Neuromuskuläre Funktion

Die neuromuskuläre Funktion (Zusammenspiel von Nerven und Muskeln) umfasst das koordinierte Zusammenwirken des zentralen und peripheren Nervensystems (Gehirn und Rückenmark sowie Nerven außerhalb davon) mit der neuromuskulären Endplatte (Kontaktstelle zwischen Nerv und Muskelfaser), der Skelettmuskelfaser (Muskelzelle der willkürlich steuerbaren Muskulatur) und der Muskel-Sehnen-Einheit (funktionelle Einheit aus Muskel und Sehne). Sie ermöglicht die Planung, Einleitung, Ausführung und fortlaufende Anpassung von Bewegungen sowie die Umwandlung neuraler Aktivität in mechanische Kraft.

Aus sportmedizinischer Sicht bestimmt die neuromuskuläre Funktion wesentlich die Maximalkraft (größtmögliche willkürlich erzeugbare Kraft), Schnellkraft (Fähigkeit, in kurzer Zeit viel Kraft zu entwickeln), Bewegungsgeschwindigkeit, mechanische Leistung, Koordination und Ermüdungswiderstandsfähigkeit. Die resultierende sportliche Leistung lässt sich jedoch keiner einzelnen Struktur und keinem einzelnen Messparameter zuordnen. Sie entsteht aus dem Zusammenwirken zentralnervöser, spinaler (das Rückenmark betreffender), motoneuronaler (motorische Nervenzellen betreffender), synaptischer, muskulärer, sehnenmechanischer und biomechanischer Faktoren [1, 2, 13].

Funktionelle Ebenen des neuromuskulären Systems

Funktionsebene Wesentliche Strukturen und Prozesse Sportmedizinische Bedeutung
Zentrale Bewegungssteuerung Assoziative, prämotorische und motorische Cortexareale (Bereiche der Großhirnrinde), Basalganglien (tiefliegende Kerngebiete des Gehirns), Kleinhirn (Hirnregion zur Koordination und Bewegungskontrolle) und Hirnstamm (Verbindungsbereich zwischen Gehirn und Rückenmark) Auswahl, Vorbereitung, zeitliche Organisation und Anpassung von Bewegungen
Absteigender neuraler Antrieb Kortikospinale, kortikoretikuläre und retikulospinale Projektionen (absteigende Nervenbahnen vom Gehirn zum Rückenmark) Übertragung motorischer Signale auf spinale Interneurone (Schaltzellen des Nervensystems) und Motoneurone (Nervenzellen zur Muskelsteuerung)
Spinale Integration Alpha-Motoneurone (motorische Nervenzellen zur Steuerung von Skelettmuskelfasern), Interneurone, propriospinale Netzwerke (Nervennetzwerke innerhalb des Rückenmarks) und afferente Eingänge (zum zentralen Nervensystem geleitete Sinnesinformationen) Rekrutierung motorischer Einheiten, Reflexmodulation und Koordination der Muskulatur
Neuromuskuläre Übertragung Präsynaptische Nervenendigung (Endabschnitt der signalgebenden Nervenzelle), synaptischer Spalt (schmaler Zwischenraum zwischen den signalübertragenden Zellen) und postsynaptische Muskelmembran (signalempfangender Bereich der Muskelzellhülle) Übertragung des Motoneuronenaktionspotentials auf die Muskelfaser
Erregungs-Kontraktions-Kopplung (Umwandlung elektrischer Erregung in Muskelkraft) Sarkolemm (Muskelzellmembran), transversale Tubuli (röhrenförmige Einstülpungen der Muskelzellmembran), Ca2+V1.1 (spannungsempfindlicher Calciumkanal der Muskelzelle), Ryanodinrezeptor Typ 1 (Calciumfreisetzungskanal der Muskelzelle) und sarkoplasmatisches Retikulum (Calciumspeicher der Muskelzelle) Umwandlung der elektrischen Erregung in mechanische Kraft
Muskel-Sehnen-Einheit Muskelfasern, intramuskuläres Bindegewebe, Aponeurosen (flächige Sehnenplatten) und Sehnen Kraftentwicklung, elastische Energiespeicherung und Kraftübertragung

Zentrale Bewegungssteuerung

Willkürliche Bewegungen entstehen nicht durch eine lineare Befehlsfolge eines einzelnen Cortexareals. Die Bewegungssteuerung beruht vielmehr auf verteilten und teilweise parallel arbeitenden neuronalen Netzwerken. Diese integrieren das Bewegungsziel, den aktuellen Zustand des Körpers, sensorische Informationen, frühere Erfahrungen, die erwarteten Folgen einer Bewegung und die biomechanischen Eigenschaften des Bewegungsapparates [1, 2].

Prämotorische und motorische Cortexareale sind an der Auswahl, Vorbereitung und Ausführung willkürlicher Bewegungen beteiligt. Kortikospinale Projektionen sind insbesondere für differenzierte und zielgerichtete Bewegungen bedeutsam. Kortikoretikuläre und retikulospinale Systeme tragen unter anderem zur Haltungskontrolle, zur proximalen Muskelaktivierung und zur koordinierten Aktivierung größerer Muskelgruppen bei [1, 2].

Die Basalganglien beeinflussen die Auswahl, Initiierung und Skalierung motorischer Handlungen. Das Kleinhirn trägt zur zeitlichen Präzision, zur Verarbeitung von Bewegungsfehlern, zur Vorhersage sensorischer Bewegungsfolgen und zum motorischen Lernen bei. Motorischer Cortex, Basalganglien und Kleinhirn arbeiten nicht als voneinander unabhängige Module, sondern innerhalb miteinander verbundener Schleifen und Netzwerke [1, 2].

Eine Bewegung wird sowohl durch vorbereitende Steuerungsmechanismen als auch durch sensorische Rückkopplung reguliert. Vorbereitende Mechanismen verwenden interne Modelle, um die wahrscheinlichen mechanischen und sensorischen Folgen eines motorischen Befehls abzuschätzen. Rückkopplungsmechanismen vergleichen den tatsächlichen Bewegungsverlauf mit dem angestrebten Ergebnis und ermöglichen eine aufgabenabhängige Korrektur [1].

