Sportmedizin
„Die Menschen erbitten sich Gesundheit von den Göttern – dass sie jedoch selbst Gewalt über ihre Gesundheit haben, wissen sie nicht.“
Demokrit, 5. Jahrhundert v. Chr. – sinngemäße deutsche Fassung nach Fragment DK 68 B 234
Die Sportmedizin ist eine interdisziplinäre medizinische Querschnittsdisziplin. Sie befasst sich mit den akuten und chronischen Auswirkungen von körperlicher Aktivität, Training und Sport sowie von körperlicher Inaktivität auf gesunde und erkrankte Menschen. Ihre Erkenntnisse werden in Prävention (Vorbeugung), Diagnostik (medizinische Abklärung), Therapie (Behandlung), Rehabilitation (Wiederherstellung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit), Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und Gesundheitsschutz eingesetzt [LL1-LL3].
Sportmedizin betrifft damit nicht nur die Behandlung von Sportverletzungen oder die Betreuung von Leistungssportlern. Sie verbindet insbesondere internistische (die inneren Organe betreffende), kardiologische (das Herz-Kreislauf-System betreffende), pneumologische (die Lunge betreffende), orthopädisch-unfallchirurgische (den Bewegungsapparat und Verletzungen betreffende), pädiatrische (kinderheilkundliche), neurologische (das Nervensystem betreffende), endokrinologische (das Hormonsystem betreffende), ernährungsmedizinische (die medizinische Bedeutung der Ernährung betreffende) und psychologische Kompetenzen mit Leistungsphysiologie (Lehre von den körperlichen Anpassungen an Belastung), Biomechanik (Lehre von Kräften und Bewegungsabläufen des Körpers) und Trainingswissenschaft [LL1, LL3].
Grundbegriffe
Körperliche Aktivität umfasst jede durch die Skelettmuskulatur erzeugte Bewegung, die den Energieverbrauch gegenüber dem Ruheumsatz erhöht. Körperliches Training ist eine geplante, strukturierte und wiederholte Form körperlicher Aktivität mit dem Ziel, Komponenten der körperlichen Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern. Körperliche Fitness beschreibt messbare leistungsbezogene oder gesundheitsbezogene Eigenschaften, darunter kardiorespiratorische Fitness (Leistungsfähigkeit von Herz, Kreislauf und Atmung), Muskelkraft, Muskelausdauer, Beweglichkeit und Körperzusammensetzung [LL2].
Körperliche Inaktivität und sedentäres Verhalten (lang andauerndes Sitzen oder Liegen bei sehr geringem Energieverbrauch) sind voneinander abzugrenzen. Körperliche Inaktivität bezeichnet das Nichterreichen der empfohlenen Aktivitätsumfänge. Sedentäres Verhalten umfasst wache Tätigkeiten im Sitzen, Zurücklehnen oder Liegen mit sehr geringem Energieverbrauch. Ein Mensch kann die Bewegungsempfehlungen erreichen und dennoch einen erheblichen Teil des Tages sedentär verbringen. Deshalb sollen sowohl körperliche Aktivität gefördert als auch lange Sitzzeiten reduziert werden [LL2].
