Lichen sclerosus der Vulva – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Inspektion (Betrachtung) der Haut und der Schleimhäute:
      • Genitoanalbereich (Genital- und Afterbereich) [weißliche bis porzellanartige Hautveränderungen; Hyperkeratosen (verstärkte Verhornungen); Blässe; Sklerose (Gewebeverhärtung); Atrophie (Geweberückbildung); Erythem (Rötung) und Ödem (Schwellung); Fissuren (Einrisse) und Erosionen (oberflächliche Hautdefekte); Purpura (Hautblutungen) beziehungsweise Ekchymosen (flächenhafte Hautblutungen)] [1, LL1]
        • Frau:
          • Inspektion insbesondere der Interlabialfalten (Hautfalten zwischen den Schamlippen), Labia minora (kleine Schamlippen), Glans clitoridis (Klitoriseichel), des Präputium clitoridis (Klitorisvorhaut) und der Präputialöffnung (Öffnung der Klitorisvorhaut), Commissura posterior (hinterer Schamlippenwinkel) und des Perineums (Damms); Labia majora (große Schamlippen) und Harnröhrenöffnung können ebenfalls betroffen sein [1, LL1]
          • Beurteilung der Hautveränderungen [flache elfenbeinfarbene Maculae (Flecken) oder Papeln (Knötchen); hyperkeratotische hellweiße Plaques (stark verhornte flächige Hautveränderungen); blassweiße Haut; gelblich-elfenbeinfarbene, glatte, wachsartige und feste Sklerose; atrophische beziehungsweise faltige Haut; Erythem und Ödem; Fissuren und Erosionen; Purpura beziehungsweise Ekchymosen] [1, LL1]
          • Beurteilung der vulvären Architektur (Form und Anordnung der Strukturen der Vulva) auf narbige beziehungsweise irreversible Veränderungen [1, LL1]:
            • Verkürzung beziehungsweise Resorption (Rückbildung) der Labia minora
            • Synechien (Verklebungen) beziehungsweise Fusion der Labia minora
            • Verklebung beziehungsweise Fusion des Präputium clitoridis mit Überdeckung der Klitoris
            • Verengung bis selten Obliteration (vollständiger Verschluss) des Introitus vaginae (Scheideneingangs)
            • Beteiligung beziehungsweise Verengung der Harnröhrenöffnung
          • Perianalbereich (Bereich um den After) [Rötung; Hautatrophie (Verdünnung und Rückbildung der Haut) oder Sklerose; Fissuren und Erosionen; mögliche achtförmige anogenitale Verteilung; selten narbige Veränderungen bis zur Analstenose (Verengung des Afters)] [1, LL1]
      • Extragenitalbereich (Bereich außerhalb der Genitalregion) – bei klinischem Verdacht auf extragenitalen Befall Inspektion des übrigen Integuments (gesamte Haut), insbesondere von Rumpf einschließlich Submammärregion (Bereich unterhalb der Brust), Bauch, Gesäß, Schultern und Brust sowie der proximalen Extremitäten (körpernahen Abschnitte der Arme und Beine) und Handgelenke [weißliche beziehungsweise elfenbeinfarbene, atrophische, sklerotische oder hyperkeratotische Maculae beziehungsweise Plaques]; eine Beteiligung der Mundschleimhaut ist sehr selten [LL1]
    • Diagnostische Einordnung:
      • Die Diagnose des Lichen sclerosus (chronisch-entzündliche Hauterkrankung) basiert in der Regel auf dem charakteristischen klinischen Erscheinungsbild. Bei einem typischen Befund mit beispielsweise Hyperkeratose beziehungsweise Sklerose und Ekchymosen ist eine Biopsie (Entnahme einer Gewebeprobe) zur Diagnosesicherung nicht routinemäßig erforderlich [LL1].
      • Bei klinisch nicht eindeutiger Diagnose sollte eine Biopsie erwogen werden. Dies gilt insbesondere bei Verdacht auf Dysplasie (auffällige Zellveränderung) beziehungsweise Malignität (Bösartigkeit) oder bei fehlendem Ansprechen auf die Erstlinientherapie (zuerst empfohlene Behandlung) nach Überprüfung der Therapieadhärenz (konsequenten Anwendung der Behandlung) [LL1].
      • Bei Kindern wird eine Biopsie aufgrund der damit verbundenen Belastung in der Regel vermieden; bei diagnostischer Unsicherheit, Verdacht auf Dysplasie beziehungsweise Malignität oder Therapieversagen ist sie jedoch ebenfalls in Betracht zu ziehen [LL1].
    • Fotodokumentation – bei der Erstvorstellung ist eine standardisierte Fotodokumentation des Ausgangsbefundes zur späteren Beurteilung des klinischen Verlaufs ratsam [LL1]
  • Krebsvorsorge
    • Sorgfältige Inspektion der gesamten Vulva (äußerer weiblicher Genitalbereich) auf präkanzeröse (mögliche Krebsvorstufen) beziehungsweise kanzeröse Veränderungen (krebsartige Veränderungen) [LL1]
    • Besonders malignitätsverdächtig sind:
      • neu aufgetretene hyperkeratotische Läsionen (stark verhornte krankhafte Hautveränderungen)
      • neu aufgetretene Erosionen
      • Ulzerationen (Geschwürbildungen), insbesondere bei fehlender Abheilung unter adäquater Therapie
    • Neue hyperkeratotische Läsionen sowie neu aufgetretene Erosionen oder Ulzerationen sind verdächtig auf eine HPV-unabhängige vulväre intraepitheliale Neoplasie (Krebsvorstufe der Vulva ohne Zusammenhang mit humanen Papillomviren) und sollen histologisch (feingeweblich) abgeklärt werden [LL1].

In eckigen Klammern [ ] wird – abgesehen von Literatur- und Leitlinienzitaten – auf mögliche pathologische körperliche Befunde (krankhafte Untersuchungsergebnisse) hingewiesen.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Conte S, Mohamed SD, Cohen Y et al.: Clinical presentations and complications of lichen sclerosus: A systematic review. J Dtsch Dermatol Ges 2025;23(2):143-149. doi: 10.1111/ddg.15606

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Lichen sclerosus. (AWMF-Registernummer: 013 - 105), Juni 2025 Langfassung