Bei sehr schnellen Bewegungen ist der Anteil vorbereitender Steuerung besonders hoch, da sensorische Informationen erst mit physiologischer Verzögerung verarbeitet werden können. Bei länger dauernden, instabilen oder präzisionsabhängigen Bewegungen gewinnt die fortlaufende sensorische Rückmeldung an Bedeutung.

Propriozeption (Eigenwahrnehmung des Körpers) und sensorimotorische Integration (Verknüpfung von Sinnesinformationen und Bewegungssteuerung)

Die Propriozeption vermittelt Informationen über die Stellung und Bewegung der Gliedmaßen, die Länge und Längenänderung der Muskulatur sowie die innerhalb des Bewegungsapparates entstehenden Kräfte. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für Haltungskontrolle, Zielmotorik, Gleichgewicht und motorisches Lernen [3, 4].

Muskelspindeln (Dehnungsfühler im Muskel) reagieren auf die Länge des Muskels und auf die Geschwindigkeit der Längenänderung. Ihre Empfindlichkeit wird über Gamma-Motoneurone (Nervenzellen zur Einstellung der Empfindlichkeit von Muskelspindeln) an die jeweilige motorische Aufgabe angepasst. Golgi-Sehnenorgane (Spannungsfühler in der Muskel-Sehnen-Einheit) reagieren auf mechanische Spannung und liefern Informationen über die Kraftentwicklung innerhalb der Muskel-Sehnen-Einheit. Ergänzend tragen kutane, artikuläre, vestibuläre und visuelle Signale (Informationen aus Haut, Gelenken, Gleichgewichtsorgan und Sehsystem) zur Bestimmung des aktuellen Körperzustandes bei [3, 4].

Die afferenten Signale (zum zentralen Nervensystem hingeleiteten Informationen) werden auf spinaler, cerebellärer, thalamischer und kortikaler Ebene (im Rückenmark, Kleinhirn, Thalamus und in der Großhirnrinde) verarbeitet. Sie können die Aktivität der Motoneurone unmittelbar beeinflussen und werden zugleich zur Aktualisierung interner Bewegungsmodelle verwendet. Propriozeption ist daher nicht lediglich ein passives Meldesystem, sondern Bestandteil einer dynamischen und aufgabenabhängigen Regelung [3, 4].

Spinale Reflexantworten sind keine unveränderlichen Automatismen. Ihre Ausprägung hängt unter anderem von Körperhaltung, Gelenkstellung, Voraktivierung, Bewegungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit, erwarteter Aufgabe und Trainingszustand ab [2-4].

Zu den relevanten spinalen Mechanismen gehören:

  • Reziproke Hemmung (wechselseitige Hemmung): Die Aktivierung eines Agonisten (hauptsächlich bewegungsausführende Muskeln) kann über inhibitorische Interneurone mit einer verminderten Erregbarkeit antagonistischer (als Gegenspieler wirkender) Motoneurone verbunden sein.
  • Koaktivierung (gleichzeitige Muskelaktivierung): Die gleichzeitige Aktivierung von Agonisten und Antagonisten (Gegenspieler der hauptsächlich bewegungsausführenden Muskeln) reguliert die Gelenksteifigkeit und kann die Gelenkstabilität erhöhen.
  • Präsynaptische Hemmung (Hemmung der Signalübertragung vor einer Synapse): Die Übertragung afferenter Signale auf spinale Nervenzellen kann aufgabenabhängig moduliert werden.
  • Rekurrente Hemmung (rückwirkende Hemmung): Kollateralen (Seitenäste von Nervenfasern) von Motoneuronen aktivieren inhibitorische Interneurone, die auf den Motoneuronenpool (Gesamtheit der für einen Muskel zuständigen motorischen Nervenzellen) zurückwirken.
  • Aufgabenabhängige Reflexmodulation (Anpassung der Reflexantwort an die jeweilige Aufgabe): Die Erregbarkeit spinaler Reflexwege wird an Haltung, Bewegung und Belastung angepasst [2-4].

Motorische Einheit (Motoneuron mit allen von ihm versorgten Muskelfasern)

Die motorische Einheit ist die grundlegende funktionelle Einheit der neuralen Muskelsteuerung. Sie besteht aus einem Alpha-Motoneuron, dessen Axon (Nervenfaser) und sämtlichen Muskelfasern, die von diesem Motoneuron innerviert (nervlich versorgt) werden. Die Zellkörper spinaler Alpha-Motoneurone liegen im Vorderhorn des Rückenmarks; die Zellkörper motorischer Hirnnerven befinden sich in den entsprechenden motorischen Hirnstammkernen (Ansammlungen motorischer Nervenzellen im Hirnstamm) [5, 7].

Eine reife Skelettmuskelfaser wird unter physiologischen Bedingungen in der Regel von einem Motoneuron über eine neuromuskuläre Endplatte innerviert. Ein Motoneuron versorgt dagegen mehrere bis zahlreiche Muskelfasern. Die Muskelfasern einer motorischen Einheit liegen innerhalb eines motorischen Territoriums (Verteilungsgebietes einer motorischen Einheit) verteilt und bilden kein geschlossenes anatomisches Faserbündel [7].

Die Anzahl der von einem Motoneuron innervierten Muskelfasern unterscheidet sich zwischen den Muskeln. Kleine motorische Einheiten ermöglichen eine fein abgestufte Kraftregulation, wie sie beispielsweise bei Augen- und Fingerbewegungen erforderlich ist. Größere motorische Einheiten leisten einen höheren Beitrag zur Kraftentwicklung.

