Gastrin

Gastrin ist ein Peptidhormon (Botenstoff), das überwiegend von G-Zellen im Antrum des Magens (unterer Magenabschnitt) und in geringerem Maß im proximalen Duodenum (oberer Zwölffingerdarm) gebildet wird. Gastrin stimuliert die Magensäuresekretion, die Freisetzung von Pepsin und Intrinsic Factor, die Motilität des oberen Gastrointestinaltrakts (Beweglichkeit des oberen Magen-Darm-Trakts) sowie das Wachstum der Magenschleimhaut. Die Gastrinsekretion wird durch Magenwanddehnung, eiweißreiche Nahrung, vagale Stimulation und einen Anstieg des intragastralen pH-Wertes stimuliert. Ein niedriger intragastraler pH-Wert hemmt die Gastrinfreisetzung über Somatostatin (hemmender Botenstoff). In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung vor allem der Abklärung einer Hypergastrinämie (erhöhter Gastrinspiegel) bei Verdacht auf ein Gastrinom (gastrinbildender Tumor) bzw. Zollinger-Ellison-Syndrom sowie der Einordnung von Zuständen mit Hypo-/Achlorhydrie (verminderte/fehlende Magensäure).

Synonyme

  • Serum-Gastrin
  • Nüchtern-Gastrin
  • Fastengastrin

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Alternativ EDTA-Plasma, methodenabhängig

Vorbereitung des Patienten

  • Morgendliche Nüchternblutentnahme nach 10-12 Stunden Nahrungskarenz
  • Wenn medizinisch vertretbar, Absetzen von Protonenpumpenhemmern etwa 7-14 Tage vor der Untersuchung
  • Wenn möglich, Absetzen von H2-Rezeptorantagonisten 48-72 Stunden vor der Untersuchung
  • Bei Verdacht auf Gastrinom soll ein Absetzen der säuresuppressiven Therapie nur unter fachärztlicher Kontrolle erfolgen

Störfaktoren

  • Protonenpumpenhemmer – häufigste Ursache falsch erhöhter Gastrinwerte
  • H2-Rezeptorantagonisten, Antazida und weitere säuresuppressive Medikamente
  • Postprandiale Blutentnahme
  • Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion)
  • Chronisch-atrophische bzw. autoimmune Gastritis (chronische Magenschleimhautentzündung) bzw. Achlorhydrie
  • Pylorusstenose (Verengung des Magenausgangs) bzw. Magenausgangsobstruktion (Verschluss des Magenausgangs)
  • Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen)
  • Verzögerte Präanalytik; Probe rasch zentrifugieren und gekühlt bzw. gefroren transportieren

Methode

  • Immunoassay, meist chemilumineszenter Immunoassay

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Erwachsene, nüchtern < 100 ng/l
Methodenabhängig 13-115 ng/l

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Verdacht auf Gastrinom bzw. Zollinger-Ellison-Syndrom
  • Abklärung einer Hypergastrinämie
  • Verdacht auf chronisch-atrophische bzw. autoimmune Gastritis
  • Verdacht auf perniziöse Anämie (Vitamin-B12-Mangel-Anämie)
  • Abklärung rezidivierender, multipler oder atypisch lokalisierter peptischer Ulzera (Geschwüre)
  • Verdacht auf Multiple endokrine Neoplasie Typ 1 (erbliches Tumorsyndrom) bei passender klinischer Konstellation

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Therapie mit Protonenpumpenhemmern
  • Chronisch-atrophische bzw. autoimmune Gastritis (chronische Magenschleimhautentzündung), häufig mit perniziöser Anämie (Vitamin-B12-Mangel-Anämie)
  • Gastrinom (gastrinbildender Tumor) bzw. Zollinger-Ellison-Syndrom
  • Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion)
  • Pylorusstenose (Verengung des Magenausgangs) bzw. Magenausgangsobstruktion (Verschluss des Magenausgangs)
  • Retained-antrum-Syndrom (verbliebener Magenantrumrest nach Operation) nach Magenoperation
  • Postprandial physiologisch leicht erhöhte Werte

Erniedrigte Werte

  • Erniedrigte Gastrinwerte besitzen in der Routinediagnostik keinen eigenständigen klinischen Stellenwert

Spezifische Konstellationen

  • Ein Nüchtern-Gastrinwert > 1.000 ng/l in Kombination mit einem intragastralen pH-Wert ≤ 2 ist hochgradig verdächtig auf ein Gastrinom und gilt praktisch als beweisend für ein Zollinger-Ellison-Syndrom
  • Werte zwischen 100 und 1.000 ng/l sind nicht beweisend und müssen gemeinsam mit dem intragastralen pH-Wert interpretiert werden
  • Bei nicht diagnostischer Hypergastrinämie ist der Secretin-Stimulationstest die Methode der Wahl
  • Ein Gastrinwert < 100 ng/l macht ein Gastrinom bei unbehandelten Patienten sehr unwahrscheinlich

Weiterführende Diagnostik

  • Messung des intragastralen pH-Wertes
  • Secretin-Stimulationstest bei Gastrinwerten zwischen 100 und 1.000 ng/l
  • Ösophagogastroduodenoskopie (Magenspiegelung) mit Biopsien (Gewebeproben) bei Verdacht auf chronisch-atrophische Gastritis
  • Endosonographie (Ultraschalluntersuchung von innen)
  • Computertomographie (CT)
  • Magnetresonanztomographie (MRT)
  • Somatostatinrezeptor-Positronenemissionstomographie/Computertomographie (PET/CT)
  • Bei Verdacht auf Multiple endokrine Neoplasie Typ 1: Bestimmung von Calcium und Parathormon

Literatur

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