Allgemeine Bewegungslehre – Entstehung, Steuerung, Struktur und Koordination von Bewegungen sowie motorisches Lernen

Die allgemeine Bewegungslehre untersucht, wie menschliche Bewegungen entstehen, geplant, gesteuert, geregelt, koordiniert, erlernt und analysiert werden. Sie verbindet Erkenntnisse der Neurophysiologie (Lehre von den Funktionen des Nervensystems), Biomechanik (Lehre von den mechanischen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Bewegungen), Wahrnehmungspsychologie (Lehre von der Verarbeitung von Sinneseindrücken), Trainingswissenschaft und motorischen Lernforschung. Gegenstand ist nicht nur die äußerlich sichtbare Bewegung, sondern das gesamte sensomotorische System (Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und Bewegung) aus Bewegungsziel, zentralem und peripherem Nervensystem (Gehirn und Rückenmark sowie außerhalb davon verlaufenden Nerven), Sinnesorganen, Muskulatur, Sehnen, Gelenken, Körperbau, Aufgabe und Umwelt [1-4]. Menschliche Bewegung wird weder ausschließlich durch starre zentralnervöse Programme noch ausschließlich durch Reflexe erzeugt. Sie entsteht durch das fortlaufende Zusammenwirken vorausschauender Planung, sensorischer Zustandsschätzung (Einschätzung des aktuellen Körper- und Umweltzustands anhand von Sinnesinformationen), motorischer Kommandos (Bewegungsbefehle des Nervensystems), biomechanischer Randbedingungen (mechanische Voraussetzungen und Grenzen) und rückgekoppelter Korrekturen. Welche Bewegungslösung gewählt wird, hängt davon ab, welches Ziel erreicht werden soll, welche Informationen verfügbar sind und welche mechanischen sowie physiologischen Möglichkeiten (durch die Körperfunktionen bestimmten Möglichkeiten) im jeweiligen Moment bestehen [1-4].

Entstehung menschlicher Bewegungen

Eine zielgerichtete Bewegung umfasst mehrere funktionell miteinander verknüpfte Prozesse:

  • Bewegungsabsicht und Zieldefinition: Ausgangspunkt ist ein Handlungsziel, beispielsweise das Erreichen eines Gegenstands, das Treffen eines Ziels, die Beschleunigung des Körpers oder die Stabilisierung des Gleichgewichts.
  • Erfassung der Ausgangssituation: Visuelle (das Sehen betreffende), vestibuläre (den Gleichgewichtssinn betreffende), propriozeptive (die Wahrnehmung von Körperstellung und Bewegung betreffende), taktile (den Tastsinn betreffende) und akustische (das Hören betreffende) Informationen beschreiben den Zustand des Körpers, der Umwelt und der Bewegungsaufgabe.
  • Zustandsschätzung: Das Nervensystem verbindet aktuelle Sinnesinformationen mit Erfahrungen und internen Vorhersagen. Dadurch wird abgeschätzt, wo sich Körpersegmente befinden, wie sie sich bewegen und welche äußeren Kräfte einwirken.
  • Auswahl einer Bewegungslösung: Abhängig von Ziel, Zeitdruck, Erfahrung, Ermüdung, Schmerz und Umweltbedingungen wird eine geeignete Strategie gewählt.
  • Bewegungsplanung: Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit, zeitlicher Ablauf, erforderliche Kräfte und erwartete sensorische Folgen werden vorbereitet.
  • Motorische Ausführung: Kortikale (die Großhirnrinde betreffende), subkortikale (unterhalb der Großhirnrinde gelegene), hirnstammvermittelte (über den Hirnstamm gesteuerte) und spinale (das Rückenmark betreffende) Netzwerke erzeugen koordinierte Aktivierungsmuster der Muskulatur.
  • Sensorische Rückmeldung: Tatsächlicher und erwarteter Bewegungsverlauf werden während und nach der Bewegung verglichen.
  • Anpassung und Lernen: Bewegungsfehler, Zielerreichung und sensorische Konsequenzen verändern nachfolgende Vorhersagen und Bewegungslösungen [1, 3, 4].

Diese Prozesse laufen nicht streng nacheinander ab. Wahrnehmung, Planung, Ausführung und Korrektur überlappen sich. Bei schnellen Wurf- und Schlagbewegungen müssen wesentliche Anteile antizipativ (vorausschauend) vorbereitet werden, weil sensorische Rückmeldungen (Rückmeldung durch Sinnesinformationen) erst mit zeitlicher Verzögerung wirksam werden. Bei langsameren oder länger andauernden Bewegungen können rückgekoppelte Korrekturen einen größeren Anteil der Kontrolle übernehmen [1, 2, 4].