Aus dem Innervationsverhältnis (Verhältnis zwischen Nervenzelle und versorgten Muskelfasern) allein lässt sich die Gesamtkraft eines Muskels jedoch nicht ableiten. Sie hängt zusätzlich von der Zahl und Größe der aktivierten motorischen Einheiten, deren Entladungsfrequenz (Häufigkeit der Nervenimpulse), den kontraktilen Eigenschaften (Eigenschaften zur Kraftentwicklung und Verkürzung) der Muskelfasern, der Muskelarchitektur (räumlicher Aufbau des Muskels), der Muskel-Sehnen-Mechanik (mechanisches Zusammenspiel von Muskel und Sehne), der Muskellänge, der Bewegungsgeschwindigkeit und den jeweiligen Hebelverhältnissen ab [5-7, 10].

Rekrutierung motorischer Einheiten (Zuschaltung weiterer motorischer Einheiten)

Mit steigendem Kraftbedarf werden zusätzliche motorische Einheiten aktiviert. Die Rekrutierung folgt bei vielen kontrollierten Kontraktionen grundsätzlich dem Größenprinzip (Aktivierung kleinerer vor größeren motorischen Einheiten). Zunächst werden Motoneurone mit niedriger Erregungsschwelle (Mindeststärke eines Signals zur Aktivierung) und vergleichsweise kleinen motorischen Einheiten rekrutiert. Mit zunehmendem synaptischem Eingang (an einer Nervenzelle eintreffenden Signalen) folgen Motoneurone mit höherer Erregungsschwelle und größeren motorischen Einheiten [5, 7].

Das Größenprinzip ist eine grundlegende Organisationsregel, aber keine unter allen Bedingungen vollkommen starre Reihenfolge. Rekrutierungsschwelle und Entladungsverhalten werden durch den beteiligten Muskel, die Verteilung synaptischer Eingänge, die Kontraktionsart, die Geschwindigkeit der Kraftentwicklung, die Muskellänge, die Bewegungsgeschwindigkeit und die Ermüdung beeinflusst [5-7].

Bei langsam ansteigenden submaximalen Kontraktionen (Muskelanspannungen unterhalb der maximalen Kraft) erfolgt die Rekrutierung meist geordnet über einen längeren Zeitraum. Bei explosiven Kontraktionen (sehr schnelle kraftvollen Muskelanspannungen) werden motorische Einheiten dagegen innerhalb kurzer Zeit aktiviert. Die Geschwindigkeit der Rekrutierung beeinflusst wesentlich, wie rasch Muskelkraft aufgebaut werden kann [6].

Frequenzkodierung (Kraftsteuerung über die Häufigkeit der Nervenimpulse)

Neben der Rekrutierung wird die Muskelkraft über die Frequenzkodierung reguliert. Darunter wird die Veränderung der Frequenz verstanden, mit der ein Motoneuron Aktionspotentiale (kurze elektrische Nervenimpulse) an die von ihm innervierten Muskelfasern sendet. Mit steigender Entladungsfrequenz summieren sich die mechanischen Einzelzuckungen (kurze, einzelne Muskelkontraktionen), sodass die von der motorischen Einheit erzeugte Kraft zunimmt [5].

Rekrutierung und Frequenzkodierung wirken über einen großen Teil des nutzbaren Kraftbereiches zusammen. Ihr relativer Beitrag ist muskel- und aufgabenspezifisch. Bei raschen, explosiven Kontraktionen sind eine schnelle Rekrutierung motorischer Einheiten und hohe anfängliche Entladungsfrequenzen von besonderer Bedeutung [5, 6].

Eine zeitliche Synchronisierung der Entladungen verschiedener motorischer Einheiten kann unter bestimmten Bedingungen auftreten und durch Training verändert werden. Sie ist jedoch nicht als alleiniger oder generell dominierender Mechanismus trainingsbedingter Kraftsteigerungen anzusehen [7, 12, 13].

Neuromuskuläre Endplatte

Die neuromuskuläre Endplatte ist eine hochspezialisierte chemische Synapse (Kontaktstelle zur Signalübertragung durch einen Botenstoff) zwischen der terminalen Nervenendigung eines Alpha-Motoneurons und der postsynaptischen Membran einer Skelettmuskelfaser. Funktionell gehören auch die terminalen Schwann-Zellen (Stützzellen am Ende der Nervenfaser) zur neuromuskulären Synapse [8].

Die neuromuskuläre Übertragung erfolgt in mehreren Schritten:

  1. Ein Aktionspotential erreicht die präsynaptische Nervenendigung.
  2. Die Depolarisation (elektrische Spannungsänderung der Zellmembran) öffnet spannungsabhängige Calciumkanäle (Membrankanäle für Calciumionen).
  3. Calcium strömt aus dem Extrazellularraum (Raum außerhalb der Zellen) in die Nervenendigung ein.
  4. Der Calciumeinstrom löst die Verschmelzung acetylcholinhaltiger Vesikel (Bläschen mit dem Botenstoff Acetylcholin) mit der präsynaptischen Membran aus.
  5. Acetylcholin (Botenstoff zwischen motorischem Nerv und Muskel) wird in den synaptischen Spalt freigesetzt.
  6. Acetylcholin bindet an nikotinische Acetylcholinrezeptoren (Bindungsstellen für Acetylcholin an der Muskelzelle) der postsynaptischen Membran.
  7. Die Öffnung der rezeptorgekoppelten Ionenkanäle (durch einen Botenstoff geöffnete Membrankanäle) erzeugt ein Endplattenpotential (elektrische Spannungsänderung an der motorischen Endplatte).
  8. Nach Überschreiten der Reizschwelle öffnen benachbarte spannungsabhängige Natriumkanäle (Membrankanäle für Natriumionen); es entsteht ein Muskelaktionspotential (elektrischer Impuls in der Muskelfaser).
  9. Acetylcholin wird durch Acetylcholinesterase (Enzym zum Abbau von Acetylcholin) gespalten; Cholin (Bestandteil des Botenstoffs Acetylcholin) wird präsynaptisch wieder aufgenommen [8].

