Urämie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Folgeerkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Urämie (Harnvergiftung) mitbedingt sein können (fokussiert auf urämiespezifische Manifestationen und typische Komplikationspfade bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)).

Atmungssystem (J00-J99)

  • Lungenödem (Flüssigkeitseinlagerung in der Lunge) – v. a. bei Volumenüberladung (Hyperhydratation (Überwässerung)) [1]
  • Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung im Brustfellraum) – häufig im Kontext von Volumenüberladung [8]
  • Pneumonie (Lungenentzündung) – erhöhtes Risiko durch urämieassoziierte Immundysfunktion (Störung der Immunabwehr) (v. a. bei terminaler Niereninsuffizienz (Endstadium der Nierenschwäche)/Dialyse (Blutwäsche)) [1]

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Renale Anämie (Blutarmut bei Nierenerkrankung) – primär Erythropoetinmangel (Mangel an blutbildendem Hormon), zusätzlich funktioneller Eisenmangel/Inflammation (Entzündung) [1]
  • Urämische Thrombozytenfunktionsstörung (Funktionsstörung der Blutplättchen) – Blutungsdiathese (erhöhte Blutungsneigung) trotz oft normaler Thrombozytenzahl [3]
  • Immundysfunktion (Störung der Immunabwehr) – erhöhte Infektanfälligkeit (zellulär und humoral) [1]

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Metabolische Azidose (Übersäuerung des Körpers) [1]
  • Elektrolytstörungen – v. a. Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel) mit Arrhythmierisiko (Risiko für Herzrhythmusstörungen) [1]
  • Sekundärer Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen) und CKD-MBD (chronic kidney disease–mineral and bone disorder (Störung des Mineral- und Knochenstoffwechsels bei Nierenerkrankung)) – Hyperphosphatämie (erhöhter Phosphatspiegel), gestörte Vitamin-D-Aktivierung, Gefäß-/Weichteilkalzifikationen (Verkalkungen) [5]
  • Protein-Energie-Mangelernährung und urämische Kachexie (krankhafte Auszehrung) – Anorexie (Appetitlosigkeit), kataboler Stoffwechsel (Abbauzustand) [1]
  • Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) und Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung) – häufige metabolische Begleitstörungen fortgeschrittener chronischer Nierenkrankheit (Nierenschwäche) [1]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • CKD-assoziierter Pruritus (Juckreiz bei chronischer Nierenerkrankung) (urämischer Pruritus (urämischer Juckreiz)) – häufig, relevant für Lebensqualität und Prognose [4]
  • Xerosis cutis (trockene Haut) – trockene, schuppige Haut (häufig) [4]
  • Calciphylaxie (calcific uremic arteriolopathy (Gefäßverkalkung kleiner Hautarterien)) – schmerzhafte Nekrosen (Gewebsuntergänge) durch arterioläre Kalzifikation/Thrombose (Gefäßverschluss), hohe Letalität (Sterblichkeit) (selten, aber prognostisch ungünstig) [6]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Urämische Perikarditis (Herzbeutelentzündung) und Perikarderguss (Flüssigkeit im Herzbeutel) – bis zur Herzbeuteltamponade (lebensbedrohliche Herzkompression) [7]
  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) und Volumenüberladung – kardiale Dekompensation (Herzversagen)/Herzinsuffizienz (Herzschwäche) [1]
  • Herzrhythmusstörungen – v. a. bei Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel)/Acidose (Übersäuerung) [1]
  • Erhöhte kardiovaskuläre Morbidität (Erkrankungshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) – multifaktoriell (traditionelle und urämiespezifische Risikofaktoren) [1]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Sepsis (Blutvergiftung) – erhöhtes Risiko bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)/Dialyse (Blutwäsche) (Immundysfunktion (Störung der Immunabwehr), Dialysezugänge) [1]
  • Rezidivierende bakterielle Infektionen – insbesondere Atemwege sowie Haut/Weichteile und Zugangsinfektionen [1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Übelkeit und Erbrechen – typische urämische Symptomatik [1]
  • Urämische Gastritis (Magenschleimhautentzündung) – dyspeptische Beschwerden (Verdauungsbeschwerden), Übelkeit [1]
  • Gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt) – begünstigt durch urämische Thrombozytenfunktionsstörung (Funktionsstörung der Blutplättchen) [3]
  • Foetor uraemicus (urämischer Mundgeruch) und urämische Stomatitis (Entzündung der Mundschleimhaut) – bei ausgeprägter Urämie (Harnvergiftung) möglich [1]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Renale Osteodystrophie (Knochenerkrankung bei Nierenschwäche) (Teil des CKD-MBD) – Knochenschmerzen, Frakturrisiko (Risiko für Knochenbruch) [5]
  • Muskelschwäche/Myopathie (Muskelerkrankung) – u. a. im Kontext von Azidose (Übersäuerung), Mangelernährung und Neuropathie (Nervenerkrankung) [1]