Bewegungssteuerung und Bewegungsregelung

Die traditionelle Unterscheidung zwischen Bewegungssteuerung und Bewegungsregelung ist didaktisch hilfreich. Neurophysiologisch handelt es sich jedoch nicht um vollständig getrennte Systeme. Bewegungssteuerung: Bewegungssteuerung bezeichnet vor allem die vorausschauende Planung, Vorbereitung und Auslösung einer Handlung. Aufgrund der geschätzten Ausgangssituation und früherer Erfahrungen werden motorische Kommandos erzeugt, bevor die tatsächlichen Bewegungsfolgen vollständig sensorisch zurückgemeldet werden können. Diese vorausschauende Kontrolle ist besonders wichtig bei Sprüngen, Würfen, Schlägen, Sprints und schnellen Richtungswechseln [1, 2]. Bewegungsregelung: Bewegungsregelung bezeichnet die fortlaufende Anpassung einer Bewegung auf Grundlage sensorischer Rückmeldungen. Abweichungen zwischen erwartetem und tatsächlichem Verlauf können zu Änderungen der Muskelaktivierung, Gelenkstellung oder Gesamtstrategie führen. Ein erheblicher Teil dieser Korrekturen erfolgt unbewusst über spinale, hirnstammvermittelte und kortikale Rückkopplungsmechanismen [2, 4]. Zusammenwirken beider Kontrollformen:

  • Vorausschauende Kontrolle bereitet die erwartete Bewegung und ihre mechanischen Folgen vor.
  • Sensorische Rückkopplung erfasst unerwartete Störungen und Zielabweichungen.
  • Interne Vorhersagemodelle schätzen die sensorischen Folgen motorischer Kommandos ab.
  • Zustandsschätzungen verbinden Vorhersagen mit aktuell verfügbaren Sinnesinformationen.
  • Korrekturen werden bevorzugt auf Abweichungen ausgerichtet, die das Bewegungsziel gefährden [1, 2].

Eine effiziente Bewegungsregelung korrigiert deshalb nicht jede Abweichung von einer idealisierten Bewegungskurve. Sie stabilisiert vor allem die für den Handlungserfolg relevanten Variablen. Funktionell bedeutungslose Schwankungen können toleriert werden. Dieses Prinzip erklärt, warum dasselbe Bewegungsergebnis durch unterschiedliche Gelenk- und Muskelkombinationen erreicht werden kann [2, 3].

Bewegungskoordination

Bewegungskoordination bezeichnet die räumliche, zeitliche und dynamische Abstimmung der an einer Bewegung beteiligten neuromuskulären (Nerven und Muskeln betreffenden) und biomechanischen Teilprozesse. Sie umfasst die Organisation innerhalb einzelner Muskeln, zwischen Muskelgruppen, zwischen Gelenken, zwischen Körpersegmenten und zwischen Körperbewegung und Umweltinformationen [2, 3].

  • Intramuskuläre Koordination: Rekrutierung, Entladungsfrequenz und zeitliche Abstimmung motorischer Einheiten (funktionelle Einheiten aus Nervenzelle und zugehörigen Muskelfasern) innerhalb eines Muskels.
  • Intermuskuläre Koordination: Abstimmung zwischen Agonisten (hauptsächlich bewegungsausführende Muskeln), Antagonisten (entgegenwirkende Muskeln) und Synergisten (zusammenwirkende Muskeln).
  • Intralimbische Koordination (Abstimmung innerhalb einer Extremität): Kopplung mehrerer Gelenke innerhalb einer Extremität, beispielsweise von Hüft-, Knie- und Sprunggelenk beim Laufen oder Springen.
  • Interlimbische Koordination (Abstimmung zwischen mehreren Extremitäten): Abstimmung zwischen den Extremitäten, beispielsweise beim Laufen, Schwimmen, Rudern oder Radfahren.
  • Intersegmentale Koordination (Abstimmung zwischen verschiedenen Körperabschnitten): zeitlich-räumliche Kopplung mehrerer Körpersegmente, beispielsweise von Beinen, Becken, Rumpf, Schultergürtel, Arm und Hand bei einer Wurfbewegung.
  • Visuomotorische Koordination (Abstimmung zwischen Sehen und Bewegung): Verknüpfung visueller Informationen über Ziel, Objektbewegung und Eigenbewegung mit einer motorischen Handlung.

Motorische Freiheitsgrade und Synergien

Der menschliche Bewegungsapparat verfügt über mehr Muskeln, Gelenke und Bewegungsmöglichkeiten, als für viele Aufgaben zwingend erforderlich sind. Ein Ziel kann deshalb häufig durch verschiedene Kombinationen von Gelenkwinkeln, Gelenkmomenten (Drehwirkungen an Gelenken) und Muskelaktivierungen erreicht werden. Diese motorische Abundanz (Vielzahl möglicher Bewegungslösungen) ist keine bloße Störgröße. Sie ermöglicht Anpassungsfähigkeit, Belastungsverteilung und Kompensation [2, 3]. Motorische Synergien (funktionelles Zusammenwirken mehrerer Muskeln, Gelenke oder Körperabschnitte) sind aufgabenspezifische Kopplungen mehrerer Muskeln, Gelenke oder Körpersegmente. Sie stabilisieren eine für das Bewegungsziel relevante Größe, während einzelne Bestandteile variieren dürfen. Geringfügige Abweichungen eines Gelenks können beispielsweise durch gegenläufige Veränderungen eines anderen Gelenks kompensiert werden. Das Bewegungsergebnis bleibt dadurch stabil, obwohl die Einzelbewegungen nicht identisch wiederholt werden [2, 3]. Synergien sind keine starren Programme. Ihre Zusammensetzung und zeitliche Aktivierung verändern sich abhängig von Bewegungsziel, Geschwindigkeit, Widerstand, Untergrund, Ermüdung, Schmerz, Trainingszustand, Erfahrung und verfügbaren Sinnesinformationen [2-4].

