Reiseempfehlungen für Personen mit Luftkrankheit
Bei der Luftkrankheit handelt es sich um eine Form der Reisekrankheit, bei der durch die Bewegung und Beschleunigung eines Flugzeugs sowie durch die Diskrepanz zwischen vestibulärem (Innenohr) und visuellem Input Symptome wie Vertigo (Schwindel), Nausea (Übelkeit), Erbrechen, Müdigkeit, Konzentrations- und Antriebsschwäche auftreten können. Kurz gesagt: Das Gehirn empfängt widersprüchliche Signale von Gleichgewichtsorgan, visuellem System und Propriozeption (Eigenwahrnehmung des Körpers). Daraus können Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit resultieren [1, 2].
Eine fundierte Vorbereitung kann helfen, die Symptome deutlich zu reduzieren.
Vorbereitung vor dem Flug
- Nicht mit leerem Magen starten: Ein leerer Magen kann die Empfindlichkeit gegenüber Übelkeit erhöhen. Stattdessen eine leichte Mahlzeit vor dem Abflug einnehmen (z. B. Obst, Gemüse, Salat, Zwieback, Kekse) [5].
- Vermeidung schwerer, fettiger, sehr gewürzter oder stark alkoholischer Mahlzeiten vor und während des Flugs: Diese können die Magentätigkeit sowie das Allgemeinbefinden negativ beeinflussen.
- Ausreichende Hydration: Trinken Sie regelmäßig Wasser; vermeiden Sie stark koffeinhaltige oder alkoholische Getränke, die das Gleichgewicht und die Kreislaufsituation ungünstig beeinflussen können [5].
- Ausreichend Schlaf/gute Erholung: Müdigkeit erhöht das Risiko für Müdigkeit, Apathie bei Bewegungskrankheit.
- Frühzeitige Planung von Sitzplatz und Bewegungsmöglichkeiten (siehe Abschnitt "Sitzwahl").
- Gleichgewichtstrainings bzw. Gewöhnung: Bei starker Empfänglichkeit kann eine gezielte Habituation durch Vestibulartraining – also durch wiederholte kontrollierte Stimulation des Gleichgewichtssystems – sinnvoll sein (z. B. bei Berufspiloten).
Sitz‐ und Blickwahl im Flugzeug
- Sitzplatz im Flugzeug: Wählen Sie einen Sitz in der Nähe der Tragflächen bzw. im mittleren Bereich des Rumpfes – hier ist die Bewegung durch Turbulenzen vergleichsweise geringer. Mehrere Hinweise bestätigen, dass der hintere Teil des Flugzeugs stärker schwankt [5].
- Gang- oder Fensterplatz? Ein Gangplatz kann Bewegungsfreiraum bieten; ein Fensterplatz ermöglicht freien Blick nach außen – wichtig ist, möglichst einen fixen Bezugspunkt (Horizont oder Außenblick) zu haben [2].
- Blickführung: Versuchen Sie, im Flugzeug einen stabilen Referenzpunkt zu fixieren, z. B. durch Blick nach außen auf den Horizont oder bei geschlossenen Augen auf einen festen Punkt [1]. Vermeiden Sie längeres Lesen, Bildschirm‐ oder Handybenutzung, da visuelle Bewegungskonflikte das Risiko steigern [2].
- Luftzirkulation im Sitzbereich: Eine leichte Frischluftzufuhr kann das Unwohlsein vermindern (z. B. Sitzplatz nahe Lüftungsdüse).
- Freie Bein‐ und Armmöglichkeit: Vermeiden Sie starre Körperhaltung, bewegen Sie Arme/Beine zwischendurch – das unterstützt die Propriozeption (Eigenwahrnehmung des Körpers) und kann die Symptome mindern.
Ernährung und kleine Hilfsmittel während des Flugs
- Leichte Kost während des Flugs: Kleine Snacks wie Zwieback, Salzstangen, Obst – vermeiden Sie große Mahlzeiten direkt vor oder zu Beginn des Flugs.
- Ingwer (Ginger): Studien zeigen, dass Ingwer (z. B. als Tee oder Kapsel) bei Reisekrankheit helfen kann. Empfehlenswert sind Ingwertee oder ein kleines Stück frischer Ingwer [3].
- Vitamin B1-reiches Essen (bei Gleichgewichtsproblemen): Empfohlen werden Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Fisch, Schweinefleisch – da Vitamin B1 (Thiamin) eine Rolle im Energiestoffwechsel des Nervensystems und Gleichgewichtsorganen spielen kann [1].
- Vermeidung von übermäßiger Kohlenhydrat‐ oder Zuckerlast direkt vor dem Flug, da schnelle Blutzuckerschwankungen das Unwohlsein verstärken können.