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Erworbene zystische Nierenerkrankung (Zystenbildung der Nieren) bei langjähriger Dialyse (Blutwäsche) mit erhöhtem Risiko für Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs) [1]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Urämische Enzephalopathie (Gehirnfunktionsstörung bei Harnvergiftung) – Delir (akuter Verwirrtheitszustand), Krampfanfälle, Koma [2]
  • Urämische Polyneuropathie (Mehrfacherkrankung der peripheren Nerven) – sensomotorische Neuropathie (Störung von Gefühl und Bewegung) (häufiger bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)) [1]
  • Schlafstörungen und Depression (depressive Erkrankung) – häufige, klinisch relevante Komorbidität (Begleiterkrankung) [1]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Erhöhtes Risiko für Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) sowie maternale (mütterliche)/fetale (kindliche) Komplikationen bei fortgeschrittener chronischer Nierenkrankheit (Nierenschwäche); Risiko steigt mit sinkender Nierenfunktion [1]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Müdigkeit und Leistungsminderung – v. a. durch Anämie (Blutarmut), Azidose (Übersäuerung) und Entzündungsaktivität [1]
  • Anorexie (Appetitlosigkeit) und Gewichtsverlust [1]
  • Kognitive Beeinträchtigung (Störung der geistigen Leistungsfähigkeit) bis Delir (Verwirrtheitszustand) [2]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Progression zum terminalen Nierenversagen (Endstadium der Nierenerkrankung) mit Dialysepflichtigkeit (Notwendigkeit einer Blutwäsche) [1]
  • Oligurie/Anurie (stark verminderte/fehlende Urinmenge) im Endstadium bzw. bei akuter Dekompensation (plötzlicher Verschlechterung) [1]
  • Sexualfunktionsstörungen und Fertilitätsstörungen (Fruchtbarkeitsstörungen) – häufig bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) (endokrin-metabolisch bedingt) [1]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Sturz- und Frakturrisiko (Risiko für Knochenbruch) – v. a. bei renaler Osteodystrophie (Knochenerkrankung bei Nierenschwäche), Neuropathie (Nervenerkrankung) und Muskelschwäche [5]

Prognosefaktoren

Die Prognose der Urämie (Harnvergiftung) wird durch ein komplexes Zusammenspiel krankheitsbezogener, patientenbezogener und therapieassoziierter Faktoren bestimmt. Sie ist maßgeblich abhängig vom Ausmaß der Nierenfunktionsstörung (eingeschränkte Nierenleistung), der Systembeteiligung (Beteiligung mehrerer Organe) sowie der Qualität und dem Zeitpunkt therapeutischer Interventionen (Behandlungsmaßnahmen).