Bewegungsvariabilität

Keine komplexe Bewegung wird bei wiederholter Ausführung vollständig identisch reproduziert. Bewegungsvariabilität entsteht unter anderem durch neuronale (die Nervenzellen betreffende) und muskuläre Schwankungen, wechselnde Ausgangsbedingungen, sensorische Unsicherheit, Ermüdung und die Vielzahl möglicher Bewegungslösungen [3, 5]. Variabilität ist nicht grundsätzlich mit mangelnder Koordination gleichzusetzen. Entscheidend sind ihr Ausmaß, ihre zeitliche Struktur, ihre Richtung und ihre funktionelle Bedeutung.

  • Explorative Variabilität: Unterschiedliche Bewegungslösungen werden erprobt.
  • Kompensatorische Variabilität: Abweichungen einzelner Elemente gleichen sich gegenseitig aus, sodass das Bewegungsergebnis stabil bleibt.
  • Adaptive Variabilität: Eine Fertigkeit wird an veränderte Anforderungen angepasst.
  • Fehlervariabilität: Schwankungen beeinträchtigen Präzision, Stabilität oder Zielerreichung.

Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2025 fand in einem Teil der Untersuchungen Zusammenhänge zwischen anfänglicher motorischer Variabilität und späterem Lernen oder Adaptieren (Anpassen). Die Beziehungen unterschieden sich jedoch nach Aufgabenart, Lernmechanismus und verwendetem Variabilitätsmaß. Ein allgemeines lineares Prinzip, nach dem mehr Variabilität stets besseres Lernen bewirkt, ist nicht belegt [5]. Auch experimentelle Daten zeigen, dass eine stärkere Variation der Übungsbedingungen nicht automatisch bessere Lernergebnisse erzeugt. Übersteigt die Variabilitätsanforderung die aktuelle Verarbeitungskapazität und Bewegungskontrolle, kann der Fertigkeitserwerb beeinträchtigt werden [6].

Bewegungsstruktur und Bewegungsphasen

Die Bewegungsstruktur beschreibt den räumlichen, zeitlichen und dynamischen Aufbau eines Bewegungsablaufs. Eine Phasengliederung dient dazu, funktionell unterschiedliche Abschnitte abzugrenzen. Sie ist ein Analysemodell und keine eigenständige neurophysiologische Einheit. Azyklische Bewegungen (einmalige, nicht wiederkehrende Bewegungen): Azyklische Bewegungen sind einmalige, in sich abgeschlossene Handlungen, beispielsweise Sprung-, Wurf-, Schlag-, Stoß- oder Startbewegungen. Sie können funktionell in Vorbereitungs-, Haupt- und Endphase gegliedert werden.

  • Vorbereitungsphase: Herstellung günstiger räumlicher und dynamischer Ausgangsbedingungen, beispielsweise durch Ausholen, Absenken des Körperschwerpunkts oder Vorspannen der Muskulatur.
  • Hauptphase: unmittelbare Realisierung des Bewegungsziels, beispielsweise Erzeugung des Absprungimpulses oder Beschleunigung eines Wurfgeräts.
  • Endphase: Abfangen, Ausschwingen, Stabilisieren oder Überleiten in eine nachfolgende Handlung.

Zyklische Bewegungen (sich regelmäßig wiederholende Bewegungen): Zyklische Bewegungen bestehen aus wiederkehrenden Bewegungszyklen, beispielsweise Gehen, Laufen, Radfahren, Schwimmen oder Rudern. Die Endphase eines Zyklus geht in die Vorbereitung des folgenden Zyklus über. Serielle Bewegungen (Abfolgen mehrerer einzelner Bewegungen): Serielle Bewegungen bestehen aus mehreren unterscheidbaren Teilhandlungen, beispielsweise bei Turnfolgen oder sportlichen Kombinationstechniken. Kontinuierliche Bewegungen (fortlaufende Bewegungen ohne festgelegtes Ende): Kontinuierliche Bewegungen besitzen kein zwingend vorgegebenes Ende und werden fortlaufend an Ziel und Umwelt angepasst. Phasengrenzen sollten nicht allein nach dem äußeren Bewegungseindruck festgelegt werden. Geeignete Ereignisse sind beispielsweise Beginn und Ende eines Bodenkontakts, eine Richtungsumkehr, ein Gelenkwinkelmaximum, ein Geschwindigkeitsmaximum, ein Kraftmaximum oder der Beginn einer Muskelaktivierung. Welche Einteilung sachgerecht ist, hängt von der Fragestellung und vom verwendeten Messverfahren ab [LL1-LL3].

Motorisches Lernen

Motorisches Lernen bezeichnet relativ dauerhafte, durch Übung oder Erfahrung hervorgerufene Veränderungen der Fähigkeit, eine motorische Fertigkeit auszuführen [1]. Eine Verbesserung während einer Trainingseinheit ist nicht automatisch ein Lernnachweis. Kurzfristige Leistungssteigerungen können durch Erwärmung, Motivation, häufige Rückmeldung oder eine vorübergehende Strategieänderung entstehen. Motorisches Lernen sollte deshalb anhand mehrerer Ebenen beurteilt werden:

  • Aneignung: Veränderung der Leistung während der Übungsphase.
  • Behalten: erneute Ausführung nach einem zeitlichen Abstand, möglichst ohne die während des Trainings verfügbaren Zusatzhilfen.
  • Transfer (Übertragung des Gelernten auf andere Bedingungen): Übertragung auf veränderte Aufgaben, Geschwindigkeiten oder Umweltbedingungen.
  • Adaptation (Anpassung an veränderte Bedingungen): Anpassung einer bereits vorhandenen Bewegung an eine systematische Veränderung, beispielsweise an ein verändertes Kraftfeld, eine visuelle Verschiebung oder ein Sportgerät mit anderen mechanischen Eigenschaften [1].