- Keine großen Mengen kohlensäurehaltiger Getränke: Kohlensäure kann durch Gasbildung im Magen‐Darm‐Trakt das Unwohlsein verstärken.
Medikamentöse und nicht‐medikamentöse Optionen
- Medikamente wie Antihistaminika (Allergiemittel), Anticholinergika (Wirkstoffe gegen Übelkeit und Schwindel) oder Antiemetika (Mittel gegen Erbrechen) einsetzen, z. B. Reise-Kaugummi mit Dimenhydrinat [4].
- Alternativ oder ergänzend: Akupressur‐Bänder (z. B. P6-Punkt am Handgelenk) [1]
- Nicht-medikamentöse Verfahren: Dazu gehören gezielte Blick‐ und Kopfsteuerung, aktive Kopfneigung bei Kurven (bekannt aus der Automobilforschung).
- Beachte: Sprechen Sie mit einem Arzt oder Reisemediziner, wenn z. B. Glaukom (Grüner Star), Prostatahyperplasie (Prostatavergrößerung), Leber-/Niereninsuffizienz (Leber-/Nierenschwäche) oder eine Schwangerschaft vorliegt [5].
Verhalten während des Flugs
- Fixieren Sie einen stabilen Blickpunkt (z. B. Außenblick durch Fenster) oder schließen Sie die Augen für kurze Zeit – Blickbewegungen oder Lektüre sollten reduziert werden.
- Bewegung im Sitz: Lockeres Strecken von Armen/Beinen, ggf. Aufstehen (wenn erlaubt) [2].
- Atmung und Entspannung: Tiefe, ruhige Bauchatmung kann die vegetative Symptomatik (z. B. Schweiß, Übelkeit) lindern [1].
- Frische Luft über Lüftungsdüse: Leicht kühler Luftstrom kann das Unwohlsein reduzieren [5].
- Schlaf-/Ruhephasen: Wenn möglich, ruhen Sie sich aus – Müdigkeit verschlechtert die Symptome.
- Frühzeitig handeln: Sobald erste Symptome auftreten (z. B. leichtes Unwohlsein, Gähnen, Blässe) – frühzeitig vorbeugende Maßnahmen (z. B. Ingwer, Sitzlage, Medikament) einleiten, da das Beschwerdebild sich schnell verschlechtern kann [1].
Nach dem Flug/Rückresorption
- Nach der Landung ist eine kurze Anpassungsphase üblich – bewegen Sie sich, gehen Sie spazieren, trinken Sie Wasser.
- Dokumentieren Sie ggf. Ihre Symptome beim nächsten Flug – vielleicht ist eine gezielte Trainings- oder Habituationsmaßnahme sinnvoll (siehe Vorbereitung weiter oben).
Wichtige Hinweise für die Praxis
- Individuelle Empfänglichkeit: Manche Menschen sind deutlich stärker betroffen – z. B. mit Migräne-Vorgeschichte, bei hormonellen Schwankungen oder genetischer Prädisposition.
- Kinder/Ältere: Kinder im Alter von etwa 2-12 Jahren haben ein erhöhtes Risiko. Bei Kindern unbedingt Rücksprache mit dem Kinderarzt halten.
- Berufspassagiere, schweres Unwohlsein: Bei wiederkehrenden, starken Symptomen kann vestibuläres Training oder ein Flugspezialist konsultiert werden.
- Medikamente nur nach ärztlicher Rücksprache – gerade bei chronischen Erkrankungen, Schwangerschaft oder Einnahme von anderen Medikamenten.
- Erwartungsmanagement: Ziel ist nicht zwingend absolut symptomfreier Flug, sondern deutliche Linderung und gute Handhabbarkeit der Situation.
Literatur
- Golding JF: Motion sickness. Handb Clin Neurol. 2016:137:371-90. doi: 10.1016/B978-0-444-63437-5.00027-3.
- Lackner JR: Motion sickness: more than nausea and vomiting. Experimental Brain Research. Volume 232, pages 2493-2510, (2014).
- Ernst E, Pittler MH: Efficacy of ginger for nausea and vomiting: a systematic review of randomized clinical trials. Br J Anaesth. 2000 Mar;84(3):367-71. doi: 10.1093/oxfordjournals.bja.a013442.
- Wood CD, Manno JE, Manno BR, Redetzki HM, Wood MJ, Mims ME: Evaluation of antimotion sickness drugs side effects on performance. Aviat Space Environ Med. 1985 Apr;56(4):310-6.
- U. S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Travelers' Health – Motion Sickness. 2022.