Einnahme von Medikamenten bei Reisen über mehrere Zeitzonen
Reisen über mehrere Zeitzonen (Langstreckenflug, Ost-/Westflüge) können den gewohnten Einnahmerhythmus wichtiger Dauermedikamente durcheinanderbringen. Entscheidend ist, dass in keinem 24-Stunden-Zeitraum mehr als die übliche Tagesdosis eingenommen bzw. gespritzt wird – ein etwas längerer Abstand zwischen zwei Dosen ist in der Regel sicherer als ein zu kurzer Abstand [1, 3].
Grundprinzipien bei Zeitverschiebung [1, 6]:
- Bei Zeitunterschieden ≤ 2-3 Stunden ist meist keine Anpassung nötig. Die Medikamente können einfach zur gewohnten „Heimatzeit“ eingenommen werden.
- Bei größeren Zeitverschiebungen (> 3-4 Stunden) sollte ein Plan erstellt werden, wie der Einnahmerhythmus schrittweise an die Ortszeit angepasst wird, ohne die Tagesgesamtdosis zu überschreiten.
- Für alle Veränderungen gilt: Möglichst vor der Reise mit behandelnder Praxis/Diabetesteam/Gynäkologie absprechen. Die Empfehlungen unten sind Faustregeln und ersetzen keine individuelle Therapieplanung.
Orale Antidiabetika
Orale Antidiabetika (z. B. Metformin, DPP-4-Hemmer, SGLT-2-Hemmer, Sulfonylharnstoffe) haben eine lange Wirkdauer. Grundsätzlich gilt:
Flug nach Westen (Tag wird länger)
→ Einnahme nicht verändern.
→ Mahlzeiten liegen weiter auseinander.
→ Bei zusätzlicher großer Mahlzeit: Vorsicht bei Sulfonylharnstoffen wegen Hypoglykämie (Unterzuckerung) [1, 3].
Flug nach Osten (Tag wird kürzer)
→ Da Mahlzeiten enger zusammenliegen oder eine Mahlzeit entfällt, ist es sicherer, eine Einnahme auszulassen, statt die Intervalle zu verkürzen [1, 3].
→ Metformin kann in der Regel unverändert weitergenommen werden, da das Hypoglykämierisiko gering ist [1].
Insulin
Bei Insulin ist die Anpassung entscheidend, weil sich die Länge des „Insulin-Tages“ durch die Reise ändert. Grundsätzlich gilt [1, 2, 4]:
- nach Westen → Tag wird länger → mehr Basalinsulin
- nach Osten → Tag wird kürzer → weniger Basalinsulin, um Überlappungen und Hypoglykämien zu vermeiden
Flug nach Westen (Tag verlängert sich)
- Tag ist um x Stunden länger (z. B. 6 Stunden bei Flug Europa → USA)
- Höhere Basalinsulinmenge: pro Stunde Zeitverschiebung 1/24 mehr Basalinsulin
- Faustregel für Basalinsulin [1, 2]:
- tägliche Basalinsulindosis ÷ 24 × zusätzliche Stunden = Zusatzmenge Basalinsulin (einmalig am Reisetag)
- Beispiel: 24 I. E. Basalinsulin/Tag, 6 Zeitzonen nach Westen → 24 I. E. ÷ 24 × 6 = 6 I. E. zusätzlich (insgesamt 30 I. E. auf zwei Dosen verteilt o. ä.).
- Zusätzlich:
- Vor dem Flug Basalinsulin in üblicher Dosis spritzen
- Während des Flugs: zusätzliche Snacks mit schnell wirksamen Bolusinsulinen abdecken
- Nach Ankunft: Basalinsulin zur „gewohnten Uhrzeit“, jetzt in Ortszeit, injizieren.
Flug nach Osten (Tag wird kürzer)
- Tag ist um x Stunden kürzer (z. B. 6 Stunden bei USA → Europa)
- Die Dosis des Mischinsulins zum Abendessen oder des Langzeitinsulins zum Schlafengehen kann leicht reduziert werden, da ja die Injektionszeiten durch die Zeitverschiebung enger zusammenliegen.
- Faustregel für Basalinsulin [2]:
- tägliche Basalinsulindosis ÷ 24 × verkürzte Stunden = Reduktionsmenge der nächsten Basaldosis
- Beispiel: 24 I. E. Basalinsulin/Tag, 6 Zeitzonen nach Osten → 24 I. E. ÷ 24 × 6 = 6 I. E. weniger (einmalige Reduktion auf 18 I. E.)
- Zusätzlich:
- Vor Abflug: Wenn der Tag um > 8 Stunden kürzer wird, kann die Basaldosis leicht reduziert werden [1].
- Während des Flugs: schnell wirksame Insuline je nach Blutzucker einsetzen.
- Nach Ankunft: Basalinsulin zur neuen Ortszeit verabreichen.