Mechanismen des motorischen Lernens

Motorisches Lernen beruht auf mehreren, teilweise überlappenden Prozessen:

  • Fehlerbasiertes Lernen (Lernen durch Abweichungen zwischen erwartetem und tatsächlichem Ergebnis): Anpassung aufgrund der Differenz zwischen erwarteter und tatsächlicher sensorischer Bewegungsfolge.
  • Verstärkungslernen (Lernen durch Erfolg oder Belohnung): erfolgreiche Bewegungslösungen werden aufgrund von Zielerreichung oder Belohnung bevorzugt.
  • Gebrauchsabhängiges Lernen (Festigung durch häufige Wiederholung): häufig wiederholte Bewegungsmuster werden stabilisiert.
  • Explizites Lernen (bewusstes Lernen anhand erklärbarer Regeln): bewusste Verarbeitung verbalisierbarer Bewegungsregeln.
  • Implizites Lernen (weitgehend unbewusstes Lernen ohne ausdrückliche Regeln): Erwerb einer Fertigkeit mit geringer bewusster Regelkenntnis.
  • Beobachtungslernen (Lernen durch das Beobachten anderer): Lernen durch Beobachtung fremder Bewegungen und ihrer Ergebnisse.
  • Strategisches Lernen (bewusste Auswahl und Veränderung einer Vorgehensweise): bewusste Auswahl und Veränderung einer Bewegungslösung [1].

Bei komplexen sportlichen Fertigkeiten wirken gewöhnlich mehrere Lernmechanismen gleichzeitig. Ihre relative Bedeutung hängt von Aufgabe, Erfahrung, Rückmeldung, Motivation und Übungsorganisation ab [1, 7].

Übungsorganisation und Kontextinterferenz (erschwerte Verarbeitung durch den Wechsel verschiedener Übungsaufgaben)

Die Reihenfolge von Übungsaufgaben beeinflusst die unmittelbare Leistung und das spätere Behalten.

  • Blockiertes Üben: Eine Aufgabe oder Variante wird mehrfach hintereinander wiederholt.
  • Serielles Üben: Mehrere Aufgaben werden in einer wiederkehrenden Reihenfolge ausgeführt.
  • Zufälliges Üben: Unterschiedliche Aufgaben oder Varianten wechseln in wenig vorhersehbarer Reihenfolge.

Kontextinterferenz bezeichnet die erhöhte Verarbeitungsanforderung, die durch den Wechsel zwischen unterschiedlichen Übungsaufgaben entsteht. Eine Metaanalyse von 2024 zeigte im Mittel Vorteile hoher Kontextinterferenz für das spätere Behalten. Der Effekt war vor allem in kontrollierten Laboraufgaben erkennbar; in anwendungsnahen Situationen war er erheblich kleiner [8]. Eine weitere Metaanalyse aus dem Jahr 2024 fand einen durchschnittlichen Vorteil höherer Kontextinterferenz für den Transfer. Die Ergebnisse waren jedoch heterogen und von Aufgabenart, Altersgruppe und Untersuchungsumgebung abhängig [9]. Daraus folgt kein allgemeines Gebot, neue Fertigkeiten von Beginn an ausschließlich zufällig zu üben. Bei neuen, komplexen oder sicherheitsrelevanten Bewegungen kann zunächst eine geringere Aufgabenvariation zweckmäßig sein. Mit zunehmender Stabilität können Variabilität, Geschwindigkeit, Entscheidungsanforderung und Umweltunsicherheit schrittweise erhöht werden [6, 8, 9].

Übungsvariabilität

Variable Übung verändert gezielt einzelne Aufgabenbedingungen, beispielsweise Geschwindigkeit, Distanz, Widerstand, Bewegungsrichtung, Ausgangsstellung, Sportgerät oder Umweltanforderung. Sie kann Anpassungsfähigkeit und Transfer fördern, wenn die Variation zur Zielbewegung und zum aktuellen Leistungsstand passt [5, 6]. Eine sachgerechte Dosierung sollte:

  • die wesentlichen Merkmale der Zielbewegung erhalten,
  • eine erkennbare Beziehung zwischen Handlung und Ergebnis ermöglichen,
  • die aktuelle Leistungsfähigkeit berücksichtigen,
  • ausreichende, aber nicht zwingend maximale Erfolgswahrscheinlichkeit zulassen und
  • progressiv ansteigende Bewegungs- und Entscheidungsanforderungen bieten [5, 6].

Unstrukturierte oder übermäßig hohe Variation kann die Identifikation relevanter Aufgabenmerkmale erschweren. Übungsvariabilität ist daher ein dosierbarer Lernreiz und kein Selbstzweck.

Rückmeldung beim motorischen Lernen

Intrinsische Rückmeldung (Rückmeldung aus der eigenen Sinneswahrnehmung) entsteht aus den eigenen Sinnesinformationen. Extrinsische Rückmeldung (zusätzliche Rückmeldung von außen) wird zusätzlich durch Trainer, Therapeut, Messgerät, Video oder akustisches Signal bereitgestellt.

  • Ergebnisrückmeldung: Information über Zielerreichung, Zeit, Distanz, Trefferquote, Geschwindigkeit oder Leistung.
  • Ausführungsrückmeldung: Information über Technik, Gelenkstellung, Bewegungsrhythmus, Kraftverlauf oder Koordination.

