Urinzytologie
Urinzytologie (Untersuchung von Urinzellen) ist eine zytologische Untersuchung des Urins auf zelluläre Bestandteile zur Abklärung entzündlicher Zellveränderungen, Dysplasien (Krebsvorstufen) und Tumorzellen. Sie wird in der klinischen Diagnostik insbesondere zur Detektion (Erkennung) und Verlaufskontrolle von Urothelkarzinomen (Krebs der Harnwegsschleimhaut) der Harnblase, der harnableitenden Wege und des Nierenkelchsystems eingesetzt.
Durch ihre hohe Spezifität (Treffsicherheit bei Gesunden) ist es möglich, insbesondere High-grade-Urothelkarzinome (hochgradige Krebserkrankungen der Harnwegsschleimhaut) frühzeitig zu erfassen und dadurch eine weiterführende Diagnostik beziehungsweise Therapie zeitnah einzuleiten.
Synonyme
- Harnzytologie
- Urinary Cytology
- Zytologische Urinuntersuchung
Das Verfahren
- Benötigtes Material:
- Urinprobe
- Vorbereitung des Patienten:
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Störfaktoren:
- Verzögerte Verarbeitung der Probe mit Zell-Degeneration (Zellzerfall)
- Entzündliche Veränderungen und Reizsituationen der Harnwege, zum Beispiel nach Instrumentierung (Einführen medizinischer Instrumente), können die Beurteilung beeinflussen
- Untersucherabhängigkeit der Befundbeurteilung
- Methode:
- Zytologische Aufarbeitung und mikroskopische Beurteilung der Sedimentzellen (abgesetzte Zellen) des Urins
Normbereiche und Befundkategorien
- Für die Urinzytologie existieren keine numerischen Referenzbereiche (Vergleichswerte).
- Die Befundung erfolgt kategorial.
- Paris-System: Das Paris-System standardisiert die Urinzytologie und ersetzt ältere uneinheitliche Nomenklaturen (Bezeichnungssysteme) wie die Papanicolaou-Klassifikation. Der diagnostische Schwerpunkt liegt auf dem Nachweis beziehungsweise Ausschluss eines HGUC (high-grade urothelial carcinoma; High-grade-Urothelkarzinom) [4, 5].
- Befundkategorien nach dem Paris-System:
- Nicht diagnostisch beziehungsweise unzureichend
- NHGUC (negative for high-grade urothelial carcinoma; negativ für High-grade-Urothelkarzinom)
- AUC (atypical urothelial cells; atypische urotheliale Zellen)
- SHGUC (suspicious for high-grade urothelial carcinoma; verdächtig auf High-grade-Urothelkarzinom)
- HGUC (high-grade urothelial carcinoma; High-grade-Urothelkarzinom)
- Andere Malignome (bösartige Tumoren)
- Beachte: Die Kategorie NHGUC (negative for high-grade urothelial carcinoma; negativ für High-grade-Urothelkarzinom) bedeutet negativ für ein High-grade-Urothelkarzinom, schließt ein Low-grade-Urothelkarzinom (niedriggradige Krebserkrankung der Harnwegsschleimhaut) jedoch nicht sicher aus [4, 5].
- Normbereiche und Befundkategorien sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Patienten mit Risikofaktoren für Urothelkarzinome
- Schmerzlose Hämaturie (Blut im Urin)
- Harnblasenkarzinom (Harnblasenkrebs): Verdachtsdiagnose beziehungsweise Verlaufskontrolle
- Krebs der harnableitenden Wege
- Nierenkelchkarzinom (Krebs im Nierenkelchsystem)
- Nachsorge bei High-grade-Urothelkarzinom, insbesondere als Zusatzuntersuchung zur Zystoskopie (Blasenspiegelung)
Risikofaktoren und Cofaktoren für Urothelkarzinome
Risikofaktoren:
- Rauchen wegen der im Tabakrauch enthaltenen aromatischen Amine (chemische Krebsrisikostoffe)
- Berufliche Exposition (Kontakt) gegenüber aromatischen Aminen, insbesondere in der Gummi-, Farbstoff-, Leder-, Textil- und Farbindustrie
- Berufliche Risikogruppen, zum Beispiel Lastwagenfahrer, Tankwarte, Friseure und Maler
- Aromatische Amine in Medikamenten, zum Beispiel Zytostatika (Krebsmedikamente) auf Cyclophosphamid-Basis
Zwischen der Belastung mit kanzerogenen Stoffen (krebserzeugende Stoffen) und der Tumorentstehung können mehrere Jahrzehnte vergehen.