Die postsynaptische Membran weist ausgeprägte Falten auf. Acetylcholinrezeptoren sind insbesondere im oberen Bereich dieser Falten konzentriert, während spannungsabhängige Natriumkanäle überwiegend in tieferen Abschnitten lokalisiert sind. Diese räumliche Organisation unterstützt eine zuverlässige neuromuskuläre Übertragung [8].

Unter physiologischen Bedingungen besitzt die Endplatte eine synaptische Sicherheitsreserve (Überschuss der Signalstärke zur zuverlässigen Muskelaktivierung). Das Endplattenpotential überschreitet normalerweise die Schwelle, die zur Entstehung eines Muskelaktionspotentials erforderlich ist. Ein Motoneuronenaktionspotential löst daher mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Muskelaktionspotential aus [8].

Die neuromuskuläre Übertragung erzeugt selbst noch keine mechanische Kraft. Hierfür muss das Muskelaktionspotential über die Erregungs-Kontraktions-Kopplung in eine intrazelluläre Calciumfreisetzung und anschließend in einen Querbrückenzyklus (wiederholte kraftbildende Verbindung von Aktin und Myosin) umgesetzt werden.

Erregungs-Kontraktions-Kopplung

Die Erregungs-Kontraktions-Kopplung verbindet die elektrische Erregung der Muskelfaser mit ihrer mechanischen Kontraktion. Das Muskelaktionspotential breitet sich über das Sarkolemm und die transversalen Tubuli in das Innere der Muskelfaser aus [9].

Der spannungssensitive L-Typ-Calciumkanal Ca2+V1.1, traditionell als Dihydropyridinrezeptor (spannungsempfindlicher Calciumkanal) bezeichnet, registriert die Membrandepolarisation. Über seine funktionelle Kopplung mit dem Ryanodinrezeptor Typ 1 wird Calcium aus dem sarkoplasmatischen Retikulum in das Sarkoplasma (Zellflüssigkeit der Muskelfaser) freigesetzt [9].

Calcium bindet an Troponin C (calciumbindendes Eiweiß der Muskelfaser). Dadurch verändert sich die Position von Tropomyosin (regulierendes Eiweiß auf dem Aktinfilament) auf dem Aktinfilament (dünner Eiweißfaden des Muskelapparates), sodass Myosinköpfe (bewegliche Teile des Motorproteins Myosin) an Aktin binden können. Unter Verbrauch von Adenosintriphosphat (unmittelbarer Energieträger der Zelle) entstehen zyklische Querbrückenbewegungen (kraftbildende Bewegungen zwischen Aktin und Myosin) und damit mechanische Kraft.

Die Relaxation beginnt, wenn Calcium durch die Calcium-ATPase (Pumpe zum Rücktransport von Calcium) des sarkoplasmatischen Retikulums wieder in das sarkoplasmatische Retikulum aufgenommen wird. Veränderungen der Membranerregbarkeit (Fähigkeit der Zellmembran, elektrische Signale zu bilden), der Calciumfreisetzung, der Calciumsensitivität (Empfindlichkeit der kontraktilen Proteine gegenüber Calcium) oder des Querbrückenzyklus können die Kraftentwicklung vermindern und zur peripheren Ermüdung beitragen [9, 14].

Determinanten der Muskelkraft

Die maximal willkürlich erzeugbare Muskelkraft beruht auf dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren:

  • Zentraler neuraler Antrieb (Aktivierungsbefehl aus Gehirn und Rückenmark): Stärke und zeitlicher Verlauf der synaptischen Aktivierung des Motoneuronenpools.
  • Willkürliche Aktivierung (bewusste Ansteuerung der Muskulatur): Fähigkeit, die für die Aufgabe verfügbaren Motoneurone ausreichend zu aktivieren.
  • Rekrutierung und Frequenzkodierung: Zahl aktiver motorischer Einheiten und deren Entladungsfrequenz.
  • Intermuskuläre Koordination (Abstimmung zwischen verschiedenen Muskeln): Abstimmung von Agonisten, Synergisten (unterstützende Mitspieler eines Hauptmuskels) und Antagonisten.
  • Physiologischer Muskelquerschnitt (Summe der quer zur Verlaufsrichtung gemessenen Muskelfaserflächen): Anzahl parallel angeordneter kontraktiler Elemente.
  • Muskelarchitektur: Muskelfaserlänge, Fiederungswinkel (Winkel der Muskelfasern zur Sehne) und räumliche Anordnung der Muskelfaserbündel.
  • Kontraktile Eigenschaften: Querbrückenkinetik (zeitlicher Ablauf der Kraftbildung zwischen Aktin und Myosin), Calciumverarbeitung und funktionelle Eigenschaften der Muskelfasern.
  • Muskel-Sehnen-Mechanik: Steifigkeit, Dehnungsverhalten und Kraftübertragung.
  • Biomechanische Bedingungen: Gelenkstellung, Hebelarm, Muskellänge, Kontraktionsart und Bewegungsgeschwindigkeit [5-7, 10, 13].

Eine Veränderung der maximalen Muskelkraft kann daher nicht ohne Weiteres einem einzelnen neuralen oder muskulären Mechanismus zugeschrieben werden.

Kraftanstiegsrate (Geschwindigkeit des Kraftaufbaus) und Schnellkraft

Die Kraftanstiegsrate (Rate of Force Development, RFD) beschreibt die Zunahme der Kraft pro Zeiteinheit nach Beginn einer Kontraktion. Sie ist insbesondere bei Sprint, Sprung, Wurf, Schlag, Richtungswechsel und reaktiver Gelenkstabilisierung relevant, da für die Kraftentwicklung häufig nur kurze Zeitintervalle zur Verfügung stehen [6, 10].

Die sehr frühe Phase der Kraftentwicklung wird wesentlich von der Geschwindigkeit des neuralen Antriebs, der Rekrutierungsgeschwindigkeit motorischer Einheiten und ihren anfänglichen Entladungsfrequenzen beeinflusst. Bei maximal explosiven isometrischen Kontraktionen (Muskelanspannungen ohne sichtbare Längenänderung) wurden hohe Entladungsfrequenzen bereits vor bzw. unmittelbar zu Beginn der messbaren Kraftentwicklung nachgewiesen [6].