Rückmeldung kann unmittelbar oder verzögert, nach jedem Versuch oder in größeren Abständen, einzeln oder zusammenfassend sowie visuell, akustisch oder taktil erfolgen. Eine Metaanalyse von 61 Publikationen fand keinen gesicherten generellen Vorteil einer reduzierten relativen Rückmeldungsfrequenz für motorische Leistung oder Lernen. Die Literatur war heterogen, und viele Studien waren statistisch unzureichend dimensioniert [10]. Die Rückmeldungsfrequenz sollte deshalb nicht nach einer starren Prozentregel festgelegt werden. Maßgeblich sind Aufgabenkomplexität, Erfahrungsstand, Gefährdungspotenzial, Eigenwahrnehmung und Fähigkeit zur selbstständigen Fehlerkorrektur [10].

Aufmerksamkeitsfokus

Ein interner Aufmerksamkeitsfokus (Konzentration auf den eigenen Körper und seine Bewegung) richtet die Aufmerksamkeit auf Körperbewegungen, Gelenke oder Muskelaktivität. Ein externer Fokus (Konzentration auf die Wirkung der Bewegung) richtet sie auf die Wirkung der Bewegung, beispielsweise auf Ziel, Flugbahn, Boden oder Sportgerät. Ein ganzheitlicher Fokus (Konzentration auf das Gesamtgefühl der Bewegung) richtet sich auf das Gesamtgefühl oder den Gesamtcharakter der Bewegung. Eine Metaanalyse von 2021 berichtete durchschnittliche Vorteile eines externen gegenüber einem internen Aufmerksamkeitsfokus für Leistung und Lernen [11]. Eine robuste bayesianische Reanalyse aus dem Jahr 2024 fand jedoch Hinweise auf Publikations- und Berichtsverzerrungen. Nach deren Berücksichtigung war die Evidenz für eine generelle Überlegenheit des externen Fokus deutlich schwächer [12]. Die 2026 publizierte stratifizierte Netzwerkmetaanalyse berücksichtigte 87 Studien und zeigte unterschiedliche Rangfolgen in Abhängigkeit vom Leistungsniveau. Ein distaler externer Fokus erschien insbesondere bei weniger erfahrenen Personen günstig. Bei hochqualifizierten Sportlern konnte ein ganzheitlicher Fokus vergleichbar oder günstiger sein. Auch diese Ergebnisse waren gegenüber kleinen Studien und möglichen Berichtsverzerrungen sensitiv [13]. Ein externer Aufmerksamkeitsfokus ist daher häufig zweckmäßig, aber keine universell überlegene Instruktionsform. Die Auswahl sollte an Aufgabe, Leistungsniveau und individuelle Reaktion angepasst werden [11-13].

Analogieinstruktion sowie implizites und explizites Lernen

Analogieinstruktionen (Bewegungshinweise mithilfe anschaulicher Vergleiche) verdichten mehrere technische Regeln in ein anschauliches Bewegungsbild. Eine Metaanalyse von 2025 fand gegenüber Kontrollbedingungen und expliziter Regelvermittlung kleine durchschnittliche Vorteile. Die eingeschlossenen Studien waren jedoch heterogen und teilweise mit relevantem Verzerrungsrisiko behaftet [14]. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 untersuchte implizite und explizite Lernverfahren anhand biomechanischer Zielgrößen sportartspezifischer Aufgaben. Implizite Verfahren zeigten gegenüber Kontrollbedingungen im Mittel einen kleinen positiven Effekt. Die Evidenz reichte jedoch nicht aus, um eine allgemeine Überlegenheit für alle Aufgaben und Leistungsniveaus abzuleiten [7]. Für die Praxis ist deshalb eine kombinierte Vorgehensweise zweckmäßig: wenige priorisierte technische Hinweise, geeignete Analogien, aufgabenbezogene Zielinformationen und ausreichend eigenständige Bewegungserfahrung. Eine große Zahl gleichzeitig zu verarbeitender Einzelregeln kann die Bewegungsausführung insbesondere unter Zeitdruck oder Ermüdung destabilisieren [7, 14].

Bewegungsqualität

Bewegungsqualität ist kein einheitlicher Messwert. Sie beschreibt, wie angemessen eine Bewegung unter Berücksichtigung von Ziel, Präzision, Stabilität, Anpassungsfähigkeit, mechanischer Belastung und Aufwand ausgeführt wird. Mögliche Dimensionen sind:

  • Zielerreichung und Genauigkeit,
  • zeitliche Abstimmung und Rhythmus,
  • Bewegungsfluss,
  • posturale Stabilität (Stabilität der Körperhaltung),
  • intersegmentale Koordination,
  • angemessene Bewegungsamplitude,
  • Belastungsverteilung,
  • Robustheit gegenüber Störungen,
  • Anpassungsfähigkeit sowie
  • energetischer und neuromuskulärer Aufwand.

Eine Bewegung kann unter einer Zielgröße hochwertig und unter einer anderen ungünstig sein. Maximale Kraftentwicklung, präzise Zielbewegung und ökonomische Dauerleistung erfordern nicht dieselbe Koordinationsstrategie. Standardisierte Bewegungsscreenings erfassen nur ausgewählte Aspekte der Bewegungsqualität. Eine systematische Übersicht mit Mehrebenenmetaanalyse aus dem Jahr 2025 zeigte erhebliche Unterschiede hinsichtlich Entwicklungsgrundlage, Bewegungsaufgaben, Bewertungskriterien und Reliabilität (Zuverlässigkeit einer Messung) der verfügbaren Verfahren [15]. Eine ausreichende Reliabilität beweist weder diagnostische Validität (Eignung zur zuverlässigen diagnostischen Beurteilung) noch eine zuverlässige individuelle Verletzungsvorhersage. Screening-Ergebnisse müssen daher auf ihren vorgesehenen Anwendungszweck begrenzt interpretiert werden [15].