Reisen über > 4-5 Zeitzonen
Hier empfehlen einige Autoren, neben der einmaligen Basaldosisanpassung häufiger mit Bolusinsulin zu arbeiten, weil die Mahlzeiten unregelmäßig sind [1, 3]. Zudem werden häufige Blutzuckerkontrollen angeraten.
Kurzreisen
Bei Kurzreisen (< 3 Tage) kann der Insulinplan unverändert bleiben [1]. Es kann sinnvoll sein, die Uhr während der Reise auf „Heimatzeit“ zu lassen und die Insulindosen wie gewohnt zu spritzen.
Insulinpumpen (CSII)
- Pumpe während des Flugs weiter auf Heimatzeit laufen lassen.
- Nach Ankunft Uhrzeit auf Ortszeit umstellen.
- Bei sehr großer Zeitverschiebung kann ein stufenweiser Zeitwechsel sinnvoll sein [1, 6].
Diese Empfehlungen werden mehrfach in klinischen Leitfäden bestätigt [1, 3, 6]:
- Hypoglykämie-Notfallset ins Handgepäck: Traubenzucker, Saft, Glukagonset
- Blutzucker alle 2-4 Stunden, besonders während Langstreckenflügen.
- Blutzucker eher im oberen Zielbereich (8-11 mmol/l bzw. 145-200 mg/dl) halten, um Hypoglykämien zu vermeiden [3].
- Zeitverschiebungen < 4 Stunden: Therapie unverändert [1]
- Flüssigkeitszufuhr sicherstellen, Alkohol und Schlafmangel vermeiden.
Kontrazeptiva (Empfängnisverhütungsmittel)
Bei Reisen über mehrere Zeitzonen und einem Zeitunterschied von mehr als 10 Stunden sollte der Einnahmerhythmus für Kontrazeptiva an die Ortszeit des Reiselandes angepasst werden. Zwischen zwei Pillen sollten nicht deutlich mehr als 24 Stunden liegen. Je nach Präparat besteht eine gewisse Toleranz („Zeitfenster“) [7-9].
Kombinationspräparate (Östrogen-Gestagen)
-
Einnahmeintervall kann einmalig auf max. 36 Stunden verlängert werden [7, 8].
Flug nach Westen (Tag wird länger)
→ Tag wird um ≥ 6 Stunden länger.
→ Möglichkeit A: einmalige Einnahme später (innerhalb 36-Stunden-Fenster).
→ Möglichkeit B: eine zusätzliche Pille, um das Intervall < 24 Stunden zu halten [8].
Flug nach Osten (Tag wird kürzer)
→ Pille lieber früher nehmen.
→ Bei Unsicherheit 7 Tage zusätzlich verhüten [7].
Minipille (Gestagen-Monotherapie)
-
Einnahmefenster: maximal 27 Stunden zwischen zwei Tabletten [7].
Zeitverschiebung > 3 Stunden
→ Nach ca. 12 Stunden eine Zwischentablette nehmen.
→ Anschließend zur Ortszeit weitermachen [7].
Wichtig: Bei Überschreitung des Zeitfensters:
→ 7 Tage zusätzlich verhüten [7, 9].
Allgemeine Hinweise für alle Medikamente
- Medikamente ins Handgepäck (nicht in den Frachtraum).
- Ärztliche Bescheinigung (deutsch/englisch) mitführen.
- Genügend Vorrat + Reserve (1-2 Wochen).
- Keine Therapieumstellung unmittelbar vor Reisebeginn.
- Liste mit Wirkstoffen, Dosis, Einnahmezeiten (Heimatzeit) mitnehmen.
[1, 3, 6]
Literatur
- Pavela J, Suresh R, Blue RS et al.: Management of diabetes during air travel: a systematic literature review of current recommendations and their supporting evidence. Endocr Pract. 2018 Feb;24(2):205-219. doi: 10.4158/EP171954.RA.
- Pinsker JE, Becker E, Mahnke CB, Ching M, Larson NS, Roy D: Extensive clinical experience: a simple guide to basal insulin adjustments for long-distance travel. J Diabetes Metab Disord. 2013 Dec 20;12(1):59. doi: 10.1186/2251-6581-12-59.
- Nassar AA, Cook CB, Edelman SV: Diabetes management during travel. Diabetes Manage. 2012;2(3):205-212.
- Chandran M, Edelman SV: Have insulin, will fly: diabetes management during air travel and Time Zone Adjustment Strategies. Clin Diabetes. 2003;21(2):82-85. doi: 10.2337/diaclin.21.2.82.
- Rajkumar V: Travel with diabetes: A comprehensive review for Clinicians. Dubai Diabetes Endocrinol J. 2022;28:121-130. doi: 10.1159/000527144.
- CDC Yellow Book 2026 – Travelers with chronic illnesses. Health Care Providers. Apr. 23, 2025.
- Bedsider: I'm traveling to a different time zone. How can I figure out when to take my pill? Nov 03, 2021, updated Aug 28, 2025.
- Hunter K: Navigating Time Zones and Birth Control on Your Summer Travels. Planned Parenthood. May 7, 2024.
- Planned Parenthood: Birth control pill.