Aufgabenbereiche der Sportmedizin
| Bereich | Zentrale Aufgaben | Sportmedizinische Zielsetzung |
|---|---|---|
| Prävention und Gesundheitsförderung | Förderung körperlicher Aktivität, Reduktion von Bewegungsmangel und Beratung zu einer gesundheitswirksamen Belastungsdosis | Langfristige Verbesserung von Aktivitätsniveau, körperlicher Fitness und gesundheitlicher Prognose [3-5, LL2] |
| Sportmedizinische Vorsorge | Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), körperliche Untersuchung und risikoadaptierte weiterführende Diagnostik | Erkennung medizinisch relevanter Risiken vor Aufnahme oder Intensivierung sportlicher Belastungen [LL1, LL3] |
| Bewegungstherapie (gezielte Behandlung durch körperliche Aktivität) | Gezielte Anwendung körperlicher Aktivität und strukturierten Trainings bei definierten Erkrankungen | Verbesserung krankheitsspezifischer Endpunkte, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität [6-8, LL3] |
| Rehabilitation | Stufenweiser Wiederaufbau von Belastbarkeit und körperlicher Leistungsfähigkeit nach Erkrankung, Verletzung oder Operation | Sichere Rückkehr in Alltag, Beruf und Sport |
| Leistungsdiagnostik | Objektive Erfassung kardiorespiratorischer, metabolischer (den Stoffwechsel betreffender), muskulärer und neuromotorischer (das Zusammenspiel von Nervensystem und Bewegung betreffender) Leistungsmerkmale | Bestimmung des Ausgangsniveaus, leistungsbegrenzender Faktoren und geeigneter Trainingsbereiche [LL3, LL4] |
| Trainingssteuerung | Planung und Anpassung von Trainingshäufigkeit, Intensität, Dauer, Umfang, Trainingsart und Progression | Erreichen einer wirksamen Belastungsdosis bei angemessener Regeneration [LL4, LL5] |
| Orthopädisch-traumatologische Sportmedizin | Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation von Sportverletzungen und Überlastungsbeschwerden | Wiederherstellung von Funktion, Belastbarkeit und sportartspezifischer Leistungsfähigkeit |
| Leistungssportmedizin | Gesundheitsmonitoring, Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung, Ernährungsmedizin, Regeneration und Return-to-Sport (sichere Rückkehr zum Sport) | Verbindung von langfristiger Leistungsentwicklung und Gesundheitsschutz [LL3, LL6] |
| Umwelt- und Extremphysiologie | Beurteilung sportlicher Belastungen unter Hitze, Kälte, Höhe oder erhöhtem Umgebungsdruck | Anpassung von Belastung, Akklimatisation (Anpassung des Körpers an veränderte Umweltbedingungen), Flüssigkeitszufuhr und Schutzmaßnahmen |
| Anti-Doping und ärztliche Ethik | Prüfung von Arzneimitteln, Methoden und medizinischen Ausnahmegenehmigungen (ärztlich begründeten Erlaubnissen für sonst verbotene Mittel oder Methoden) sowie Beratung zu Nahrungsergänzungsmitteln | Schutz von Gesundheit, Fairness und Integrität des Sportlers [LL7] |
Gesundheitliche Bedeutung körperlicher Aktivität
Die gesundheitliche Bedeutung körperlicher Aktivität beruht auf ihrem breiten Wirkungsspektrum und auf einer dosisabhängigen Beziehung zwischen Aktivitätsumfang und zahlreichen klinisch relevanten Endpunkten. Eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse großer prospektiver Kohortenstudien zeigte, dass höhere Umfänge nicht beruflicher körperlicher Aktivität mit einem geringeren Risiko für Gesamtmortalität (Sterblichkeit unabhängig von der Todesursache), kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und mehrere Krebserkrankungen assoziiert sind. Die größten relativen Zugewinne wurden beim Übergang von vollständiger Inaktivität zu einer zumindest geringen Aktivität beobachtet [1].
Die kardiorespiratorische Fitness besitzt eine eigenständige prognostische Bedeutung. Eine Übersicht von Meta-Analysen mit mehr als 20,9 Millionen Beobachtungen aus 199 Kohortenstudien zeigte konsistente inverse Assoziationen zwischen kardiorespiratorischer Fitness und Gesamtmortalität sowie zahlreichen chronischen Erkrankungen. Eine niedrige kardiorespiratorische Fitness ist deshalb als klinisch relevanter Risikomarker einzuordnen [2].
Auch muskelkräftigende Aktivität ist gesundheitlich relevant. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse prospektiver Kohortenstudien zeigte inverse Assoziationen mit Gesamtmortalität und mehreren nicht übertragbaren Erkrankungen. Die Kombination von muskelkräftigender und aerober Aktivität war gegenüber dem Fehlen beider Aktivitätsformen mit günstigeren Endpunkten assoziiert [3].