Bewegungsökonomie (Verhältnis von Bewegungsleistung zu erforderlichem Aufwand)

Bewegungsökonomie bezeichnet das Verhältnis zwischen erzielter Leistung und dem dafür erforderlichen energetischen, neuromuskulären und mechanischen Aufwand. Bei zyklischen Ausdauerleistungen wird sie häufig über Sauerstoffverbrauch oder Energieumsatz bei definierter Geschwindigkeit beziehungsweise äußerer Leistung beurteilt. Eine günstige Ökonomie kann mit zweckmäßiger Kraftübertragung, geeigneter Nutzung elastischer Strukturen, angemessener Muskelvorspannung und präziser zeitlicher Koordination zusammenhängen. Einzelne biomechanische Merkmale erklären interindividuelle Unterschiede jedoch nur begrenzt. Eine systematische Übersicht und Metaanalyse zur Laufökonomie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass viele häufig untersuchte räumlich-zeitliche, kinematische (den Bewegungsablauf betreffende) und kinetische (die wirkenden Kräfte betreffende) Merkmale nicht oder nur schwach mit der Laufökonomie assoziiert waren. Eine universelle ökonomische Lauftechnik lässt sich daraus nicht ableiten [16]. Energieeinsparung ist außerdem nicht das einzige Optimierungsziel. Bei instabilem Untergrund, Gegnerkontakt, hoher Präzisionsanforderung oder Verletzungsgefahr kann ein höherer Energieaufwand zugunsten von Stabilität, Sicherheit und Reaktionsfähigkeit zweckmäßig sein. Bewegungsökonomie darf deshalb nicht mit minimaler Muskelaktivität gleichgesetzt werden.

Biomechanische Einflussfaktoren

Biomechanische Faktoren bestimmen, welche Bewegungslösungen unter gegebenen Bedingungen möglich, effizient und belastbar sind. Individuelle Einflussfaktoren:

  • Körpermasse und Körperproportionen,
  • Segmentlängen und Segmentträgheitsmomente,
  • Gelenkgeometrie und Bewegungsumfang,
  • Muskelkraft, Kraftanstieg und Muskelleistung,
  • Kraft-Geschwindigkeits-Beziehung (Zusammenhang zwischen Muskelkraft und Bewegungsgeschwindigkeit) und Kraft-Längen-Beziehung (Zusammenhang zwischen Muskellänge und entwickelbarer Kraft),
  • Sehnensteifigkeit (Widerstand einer Sehne gegen Verformung) und elastische Energiespeicherung,
  • passive Gewebespannung (Spannung ohne aktive Muskelkontraktion),
  • neuromuskuläre Aktivierungsfähigkeit,
  • Ermüdung, Schmerz und strukturelle Funktionsstörungen.

Äußere Einflussfaktoren:

  • Schwerkraft und Bodenreaktionskräfte,
  • Reibung und Untergrundbeschaffenheit,
  • Luft- und Wasserwiderstand,
  • Sportgerät, Schuhwerk und Schutzausrüstung,
  • Zusatzlasten und äußere Widerstände sowie
  • Kontakt mit Mitspielern oder Gegnern.

Die sichtbare Bewegung beschreibt zunächst die Kinematik. Sie erlaubt nicht unmittelbar Rückschlüsse auf Muskelkräfte, Gelenkmomente oder Gewebebelastungen. Ähnliche Gelenkwinkel können mit unterschiedlichen Muskelaktivierungen, Bodenreaktionskräften und inneren Belastungen verbunden sein. Eine umfassende Bewertung sollte daher räumlich-zeitliche, kinematische, kinetische und neuromuskuläre Informationen verbinden [LL1-LL3].

Sensorische Einflussfaktoren

Zielgerichtete Bewegung setzt eine ausreichend genaue Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt voraus.

  • Propriozeption (Wahrnehmung von Körperstellung, Bewegung und Kraft): Wahrnehmung von Körper- und Gelenkstellung, Bewegung, Muskelkraft und Anstrengung. Wesentliche Informationen stammen aus Muskelspindeln (Dehnungsrezeptoren in der Muskulatur), Golgi-Sehnenorganen (Kraftrezeptoren in den Sehnen), Hautrezeptoren und Gelenkstrukturen [17].
  • Visuelles System: Informationen über Zielposition, Objektbewegung, Eigenbewegung, räumliche Orientierung und Hindernisse.
  • Vestibuläres System (Gleichgewichtssystem des Innenohrs): Informationen über lineare und rotatorische Beschleunigungen sowie die Orientierung des Kopfes relativ zur Schwerkraft.
  • Taktiles System (Tastsinn): Informationen über Druck, Kontakt, Oberflächenbeschaffenheit, Griffverhältnisse und Lastverteilung.
  • Akustisches System: zeitliche und räumliche Hinweise, beispielsweise Startsignale, Rhythmus oder Geräusche von Gegnern und Sportgeräten.

