus (Blutgerinnsels) in einer Vene, häufig in den tiefen Beinvenen (tiefe Venenthrombose, TVT). Durch den Verschluss der Vene kann es zu einer Schwellung, Schmerzen und Rötung kommen. Das gefährlichste Risiko besteht in der Lungenembolie, wenn sich ein Teil des Thrombos löst und über den Blutkreislauf in die Lunge gelangt [1].
Warum steigt das Risiko auf Reisen?
Die Entstehung eines Thrombus wird durch die sogenannte Virchow-Trias erklärt. Auf Langstreckenreisen – insbesondere im Flugzeug – können einzelne Faktoren dieser Trias verstärkt auftreten und dadurch das Thromboserisiko erhöhen:
- Gefäßwandschäden – vorbestehend durch Entzündungen, Verletzungen, Arteriosklerose (Atherosklerose/Arterienverkalkung) oder nach operativen Eingriffen; sie werden durch die Reise selbst in der Regel nicht ausgelöst, können aber als Risikofaktor bestehen.
- Verlangsamter Blutfluss – begünstigt durch langes Sitzen mit gebeugten Beinen, geringe Bewegungsmöglichkeiten, Immobilisation nach Operationen, Varizen (Krampfadern) oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche) [1].
- Erhöhte Gerinnungsbereitschaft (Hyperkoagulabilität) – z. B. infolge genetischer Gerinnungsstörungen, Hormontherapie, Dehydration (Austrocknung) oder bestimmter Erkrankungen/Tumoren [5].
Risikogruppen
Mittleres Risiko
Personen mit folgenden Faktoren haben ein deutlich erhöhtes, aber noch moderates Risiko [1-3]:
- Alter über 40 Jahre
- Adipositas
- Rauchen
- Varizen (Krampfadern)
- Polyzythämie (myeloproliferative Erkrankung mit erhöhter Zahl roter Blutkörperchen)
- Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Zustand nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt)
- Lähmung der Beine
- Frische Verletzungen der Beine (< 7 Wochen)
- Kleiner operativer Eingriff vor < 4 Tagen
- Hormontherapie/Ovulationshemmer (z. B. "Anti-Baby-Pille")
- Schwangerschaft und Wochenbett
Hohes Risiko
Bei folgenden Faktoren ist eine ausgeprägte Risikoerhöhung zu erwarten [1, 2, 5]:
- Alter über 70 Jahre
- Erbliche Thrombose-Neigung
- Faktor-V-Leiden-Mutation (APC-Resistenz)
- Faktor-II-Mutation
- Vorangegangene Thrombose oder Lungenembolie (auch relevante Familienanamnese)
- Gerinnungsstörungen (z. B. Antiphospholipid-Syndrom)
- Aktive bösartige Tumorerkrankungen
- Zustand nach Apoplex (Schlaganfall)
- Größerer Eingriff/Verletzung vor < 7 Wochen, vor allem an der unteren Extremität, dem Becken oder dem Bauchraum
- Kombination aus Hormontherapie/Ovulationshemmer und Rauchen
Wichtige Laborbefunde als unabhängige Risikofaktoren [5]
- Antiphospholipid-Antikörper (APS)
- Antithrombin-III-Mangel
- Disseminierte intravasale Koagulopathie (DIC)
- Dysfibrinogenämie
- Faktor-V-Leiden-Mutation (APC-Resistenz)
- Faktor-II-Mutation (Prothrombin-Mutation)
- Hyperhomocysteinämie
- Hyperkoagulabilität
- Protein-C-Mangel
- Protein-S-Mangel
Maßnahmen zur Risikoreduktion
Allgemein – für alle Reisenden sinnvoll:
- Viel trinken, aber kein Alkohol (Vermeidung von Dehydration/Austrocknung)
- Regelmäßig aufstehen und umhergehen → mindestens alle 1-2 Stunden
- Beine nicht übereinanderschlagen
- Fußgymnastik (Venengymnastik) – Beine und Füße wenigstens einmal pro Stunde strecken → Betätigung der "Venenpumpe":
- Fußkreisen
- Zehen spreizen und krallen
- Füße wippen, bis die Waden arbeiten
- Freiraum für die Beine lassen (kein vollgestellter Fußraum)
- Vermeidung von Sedativa (Beruhigungsmittel) und Hypnotika (Schlafmittel) → verstärken Immobilisation [4]
- Gangplatz bevorzugen (mehr Bewegungsfreiheit) [3]
Bei mittlerem Risiko zusätzlich:
-
Medizinische Kompressionsstrümpfe (optimal: Klasse 1-2, knielang oder Strumpfhose) [1, 2]
→ Evidenzlage stabil: deutliche Reduktion von Schwellungen und TVT-Risiko
Bei hohem Risiko zusätzlich:
- Medikamentöse Thromboseprophylaxe (z. B. mit niedermolekularem Heparin) [2, 5]
- Applikation gemäß ärztlicher Empfehlung
- Korrekte Lagerung von Heparin beachten
- Vor Reiseantritt ärztliche Einschätzung der individuellen Risikosituation
Ausführliche Informationen zu Symptomen, Diagnose, Therapie und Prävention einer Thrombose finden sich im Kapitel "Krankheiten".
Literatur
- Johnson IM, Shatzel J, Olson S, Kohl T, Hamilton A, DeLoughery TG: Travel-associated venous thromboembolism. Wilderness Environ Med. 2022;33(2):174-184. doi:10.1016/j.wem.2022.02.004.
- British Society for Haematology (BSH): Addendum to Guidelines on travel-related venous thrombosis. British Journal of Haematology. 2010; 152:31-34.
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Deep Vein Thrombosis and Pulmonary Embolism.
- The Blood Project: Air travel and venous thromboembolism. Nov 26 2024.
- Linnemann et al.: Management of deep vein thrombosis: An update based on the Revised AWMF S2k Guideline. Hamostaseologie 2024;44:97-110.