  • Ausmaß der Nierenfunktionsstörung – Höhe der glomerulären Filtrationsrate (Filterleistung der Nieren), Geschwindigkeit der Progression (Krankheitsfortschritt) und Residualnierenfunktion (verbleibende Nierenfunktion); rasch progrediente Verläufe sind mit einer deutlich ungünstigeren Prognose assoziiert.
  • Dauer und Schwere der Urämie – Persistierende urämische Symptomatik (anhaltende Beschwerden durch Harnvergiftung) und hohe Toxinlast (Anhäufung giftiger Stoffe) korrelieren mit erhöhter Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit).
  • Kardiovaskuläre Komorbiditäten – Vorliegen von arterieller Hypertonie (Bluthochdruck), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), koronarer Herzkrankheit (Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße) oder Rhythmusstörungen stellt den wichtigsten unabhängigen Mortalitätsfaktor dar.
  • Entzündungsstatus – Chronische systemische Inflammation (dauerhafte Entzündungsreaktion des Körpers) (Malnutrition-Inflammation-Complex (Kombination aus Mangelernährung und Entzündung)) ist mit beschleunigter Atherosklerose (Gefäßverkalkung), Muskelabbau und erhöhter Mortalität assoziiert.
  • Ernährungszustand – Protein-Energie-Mangelernährung (Mangel an Eiweiß und Energie) und urämische Kachexie (krankhafte Auszehrung bei Harnvergiftung) sind starke negative Prognosemarker.
  • CKD-MBD und Gefäßkalzifikationen – Ausgeprägte Störungen des Mineral- und Knochenstoffwechsels sowie vaskuläre Kalzifikationen (Gefäßverkalkungen) verschlechtern die Langzeitprognose signifikant.
  • Neurologische Komplikationen – Auftreten einer urämischen Enzephalopathie (Gehirnfunktionsstörung bei Harnvergiftung) oder Polyneuropathie (Erkrankung vieler peripherer Nerven) weist auf fortgeschrittene Systemtoxizität (Belastung des Körpers durch Giftstoffe) hin und ist prognostisch ungünstig.
  • Infektanfälligkeit – Häufige oder schwere Infektionen, insbesondere Sepsis (Blutvergiftung), erhöhen die Kurz- und Langzeitmortalität erheblich.
  • Dialyseabhängigkeit und Dialysequalität – Zeitpunkt des Dialysebeginns (Start der Blutwäsche), Dialyseadäquatheit (Wirksamkeit der Dialyse), Komplikationen der Gefäßzugänge (Zugänge zur Blutwäsche) sowie Dialysemodalität (Art der Dialyse) beeinflussen das Überleben wesentlich.
  • Adhärenz und Versorgungsstruktur – Therapieadhärenz (Zuverlässigkeit bei der Behandlung), interdisziplinäre nephrologische Betreuung (fachübergreifende Nierenfacharztbetreuung) und frühzeitige spezialisierte Versorgung verbessern die Prognose signifikant.
  • Alter und Begleiterkrankungen – Höheres Lebensalter sowie Multimorbidität (Vorliegen mehrerer Erkrankungen) sind mit eingeschränkter funktioneller Reserve (verminderte körperliche Belastbarkeit) und erhöhter Mortalität verbunden.

Zusammenfassend ist die Prognose der Urämie (Harnvergiftung) umso ungünstiger, je ausgeprägter die Multiorganbeteiligung (Beteiligung mehrerer Organe), der inflammatorische Status (Entzündungsaktivität) und die kardiovaskuläre Komorbidität (Begleiterkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems) sind. Eine frühzeitige nephrologische Mitbetreuung (frühe Behandlung durch den Nierenfacharzt), konsequente Therapie der Begleiterkrankungen und rechtzeitige Planung der Nierenersatztherapie (Dialyse oder Nierentransplantation) sind zentrale prognoseverbessernde Maßnahmen.

Literatur

  1. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4S):S117-S314. doi:10.1016/j.kint.2023.10.018. https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.018
  2. Rosner MH, Husain-Syed F, Reis T, Ronco C, Vanholder R. Uremic encephalopathy. Kidney Int. 2022;101(2):227-241. doi:10.1016/j.kint.2021.09.025. https://doi.org/10.1016/j.kint.2021.09.025
  3. Baaten CCFMJ, Sternkopf M, Henning T, et al. Platelet Function in CKD: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Am Soc Nephrol. 2021;32(7):1583-1598. doi:10.1681/ASN.2020101440. https://doi.org/10.1681/ASN.2020101440
  4. Kelepouris E, Rhee CM. CKD-Associated Pruritus: A Patient-Centered Approach to Reduce Symptom Burden. Kidney Med. 2025;7(12):101150. doi:10.1016/j.xkme.2025.101150. https://doi.org/10.1016/j.xkme.2025.101150
  5. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD-MBD Update Work Group. KDIGO 2017 Clinical Practice Guideline Update for the Diagnosis, Evaluation, Prevention, and Treatment of Chronic Kidney Disease–Mineral and Bone Disorder (CKD-MBD). Kidney Int Suppl (2011). 2017;7(1):1-59. doi:10.1016/j.kisu.2017.04.001. https://doi.org/10.1016/j.kisu.2017.04.001
  6. Marin BG, Aghagoli G, Hu SL, Massoud CM, Robinson-Bostom L. Calciphylaxis and Kidney Disease: A Review. Am J Kidney Dis. 2023;81(2):232-239. doi:10.1053/j.ajkd.2022.06.011. https://doi.org/10.1053/j.ajkd.2022.06.011
  7. Sadjadi SA, Mashhadian A. Uremic pericarditis: a report of 30 cases and review of the literature. Am J Case Rep. 2015;16:169-173. doi:10.12659/AJCR.893140. https://doi.org/10.12659/AJCR.893140
  8. Gembillo G, Siligato R, Santoro D, et al. Lung Dysfunction and Chronic Kidney Disease: A Complex Network of Multiple Interactions. J Pers Med2023 Feb 3;13(2):286. doi: 10.3390/jpm13020286.