Das Nervensystem gewichtet Sinnesinformationen abhängig von ihrer Zuverlässigkeit und der jeweiligen Aufgabe. Bei eingeschränkter Sicht gewinnen propriozeptive und vestibuläre Signale relativ an Bedeutung. Auf instabilem Untergrund können Informationen aus Fuß und Sprunggelenk weniger zuverlässig sein, sodass visuelle und vestibuläre Informationen stärker gewichtet werden. Sensorische Rückmeldungen werden außerdem bewegungsphasen- und aufgabenabhängig moduliert [4, 17].

Propriozeptives und sensorimotorisches Training

Propriozeptives Training umfasst Übungen, die Anforderungen an Gelenkstellungssinn, posturale Kontrolle, Reaktion auf Störungen und sensorische Integration stellen. Beispiele sind Einbeinstand, instabile Unterlagen, Landungs- und Richtungswechselaufgaben, Störungsreize und Aufgaben mit eingeschränkter visueller Information. Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2024 berichtete positive Effekte auf Gleichgewicht, Agilität (Fähigkeit zu schnellen kontrollierten Richtungswechseln), Kraft, Geschwindigkeit, posturale Stabilität und mehrere sportartspezifische Leistungsmerkmale [18]. Populationen, Programme und Endpunkte waren jedoch heterogen. Eine universell optimale Trainingsdauer, Frequenz oder Übungsauswahl lässt sich daraus nicht ableiten. Die Gestaltung sollte an Sportart, Leistungsniveau, Verletzungsvorgeschichte und funktionelles Defizit angepasst werden [18].

Analyse menschlicher Bewegungen

Eine belastbare Bewegungsanalyse beginnt mit einer klar definierten Fragestellung. Erst danach wird festgelegt, welche Messgrößen und Verfahren erforderlich sind.

Analyseebene Typische Messgrößen Beispielhafte Verfahren Wesentliche Einschränkungen
Bewegungsergebnis Zeit, Distanz, Geschwindigkeit, Trefferquote, Erfolgsrate Zeitmessung, Lichtschranken, Zielsysteme Erklärt nicht, durch welche Bewegungslösung das Ergebnis erreicht wurde
Räumlich-zeitliche Struktur Phasendauer, Frequenz, Schrittlänge, Kontaktzeit, Rhythmus Videoanalyse, Druckmesssysteme, inertiale Sensoren Abhängigkeit von Ereignisdefinition und Messfrequenz
Kinematik Position, Winkel, Weg, Geschwindigkeit, Beschleunigung markerbasierte und markerlose Bewegungsanalyse, Video, inertiale Sensoren Kalibrierfehler, Weichteilartefakte und modellabhängige Gelenkdefinitionen
Kinetik Kräfte, Impulse, Gelenkmomente, mechanische Leistung Kraftmessplatten, Dynamometrie, Druckmessung, inverse Dynamik Abhängigkeit von anthropometrischen Modellen (Berechnungsmodellen auf Grundlage von Körpermaßen) und Eingangsdaten
Neuromuskuläre Aktivität Aktivierungsbeginn, Amplitude, Frequenzinhalt, Koaktivierung Oberflächen- oder Nadelelektromyographie Elektromyographische Aktivität entspricht nicht unmittelbar Muskelkraft
Sensorimotorische Kontrolle Reaktionszeit, Gelenkstellungssinn, posturale Schwankung, Störungsreaktion Reaktionsaufgaben, Kraftmessplatten, Perturbationen, sensorische Manipulationen starke Aufgaben- und Kontextabhängigkeit
Energetik Sauerstoffaufnahme, Energieumsatz, mechanischer Wirkungsgrad Spiroergometrie, indirekte Kalorimetrie, Leistungsmesstechnik Einfluss des physiologischen Beharrungszustands und begrenzte zeitliche Auflösung
Variabilität und Koordination Streuung, zeitliche Struktur, Gelenkkopplung, Synergien Zeitreihenanalyse, Koordinationsmaße, Synergieanalyse Abhängigkeit von Variablenwahl, Modell und Auswertungsverfahren
Motorisches Lernen Aneignung, Behalten, Transfer, Adaptation Übungs-, Behaltens- und Transfertests Trainingsleistung allein ist kein ausreichender Lernnachweis

Qualitätsanforderungen an Bewegungsanalysen

Eine wissenschaftlich und sportmedizinisch belastbare Untersuchung erfordert:

  • eine präzise Definition von Bewegungsaufgabe und Zielgröße,
  • standardisierte, zugleich ausreichend aufgabennahe Untersuchungsbedingungen,
  • validierte und für die Zielbewegung geeignete Messverfahren,
  • Kalibrierung und zeitliche Synchronisation der Systeme,
  • ausreichende Messfrequenz und Signalqualität,
  • vorab definierte Filter- und Auswertungsverfahren,
  • einheitliche Koordinatensysteme und Gelenkdefinitionen,
  • sachgerechte Normierung (Umrechnung auf eine einheitliche Bezugsgröße),
  • Prüfung von Reliabilität, Messfehler (Abweichung des Messwerts vom tatsächlichen Wert) und minimal nachweisbarer Veränderung sowie
  • Interpretation im Kontext von Alter, Anthropometrie, Leistungsniveau, Ermüdung und Aufgabe [LL1-LL3].

Eine beobachtete Veränderung zwischen zwei Messzeitpunkten ist nur dann belastbar interpretierbar, wenn sie den zu erwartenden Messfehler ausreichend überschreitet.