| Zielbereich | Evidenzbasierte Einordnung | Quellen |
|---|---|---|
| Gesamtmortalität und chronische Erkrankungen | Nicht berufliche körperliche Aktivität ist in großen prospektiven Kohortenstudien dosisabhängig mit einem geringeren Risiko für Gesamtmortalität, kardiovaskuläre Erkrankungen und mehrere Krebserkrankungen assoziiert. Bereits Aktivitätsumfänge unterhalb der populationsbezogenen Zielbereiche können gegenüber vollständiger Inaktivität mit einem relevanten Nutzen verbunden sein. | [1] |
| Kardiorespiratorische Fitness | Eine höhere kardiorespiratorische Fitness ist konsistent mit einer günstigeren Prognose assoziiert. Die Fitnessmessung kann daher die klinische Risikobeurteilung ergänzen. | [2] |
| Muskelkräftigende Aktivität | Regelmäßige muskelkräftigende Aktivität ist mit einem niedrigeren Risiko für Gesamtmortalität und mehrere nicht übertragbare Erkrankungen assoziiert. Ausdauer- und Krafttraining ergänzen sich. | [5, LL2, LL5] |
| Depressive Erkrankungen (Depressionen) | Eine Netzwerk-Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien zeigte, dass verschiedene Trainingsformen depressive Symptome (Krankheitszeichen) reduzieren können. Bewegungstherapie ist abhängig von Schweregrad, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Patientenpräferenz in ein multimodales Behandlungskonzept einzuordnen. | [4] |
| Koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) | Trainingsbasierte kardiologische Rehabilitation (Wiederherstellungsbehandlung bei Herzerkrankungen) reduziert bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit kardiovaskuläre Mortalität, Myokardinfarkte (Herzinfarkte) und Hospitalisierungen (Krankenhausaufnahmen). Für die Gesamtmortalität wurde in der zugrunde liegenden Meta-Analyse kein statistisch gesicherter Unterschied nachgewiesen. | [5] |
| Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) | Ausdauertraining, dynamisches Krafttraining, kombiniertes Training, hochintensives Intervalltraining und isometrisches Training (Krafttraining ohne sichtbare Gelenkbewegung) können den Ruheblutdruck senken. Die individuelle Auswahl richtet sich nach Blutdruck, Begleiterkrankungen, Belastbarkeit und Trainingsziel. | [6] |
| Mobilität und Sturzprävention (Vorbeugung von Stürzen) im höheren Lebensalter | Bei älteren Menschen soll die Ausdauer- und Kraftaktivität durch mehrkomponentiges Training mit funktionellem Gleichgewicht ergänzt werden. | [LL2] |
Körperliches Training ist bei zahlreichen Erkrankungen eine eigenständige oder ergänzende therapeutische Maßnahme. Es ersetzt jedoch keine anderweitig indizierte medikamentöse, interventionelle, operative oder psychotherapeutische Behandlung. Die Einordnung erfolgt krankheits-, risiko- und zielbezogen [6-8, LL3].
Orientierende Bewegungsempfehlungen
Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sind populationsbezogene Zielbereiche. Sie stellen keine individuelle Trainingsverordnung dar. Bei Vorerkrankungen, eingeschränkter Belastbarkeit, höherer Trainingsintensität oder Sportarten mit besonderen Anforderungen ist eine individuelle medizinische Anpassung erforderlich [LL2, LL3].
| Personengruppe | Ausdauerorientierte Aktivität | Ergänzende Trainingsinhalte |
|---|---|---|
| Kinder und Jugendliche von 5-17 Jahren | Im Wochendurchschnitt mindestens 60 Minuten täglich mit überwiegend moderater bis hoher Intensität | An mindestens 3 Tagen pro Woche intensive sowie muskel- und knochenkräftigende Aktivitäten [LL2] |
| Erwachsene von 18-64 Jahren | 150-300 Minuten pro Woche mit moderater Intensität oder 75-150 Minuten mit hoher Intensität bzw. eine entsprechende Kombination | Muskelkräftigende Aktivität aller großen Muskelgruppen an mindestens 2 Tagen pro Woche [LL2] |
| Erwachsene ab 65 Jahren | Grundsätzlich dieselben Zielbereiche wie für jüngere Erwachsene, angepasst an Funktionsfähigkeit und Gesundheitszustand | Zusätzlich mehrkomponentiges Training mit funktionellem Gleichgewicht und Kraft an mindestens 3 Tagen pro Woche [LL2] |
| Schwangere und Frauen nach der Entbindung | Bei fehlenden Kontraindikationen (medizinische Gründe gegen eine Maßnahme) mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche | Kombination aus Ausdauer- und Kraftaktivität; Anpassung an Schwangerschaftsverlauf, Trainingsstatus und Beschwerden [LL2] |
| Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen | Soweit medizinisch möglich Orientierung an den allgemeinen Empfehlungen; individuelle Anpassung an Belastbarkeit und Erkrankung | Jede geeignete Aktivität ist günstiger als vollständige Inaktivität; lange Sitzzeiten sollen reduziert werden [LL2] |
Die praktische Beratung soll den Einstieg in körperliche Aktivität erleichtern. Für bisher inaktive Menschen ist bereits eine schrittweise Steigerung von Alltagsaktivität und Training medizinisch relevant. Zusätzliche Aktivität kann über die Mindestempfehlungen hinaus weitere Vorteile bieten, sofern Belastbarkeit, Regeneration und individuelle Risiken berücksichtigt werden [3, LL2].
