Kabinendruck, Luftfeuchtigkeit und Infektionsgefahr
Flugreisen stellen für den menschlichen Körper besondere Anforderungen dar, weil die Bedingungen an Bord eines Flugzeugs deutlich von denen am Boden abweichen. Der Kabinendruck entspricht einer Höhe von bis zu 2.400 Metern, die Luft ist extrem trocken und die räumliche Nähe zu anderen Passagieren verändert das Risiko für Infektionen. Für gesunde Menschen sind diese Anpassungen meist problemlos. Personen mit Atemwegs-, Herz- oder HNO-Erkrankungen, aber auch Kinder oder ältere Menschen, können jedoch deutlich empfindlicher reagieren.
Ein gutes Verständnis der physiologischen Veränderungen an Bord hilft dabei, Beschwerden vorzubeugen, Risiken richtig einzuschätzen und nötige Maßnahmen schon vor dem Flug zu treffen.
Kabinendruck
In großer Flughöhe kann der Druck im Flugzeug nicht auf den Normaldruck von 1 bar stabilisiert werden. Der Kabinendruck entspricht typischerweise einer Höhe von etwa 2.000-2.400 m über dem Meeresspiegel. Dadurch sinkt der Sauerstoffpartialdruck um etwa 25-30 %, was zu einer leichten, physiologisch überwiegend gut tolerierten Hypoxie (verminderte Sauerstoffversorgung) führt – bei vielen Passagieren fällt die Sauerstoffsättigung auf 92-95 % ab [1, 4].
Durch die Druckveränderung vergrößert sich das Volumen von Gasen in luftgefüllten Körperräumen (z. B. Mittelohr, Nasennebenhöhlen, Magen-Darm-Trakt). Bei Erkältungen, Schleimhautschwellungen oder Tubenbelüftungsstörungen kann dies Druckschmerz, Ohrenschmerzen oder Barotrauma (Druckschaden im Ohr/Nebenhöhlen) verursachen [1].
Folgende Maßnahmen können die Symptome lindern (vor allem während des Sinkflugs):
- Kaubewegungen (z. B. Kaugummi), häufiges Schlucken oder das Valsalva-Manöver (Nase zuhalten, Mund schließen und vorsichtig gegen die geschlossene Nase ausatmen, als würde man pusten – aber ohne Luft herauszulassen) unterstützen den Druckausgleich.
- Leichte Mahlzeiten vor und während des Fluges verringern gasbedingte Beschwerden.
- Karminativa wie Anis, Kümmel oder Fenchel können bei Neigung zu Blähungen hilfreich sein.
- Bei Erkältung ggf. schleimhautabschwellende Nasentropfen einsetzen.
- Druckausgleichende Ohrstöpsel verwenden.
- Nach einem Tauchgang sollte mindestens 24-48 h gewartet werden.
- Menschen mit schwerer chronischer Lungenerkrankung (z. B. Emphysem (Lungenüberblähung), interstitielle Lungenerkrankung) benötigen ggf. zusätzlich Sauerstoff [1, 4].
Kriterien für Flugtauglichkeit (je nach Erkrankung) [1]:
- SpO₂ ≥ 85 % – Der Sauerstoffgehalt im Blut sollte mindestens 85 % betragen.
- pO₂ ≥ 70 mmHg – Der Sauerstoffdruck im Blut sollte mindestens 70 mmHg betragen.
- FEV₁ ≥ 70 % – FEV₁ bedeutet „forcierte Einsekundenkapazität“ – also, wie viel Luft jemand in einer Sekunde kräftig ausatmen kann. Die Lunge sollte mindestens 70 % der normalen Atemleistung haben.
- Vitalkapazität ≥ 3 l – Die Lunge sollte mindestens 3 Liter Luft fassen und bewegen können.
Die aufgeführten Werte werden nicht im Flugzeug, sondern vorab in der medizinischen Beurteilung erhoben – und zwar in der Regel vom Hausarzt oder einem Lungenfacharzt.
