Lichen sclerosus der Vulva – Ursachen

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

Der Lichen sclerosus vulvae (chronisch-entzündliche Hauterkrankung der Vulva) (LSV) ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Dermatose (Hauterkrankung). Die Pathogenese beruht wahrscheinlich auf einem multifaktoriellen Zusammenspiel aus genetischer Prädisposition (erblich bedingter Veranlagung), fehlregulierter zellulärer Immunantwort (fehlgesteuerter Abwehrreaktion von Immunzellen), epigenetischen Veränderungen (Veränderungen der Genregulation ohne Veränderung der Erbinformation), oxidativem Stress (Zellschädigung durch reaktive Sauerstoffverbindungen) und gestörter Remodellierung der extrazellulären Matrix (gestörtem Umbau des Gewebegerüsts zwischen den Zellen) [1-3]. Die Ätiologie (Ursache der Erkrankung) ist weiterhin nicht abschließend geklärt [LL1].

Immunvermittelte Entzündung

  • Histologische (feingewebliche) und molekularbiologische Untersuchungen weisen auf eine überwiegend T-Zell-vermittelte Entzündungsreaktion hin.
  • Im entzündlichen Infiltrat (Ansammlung von Entzündungszellen im Gewebe) wurden insbesondere CD8-positive T-Lymphozyten (bestimmte Abwehrzellen) sowie Veränderungen regulatorischer T-Zellen (Abwehrzellen zur Steuerung des Immunsystems) beschrieben.
  • Die vermehrte Expression von Interferon-γ und zugehörigen Chemokin-Signalwegen (Botenstoff-Signalwegen zur Steuerung von Immunzellen) spricht für eine vorwiegend T-Helferzell-1-geprägte Immunantwort.
  • Weitere proinflammatorische Signalwege (entzündungsfördernde Signalwege) können zur Persistenz der Entzündung beitragen; ihre jeweilige pathogenetische Bedeutung ist noch nicht abschließend geklärt [3].

Autoimmune Mitbeteiligung

  • Die gehäufte Assoziation mit Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch fehlgeleitete Abwehrreaktionen gegen körpereigenes Gewebe), insbesondere Autoimmunthyreopathien (Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse), unterstützt die Annahme einer autoimmunen Mitbeteiligung [1, 2, LL1].
  • Bei einem Teil der Patienten wurden Autoantikörper (gegen körpereigene Strukturen gerichtete Abwehrstoffe) gegen das Extrazellulärmatrixprotein 1 und gegen Bestandteile der dermoepidermalen Basalmembranzone (Grenzschicht zwischen Oberhaut und Lederhaut) nachgewiesen.
  • Ob diese Autoantikörper pathogenetisch beteiligt oder eine Folge der Gewebeschädigung sind, ist nicht geklärt.
  • Ein für den Lichen sclerosus spezifischer diagnostischer Autoantikörper ist nicht etabliert [1, 3].

Epigenetische Veränderungen

  • In betroffenem Gewebe wurde eine veränderte Expression regulatorischer Mikro-Ribonukleinsäuren (kleiner, die Genaktivität regulierender Erbmoleküle), insbesondere der Mikro-Ribonukleinsäure 155, beschrieben.
  • Diese Veränderungen könnten die T-Helferzell-1-Differenzierung (Entwicklung bestimmter Abwehrzellen) fördern sowie regulatorische T-Zell-Funktionen und die lokale Immuntoleranz (Duldung körpereigener Strukturen durch das Immunsystem) beeinträchtigen.
  • Veränderte DNA-Methylierungsmuster (chemische Veränderungen zur Steuerung der Genaktivität) könnten zusätzlich die Immunantwort, Keratinozytenfunktion (Funktion der hornbildenden Hautzellen) und Zellzykluskontrolle (Steuerung der Zellteilung) beeinflussen.
  • Die zugrunde liegende Evidenz stammt überwiegend aus kleinen molekularbiologischen Untersuchungen und erlaubt noch keine abschließende Bewertung der Kausalität [3].

Oxidativer Stress

  • In läsionalem Gewebe (krankhaft verändertem Gewebe) wurden Marker oxidativer Schäden an Lipiden, Proteinen und Desoxyribonukleinsäure nachgewiesen.
  • Oxidativer Stress könnte zur Aufrechterhaltung der chronischen Entzündung und zur Verstärkung der Gewebeschädigung beitragen.
  • Eine Beteiligung an Veränderungen der Zellzykluskontrolle und an der Karzinogenese (Entstehung von Krebs) wird diskutiert; eine unmittelbare kausale Wirkungskette ist nicht belegt [1, 3].

Störung der extrazellulären Matrix und Fibrosierung (krankhafte Bindegewebsvermehrung)

  • Die chronische Entzündung ist mit einer Aktivierung von Fibroblasten (Bindegewebszellen) und einer veränderten Remodellierung der extrazellulären Matrix verbunden.
  • Veränderungen der Kollagenstruktur und der Verlust elastischer Fasern tragen wahrscheinlich zur charakteristischen Sklerosierung (Gewebeverhärtung) und Vernarbung bei.
  • Transforming Growth Factor-β, Matrix-Metalloproteinasen und epigenetische Regulationsmechanismen werden als beteiligte Faktoren diskutiert.
  • Die fortschreitende Schädigung von Epidermis (Oberhaut), Basalmembranzone (Grenzschicht zwischen Oberhaut und Lederhaut) und dermalem Bindegewebe (Bindegewebe der Lederhaut) begünstigt Hautfragilität (erhöhte Verletzlichkeit der Haut), Fissuren (Hauteinrisse), Vernarbung und anatomische Veränderungen der Vulva (äußerer weiblicher Genitalbereich) [2, 3].