Individuelle Trainingsverordnung
Eine sportmedizinische Trainingsverordnung berücksichtigt Indikation, Ausgangsbefund, Trainingsziel, Belastungsdosis, Progression, Verträglichkeit und Verlaufskontrolle. Die Dosierung kann nach dem FITT-VP-Prinzip strukturiert werden [LL4, LL5].
| Komponente | Bedeutung | Sportmedizinische Umsetzung |
|---|---|---|
| F – Frequency | Häufigkeit | Anzahl und Verteilung der Trainingseinheiten pro Woche |
| I – Intensity | Intensität | Steuerung z. B. über ventilatorische Schwellen (Belastungsbereiche mit charakteristischen Veränderungen der Atmung), Herzfrequenzreserve (Differenz zwischen Ruhe- und maximaler Herzfrequenz), Leistung, Geschwindigkeit, Lactatkonzentration, Wiederholungsmaximum oder subjektives Belastungsempfinden |
| T – Time | Dauer | Dauer der Trainingseinheit und der wirksamen Belastungsabschnitte |
| T – Type | Trainingsart | Ausdauer-, Kraft-, Schnelligkeits-, Beweglichkeits-, Gleichgewichts-, Koordinations- oder sportartspezifisches Training |
| V – Volume | Gesamtumfang | Gesamte Belastungsmenge aus Häufigkeit, Dauer und Intensität bzw. aus Sätzen, Wiederholungen und bewegter Last |
| P – Progression | Belastungssteigerung | Schrittweise Anpassung an Trainingszustand, Erkrankung, Regeneration, Beschwerden und Zielsetzung |
Bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist eine ausschließlich altersbasierte Zielherzfrequenz häufig unzureichend. Soweit verfügbar, sollte die Intensitätssteuerung auf einer symptomlimitierten Belastungsuntersuchung oder Spiroergometrie (Belastungsuntersuchung mit Messung von Atmung und Kreislauf) und den dabei ermittelten physiologischen Schwellen beruhen. Ergänzend können Herzfrequenzreserve, externe Leistung, Sprechtest und subjektives Belastungsempfinden eingesetzt werden [LL3, LL4].
Für gesunde Erwachsene bestätigt ein aktuelles Positionspapier des American College of Sports Medicine die Wirksamkeit eines regelmäßig durchgeführten progressiven Krafttrainings. Die konkrete Gestaltung hängt vom Ziel ab: Für Maximalkraft sind insbesondere ausreichend hohe Lasten, für Muskelhypertrophie (Zunahme der Muskelmasse) ein hinreichendes wöchentliches Trainingsvolumen und für die allgemeine muskuläre Leistungsfähigkeit eine regelmäßige Beanspruchung der großen Muskelgruppen relevant. Diese Vorgaben müssen bei älteren, gebrechlichen oder chronisch erkrankten Menschen individualisiert werden [LL5].
Leistungsdiagnostik und Trainingslehre
Leistungsdiagnostik und Trainingslehre erfüllen unterschiedliche, eng miteinander verknüpfte Aufgaben. Die Leistungsdiagnostik beschreibt den aktuellen Funktions- und Leistungszustand. Die Trainingslehre überführt die Befunde in eine strukturierte Trainingsplanung mit Belastungssteuerung, Periodisierung, Progression und Regeneration [LL3-LL5].
Labor- und Felddiagnostik ergänzen einander. Laboruntersuchungen ermöglichen standardisierte Bedingungen und eine differenzierte Erfassung physiologischer Reaktionen. Feldtests bilden die Leistungsfähigkeit unter sportartspezifischen Bedingungen ab. Für die Verlaufsbeurteilung sind standardisierte, valide und reproduzierbare Verfahren erforderlich.