Mit zunehmender Kontraktionsdauer gewinnen die maximale Muskelkraft, der Muskelquerschnitt, die Muskelfaserzusammensetzung, die Muskelarchitektur und die mechanischen Eigenschaften der Muskel-Sehnen-Einheit an Bedeutung. Früh- und spätbestimmte Abschnitte der Kraft-Zeit-Kurve (zeitlicher Verlauf der Kraftentwicklung) repräsentieren daher nicht dieselben physiologischen Einflussgrößen [10].

Die Messung der Kraftanstiegsrate ist methodisch empfindlich. Ausgangsspannung, Gelenkstellung, Fixierung, Instruktion, Abtastrate, Filterung und insbesondere die Definition des Kontraktionsbeginns müssen standardisiert werden [10].

Mechanische Leistung

Die mechanische Leistung ergibt sich aus dem Produkt von Kraft und Bewegungsgeschwindigkeit. Eine hohe Maximalkraft bildet eine wesentliche Grundlage der Leistung, ist mit ihr jedoch nicht identisch. Für eine hohe sportliche Leistung müssen Kraft, Geschwindigkeit, Aktivierungsdynamik, Technik und Muskel-Sehnen-Mechanik zusammenwirken.

Eigenschaft Definition Wesentliche Einflussgrößen
Maximalkraft Höchste willkürlich erzeugbare Kraft bzw. höchstes Gelenkmoment Neuraler Antrieb, Muskelquerschnitt, Muskelarchitektur, Gelenkstellung und Hebelverhältnisse
Kraftanstiegsrate Zunahme der Kraft pro Zeiteinheit Rekrutierungsgeschwindigkeit, anfängliche Entladungsfrequenz, Maximalkraft und kontraktile Eigenschaften
Mechanische Leistung Produkt aus Kraft und Geschwindigkeit Kraft-Geschwindigkeits-Verhältnis, Bewegungstechnik und Muskel-Sehnen-Mechanik

Intramuskuläre Koordination (Steuerung innerhalb eines Muskels) und intermuskuläre Koordination

Die intramuskuläre Koordination beschreibt die aufgabenbezogene Steuerung motorischer Einheiten innerhalb eines Muskels. Dazu gehören Rekrutierung, Entladungsfrequenz und zeitliche Verteilung der Motoneuronenaktivität.

Die intermuskuläre Koordination bezeichnet die zeitliche und quantitative Abstimmung mehrerer Muskeln innerhalb einer Bewegung. Sie umfasst die Aktivierung von Agonisten und Synergisten, die Koaktivierung antagonistischer Muskeln sowie die Verteilung der Gelenkmomente.

Techniktraining kann die sportliche Leistung verbessern, ohne dass sich die isoliert gemessene Maximalkraft jedes beteiligten Muskels im gleichen Ausmaß erhöht. Neuromuskuläre Anpassungen sind ausgeprägt aufgaben- und bewegungsspezifisch. Übertragungseffekte sind besonders wahrscheinlich, wenn sich Trainings- und Zielbewegung hinsichtlich Gelenkstellung, Bewegungsrichtung, Kontraktionsart, Geschwindigkeit und Kraftanforderung ähneln [1, 7, 13].

Neuromuskuläre Ermüdung (belastungsbedingte Abnahme der Nerven-Muskel-Leistung)

Als neuromuskuläre Ermüdung wird eine belastungsinduzierte Verminderung der Fähigkeit bezeichnet, Kraft oder mechanische Leistung zu erzeugen. Sie kann durch zentrale und periphere Mechanismen verursacht werden. Das subjektive Müdigkeits- oder Anstrengungsempfinden ist davon abzugrenzen und nicht mit der objektiv messbaren Leistungsminderung gleichzusetzen [14].

  • Zentrale Ermüdung (verminderte Aktivierung aus Gehirn und Rückenmark): Verminderung der Fähigkeit des zentralen Nervensystems, den für die Aufgabe erforderlichen neuralen Antrieb zu erzeugen oder aufrechtzuerhalten.
  • Periphere Ermüdung (Ermüdung außerhalb des zentralen Nervensystems, insbesondere im Muskel): Funktionsminderung distal des Motoneurons (im Signalweg hinter der motorischen Nervenzelle), beispielsweise an der Muskelfasermembran, der Erregungs-Kontraktions-Kopplung, der intrazellulären (innerhalb der Zelle ablaufenden) Calciumfreisetzung oder den kontraktilen Proteinen (Eiweißen zur Muskelverkürzung und Kraftbildung) [14].

Art und Ausmaß der Ermüdung hängen von Intensität, Dauer und Art der Belastung, der beteiligten Muskelmasse, der Kontraktionsform, dem Trainingszustand und den Umgebungsbedingungen ab. Zentrale und periphere Komponenten weisen unterschiedliche Erholungsverläufe auf [14].

Nach kurzen hochintensiven Belastungen können sich bestimmte zentrale und metabolisch bedingte periphere Komponenten innerhalb weniger Minuten teilweise erholen. Beeinträchtigungen der intrazellulären Calciumfreisetzung oder der kontraktilen Funktion können dagegen länger fortbestehen. Nach langandauernden Belastungen können zentrale und periphere Einschränkungen über unterschiedliche Zeiträume nachweisbar sein [14].

Der unspezifische Ausdruck „Ermüdung des zentralen Nervensystems“ sollte nicht allein aus einem verminderten Kraft-, Sprint- oder Sprungwert abgeleitet werden. Die Einordnung zentraler Ermüdung erfordert spezifische neurophysiologische Verfahren, z. B. die interpolierte Zuckungstechnik (Messverfahren mit einem zusätzlichen elektrischen oder magnetischen Reiz während der Muskelanspannung) oder eine transkranielle Magnetstimulation (Magnetstimulation des Gehirns durch den Schädel) [14, 17, 18].