Genetische Prädisposition

  • Familiäre Häufungen und Assoziationen mit bestimmten Human-Leukocyte-Antigen-Merkmalen sprechen für eine genetische Prädisposition.
  • Beschrieben wurden insbesondere Assoziationen mit HLA-Klasse-II-Merkmalen der HLA-DR- und HLA-DQ-Gruppen.
  • Ein einzelnes ursächliches Gen, eine monogene Vererbung (Vererbung durch Veränderung eines einzelnen Gens) oder ein klinisch verwertbarer genetischer Routinetest sind nicht bekannt [1-3].

Hormonelle Einflüsse

  • Der Lichen sclerosus vulvae kann in jedem Lebensalter auftreten; häufiger wird er peri- oder postmenopausal (während oder nach den Wechseljahren) diagnostiziert.
  • Ein Östrogen- oder Androgenmangel (Mangel an weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtshormonen) als unmittelbare Ursache ist nicht belegt.
  • Hormonelle Einflüsse auf die vulväre Gewebefunktion und lokale Vulnerabilität (Verletzlichkeit) werden diskutiert; ihre eigenständige pathogenetische Bedeutung bleibt ungeklärt [1, 2, LL1].

Infektiöse Hypothesen

  • Untersuchungen zu Borrelia burgdorferi, humanen Papillomaviren (HPV; bestimmte Viren, die Haut und Schleimhäute infizieren), Epstein-Barr-Virus und weiteren Erregern ergaben keine konsistenten Ergebnisse.
  • Eine infektiöse Ursache ist nicht belegt. Der Lichen sclerosus gilt nicht als übertragbare Erkrankung [1, 2, LL1].

Ätiologie (Ursachen)

Die Ursache des Lichen sclerosus vulvae ist unbekannt. Es bestehen Hinweise auf genetische und immunologische Prädispositionsfaktoren (Veranlagungsfaktoren). Assoziierte Erkrankungen sowie mögliche lokale Trigger- und Verstärkungsfaktoren sind davon abzugrenzen. Keiner der nachfolgend genannten Faktoren stellt für sich allein eine gesicherte Ursache dar [1-3, LL1].

Biographische Ursachen

  • Genetische Prädisposition
    • Familiäre Häufung, insbesondere bei weiblichen Verwandten.
    • Assoziationen mit bestimmten HLA-DR- und HLA-DQ-Merkmalen.
    • Keine nachgewiesene monogene Vererbung und kein etablierter genetischer Routinetest [1-3].

Krankheitsassoziierte Faktoren

  • Autoimmunerkrankungen
    • Insbesondere Autoimmunthyreopathien wie Hashimoto-Thyreoiditis (chronische Autoimmunentzündung der Schilddrüse) und Morbus Basedow (Autoimmunerkrankung der Schilddrüse mit Überfunktion) werden bei Patienten mit Lichen sclerosus häufiger beobachtet.
    • Weitere Autoimmunerkrankungen können gleichzeitig vorliegen.
    • Diese Assoziationen sprechen für eine gemeinsame immunologische Prädisposition, belegen jedoch keine direkte Verursachung des Lichen sclerosus [1, 2, LL1].

Mögliche Trigger- und Verstärkungsfaktoren

  • Mechanische Irritation und lokales Trauma (örtliche Verletzung)
    • Reibung, Druck, Kratzen und andere lokale Traumata können bei entsprechender Prädisposition neue Läsionen (krankhafte Hautveränderungen) im Sinne eines Köbner-Phänomens (Auftreten typischer Hautveränderungen an mechanisch gereizten oder verletzten Hautstellen) begünstigen oder bestehende Läsionen verstärken.
    • Diese Faktoren sind nicht als eigenständige Ursachen des Lichen sclerosus anzusehen [1, 2].

Nicht bestätigte ätiologische Faktoren

  • Eine infektiöse Ursache ist nicht belegt [1, 2, LL1].
  • Ein Östrogen- oder Androgenmangel ist nicht als unmittelbare Ursache gesichert [1, 2, LL1].
  • Sexueller Missbrauch ist keine Ursache des Lichen sclerosus [LL1].

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. De Luca DA, Papara C, Vorobyev A et al.: Lichen sclerosus: The 2023 update. Front Med (Lausanne) 2023;10:1106318. doi: 10.3389/fmed.2023.1106318
  2. Sever M, Trčko K, Zidarič T, Maver T: Exploring Genital Lichen Sclerosus: Navigating from Pathophysiology to Precise Diagnostic Approaches. Biomedicines 2025;13(9):2252. doi: 10.3390/biomedicines13092252
  3. Beutler K, Khimuk S, Andrusiewicz A et al.: Molecular Mechanisms in the Etiopathology of Lichen Sclerosus: A Systematic Review. Int J Mol Sci 2026;27(13):5968. doi: 10.3390/ijms27135968

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Lichen sclerosus. Version 1.0, Stand: 16.06.2025 (AWMF-Registernummer: 013-105Langfassung