| Diagnostischer Bereich | Mögliche Verfahren | Sportmedizinischer Nutzen |
|---|---|---|
| Kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit | Spiroergometrie, Ergometrie (körperliche Belastungsuntersuchung), ventilatorische Schwellen, Lactatdiagnostik (Leistungsdiagnostik anhand der Milchsäurekonzentration im Blut) und validierte Feldtests | Bestimmung von Belastbarkeit, Trainingsbereichen und möglichen leistungsbegrenzenden Faktoren [4, LL3, LL4] |
| Kardiovaskuläre Sicherheit | Anamnese, Familienanamnese (Krankheitsgeschichte der Familie), körperliche Untersuchung, Ruhe-EKG und bei entsprechender Indikation weiterführende Diagnostik | Risikoadaptierte Erkennung klinisch relevanter kardiovaskulärer Befunde [LL1, LL3] |
| Muskuläre Leistungsfähigkeit | Dynamometrie (Messung der Muskelkraft), Maximalkraft-, Mehrwiederholungs-, Kraftausdauer- und funktionelle Tests | Erfassung von Kraftniveau, funktionellen Defiziten, Seitenunterschieden und Trainingsfortschritt [LL5] |
| Neuromotorische Leistungsfähigkeit | Sprung-, Sprint-, Reaktions-, Gleichgewichts-, Beweglichkeits- und Koordinationstests | Beurteilung sportartspezifischer Anforderungen und funktioneller Leistungsmerkmale |
| Körperzusammensetzung | Anthropometrie (Messung von Körpermaßen), Hautfaltendicke, Bioimpedanzanalyse (Messung der Körperzusammensetzung über den elektrischen Widerstand) und bei begründeter Indikation Dual-Röntgen-Absorptiometrie (Röntgenmessung von Knochendichte und Körperzusammensetzung) | Erfassung von Körpermasse, Fettmasse, fettfreier Masse und Hinweisen auf eine niedrige Energieverfügbarkeit [9, LL6] |
| Belastung und Regeneration | Trainingsdokumentation, subjektives Belastungsempfinden, Schlaf, Befinden sowie Verletzungs- und Infektverlauf | Verlaufskontrolle und Anpassung von Belastung und Regeneration [LL6] |
Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung
Die sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung (ärztliche Untersuchung vor oder während sportlicher Aktivität) dient der individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung vor Aufnahme oder Intensivierung sportlicher Aktivität. Sie soll relevante Beschwerden, Vorerkrankungen, Risikofaktoren und auffällige Untersuchungsbefunde erfassen und daraus Empfehlungen zur geeigneten Sportart, Belastungsintensität und gegebenenfalls weiterführenden Diagnostik ableiten [LL1].
Die deutsche S2k-Leitlinie empfiehlt, Erwachsenen, die Sport treiben oder mit Sport beginnen möchten, eine sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung anzubieten. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin formulierte wegen der begrenzten direkten Nutzen-Schaden-Evidenz für ein unselektiertes Screening ein Sondervotum mit einer Kann-Empfehlung. Diese unterschiedliche Bewertung ist bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen [LL1].
Umfang und Wiederholungsintervall sind risikoadaptiert festzulegen. Zu berücksichtigen sind insbesondere Alter, Symptome, Vorerkrankungen, Familienanamnese, kardiovaskuläre Risikofaktoren (Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen), bisheriger Trainingsstatus, Sportart und angestrebte Belastungsintensität. Weiterführende apparative Untersuchungen erfolgen nicht schematisch, sondern bei entsprechender klinischer Indikation (medizinisch begründetem Anlass) [LL1, LL3].
Formen sportlicher Betätigung
| Sportform | Primäre Zielsetzung | Sportmedizinische Besonderheiten |
|---|---|---|
| Freizeit- und Breitensport | Freude an Bewegung, soziale Teilhabe, Erholung, Fitness und persönliche Leistungsentwicklung | Langfristige Aktivität, angemessene Belastungssteigerung und Verletzungsprävention stehen im Vordergrund. |
| Gesundheitssport | Erhaltung oder Verbesserung von Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität | Die Belastung wird an Präventionsziel, Gesundheitszustand und individuelle Leistungsfähigkeit angepasst. |
| Rehabilitationssport | Wiederherstellung oder Stabilisierung körperlicher Funktionen und gesellschaftlicher Teilhabe | Das Training erfolgt indikationsbezogen und berücksichtigt Funktionsdefizite, Komorbiditäten und Belastbarkeit. |
| Leistungssport | Systematische Leistungsentwicklung und Teilnahme an Wettkämpfen | Erfordert periodisierte Trainingsplanung, Leistungsdiagnostik, Regeneration, Verletzungsprävention und medizinisches Monitoring. |
| Hochleistungs- und Spitzensport | Erreichen nationaler oder internationaler Spitzenleistungen | Hohe Trainings- und Wettkampfbelastungen erfordern multidisziplinäre Betreuung (Behandlung durch mehrere Fachrichtungen) und konsequenten Gesundheitsschutz [LL3, LL6]. |
| Berufssport | Ausübung des Sports als Erwerbstätigkeit | Der Begriff beschreibt den beruflichen Status und kann sich mit Leistungs- oder Spitzensport überschneiden. |
Gesundheitsschutz im Leistungssport
Gesundheitsschutz ist eine zentrale Aufgabe der Leistungssportmedizin. Trainingsumfang, Intensität, Wettkampfdichte, Reisen, Schlaf, Ernährung, Infektionen, Verletzungen, psychische Belastungen und Regeneration müssen gemeinsam beurteilt werden. Medizinische Entscheidungen richten sich nach der körperlichen und psychischen Integrität des Sportlers sowie nach der langfristigen Belastbarkeit [LL3, LL6].