Trainingsinduzierte neuromuskuläre Anpassungen

Regelmäßiges Training führt nicht zu einer unspezifischen „Stärkung des Nervensystems“, sondern zu belastungs-, bewegungs- und aufgabenspezifischen Anpassungen auf supraspinaler (im Gehirn oberhalb des Rückenmarks gelegener), spinaler, motoneuronaler, muskulärer und sehnenmechanischer Ebene [7, 11-13].

Frühe Kraftzuwächse: In den ersten Trainingswochen kann die Muskelkraft bereits zunehmen, bevor eine ausgeprägte Muskelfaserhypertrophie (Vergrößerung der Muskelfasern) nachweisbar ist. In einer kontrollierten Untersuchung waren Kraftsteigerungen nach vier Wochen Krafttraining mit veränderten Rekrutierungsschwellen und erhöhten Entladungsfrequenzen motorischer Einheiten verbunden [11].

Diese Befunde belegen eine Beteiligung motorischer Einheiten, dürfen jedoch nicht als universeller Mechanismus jeder Trainingsform interpretiert werden. Die Untersuchung erfolgte unter standardisierten Aufgabenbedingungen; komplexe mehrgelenkige Bewegungen können zusätzliche Anpassungen der intermuskulären Koordination aufweisen [7, 11].

Fortgesetztes Krafttraining: Im weiteren Trainingsverlauf wirken neurale Anpassungen mit Muskelfaserhypertrophie, Veränderungen der Muskelarchitektur, der kontraktilen Funktion und der Muskel-Sehnen-Einheit zusammen. Eine starre Trennung zwischen einer ausschließlich neuralen Frühphase und einer ausschließlich muskulären Spätphase ist nicht gerechtfertigt [7, 13].

Corticale und spinale Anpassungen (Veränderungen in Großhirnrinde und Rückenmark): Eine Metaanalyse randomisierter Studien zeigte nach Krafttraining Veränderungen verschiedener corticaler und subcorticaler Messgrößen. Dazu gehörten Veränderungen motorisch evozierter Potentiale (messbare Muskelantworten nach Reizung motorischer Nervenbahnen), intracorticaler Hemmungsmaße (Messgrößen für Hemmungsprozesse innerhalb der Großhirnrinde) und der V-Wellen-Amplitude (Höhe einer elektrisch gemessenen Antwort bei maximaler Muskelanspannung). Für andere Parameter, darunter der H-Reflex (elektrisch ausgelöster spinaler Reflex) und die mittels transkranieller Magnetstimulation bestimmte willkürliche Aktivierung, bestanden keine konsistenten Effekte. Die Evidenz spricht daher gegen einen einzigen universellen Ort der neuralen Trainingsanpassung [12].

Explosives Training: Training mit der Absicht einer möglichst schnellen Kraftentwicklung kann die initiale Muskelaktivierung und die Kraftanstiegsrate verbessern. Entscheidend ist nicht ausschließlich die äußerlich gemessene Bewegungsgeschwindigkeit, sondern auch die Intention, die konzentrische Phase (Phase der Muskelverkürzung) maximal schnell auszuführen [6, 10, 13, LL1].

Technik- und Koordinationstraining: Wiederholtes aufgabenspezifisches Üben verbessert die zeitliche Muskelaktivierung, die Verarbeitung sensorischer Informationen, die Bewegungskonstanz und die Fehlerkorrektur. Diese Anpassungen sind in hohem Maß an die trainierte Aufgabe und deren Umgebungsbedingungen gebunden [1-4].

Ausdauertraining: Neben metabolischen (den Stoffwechsel betreffenden) und strukturellen Anpassungen der Skelettmuskulatur können sich Rekrutierungsstrategien, Bewegungseffizienz und Ermüdungswiderstandsfähigkeit verändern. Direkte strukturelle Untersuchungen der menschlichen neuromuskulären Endplatte sind jedoch methodisch begrenzt. Aussagen über ein allgemeines „Training der motorischen Endplatte“ beim Menschen sind daher zurückhaltend zu formulieren.

Neuromuskuläre Funktion im höheren Lebensalter

Mit zunehmendem Alter nimmt die Zahl funktionsfähiger motorischer Einheiten ab. Überlebende Motoneurone können denervierte Muskelfasern teilweise durch kollaterale axonale Aussprossung (Wachstum seitlicher Äste einer Nervenfaser) reinnervieren (erneut nervlich versorgen). Dadurch vergrößern sich die Territorien einzelner motorischer Einheiten und die Muskelfaserdichte innerhalb dieser Einheiten kann zunehmen [19].

Übersteigt die Denervation (Verlust der Nervenversorgung) die Reinnervationskapazität (Fähigkeit zur erneuten Nervenversorgung), bleiben Muskelfasern dauerhaft denerviert und gehen funktionell verloren. Zusammen mit Veränderungen der neuromuskulären Endplatte, der Muskelfasergröße, der kontraktilen Eigenschaften und der Muskel-Sehnen-Einheit trägt dieser Prozess zur altersassoziierten Abnahme von Muskelkraft und insbesondere Schnellkraft bei [19].

Die Datenlage beruht überwiegend auf Querschnittsuntersuchungen (Untersuchungen verschiedener Personen zu einem einzigen Zeitpunkt), häufig mit relativ kleinen Stichproben und einer begrenzten Zahl untersuchter Muskeln. Konkrete quantitative Angaben zum Verlust motorischer Einheiten dürfen daher nicht undifferenziert auf alle Menschen und Muskeln übertragen werden [19].

Progressives Krafttraining kann Muskelkraft, mechanische Leistung und körperliche Funktion auch im höheren Lebensalter verbessern. Die funktionelle Wirksamkeit ist gut belegt; der genaue Anteil einer strukturellen Regeneration der menschlichen neuromuskulären Endplatte an diesen Verbesserungen ist dagegen nicht abschließend geklärt [13, 19, LL1].

