Urämie – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verbesserung der urämischen Symptomatik (Harnvergiftung) durch Reduktion urämischer Toxine (harnpflichtige Giftstoffe), Korrektur von Störungen des Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalts (Wasser-, Salz- und pH-Gleichgewicht) sowie Prävention akuter lebensbedrohlicher Komplikationen (schwerwiegende Folgeerkrankungen).
  • Überbrückende symptomatische Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung der Beschwerden) bis zur kausalen Therapie (ursächliche Behandlung) bei gesicherter Diagnose.

Therapieempfehlungen

  • Grundprinzipien:
    • Dosisanpassung aller Arzneimittel an die Nierenfunktion (Leistungsfähigkeit der Niere); Vermeidung nephrotoxischer Substanzen (nierenschädigende Medikamente).
    • Engmaschiges Monitoring (regelmäßige Kontrolle) von Volumenstatus (Flüssigkeitshaushalt), Elektrolyten (Blutsalze) und Säure-Basen-Status (pH-Gleichgewicht); Therapie strikt komplikationsorientiert (auf Komplikationen ausgerichtet).
    • Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung) ersetzt nicht die zeitgerechte Indikationsstellung zur Dialyse (Blutwäsche) bei therapierefraktärer Symptomatik (nicht ausreichend ansprechenden Beschwerden).
  • Therapeutische Zielbereiche (orientierend):
    • Volumenstatus (Flüssigkeitshaushalt): Klinische Euvolämie (ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt).
    • Kalium: sichere Werte ohne arrhythmogene Konstellation (Herzrhythmusstörungen).
    • Bicarbonat: Stabilisierung im unteren Normbereich bei chronischer metabolischer Azidose (Übersäuerung).
    • Phosphat: Senkung erhöhter Werte zur Reduktion CKD-MBD-assoziierter Komplikationen (Knochen- und Mineralstoffstörungen bei Nierenerkrankung).
    • Anämie: symptomorientierte Korrektur bei renaler Anämie (Blutarmut durch Nierenerkrankung).

Wirkstoffe

Hyperhydratation/Lungenödem (Flüssigkeitsüberladung/Wasser in der Lunge) bei Restdiurese (verbliebene Urinproduktion)

Wirkstoff Besonderheiten
Furosemid nur wirksam bei erhaltener Diurese (Urinproduktion); Risiko von Elektrolytstörungen (Blutsalzstörungen) und Volumenmangel; ototoxisch (gehörschädigend) bei hoher intravenöser Gabe
Torasemid längere Wirkdauer als Furosemid; Anpassung an den Volumenstatus (Flüssigkeitshaushalt)
Metolazon (Off-Label-Use) hohes Risiko für Hyponatriämie (Natriummangel) und Hypokaliämie (Kaliummangel); engmaschige Kontrollen erforderlich
  • Wirkweise:
    • Hemmung der Natriumrückresorption in der Niere mit gesteigerter Harnausscheidung und Entlastung des Kreislaufs.
  • Nebenwirkungen:
    • Hypotonie (niedriger Blutdruck), prärenale Nierenfunktionsverschlechterung.
    • Elektrolytstörungen, metabolische Alkalose (Störung des Säure-Basen-Gleichgewichts).
    • Hyperurikämie (erhöhte Harnsäure), Gichtanfälle.

Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel) – akut

Wirkstoff Besonderheiten
Calciumgluconat Stabilisierung der Herzmuskelzellen; senkt den Kaliumwert nicht direkt
Insulin + Glucose verschiebt Kalium in die Körperzellen; Risiko einer Unterzuckerung
Salbutamol zusätzliche Kaliumverschiebung; Herzklopfen und Zittern möglich
Natriumhydrogencarbonat wirksam insbesondere bei gleichzeitiger metabolischer Azidose (Übersäuerung)
  • Wirkweise:
    • Stabilisierung der Herzfunktion und rasche vorübergehende Senkung der Kaliumwirkung im Blut.
  • Nebenwirkungen:
    • Herzrhythmusstörungen, Volumenüberladung, Störungen des Säure-Basen-Haushalts.

Hyperkaliämie – Dauertherapie

Wirkstoff Besonderheiten
Patiromer bindet Kalium im Darm; zeitlicher Abstand zu anderen Medikamenten notwendig
Natrium-Zirkonium-Cyclosilikat schneller Wirkeintritt; mögliche Natriumbelastung mit Wassereinlagerungen
  • Wirkweise:
    • Bindung von Kalium im Magen-Darm-Trakt mit vermehrter Ausscheidung über den Stuhl.
  • Nebenwirkungen:
    • Magen-Darm-Beschwerden, Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumspiegel), Ödeme (Wassereinlagerungen).

Hinweis zur Grenze der Pharmakotherapie

  • Dialyseindikation:
    • Medikamentöse Therapie ist nur überbrückend bei urämischer Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung), therapierefraktärer Hyperkaliämie, schwerer metabolischer Azidose oder Lungenödem.
    • Bei vital bedrohlichen urämischen Komplikationen ist die Dialyse (Blutwäsche) die definitive Therapie.

Leitlinien

  1. KDIGO CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4S):S117-S314 https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.018
  2. KDIGO AKI Work Group. KDIGO Clinical Practice Guideline for Acute Kidney Injury. Kidney Int Suppl. 2012;2(1):1-138
  3. KDIGO CKD-MBD Update Work Group. KDIGO 2017 Clinical Practice Guideline Update for Chronic Kidney Disease–Mineral and Bone Disorder. Kidney Int Suppl. 2017;7(1):1-59. https://doi.org/10.1016/j.kisu.2017.04.001