Markerlose Bewegungsanalyse und tragbare Sensoren

Markerlose Kamerasysteme und tragbare inertiale Sensoren ermöglichen Bewegungsanalysen unter zunehmend sportnahen Bedingungen. Vorteile können geringerer Vorbereitungsaufwand, größere Bewegungsräume und eine geringere Beeinflussung der natürlichen Bewegung sein. Die Messgüte markerloser Verfahren hängt jedoch von Algorithmus, Kameraanzahl, Kameraposition, Bildfrequenz, Beleuchtung, Verdeckung, Bewegungsgeschwindigkeit, untersuchtem Gelenk und Referenzsystem ab. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 zeigte eine variable Reliabilität und Validität der Rumpf- und Gelenkkinematik. Abweichungen gegenüber markerbasierten Systemen unterschieden sich erheblich zwischen Aufgaben, Bewegungsebenen und Gelenken [19]. Markerlose Systeme sind deshalb nicht allgemein mit laborgebundener dreidimensionaler Bewegungsanalyse gleichzusetzen. Ihre Eignung muss für die konkrete Aufgabe und Zielgröße geprüft werden. Für inertiale Gelenkkinematik, Elektromyographie und klinische Bewegungsanalyselabore liegen internationale Standardisierungs- und Berichtsempfehlungen vor [LL1-LL3].

Konsequenzen für Training und Bewegungsvermittlung

Eine evidenzbasierte Bewegungsvermittlung sollte folgende Schritte berücksichtigen:

  1. Bewegungsziel definieren: Festlegen, welches Ergebnis erreicht und anhand welcher Kriterien bewertet werden soll.
  2. Ausgangssituation erfassen: Leistungsniveau, Bewegungserfahrung, biomechanische Voraussetzungen, Sinnesbedingungen, Ermüdung und Beschwerden beurteilen.
  3. Aufgabenrelevante Abweichungen priorisieren: Nicht jede sichtbare Abweichung erfordert eine Korrektur. Vorrang haben Merkmale, die Zielerreichung, Belastbarkeit oder Sicherheit beeinträchtigen.
  4. Instruktionen begrenzen: Wenige verständliche und aufgabenbezogene Hinweise verwenden.
  5. Aufmerksamkeitsfokus individualisieren: Externe, interne oder ganzheitliche Instruktionen abhängig von Aufgabe, Erfahrung und Reaktion einsetzen.
  6. Übungsvariabilität progressiv steigern: Variabilität, Geschwindigkeit, Entscheidungsdruck und Umweltunsicherheit an den Lernfortschritt anpassen.
  7. Rückmeldungen zielgerichtet einsetzen: Inhalt, Zeitpunkt und Häufigkeit nach Erfahrungsstand, Aufgabe und Eigenkorrekturfähigkeit ausrichten.
  8. Eigenständige Fehlererkennung fördern: Lernende zur Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Bewegung anleiten.
  9. Behalten und Transfer prüfen: Lernfortschritt nicht ausschließlich anhand der unmittelbaren Trainingsleistung bewerten.
  10. Leistung, Belastung und Ökonomie gemeinsam beurteilen: Technische Veränderungen hinsichtlich ihrer funktionellen, mechanischen und energetischen Folgen bewerten.

Kernaussagen

  • Menschliche Bewegung entsteht aus dem dynamischen Zusammenwirken von Bewegungsziel, Nervensystem, Sinnesinformationen, Muskulatur, Biomechanik, Aufgabe und Umwelt.
  • Vorausschauende Bewegungssteuerung und sensorisch rückgekoppelte Bewegungsregelung wirken gleichzeitig und aufgabenspezifisch zusammen.
  • Koordination bedeutet nicht vollständige Gleichförmigkeit. Funktionelle Variabilität kann Zielstabilität, Anpassung und Belastungsverteilung unterstützen.
  • Motorische Synergien stabilisieren aufgabenrelevante Größen, ohne alle beteiligten Muskeln und Gelenke starr festzulegen.
  • Bewegungsphasen müssen funktionell und anhand nachvollziehbarer zeitlicher, biomechanischer oder neuromuskulärer Ereignisse definiert werden.
  • Motorisches Lernen ist durch relativ dauerhafte Veränderungen sowie Behaltens- und Transferleistungen nachzuweisen.
  • Hohe Kontextinterferenz, hohe Übungsvariabilität, reduzierte Rückmeldung und externer Aufmerksamkeitsfokus sind keine universell gültigen Regeln.
  • Bewegungsqualität und Bewegungsökonomie sind multidimensional und dürfen nicht auf eine Idealtechnik oder einen einzelnen Screening-Wert reduziert werden.
  • Biomechanisch ähnliche Bewegungen können mit unterschiedlichen Muskelkräften, Gelenkmomenten und Gewebebelastungen verbunden sein.
  • Bewegungsanalysen müssen zielbezogen, standardisiert, valide und unter Berücksichtigung ihres Messfehlers interpretiert werden.

Sportmedizin – Definition, Aufgaben und Vorteile für Gesundheit und Leistungsfähigkeit (Übersicht über alle Themen zur Sportmedizin)

Literatur

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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  2. Besomi M, Devecchi V, Falla D et al.: Consensus for experimental design in electromyography (CEDE) project: Checklist for reporting and critically appraising studies using EMG (CEDE-Check). J Electromyogr Kinesiol. 2024;76:102874. doi:10.1016/j.jelekin.2024.102874 [LL2]
  3. Kranzl A, Stief F, Böhm H et al.: Recommendations of the GAMMA association for the standardization of clinical movement analysis laboratories. Gait Posture. 2025;117:7-15. doi:10.1016/j.gaitpost.2024.11.018 [LL3]