Untersuchung der neuromuskulären Funktion

Die neuromuskuläre Funktion ist multidimensional. Kein einzelner Test erfasst gleichzeitig zentrale Aktivierung, Motoneuronenverhalten, neuromuskuläre Übertragung, Muskelkontraktilität, Sehnenmechanik und komplexe Bewegungskoordination. Die Untersuchungsmethode muss deshalb aus der konkreten Fragestellung abgeleitet werden.

Untersuchungsverfahren Primäre Messgröße Wesentliche Einschränkungen
Maximale willkürliche isometrische Kontraktion (Muskelanspannung ohne sichtbare Längenänderung) Maximalkraft bzw. maximales Gelenkmoment Abhängig von Motivation, Positionierung, Fixierung und Aufgabenvertrautheit
Isokinetische Dynamometrie (Kraftmessung bei gleichbleibender Bewegungsgeschwindigkeit) Gelenkmoment bei vorgegebener Winkelgeschwindigkeit Begrenzte Übertragbarkeit auf freie und komplexe sportliche Bewegungen
Kraft-Zeit-Analyse Kraftanstiegsrate, Impuls und zeitabhängige Kraftentwicklung Empfindlich gegenüber Ausgangsspannung, Startpunktdefinition und Signalverarbeitung [10]
Oberflächen-Elektromyographie (Messung der elektrischen Muskelaktivität über Hautelektroden) Summiertes elektrisches Signal oberflächennaher Muskelfasern Keine direkte quantitative Messung des zentralen neuralen Antriebs [15, 16]
Hochdichte Oberflächen-Elektromyographie Räumliche Muskelaktivität und rechnerische Dekomposition (rechnerische Zerlegung des Signals in einzelne motorische Einheiten) motorischer Einheiten Abhängig von Signalqualität, Muskelanatomie und Dekompositionsverfahren [16]
Periphere Nervenstimulation (elektrische Reizung eines außerhalb von Gehirn und Rückenmark verlaufenden Nervs) M-Welle (elektrische Muskelantwort nach Nervenreizung), mechanische Zuckungsantwort und periphere Erregbarkeit Reproduzierbare Elektrodenlage und supramaximale Stimulation (Reizstärke oberhalb der für die maximale Antwort erforderlichen Stärke) erforderlich
Interpolierte Zuckungstechnik Schätzung der willkürlichen Muskelaktivierung Methoden-, Muskel-, Gelenkstellungs- und Aufgabenabhängigkeit [18]
H-Reflex Erregbarkeit eines elektrisch untersuchten spinalen Reflexweges Beeinflussung durch Körperhaltung, Hintergrundaktivierung und Stimulationsbedingungen [19]
V-Welle Aufgabenbezogene Interaktion von absteigendem Antrieb und spinalem Motoneuronenpool Keine isolierte Messung eines einzelnen zentralen Anpassungsortes [12]
Transkranielle Magnetstimulation Kortikospinale Erregbarkeit, intracorticale Hemmung (Hemmungsprozesse innerhalb der Großhirnrinde) und supraspinale willkürliche Aktivierung Abhängig von Zielmuskel, Kontraktionsintensität und Stimulationsprotokoll [17]
Sprung-, Sprint- und Richtungswechseltests Integrierte sportmotorische Leistungsfähigkeit Abhängig von Technik, Motivation, Körpermasse, biomechanischer Strategie und Ermüdung [20]

Elektromyographie (Messung der elektrischen Muskelaktivität)

Die Elektromyographie (EMG) erfasst die elektrische Aktivität der Muskulatur. Das Oberflächen-EMG bildet die räumliche und zeitliche Überlagerung zahlreicher Muskelfaseraktionspotentiale ab.

Die Amplitude des Signals wird unter anderem beeinflusst durch:

  • die Zahl und Größe aktiver motorischer Einheiten,
  • deren Entladungszeiten,
  • die Muskelfaserleitungsgeschwindigkeit,
  • die räumliche Lage aktiver Muskelfasern,
  • Elektrodenposition und Elektrodenabstand,
  • subkutanes Gewebe,
  • Übersprechen benachbarter Muskeln sowie
  • Phasenauslöschung (gegenseitige Abschwächung überlagerter elektrischer Signale) überlagerter Aktionspotentiale [15, 16].

Eine größere EMG-Amplitude darf deshalb nicht unmittelbar mit einer proportional größeren Zahl rekrutierter motorischer Einheiten, einer höheren Muskelkraft oder einem stärkeren zentralen neuralen Antrieb gleichgesetzt werden. Unter standardisierten Bedingungen kann das Oberflächen-EMG einen Index der Muskelaktivierung liefern; kausale Aussagen zu einzelnen neuralen Mechanismen sind daraus allein nicht möglich [15, 16].

Neurophysiologische Stimulationsverfahren (Untersuchungen der Nerven- und Muskelfunktion durch elektrische oder magnetische Reize)

Die transkranielle Magnetstimulation ermöglicht die nicht invasive Untersuchung kortikospinaler Erregbarkeit und bestimmter intracorticaler Mechanismen. Die gemessene Antwort hängt jedoch nicht allein vom motorischen Cortex ab, sondern von mehreren kortikalen, spinalen und peripheren Faktoren. Ergebnisse müssen deshalb im Kontext von Stimulationsintensität (Stärke des Untersuchungsreizes), Zielmuskel, Muskelvoraktivierung und Untersuchungsprotokoll interpretiert werden [17].

Die interpolierte Zuckungstechnik schätzt die willkürliche Muskelaktivierung anhand der zusätzlichen Kraft, die durch einen elektrischen oder magnetischen Stimulus während einer willkürlichen Kontraktion ausgelöst werden kann. Die Methode setzt mehrere physiologische und mathematische Annahmen voraus und liefert keine vollständig direkte Messung des zentralen neuralen Antriebs [18].

Der H-Reflex wird häufig zur Untersuchung spinaler Reflexerregbarkeit eingesetzt. Seine Amplitude wird jedoch durch zahlreiche methodische und physiologische Faktoren beeinflusst, darunter Elektrodenposition, Stimulationsintensität, Körperhaltung, Gelenkstellung, Hintergrundaktivierung und vorausgehende Bewegung. Veränderungen des H-Reflexes dürfen daher nicht ohne Weiteres einem isolierten spinalen Trainingsmechanismus zugeschrieben werden [19].