Eine anhaltend niedrige Energieverfügbarkeit kann bei Sportlern zu einem relativen Energiedefizit im Sport (gesundheitliche Folgen einer dauerhaft zu geringen Energieverfügbarkeit) führen. Systematische Evidenz und das Konsensusstatement des Internationalen Olympischen Komitees beschreiben mögliche Beeinträchtigungen unter anderem von Energiestoffwechsel, endokriner (hormoneller) und reproduktiver Funktion (Fortpflanzungsfunktion), Knochengesundheit, Immunsystem (körpereigene Abwehr), kardiovaskulärer Funktion, psychischer Gesundheit und sportlicher Leistungsfähigkeit [9, LL6].
Die Behandlung richtet sich nach der individuellen Ausprägung und kann Ernährungsinterventionen (gezielte ernährungsmedizinische Maßnahmen), Anpassungen von Trainingsumfang und Trainingsintensität, Behandlung begleitender Erkrankungen sowie eine multidisziplinäre Betreuung umfassen [LL6].
Anti-Doping und ärztliche Verantwortung
Sportmedizinische Behandlung dient dem Schutz und der Wiederherstellung der Gesundheit. Arzneimittel und medizinische Methoden sind bei Wettkampfsportlern vor ihrer Anwendung auf ihren aktuellen Anti-Doping-Status (Einstufung nach den geltenden Dopingregeln) zu prüfen. Bei medizinisch notwendiger Behandlung mit einer verbotenen Substanz oder Methode kann abhängig vom Regelwerk eine medizinische Ausnahmegenehmigung erforderlich sein [LL7].
Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist zu berücksichtigen, dass Produkte nicht deklarierte oder verunreinigende Substanzen enthalten können. Die Indikation soll deshalb kritisch gestellt, die Produktauswahl sorgfältig geprüft und der Sportler über das verbleibende Risiko aufgeklärt werden.
Die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur wird regelmäßig aktualisiert. Die Verbotsliste 2026 gilt seit dem 1. Januar 2026 [LL7].
Fazit
Sportmedizin verbindet Prävention, klinische Medizin, Rehabilitation, Leistungsphysiologie und Trainingswissenschaft. Ihr Kern ist die individuelle Beurteilung und Dosierung körperlicher Belastung unter Berücksichtigung von Gesundheitszustand, Leistungsfähigkeit, Zielsetzung, Sportart und Regenerationskapazität.
Regelmäßige körperliche Aktivität, eine gute kardiorespiratorische Fitness und muskelkräftigende Aktivität sind mit günstigen gesundheitlichen Endpunkten verbunden [1-3]. In der Therapie chronischer Erkrankungen kann strukturiertes Training relevante klinische und funktionelle Verbesserungen erzielen [4-6]. Voraussetzung sind eine geeignete Indikationsstellung, eine angemessene Belastungsdosis, eine schrittweise Progression und eine risikoadaptierte Verlaufskontrolle.
Sportmedizin – Definition, Aufgaben und Vorteile für Gesundheit und Leistungsfähigkeit (Übersicht über alle Themen zur Sportmedizin)
Literatur
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2k-Leitlinie Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung 2024-2029. (AWMF-Registernummer 066-002). April 2024 Langfassung [LL1]
- World Health Organization: WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Geneva: World Health Organization; 2020. Volltext [LL2]
- Pelliccia A, Sharma S, Gati S et al.: 2020 ESC Guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease. Eur Heart J. 2021;42(1):17-96. doi:10.1093/eurheartj/ehaa605 [LL3]
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- World Anti-Doping Agency: The 2026 Prohibited List. International Standard. Gültig ab 1. Januar 2026. Volltext [LL7]