Cofaktoren:
- Geschwächtes Immunsystem (körpereigene Abwehr)
- Immunsuppressiva (Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems), zum Beispiel nach Organtransplantation
- Chronische Harnwegsinfektionen (HWI) (wiederkehrende Entzündungen der Harnwege)
Neben den Urothelkarzinomen gibt es weitere Karzinomarten (Krebsarten), die ebenfalls durch eine Urinzytologie erfasst werden können.
Interpretation
- Erhöhte Wahrscheinlichkeit für Malignität bei positivem oder verdächtigem Befund:
- Progrediente (fortschreitende) maligne (bösartige) Veränderungen der Sedimentzellen sind leichter zu erkennen als minimale Tumorveränderungen bei gut differenzierten Harnblasentumoren (Harnblasengeschwulsten).
- Bei High-grade-Tumoren und CIS (carcinoma in situ; flächiger, hochgradiger Schleimhauttumor ohne Invasion) (ohne Einwachsen in tiefere Gewebeschichten) ist die Urinzytologie besonders aussagekräftig [5, 6].
- Die Urinzytologie weist insgesamt eine hohe Spezifität auf; die Sensitivität (Empfindlichkeit des Tests) ist jedoch stark vom Tumorgrad abhängig [1-3, 6].
- Eingeschränkte Aussagekraft bei negativem Befund:
- Ein negativer Befund schließt ein Urothelkarzinom nicht sicher aus.
- Die Sensitivität ist bei Low-grade-NMIBC (low-grade non-muscle-invasive bladder cancer; niedriggradiges nicht-muskelinvasives Harnblasenkarzinom) gering.
- Die Kategorie NHGUC (negative for high-grade urothelial carcinoma; negativ für High-grade-Urothelkarzinom) bedeutet nicht, dass ein Low-grade-Urothelkarzinom sicher ausgeschlossen ist [4, 5].
- Aufgrund der Rate falsch-negativer Befunde (fälschlich unauffälliger Befunde) ist die Urinzytologie allein nicht zur Früherkennung beziehungsweise zum Screening (Reihenuntersuchung) des Harnblasenkarzinoms geeignet.
- Spezifische Konstellationen:
- Für die Nachsorge von High-grade-Tumoren ist die Zytologie aufgrund der hohen Spezifität besonders geeignet.
- Das Verfahren ist stark untersucherabhängig.
- Das Paris-System erhöht die Befundstandardisierung und verbessert die klinische Einordnung atypischer (ungewöhnlicher) und verdächtiger Befunde [4, 5].
Weiterführende Diagnostik
- Abklärung bei Hämaturie und/oder auffälliger Zytologie: Zystoskopie mit gegebenenfalls Biopsie (Gewebeprobe)
- Bildgebung der oberen Harnwege in Abhängigkeit von Klinik und Risikoprofil
- Ergänzende Urin-Biomarker (messbare Urinmerkmale), zum Beispiel FISH (Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung), ImmunoCyt (immunzytologischer Urintest) und NMP22 (nuclear matrix protein 22; nukleäres Matrixprotein 22), als Zusatzdiagnostik in geeigneten klinischen Konstellationen [1]
- Verlaufskontrollen im Rahmen der Tumornachsorge bei High-grade-Tumoren
Literatur
- Mowatt G, Zhu S, Kilonzo M et al.: Systematic review of the clinical effectiveness and cost-effectiveness of photodynamic diagnosis and urine biomarkers (FISH, ImmunoCyt, NMP22) and cytology for the detection and follow-up of bladder cancer. Health Technol Assess. 2010;14(4):1-331. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20082749/
- Bastacky S, Ibrahim S, Wilczynski SP, Murphy WM: The accuracy of urinary cytology in daily practice. Cancer. 1999;87(3):118-128. https://doi.org/10.1002/(SICI)1097-0142(19990625)87:3%3C118::AID-CNCR4%3E3.0.CO;2-N
- Planz B, Jochims E, Deix T et al.: The role of urinary cytology for detection of bladder cancer. Eur J Surg Oncol. 2005;31(3):304-308. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15780568/
- Barkan GA, Wojcik EM, Nayar R et al.: The Paris System for Reporting Urinary Cytology: The Quest to Develop a Standardized Terminology. Acta Cytol. 2016;60(3):185-197. https://doi.org/10.1159/000446270
- Wojcik EM, Kurtycz DFI, Rosenthal DL: The Paris System for Reporting Urinary Cytology. 2nd ed. Springer. 2022. https://doi.org/10.1007/978-3-030-88686-8
- Gontero P, Birtle A, Capoun O et al.: European Association of Urology Guidelines on Non-muscle-invasive Bladder Cancer (TaT1 and Carcinoma In Situ)—A Summary of the 2024 Guidelines Update. Eur Urol. 2024;86(6):531-549. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2024.07.027