Sprungtests im neuromuskulären Monitoring

Der Sprung mit Ausholbewegung (Countermovement Jump, CMJ) wird im Leistungs- und Hochleistungssport häufig zur Verlaufsbeobachtung eingesetzt. Eine Metaanalyse zeigte, dass die aus mehreren standardisierten Versuchen berechnete durchschnittliche Sprunghöhe Veränderungen sensitiver erfassen kann als ausschließlich der höchste Einzelwert [20].

Ein Sprungtest ist jedoch keine direkte Messung des gesamten neuromuskulären Systems. Veränderungen können unter anderem durch Ermüdung, Potenzierung, Motivation, Körpermasse, Bewegungstechnik, Ausholtiefe, Armführung und Messvariabilität bedingt sein. Ein verminderter Sprungwert beweist weder eine zentrale Ermüdung noch eine Störung der neuromuskulären Endplatte [20].

Grundsätze des neuromuskulären Monitorings

  • Standardisierung: Identische Tageszeit, Erwärmung, Testreihenfolge, Gelenkstellung, Instruktion und Umgebungsbedingungen.
  • Familiarisierung: Ausreichende Übung des Testverfahrens vor der Ausgangsmessung.
  • Individuelle Referenzwerte: Vergleich mit der persönlichen Ausgangslage und der typischen biologischen sowie technischen Schwankung.
  • Verlaufsorientierung: Bewertung mehrerer Messzeitpunkte statt Überbewertung eines Einzelwertes.
  • Mehrdimensionale Beurteilung: Kombination aus Kraft-, Leistungs-, subjektiven und bei Bedarf elektrophysiologischen Parametern.
  • Aufgabenspezifität: Auswahl von Tests, die zum Belastungsprofil der Sportart und zum Trainingsziel passen.
  • Messfehler: Berücksichtigung der Reliabilität (Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit einer Messung), des Variationskoeffizienten (Maß für die relative Streuung von Messwerten) und der kleinsten nachweisbaren Veränderung [10, 16, 20].

Trainingspraktische Konsequenzen

Für gesunde Erwachsene empfiehlt das American College of Sports Medicine ein regelmäßiges, progressives Krafttraining aller großen Muskelgruppen. Die konkrete Trainingsgestaltung ist vom Ziel, dem Trainingszustand, der Belastbarkeit und der individuellen Reaktion abhängig [LL1].

Trainingsziel Neuromuskulärer Schwerpunkt Evidenzbasierte Orientierung
Maximalkraft Hoher neuraler Antrieb, Rekrutierung hochschwelliger motorischer Einheiten und strukturelle Muskelanpassung Höhere Lasten von mindestens etwa 80 % des Einerwiederholungsmaximums (höchstes Gewicht, das einmal korrekt bewegt werden kann) maximieren im Mittel die Kraftzunahme; mehrere Arbeitssätze sind einem einzelnen Satz häufig überlegen [LL1]
Schnellkraft und Leistung Rasche Rekrutierung, hohe anfängliche Entladungsfrequenzen und günstiges Kraft-Geschwindigkeits-Verhältnis Moderate Lasten von etwa 30-70 % des Einerwiederholungsmaximums mit maximaler beabsichtigter Geschwindigkeit in der konzentrischen Phase [LL1]
Bewegungskoordination Sensorimotorische Integration und intermuskuläre Aktivierungsabfolge Aufgaben-, geschwindigkeits- und bewegungsspezifisches Üben mit hoher technischer Qualität
Allgemeine Muskelfunktion Kraft, Muskelmasse und funktionelle Belastbarkeit Regelmäßiges Training aller großen Muskelgruppen an mindestens zwei Tagen pro Woche [LL1]

Die genannten Lastbereiche sind Orientierungswerte für gesunde Erwachsene und keine universelle Vorgabe für den Leistungssport. Dort müssen Sportart, Trainingsalter, individuelle Kraft-Geschwindigkeits-Charakteristik, Wettkampfphase, Ermüdungsstatus und Verletzungsanamnese berücksichtigt werden.

Training bis zum momentanen Muskelversagen, bestimmte Gerätearten oder komplexe Periodisierungsmodelle (geplante Einteilung des Trainings in zeitliche Phasen) sind für grundlegende Kraft- und Funktionsverbesserungen nicht generell erforderlich. Wesentlich sind ein ausreichender Trainingsreiz, progressive Belastungssteigerung, technische Qualität, Regelmäßigkeit und individuelle Verträglichkeit [LL1].

Fazit

Die neuromuskuläre Funktion umfasst die gesamte funktionelle Kette von der zentralen Bewegungssteuerung über sensorische Rückmeldungen, spinale Netzwerke und motorische Einheiten bis zur neuromuskulären Endplatte, Erregungs-Kontraktions-Kopplung und Kraftübertragung durch die Muskel-Sehnen-Einheit.

Die motorische Einheit bildet die grundlegende neurale Steuereinheit der Skelettmuskulatur. Muskelkraft wird wesentlich über die Rekrutierung und Frequenzkodierung motorischer Einheiten reguliert. Für die schnelle Kraftentwicklung sind insbesondere eine rasche Rekrutierung und hohe anfängliche Entladungsfrequenzen relevant.

Trainingsbedingte Leistungssteigerungen beruhen nicht auf einem einzelnen neuralen Mechanismus. Sie entstehen aus aufgabenabhängigen Anpassungen auf supraspinaler, spinaler, motoneuronaler, muskulärer und sehnenmechanischer Ebene.

Kein einzelner Kraft-, EMG-, Reflex- oder Sprungparameter bildet die neuromuskuläre Funktion vollständig ab. Eine evidenzbasierte sportmedizinische Beurteilung erfordert daher standardisierte, mehrdimensionale und verlaufsorientierte Untersuchungen.

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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