Nicht flugreisetauglich bei [1]:
- Sauerstoffbedarf > 4 l/min während des Fluges
- Pneumothorax innerhalb der letzten 6 Wochen – Ein Pneumothorax bedeutet, dass Luft in den Raum zwischen Lunge und Brustwand gelangt ist – dorthin, wo normalerweise keine Luft sein darf. Dadurch fällt die Lunge teilweise oder vollständig zusammen, weil sie sich nicht mehr richtig ausdehnen kann.
- Akuter Asthmaanfall < 48 Stunden
Luftfeuchtigkeit
Die Kabinenluft ist extrem trocken, da die Außenluft in großer Höhe nahezu keine Feuchtigkeit enthält. Die relative Luftfeuchtigkeit beträgt im Flugzeug oft nur 5-20 %, teilweise sogar darunter [2, 4]. Dadurch kommt es zu:
- Austrocknung der Nasen- und Rachenschleimhaut
- Brennenden oder gereizten Augen
- Verschlechterung des Tränenfilms (besonders bei Kontaktlinsenträgern)
- Erhöhte Infektanfälligkeit, da trockene Schleimhäute weniger Schutz bieten
Empfohlene Maßnahmen:
- Reichlich trinken (bis zu 2-3 l alkoholfreie Getränke, sofern keine Kontraindikationen bestehen).
- Augentropfen/Tränenersatzmittel und Hautpflegeprodukte im Handgepäck mitführen.
- Bei Kontaktlinsen: Brille bevorzugen, da der Tränenfilm in trockener Luft instabil wird.
- Lippenpflege und leichte Feuchtigkeitscremes nutzen.
Infektionsgefahr
Obwohl die Übertragung von Infektionserkrankungen im Flugzeug insgesamt selten ist, bleibt ein gewisses Risiko bestehen – insbesondere bei engem Sitzabstand oder langen Flügen [3-5].
HEPA-Filter und hohe Luftwechselraten senken das Risiko deutlich, dennoch gelten folgende Aspekte:
Erhöhtes Infektionsrisiko bei:
- Direkte Sitznachbarschaft zu erkrankten Personen
- Tröpfchenübertragung (z. B. Husten, Niesen)
- Trockenen Schleimhäuten durch niedrige Luftfeuchtigkeit
- Langen Flugzeiten
Maßnahmen zur Reduktion des Risikos:
- Sitzplatz tauschen, wenn eine offensichtlich kranke Person direkt nebenan sitzt.
- Auf verdächtige Speisen (insbesondere bei Billigfliegern) verzichten.
- Händehygiene beachten (Handdesinfektionsmittel im Handgepäck).
- Bei bekannten Infektionen oder starkem Husten: ärztliche Rücksprache vor der Reise.
- Bei Ausbrüchen/Pandemien kann ein Mund-Nasen-Schutz sinnvoll sein.
Es existiert außerdem eine internationale „Do-Not-Board-Liste“, die infektiöse Reisende – v. a. bei Tuberkulose – vom Flug ausschließt [5].
Literatur
- Hodkinson PD, Smith TG: Implications of the hypobaric cabin environment during commercial air travel for passenger fitness to fly. Thorax. 2024;79(10):897-898. doi: 10.1136/thorax-2024-221468.
- Wang S et al.: A Review of In-Flight Thermal Comfort and Air Quality Status in Civil Aircraft Cabin Environments. Buildings. 2024;14(7):2001. doi: 10.3390/buildings14072001.
- Ruuskanen O, Dollner H, Luoto R, Valtonen M, Heinonen OJ, Waris M: Contraction of Respiratory Viral Infection During Air Travel: An Under-Recognized Health Risk for Athletes. Sports Med-Open. 2024;10:60.
- Wang F, You R, Zhang T, Chen Q: Recent progress on studies of airborne infectious disease transmission, air quality and thermal comfort in the airliner cabin environment. Indoor Air. 2022;32:e13052. doi: 10.1111/ina.13032.
- EASA – European Union Aviation Safety Agency: Comprehensive Analysis of Pathogen Transmission and Mitigation Strategies in Aircraft Cabins: Airflow, Surfaces, and Disinfection. 2025.